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Tabea Rude und Peter Stuiber, 27.5.2021

100 Jahre Uhrenmuseum

Zahnräder der Zeit

Im Juni vor hundert Jahren wurde das Uhrenmuseum eröffnet. Ein guter Anlass, um Uhrenrestauratorin Tabea Rude in dem historischen Gebäude am Schulhof 2 zu besuchen und zur Geschichte und zur Bedeutung des Hauses zu befragen.

Peter Stuiber

Dass knapp nach dem Ersten Weltkrieg, also in einer Zeit größter Not, das Uhrenmuseum eröffnet hat, erscheint im Nachhinein wie ein Wunder. Welche Position hat dieses Haus heute aus einem internationalen Blickwinkel betrachtet?

Tabea Rude

Es ist ein sehr vielseitiges Allround-Museum. Die meisten Sammlungen sind ja spezialisiert, in England etwa oft auf das Gebiet der Navigation, da geht es um die Uhr als wissenschaftliches Gerät. Bei uns hingegen kann man die Uhren von allen Seiten betrachten: vom Design her, von der Technik, von Materialneuheiten her. Ein Schwerpunkt liegt aber auf jeden Fall bei österreichischen Biedermeieruhren. Zahlenmäßig ist unsere Taschenuhren und Taschenuhrwerke Sammlung der größte Anteil. Hier handelt es sich überwiegend um 19. Jahrhundert Rohwerk-Importware aus der Schweiz, die hier dann eingebaut, finissiert und verkauft wurden.

PS

Mit Uhren assoziiert man üblicherweise Länder und Städte wie die Schweiz und Genf. Welche Rolle spielt Wien überhaupt?

TR

Die sogenannten Wiener Laterndluhren aus der Zeit des Biedermeier sind international sehr begehrt, weil sie vom Design her so schlicht gemacht sind. Und bei den Sternwarten des 16. und 17. Jahrhunderts kommt der Stadt eine internationale Bedeutung zu, auch im Austausch mit Prag – da geht es also um Präzisionszeitmessung und Astronomie. Aber Wien war klarerweise nie ein Standort für die industrielle Uhrenproduktion. Rund um Karlstein im Waldviertel gab es allerdings eine Zeitlang eine nicht unbedeutende Holzuhr-Industrie, die dann aber von den Schwarzwälder Uhren überrollt wurde. Eine Zeitlang spielte die Produktion von Ziffernblätter aus Email in Wien eine Rolle. Dazu hatte man Kunsthandwerker aus Genf eingeladen, sich in Wien niederzulassen. Und ein Wiener Patent wurde bei den pneumatischen Uhren für ganz Paris eingesetzt, das System hat dort einige Jahrzehnte gut funktioniert.

PS

Derzeit sind im Uhrenmuseum rund 700 Uhren ausgestellt, die Sammlung umfasst aber rund 7000 Uhren. Welche Akzente möchtest Du in Zukunft setzen?

