Website Suche (Nach dem Absenden werden Sie zur Suchergebnisseite weitergeleitet.)

Hauptinhalt

Christian Hlavac, 27.4.2022

Zur Geschichte des Beserlparks

„Eine einzige Blamasch“

Als Beserlparks werden in Wien kleine Parkflächen bezeichnet, die zu einem Grätzl gehören. Mehr als 100 Jahre zuvor war „Beserlpark“ hingegen eine ironische Bezeichnung für eine kleine Parkanlage mit kümmerlichem Baumbewuchs. Das hatte mit Wiens erstem öffentlichen Park zu tun: dem „Quai-Park“.

Die einen meinen, die in Wien geläufige Bezeichnung käme von dem ab 1860 in mehreren Etappen angelegten Park am Franz-Josefs-Kai mit seinen besenartig wachsenden Bäumen, die anderen meinen, Beserln wären „leichte Mädchen“ gewesen, die in Wiener Parks ihre Dienste angeboten hätten. Hat der Beserlpark nun mit der einstigen Grünfläche am Donaukanal etwas zu tun oder nicht? Ein detaillierter Blick auf diesen ersten von der Kommune Wien errichteten Park bringt uns einer Antwort näher.

Der Quai-Park beim Donaukanal

Mitte des 19. Jahrhunderts war das ummauerte Wien in einer städtebaulichen Umbruchsphase: Die Befestigungswerke wurden geschleift und die dichtverbaute Stadt mit den Vorstädten vereinigt. Das entsprechende kaiserliche Handschreiben vom 20. Dezember 1857 legte fest, dass eine Ringstraße „in der Art angelegt werden [soll], daß dieser Gürtel eine angemessene Einfassung von Gebäuden abwechselnd mit freien zu Gartenanlagen bestimmten Plätzen erhalte.“ Neue öffentliche Grünflächen am Ring sah man als Ersatz für das auch als Erholungsfläche genützte und nunmehr zum großen Teil verbaute Glacis. Den Anfang der Stadterweiterung bildete 1858 die Abtragung der Befestigung entlang des Donaukanals. Es verwundert daher nicht, dass genau in diesem Bereich der erste öffentliche kommunale Park Wiens errichtet wurde: der „Quai-Park“ – erst zwei Jahre später folgte der deutlich größere Stadtpark.

Die Bauarbeiten für den Park am Franz-Josefs-Kai begannen 1860. Im März 1861 berichtete die Morgen-Post, dass der am rechten Ufer des Donaukanals zwischen der sogenannten Neuen Brücke (Augartenbrücke) und dem Treumanntheater (Morzinplatz) projektierte Park in „englischem Geschmack“ angelegt werden würde. Der Plan dazu stammte vom provisorisch bei der Stadt Wien angestellten „Stadtgärtner“ Rudolph Siebeck oder vom Gärtner Alois Hengl, der damals die Geschäfte der Handelsgartenfirma und Baumschule „Rosenthalʼs Erben“ führte und mit der Leitung und Ausführung der diesbezüglichen Arbeiten im Quai-Park betraut wurde. „Mehr als hundert Arbeiter sind schon seit längerer Zeit daselbst mit dem Einsetzen von Bäumen und Sträuchern beschäftigt und die Aufschüttung von Erde zur Ausgleichung des Terrains daselbst nimmt eine bedeutende Arbeitskraft in Anspruch“, heißt es im Zeitungsbericht. Die fast 3.000 Bäume – so die Morgen-Post offenbar etwas beschönigend –, welche „daselbst gepflanzt werden, gehören meist seltnen Arten an; es sind größtentheils bereits kräftige Exemplare und zwar von den schön blühenden, jeder Gartenanlage zur Zierde gereichenden Gattungen […].“ Zum Donaukanal hin wurde der Park anfangs durch hölzerne Schranken abgeschlossen, wobei es mehrere Eingänge gab. Später wurden die einfachen Schranken durch elegante, niedere Eisengitter ersetzt. Zur „Bequemlichkeit des Publikums“ stellte man gusseiserne Bänke mit Lehnen auf. Eine offizielle Eröffnung war laut der Zeitung für den 1. Mai 1861 vorgesehen; sie dürfte jedoch gar nicht oder ohne großen Pomp erfolgt sein.

„Frische, freie, gesunde Luft“ 

So mancher rechnete schon vor der Fertigstellung mit einem großen Andrang: Da – so schrieb das Fremden-Blatt im April 1861 – „voraussichtlich der neue Park von Seite des Publikums viel besucht werden wird, sind bei dem Magistrate bereits vier Kaffeesieder um die Bewilligung eingeschritten, dort Erfrischungs-Anstalten errichten zu dürfen.“ Im Juli 1862 erlaubte der Gemeinderat die Errichtung einer Trinkhalle im Park. Und so bewarb Rudolph Müller, „Kaffeesieder und Inhaber der Traubencur- und Mineralwässer-Trinkanstalt am Franz-Josephs-Kai“ ab August 1862 in Inseraten seinen Betrieb bei seinen „geehrten Herren Curgästen“, nicht ohne auf die „schönen Promenaden“ mit „frischer, freier und gesunder Luft“ hinzuweisen. Diese Trinkhalle dürfte der Startschuss für den Bau zahlreicher kleiner oder größerer Gastronomiebetriebe im Park gewesen sein.

