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Christine Dobretsberger, 27.1.2023

Zur Geschichte des Tierschutzes in Wien

Von Zugpferden und dressierten Affen

1846 wurde in Österreich der erste Tierschutzverein gegründet. Am tatsächlichen Leid der Tiere änderte sich jedoch nur langsam etwas. Tierschauen blieben beliebte Attraktionen, strapazierte Nutztiere gehörten zum Stadtbild.

Er war Hoftheaterdichter am Wiener Kärntnertortheater, schuf rund 200 Lustspiele, verfasste Singspiel-Libretti (u.a. für Franz Schubert) und Gedichte in niederösterreichischer Mundart, die als Anregung für die österreichische Dialektpoesie gelten. Wegen seiner Soldatenlieder musste Ignaz Franz Castelli 1805 für einige Zeit vor den Franzosen nach Ungarn fliehen. Sein „Kriegslied für die österreichische Armee“ wurde in vielfacher Auflage an die heimischen Soldaten verteilt. Doch am Ende seines Lebens war es nicht sein künstlerisches Schaffen, worauf Castelli am meisten stolz war, in seinen Lebenserinnerungen ließ er durchblicken: „Ich habe in meinem hohen Alter einen Verein gegen Misshandlung der Tiere gegründet, und dies erfreut mich mehr als all das, was ich in meinem ganzen Leben zusammengebracht habe.“

Wir schreiben das Jahr 1846, Ignaz Franz Castelli ist zu diesem Zeitpunkt 65 Jahre alt, als am 8. Jänner in Österreich ein Dekret erlassen wird, das die Gründung von Tierschutzvereinen ermöglichte. Darin hieß es: „Die Regierung wird jede freiwillige und aus innerster Überzeugung hervorgehende Anregung zur Gründung von Vereinen gegen Tierquälerei mit Wohlgefallen anerkennen. Die Entstehung solcher Vereine dient dem Fortschritt zur Veredelung des sittlichen Gefühls, der Aufklärung und der Förderung der Humanität.“ Drei Monate später, am 10. März 1846, gründete Castelli den Niederösterreichischen Verein gegen Misshandlung der Tiere in Wien, der nach einigen Jahren in Wiener Tierschutzverein umbenannt wurde.
 

Vorreiter England

International betrachtet nimmt England eine Vorreiterrolle in Sachen Tierschutz ein. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts schrieb der Philosoph und Sozialreformer Jeremy Bentham in seiner Introduction to the Principles of Morals and Legislation, dass der Tag kommen werde, an dem die Tiere ebenfalls die Rechte bekommen würden, die ihnen durch die tyrannische Unterdrückung des Menschen vorenthalten wurden. 1822 wurde mit dem Act for the Prevention of Cruel and Improper Treatment of Cattle das weltweit erste Tierschutzgesetz vom britischen Parlament verabschiedet. Es verbot die absichtliche Misshandlung von Pferden, Eseln, Rindern und Schafen. Unterstützt und vorangetrieben wurde das Gesetz von dem Parlamentarier Richard Martin, der auch ein Gründungsmitglied der 1824 weltweit ersten Tierschutzorganisation war. Einige Jahre später konnte Königin Victoria als Schirmherrin gewonnen werden und man durfte sich fortan Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals nennen. Dieses Ansinnen, konkrete Maßnahmen zum Schutz von Tieren zu setzen, fand in der Folge auch in anderen Ländern ein Echo, u.a. in den USA (1829), in Deutschland (1837), in der Schweiz und Norwegen (1842).

