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Martina Nußbaumer, 7.10.2019

Wiens einziges Fachgeschäft für Insektenkunde

Im Reich der Schmetterlinge und Käfer

Im Hochparterre eines Altbaus im 18. Bezirk befindet sich Österreichs letztes Fachgeschäft für Insektenkunde. Seit 113 Jahren wird dort alles verkauft, was Käferspezialistinnen oder Hobby-Entomologen begeistert. Das Wien Museum begab sich auf Lokalaugenschein, um eine einst populäre, heute im Verschwinden begriffene Sammelkultur zu dokumentieren. 


Wer zu „Hildegard Winkler – Fachgeschäft und Buchhandlung für Insektenkunde“ in der Dittesgasse 11 kommt, verirrt sich in der Regel nicht zufällig in das von außen unscheinbare Geschäft. Seit der Gründung durch Albert Winkler im Jahr 1906 gilt die Altbauwohnung im Hochparterre als Adresse für Spezialistinnen und Spezialisten, die gezielt etwas suchen: einen speziellen Tagfalter oder einen seltenen Laufkäfer, Insektenaufklebeplättchen oder Nadeln zum Präparieren von Schmetterlingen, ein Fangnetz oder ein antiquarisches Fachbuch.

Seit 1980 empfängt Hildegard Winkler – die Enkelin des Firmengründers – die Kundinnen und Kunden, die mit dem Schritt über die Schwelle des Geschäftslokals ein eigenes Reich betreten: Dicht an dicht stehen dort zum Teil noch in der Firma des Großvaters gefertigte Holzschränke, in denen, systematisch geordnet, tausende von Schmetterlingen und Käfern aus aller Welt lagern. Darüber und dazwischen hängen und lehnen dutzende Schaukästen mit besonders schillernden Faltern, imposanten Gottesanbeterinnen oder riesigen Hirschkäfern. Sammelzubehör und Fachliteratur runden das Sortiment ab. 

Alles steht hier ganz im Zeichen der Insekten: Selbst auf dem Lampenschirm, der über dem zentralen Tisch im Hauptverkaufsraum hängt, sitzen drei künstliche Schmetterlinge.

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Der Geschäftseingang befindet sich im Mezzanin. © Klaus Pichler/Wien Museum

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Besonders prachtvolle Exemplare sind in dutzenden Schaukästen ausgestellt.© Klaus Pichler/Wien Museum

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In den einzelnen Sammlungskästen herrscht akribische Ordnung. © Klaus Pichler/Wien Museum

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Schmetterlinge werden oft in gefaltetem Zustand transportiert und gehandelt. © Klaus Pichler/Wien Museum

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Keine Lade für Menschen mit Arachnophobie. © Klaus Pichler/Wien Museum

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Die Ware ist so international wie die Kundschaft. © Klaus Pichler/Wien Museum

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Eine Reise in die Blütezeit des Insektensammelns

Als Albert Winkler zu Beginn des 20. Jahrhunderts sein Geschäft gründete, stand das Sammeln von Schmetterlingen und Käfern gesellschaftlich hoch im Kurs. Seit der Entstehung der Entomologie als eigener Wissenschaft im 18. Jahrhundert war das Sammeln von Insekten auch als bürgerliches Freizeitvergnügen immer populärer geworden; wie viele seiner Schulfreunde war auch der Großvater schon als Kind ein leidenschaftlicher Laufkäfersammler, erzählt Hildegard Winkler. Später machte er sein Hobby zum Beruf, obwohl er eigentlich die väterliche Farbenhandlung übernehmen hätte sollen, die unter anderem Farbe für den Bau der Wiener Stadtbahn lieferte. Nach dem frühen Tod des Vaters verkaufte Albert Winkler die elterliche Firma, mietete die heutigen Räumlichkeiten in der Dittesgasse an und gründete gemeinsam mit einem zweiten passionierten Käfersammler, Fritz Wagner, „Winkler & Wagner. Naturhistorisches Institut und Buchhandlung für Naturwissenschaften“.

Das Geschäft mit Insekten, Geräten, Utensilien und Literatur florierte rasch, die Firma beschäftigte mehrere Mitarbeiter. „Schon aus dem Jahr 1911 gibt es einen schönen großen Katalog, in dem die Portokosten für den Versand in verschiedene Länder, z. B. nach Russland, verzeichnet sind“, berichtet Hildegard Winkler nicht ohne Stolz. Viele der angebotenen Geräte wurden direkt im Geschäft produziert – so auch ein von Albert Winkler selbst konzipierter Gesiebeautomat, der auf Expeditionen für Bodenuntersuchungen eingesetzt wurde und das Auslesen von Käfern erleichtern sollte. Dieses von Fachleuten kurz „der Winkler“ genannte Gerät, das wie ein großer Lampion aussieht, wird von Hildegard Winkler auch heute noch hergestellt und – auf Anfrage – bis nach Neuseeland verschickt.