Die Baustellen im und rund um den Quai-Park sowie der – vor allem in den vegetationslosen Monaten – auffallend kümmerlich wirkende Bewuchs führte rasch zu Spott und Hohn, wie Beiträge im Satiremagazin Hans Jörgel von Gumpoldskirchen (später Jörgel Briefe) zeigen. Bereits im Juli 1861 hieß es darin: „Die krauperten Park-Anlagen am Franz-Josef-Kai schauen jede Woche schlechter aus. Die paar alten Kastanien, Linden und besonders die Birken stehen ab und haben kein grünes Blatt mehr. […] Diese Anlage sein für Neu-Wien eine reine Blamasch, - noch is kein einziges Blumen-Bett, keine Latern drin, - und das Volk nennt mit bitterem Witz diese Anlagen (sit venia verbo) – den Bürtel-Park!“ Im September folgte die Aussage: „Der miselsüchtige [sic!] Park am Franz-Josef-Kai heißt Bürtel-Park oder Beserl-Garten“, wobei mit Bürtel das in Österreich damals übliche Volumenmaß gemeint ist, dessen Grundlage ein Bündel aus dünnen Ästen und Zweigen bildete. Diese eigenartige Bezeichnung sprach sich herum. So gab ein Mitglied in einer Sitzung des Gemeinderats im Oktober 1862 an, dass diese Grünfläche unter dem Namen „Bürtelpark“ bekannt sei. Den Konnex zu Bäumen, die wie Reisigbesen aussahen, stellte auch ein Leserbriefschreiber im Mai 1865 bezüglich der Arbeiten Siebecks im Stadtpark her: „Hätte Herr Siebeck [dies und jenes getan], so hätten wir jetzt statt Besen – Bäume.“

„Gar stattlich herangewachsen“ 

Dass ein jeder Park Zeit braucht für eine ordentliche Entwicklung, kam den Zeitgenossen erst nach einiger Zeit in den Sinn. So meinte ein Verfasser eines Leserbriefes über öffentlich zugängliche Parks in Wien im August 1869: „Wer hätte geglaubt, daß der berühmte ‚Beserlpark‘ sich doch so schnell herauswachsen würde? Freilich müssen die langen Gummischläuche selbst an Regentagen unermüdlich gehandhabt werden.“ In einem 1874 erschienenen Feuilleton-Beitrag des Illustrirten Wiener Extrablatt erinnert der Autor bei seinem Spaziergang durch Wien auch an den „früher so verkümmerten Beserlpark am Franz Josefs Quai“, der „sich in den letzten Jahren gar stattlich herangewachsen hat.“

„Liederliche Weibsperson“ 

Zu diesem Zeitpunkt dürfte der Begriff „Beserlpark“ schon im Wortschatz der Wiener verankert gewesen sein. So wird 1870 über die vermeintliche Entführung einer Ballerina vom Carltheater in der Morgen-Post geschrieben, dass diese ihren „Entführer“ im „sogenannten ‚Beserlpark‘ am Franz Josefs-Quai“ kennengelernt habe. Acht Jahre später heißt es in derselben Zeitung über eine Gerichtsverhandlung, dass zwei Frauen „im Quai-Park, vulgo ‚Beserl-Park‘ in einen Wortwechsel“ geraten seien. Zu dieser Zeit hatte sich der Park bereits zum Positiven entwickelt. So schrieb die Wiener Allgemeine Zeitung im Juli 1880, dass „die Bezeichnung ‚Beserl-Park‘ nicht mehr passen will, seitdem hochstämmige Bäume in den Alleen am Donau-Canale schwarze Schatten werfen und dichtverwachsenes Gesträuch nur den kecken Sonnenstrahlen den Durchgang gestattet. Es müßte denn sein, daß man das Wort ‚Besen‘ in seinem akademischen Sinne anwenden wollte, und dazu gäbe allerdings die Ueberzahl mehr oder minder vacirender Dienstmädchen, die tagsüber mit und ohne kleinen Schutzbefohlenen in diesen Anlagen zu finden sind, genügenden Anlaß.“ Hier wird erstmals auf eine andere Bedeutung des Wortes „Besen“ respektive „Beserl“ hingewiesen. Carl Loritza erklärt in seinem 1847 erschienenen Werk über die Volkssprache der Wiener das Wort Besen nämlich als „Schimpfname einer liederlichen, schmutzigen Weibsperson“.