Castelli war jedenfalls von dem Gedanken beseelt, in Österreich Pionierarbeit für den Tierschutz zu leisten. Erste Ansätze hierfür gab es in Wien zwar bereits ab Mitte des 18. Jahrhunderts – beispielsweise in Form von Patenten, um die Überanstrengung von Postpferden zu verhindern –, konkrete Maßnahmen wurden allerdings erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts gesetzt. Zu tun gab es viel, zwei Schwerpunkte der Tierschützer:innen seien hier herausgegriffen: Zum einen ging es darum, Volksbelustigungen, bei denen Tiere gequält wurden, in ihrer Brutalität an den Pranger zu stellen. Zwar war das berühmt-berüchtigte Hetztheater in der Weißgerbervorstadt bereits 1796 abgebrannt: Dort hatte man Auerochsen, Bären, Hirsche, Luchse, Löwen, Stiere, Wildschweine und Wölfe von Hetzmeistern und Hunden drangsalieren lassen – sehr zum Gaudium des Publikums. Noch heute spricht man bekanntlich in Wien von einer „Hetz“, wenn etwas Spaß macht.

Die ebenfalls beliebten Tierschauen stellten zwar im Vergleich zum Hetztheater eine mildere Variante dar, von einem würdevollen Umgang mit Tieren konnte jedoch keine Rede sein. Speziell ab den 1840er-Jahren wuchsen im Prater die Menagerien förmlich aus dem Boden. Um ein Beispiel zu nennen: 1845 kaufte der Dompteur und Praterunternehmer Heinrich Schreyer in der Feuerwerks-Allee eine Bretterbude und eröffnete 1847 darin sein Affentheater für die „vierfüßige Künstler-Gesellschaft“, wie er sie nannte. Nach dem Motto „ein gut dressierter Affe bringt mehr Geld ein als ein mittelmäßiger Zirkusartist", wurden wilde, nicht selten aus dem Ruder laufende Spektakel veranstaltet. Man steckte Affen in abstruse Kostüme oder hetzte sie auf dem Rücken von Hunden oder Pferden durch die Manege. Manchmal wurden Kriegsszenen nachgespielt, dann wiederum Hindernisrennen veranstaltet. Paradoxie am Rande: Die erste Aufführung in Schreyers Affentheater fand offiziell zum Wohle des „Antiaffenquälvereins“ statt. Dass damals kaum eines dieser Tiere den Winter in den unbeheizten Behausungen überlebte, schien allerdings kaum jemanden zu interessieren. Affen waren übrigens auch an der Seite von Straßenmusikern im Wiener Stadtbild damals keine Seltenheit. 

Im besonderem Maße engagierten sich die Tierschützer:innen für Pferde und Hunde, die als Zugtiere eingesetzt wurden, wobei man darauf drängte, dass Hunde generell nicht mehr als Zugtiere eingesetzt werden.

Bei den Pferden (von denen es in Wien um 1900 über 40.000 Nutztiere gab) standen einerseits die Gefahren des Straßenverkehrs im Fokus. So organisierte der Tierschutzverein um 1900 einen Tierrettungswagen, der mit Feuerwehrleuten besetzt war – aber offenbar nicht mit einem Tierarzt, wie die Arbeiter Zeitung in einem Beitrag vom 18. Juli 1912 kritisierte. Immer wieder kam es zu Unfällen, bei denen auch Tiere verletzt (und im schlimmsten Fall getötet) wurden, davon zeugen die Chronikmeldungen in den zeitgenössischen Blättern. Dass auch die Kutscher mit ihrem Vieh nicht immer zimperlich umgingen, wurde ebenso kritisiert. Der Tierschutzverein prämierte vorbildlich agierende Kutscher und kämpfte u.a. gegen die häufige Überladung von Anhängern, unter denen die vorgespannten Pferde besonders litten. In der Zwischenkriegszeit bot der Verein dann zur Entlastung der Pferde sogenannte Vorspanntraktoren an (siehe Titelbild des Beitrages).