Zeugnisse einer Sammelleidenschaft

Ab 1924 führte Albert Winkler das expandierende Geschäft alleine weiter – und arbeitete nebenbei kontinuierlich an der Herausgabe seines „Catalogus Coleopterorum Regionis Palaearcticae“. Für die Erstellung dieser über 2.500 Seiten umfassenden Systematik der Käferfauna der gemäßigten Klimazonen Europas, Nordafrikas und Asiens, die er zwischen 1924 und 1932 im Selbstverlag veröffentlichte, unternahm Albert Winkler auch zahlreiche Sammelreisen und legte umfangreiche Käfersammlungen an. Teile dieser Sammlungen bilden bis heute eine wesentliche Handelsgrundlage des Geschäfts, andere haben Eingang in Museen wie das Naturhistorische Museum Wien oder das Museo Regionale di Scienze Naturali in Turin gefunden. Der „Catalogus“ selbst galt einige Jahrzehnte lang als Standardwerk und wurde noch in den 1980er Jahren regelmäßig aus dem In- und Ausland bestellt, erzählt Hildegard Winkler. 

Niedergang des hobbymäßigen Sammelns ab den 1960ern

Mit dem Zweiten Weltkrieg endete die Blütephase des Geschäfts. In der wirtschaftlichen Not der Nachkriegszeit kaufte naturgemäß niemand Käfer, erklärt Hildegard Winkler. Dennoch hielt ihr Vater Albert Winkler jun. am Insektenhandel fest. Er hatte nach dem Freitod von Albert Winkler sen. im Jahr 1945 das Geschäft gemeinsam mit seiner Frau Hildegard übernommen. In den späten 1940er und 1950er Jahren ging es mit den Absätzen wieder langsam bergauf. Albert Winkler jun. betrieb das Geschäft nebenberuflich; Tochter Hildegard Winkler (sie trägt den gleichen Vornamen wie ihre Mutter) erinnert sich, dass er jeden Tag nach seinem Hauptjob in der Bank noch bis Mitternacht im Geschäft arbeitete und auch abends Kunden empfing  – „hauptsächlich Männer. Die ganze Entomologie ist ja eine reine Männerwelt." Ab den 1960er Jahren wurde die Kundschaft langsam weniger: Neue Freizeittrends und verstärkte Naturschutzauflagen sorgten für einen Rückgang der Hobby-Entomologie, das Sammeln verlor vor allem bei den jüngeren Generationen an Attraktivität.

Eine ungeliebte Erbschaft

Die promovierte Germanistin Hildegard Winkler hatte ursprünglich nicht vor, das Geschäft in dritter Generation weiterzuführen. „Als mein Vater 1980 starb, wollte ich das Geschäft eigentlich so schnell wie möglich verkaufen, verpachten oder auflösen. Doch dafür musste ich mir erst einen Überblick verschaffen, was da alles drinnen war. Und es war in einem entsetzlichen Zustand!“ Hildegard Winkler brauchte Jahre, um sich durch die Bestände durchzuarbeiten und Ordnung zu schaffen – und rutschte währenddessen selbst in die Geschäftsführung hinein. Unterstützt wurde sie dabei von ihrer Mutter und vom Künstler Franz West, der ihr in der Anfangsphase des Geschäfts mit Rat zur Seite stand und Malerarbeiten übernahm. 

Hildegard Winkler machte mit der Produktion von Geräten und Insektenaufklebeplättchen weiter, baute das Literaturangebot im Geschäft aus und begann schließlich, online Produkte anzubieten. Heute überwiegt der Verkauf per Versand bereits den Verkauf im Geschäft. Die Kundschaft, die persönlich vorbeikommt, ist seltener geworden – und hat sich stark verändert. Waren es früher vor allem Wissenschaftler und Hobbysammler, so sind es in den letzten Jahren vermehrt Künstlerinnen und Künstler oder andere Personen, die extravagante Dekoration oder Geschenke suchen. Auch der Fotograf Klaus Pichler, der für das Wien Museum dieses einzige Geschäft seiner Art in Österreich mit viel Liebe zum Detail dokumentiert hat, ist seit dem gemeinsamen Besuch bei Hildegard Winkler bereits öfter als Kunde vorbeigekommen. 

Seine Fotos zeugen von einer im außerwissenschaftlichen Bereich langsam verschwindenden Sammelkultur, die das Wien Museum auch mit der Übernahme zweier typischer Sammlungskästen aus der Zeit um 1900 und der Zeit um 1950 exemplarisch zu dokumentieren versucht. Denn wie lange es das Geschäft noch geben wird, ist ungewiss: Mit 77 Jahren denkt Hildegard Winkler langsam ans Aufhören und Verkaufen des Geschäfts. Bislang hat sich jedoch kein Interessent und keine Interessentin gefunden. Und so wird Hildegard Winkler wohl noch eine Zeit lang selbst im Geschäft stehen und Kundinnen und Kunden, die auf der Suche nach etwas Besonderem sind, beraten – „vielleicht bis ich 80 bin.“

Martina Nußbaumer studierte Geschichte, Angewandte Kulturwissenschaften und Kulturmanagement in Graz und Edinburgh und ist seit 2008 Kuratorin im Wien Museum. Von 2000 bis 2008 war sie in Forschungsprojekten in Wien und Graz tätig; seit 2006 gestaltet sie als freie Autorin Beiträge für Radio Ö1. Sie forscht und publiziert zu Stadt- und Kulturgeschichte im 19., 20. und 21. Jahrhundert, Geschlechtergeschichte sowie zu Geschichts- und Identitätspolitik.

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