Überspringe den Bilder Slider
Springe zum Anfang des Bilder Slider

Der Park verschwindet peu à peu

Eine erste räumliche Einschränkung im Quai-Park stellte zunächst 1872 die Errichtung einer provisorischen Fischhalle und danach der 1876 eröffnete neue Fischmarkt zwischen dem Quai-Park und dem Donaukanal unterhalb der Augartenbrücke dar. Als ab Herbst 1898 mit dem Bau der Stadtbahn (Donaukanallinie) begonnen wurde und der rechte Sammelkanal entstand, büßte der Park weiter an Fläche ein; diesmal auf der ganzen Länge. Die stark von den Bauarbeiten beeinträchtigte und verkleinerte Anlage musste von 1903 bis 1905 erneuert werden. Der uferseitige Streifen stand nun „auf dem Tunnel, unter welchem die Stadtbahn zirkuliert. Daher durfte er nur mit Rasen und niederen Büschen bepflanzt werden, die nun nicht nur eine reizende Besäumung der gärtnerisch prächtigen Anlage bilden, sondern auch beitragen, das schöne Panorama freizuhalten.“ Auch wenn Reinhard Egon Petermann 1913 die Situation schönredete, hatte der Park schon damals deutlich an Raum und Qualität eingebüßt, auch wenn Fotos aus jener Zeit einen großen, dichten Baumbestand zeigen. Dieser verschwand endgültig mit der autogerechten Gestaltung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Falsche Bewässerung

Dass die Bäume des Quai-Parks in den ersten Jahren nicht ordentlich anwuchsen, hängt ursächlich damit zusammen, dass erst im Jahr 1867 die Ringstraßen-Wasserleitung fertiggestellt war und erst ab dieser Zeit die Gewächse mittels großer und kleiner Schlauchwägen gegossen werden konnten. Fünf Jahre zuvor hatte man zur Bewässerung nur ein aufwendig gestaltetes Bassin und einen Brunnen samt Brunnenhaus zur Verfügung. Viele Jahre später erkannten Fachleute bei der Bepflanzung der Ringstraße, dass eine falsche Bewässerung ein Grund für den schlechten Gesamtzustand der Alleebäume war. Diese Erkenntnis kann man sinngemäß auch auf den Quai-Park übertragen. Zusätzlich zur ungünstigen Frühjahrswitterung machten im ersten Bestandsjahr andere Bauarbeiten einem schnellen „Aufblühen“ des Parks einen Strich durch die Rechnung, denn die Gas-Anstalt sollte ungefähr zwanzig Gaskandelaber aufstellen, tat dies aber trotz wiederholter Aufforderungen lange Zeit nicht. Und solange die Gasleitungsröhren nicht verlegt waren, konnten die Parkwege nicht fertiggestellt werden.

Die zeitgenössischen Zitate aus den ersten Jahren des Quai-Parks, der rasch als „Beserlpark“ bezeichnet wurde, zeigen eine Herleitung des Spitznamens von besenartig wachsenden Bäumen, die vor allem unter einer falschen respektive fehlenden Anwuchspflege zu leiden hatten. Wir dürfen bei der Frage nach der Entstehung des Spitznamens auch nicht vergessen, dass es damals noch kein Stadtgartenamt gab, sondern nur einen provisorisch angestellten Stadtgärtner. Zweitens handelte es sich um die erste kommunale Grünfläche Wiens, bei deren Errichtung die Verwaltung auf keine Erfahrungswerte zurückgreifen konnte. Und letztlich müssen wir berücksichtigen, dass bei jenen Menschen, die Wienerisch sprechen, ein kleiner Besen noch heute ein Beserl ist. Die Wienerinnen und Wiener können einfach nicht verleugnen, dass sie die Verkleinerungsform lieben – Quai-Park hin oder her.

Literatur und Quellen:

Protokolle der öffentlichen Sitzungen des Gemeinderathes der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. II. Jahrgang

Carl Loritza: Neues Idioticon Viennense, das ist: Die Volkssprache der Wiener mit Berücksichtigung der übrigen Landesdialekte. Wien 1847

Reinhard Egon Petermann: Wien im Zeitalter Kaiser Franz Josephs I. Wien 1913

Wiener Kommunal-Kalender und Städtisches Jahrbuch für 1863

Christian Hlavac studierte Landschaftsplanung an der Universität für Bodenkultur Wien und Architektur mit Schwerpunkt Gartenarchitektur und Gartenkunst an der TU Wien. Er arbeitet als Landschafts- und Gartenhistoriker sowie als Publizist. 2021 ist sein neues Buch „Wiener Parkgeschichten“ (Amalthea Verlag) erschienen.

Kommentar schreiben

* Diese Felder sind erforderlich

Kommentare

Roswitha Feilinger

Danke fuer den artikel, ich wuchs dort auf. Auf Spatziergaengen mit meiner mutti im rollstuhl lernte ich viel vorher verschwiegenes. Am Kai war ein Lichtblick der Tage und ist es heute noch. (Seit 70 in minnesota)

Fritz Zeilinger

Interessant wäre, wann und wie sich der Begriff "Beserlpark" vom Quai-Park gelöst hat und für die zahlreichen kleinen Parks in den Vorstädten wie Rudolfsheim, Ottakring Hernals etc. gebräuchlich wurde