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Das erste Hunde-Schutzhaus wurde nach langjähriger Vorbereitung am 18. Jänner 1896 in der Magdalenenstraße 38-40 im sechsten Wiener Gemeindebezirk eröffnet. Ein Jahr später übersiedelte man aus Platzgründen in die Erdbergstraße 93, doch auch dort waren aus heutiger Sicht die Stallungen bescheiden und man bezog am 20. Oktober 1902 in der Friedrich-Kaiser-Gasse 70 in Ottakring Quartier. Trotz der deutlich besseren Infrastruktur fehlte hier für Vögel eine Voliere und für größere Tiere war überhaupt kein Platz vorhanden. Um Geldmittel für eine abermalige Übersiedelung zu akquirieren, wurde am 30. Oktober 1926 die erste Jubiläums-Lotterie ins Leben gerufen. Am 22. Juni 1935 konnte dann das vierte Tierschutzheim in den adaptierten Räumlichkeiten einer ehemaligen Meierei in Wien Altmannsdorf, Khleslplatz 6, eröffnet werden. Bis zum Jahr 1939 wurden an diesem Standort ca. eine halbe Million Tiere vorübergehend oder ständig betreut.

Ein durchaus diskutiertes Thema war auch die Tierschlachtung. Mit dem Aufkommen von Lebensreform- und Vegetarismus-Bewegungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Verzicht auf Fleisch nicht nur aus gesundheitlichen Gründen, sondern auch aus Respekt vor dem Tier propagiert. Die fleischlose Kost blieb zwar ein Minderheitenprogramm, doch Kritik an den Schlachtungsmethoden gab es immer wieder. So wird in einer Reportage der Stunde vom 26. Februar 1929 zwar die Hygiene und Effizienz des Schlachthofes St. Marx hervorgehoben, der Autor schließt dennoch mit den Zeilen: „Und doch wirkt der Anblick stärker als die eifrigste vegetarische Propaganda.“

Eine besondere Herausforderung waren die Weltkriege – auch für Tiere. Im Ersten Weltkrieg kümmerte sich der Tierschutzverein um die Fütterung von Kriegspferden und sah sich zudem mit der Tatsache konfrontiert, dass vermehrt Hunde ins Tierschutzhaus gebracht wurden – in den meisten Fällen von Soldaten, die in den Militärdienst eingezogen wurden. Einen Großteil dieser Hunde übernahmen diverse Militärkommandos, wo sie in weiterer Folge zu Melde- und Sanitätshunden ausgebildet wurden. Im Zweiten Weltkrieg verlor der Wiener Tierschutzverein aufgrund der am 13. März 1938 erfolgten Eingliederung Österreichs ins Deutsche Reich seine Eigenständigkeit und wurde dem Reichstierschutzbund in Frankfurt am Main unterstellt. Dieses Schicksal ereilte österreichweit alle Tierschutzvereine, also u.a. auch den im Jahr 1881 gegründeten und zugleich ältesten Tierschutzverein in Tirol. Das Zeitschriftenmedium des Wiener Tierschutzvereins, der Tierfreund, wurde zur Ostmärkischen Ausgabe des Reichstierschutzblattes. Als im Jahr 1944 die Lebensmittel und somit auch Futter für die Tiere immer knapper wurde, war es dem damaligen Verwalter des Wiener Tierschutzhauses, Otto Wufka, zu verdanken, dass auch in diesen schwierigen Zeiten Futter für die Tiere aufgetrieben werden konnte. 1945 wurde das Tierschutzhaus von der sowjetischen Besatzungsmacht annektiert und eine russische Hundestaffel darin stationiert. Zumindest hinsichtlich der Verpflegung brachte dies eine kleine Erleichterung mit sich, zumal man auch die Tiere des Tierschutzhauses an deren Futtervorräten teilhaben ließ.

Nach Kriegsende trat am 31. Juli 1945 das Vereins-Reorganisationsgesetz in Kraft und der Verein firmierte ab nun wieder unter seinem alten Namen Wiener Tierschutzverein. Im Laufe der Zeit wurde allerdings auch der Standort Khleslplatz zu eng und im September 1990 musste sogar eine Aufnahmesperre verhängt werden, nachdem 80 Hunde aus einer amtstierärztlich beanstandeten Hundezucht im Waldviertel und 37 Katzen aus einer verwahrlosten Wiener Liegenschaft zusätzlich versorgt werden mussten. Aufgrund dieser Platznot wurde die nächste und bislang letzte Übersiedelung in Angriff genommen. Seit September 1998 befindest sich das Wiener Tierschutzhaus nun in der Triester Straße 8 in Vösendorf, wo derzeit über 1500 Tiere betreut werden, rund 500 davon warten auf ein neues Zuhause.
 

Langer Atem

Dass man bei Tierschutz generell einen langen Atem benötigt, beweist nicht zuletzt die Tatsache, dass es in Österreich bis zur Einführung eines eigenen Tierschutzgesetzes über 100 Jahre gedauert hat. Am 6. März 1885 legte der Wiener Tierschutzverein im Rahmen einer Budgetdebatte eine Petition für ein strengeres Tierschutzgesetz vor. Am 21. Juli 1925 wurde Tierquälerei durch das Bundesgesetz Nr. 273/1925 zu einem strafbaren Delikt erklärt. 1988 wurde ins Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch eingetragen, dass Tiere keine Sachen sind. Erst im Jahr 2004 wurde das bundeseinheitliche Tierschutzgesetz beschlossen, das mit 1. Jänner 2005 in Kraft trat. Bis dahin gab es in Österreich zehn verschiedene Landestierschutzgesetze (Salzburg hatte zwei Tierschutzgesetze). 2013 wurde Tierschutz in der Verfassung als Staatszielbestimmung verankert.

In Wien erinnert heute die Castelligasse in Margareten an den Pionier des österreichischen Tierschutzes. Welche Errungenschaften er selbst noch miterleben durfte? Beispielweise, dass ab November 1847 Tierquälerei als Polizeivergehen geahndet wurde, der Vogelfang eingeschränkt und das Blenden von Vögeln untersagt wurde (Mai 1852). Im Jahr 1855 konnte der Wiener Tierschutzverein erwirken, dass Hunde als Zugtiere ebenso verboten wurden wie Stachelhalsbänder. Ignaz Franz Castelli, der bis an sein Lebensende nicht müde wurde, daran zu appellieren, Tieren mehr Achtsamkeit entgegenzubringen, starb am 5. Februar 1862 im Alter von 81 Jahren. Er wurde am Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab beigesetzt. Auf seinem Grabstein ist folgende Inschrift zu lesen:
 

In Wahrheit heißt den Menschen nützen,
auch das gequälte Thier zu schützen.
Zur Tat ward dieses Dichterwort,
drum wirkt es auch unsterblich fort.

Von Allem, was mich Gott ließ hier vollbringen,
hat mich am Höchsten nur das Ein’ erfreut:
Daß es meinem Streben ließ gelingen,
in dieser rohen, unbarmherz’gen Zeit
viel edler Menschen Herzen zu umschlingen
mit einem Bande der Barmherzigkeit –
Das arme Thier vor Qualen zu beschützen;
Oh! möge Gott und Staat es unterstützen!

 

Literaturhinweise:

Robert Kaldy, Christoph Enzinger: Circus in Wien, Erfurt, 2010
Robert Kaldy, Elfriede Faber: Wiener Vergnügungsstätten, Erfurt 2009
Klaus Petrus: Tierrechtsbewegung: Geschichte, Theorie, Aktivismus, Münster 2013
Wolfgang Kos, Walter Öhlinger (Hg.): Tiere in der Großstadt, Ausstellungskatalog Wien Museum, Wien 2005
Wiener Tierschutzverein: Die Stimme der Tiere. 170 Jahre Der Wiener Tierschutzverein, Wien, 2017

Christine Dobretsberger, geboren 1968 in Wien. Studium der Publizistik und Kommunikationswissenschaften und Philosophie an der Universität Wien. Langjährige Kulturredakteurin der „Wiener Zeitung“. Initiatorin der Gesprächsreihe „Wiener Salongespräche“ und „Seelenverwandte“. Seit 2005 freie Journalistin, Autorin, Lektorin, Ghostwriterin und Herausgeberin von Texten. Sie ist Gründerin der Text- und Grafikagentur „linea.art“ (www.lineaart.at) und befasst sich schwerpunktmäßig mit kulturellen Themen.

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Kommentare

Brigitte

Gelungener Artikel- Danke dafür!