TR

Dass wir rund zehn Prozent unserer Sammlung ausstellen, ist schon ein guter Schnitt. In anderen Museen sind es bisweilen nur zwei Prozent! Das 20. Jahrhundert ist noch relativ wenig ausgestellt, dabei ist es sehr spannend. Schon Rudolf Kaftan, der Gründungsdirektor des Museums, hat eine elektrische Uhr mit Quarzpendel im Schaufenster neben der Eingangstür ausgestellt. Er war immer up-to-date und hat sich z.B. auch für das Thema der Synchronisierung interessiert. Synchronisierung wurde vor allem mit dem Ausbau des Schienennetzes in Europa und Nordamerika ein wichtiges Thema, denn nur wenn man sich über die Uhrzeit und damit auch über die Ab- und Ankunftszeiten der Züge einig war, konnte man diese auch ohne böse Überraschungen nutzen. Diese Entwicklung triggerte dann wiederum die Etablierung von Zeitzonen, wie wir sie heute kennen. Das lief keineswegs reibungslos ab, Zeit ist und war durchaus auch ein politischer Streitpunkt. Nachdem aber feststand, dass man nun überall in der Stadt und vor allem im Bahnbetrieb dieselbe Zeit hatte, war es umso ärgerlicher, wenn man sich an öffentlichen Uhren orientierte, die nicht ganz stimmten. Es gab also in den meisten großen Städten Beschwerden über „lügende Uhren“ und ein Appell der Öffentlichkeit an die Stadt, dieses Problem zu richten. Das war der Grundstein zum Erfolg der elektrischen Uhren. Der kam in Wien allerdings erst so richtig nach dem Zweiten Weltkrieg, denn erst dann schaffte man es ein stadtweites Zeitverteilungssystem erfolgreich zu errichten. Genauer zu erforschen und dann in der Ausstellung zu beleuchten, warum das so war, wäre eine spannende Ergänzung zur derzeitigen Dauerausstellung. Was mir auch sehr am Herzen liegt, ist das Handwerkliche. Also etwa das Material und die Werkzeuge, die den Uhrmachern und anderen Kunsthandwerkern zu ihren Lebzeiten zur Verfügung standen. Oder die verschiedenen Produktionsstadien einer Uhr. Außerdem wäre es wichtig zu vermitteln, dass auch bei den kleinsten und einfachsten Uhren natürlich nicht nur Uhrmacher als Handwerker beteiligt waren, sondern eine ganze Reihe von Experten, die mindestens ebenso viel Arbeit in eine Uhr stecken, wie der, der meist seinen Namen auf das Endergebnis schreibt.

PS

In welche Richtung sollte man aus Deiner Sicht die Sammlung erweitern?

TR

Vielleicht könnte man noch einige Wiener Patente finden, etwa solche, die dem Gründungsdirektor Rudolf Kaftan bekannt waren und die dann im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen sind. Prinzipiell könnte also eine Strategie sein, Uhren mit Wien-Bezug zu sammeln. Aber der Grundstock der Sammlung stammt von Kaftan, und er hat eigentlich alles gesammelt, egal woher es kam. Grundsätzlich wird unsere Sammlung stetig erweitert. Wir haben vor kurzem etwa eine voll funktionsfähige Turmuhr angekauft: So ein Stück ist natürlich fürs Publikum besonders interessant. Kleinuhren wiederum kommen häufig als Schenkungen in die Sammlung.

PS

Das Uhrenmuseum richtet sich per se an ein Fachpublikum, möchte aber zugleich auch darüber hinaus Besucher*innen ansprechen. Wie kann dieser Spagat gelingen?

TR

Ganz leicht ist es bei Kindern: Die flippen aus, weil es so viel zu sehen gibt und weil sich etwas bewegt. Bei Erwachsenen ist es im Rahmen von Führungen leichter zu vermitteln, welche Bezüge die Menschen zu den Uhren hatten und haben. Wenn sie alleine durchs Museum gehen, erschließen sich manche Zusammenhänge vielleicht weniger, was natürlich schade ist. Aber das ist ein Auftrag für uns, es zu verbessern. Hierfür haben wir zum Beispiel vor Kurzem einige Uhren und Automaten gefilmt und Audios aufgenommen, diese können mithilfe von QR-Codes neben dem Objekt abgerufen werden. Das ersetzt natürlich niemals das Erlebnis die Uhr live zu erleben, wie es bei unseren Führungen der Fall ist, aber für den Einzelbesucher erzählt ein Video in dem Fall mehr als eine möglicherweise sehr lange Beschriftung. Hier gilt es aber auch die Waage zu halten, denn der besondere Charakter des Uhrenmuseums lebt natürlich auch ein bisschen von dem Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben ist, wir wollen also nicht mit digitalen Gadgets und Medienstationen überladen, sondern die Objekte und das Gebäude an sich im Mittelpunkt behalten.

PS

Apropos Zusammenhänge: Das Uhrenmuseum stellt Zeitmesser aus. Aber was kann es uns über die Kulturgeschichte der Zeit, über die Veränderung von Zeitwahrnehmung erzählen?

HK

Die unterschiedlichen Uhren können schon vermitteln, wie sich unser Verhältnis zur Zeit verändert hat – auch wenn in der Ausstellung die Philosophie der Zeitwahrnehmung nicht explizit erzählt wird. Bei einer Turmuhr um 1500 war es jedenfalls relativ egal, ob sie 15 Minuten zu früh oder zu spät ging. In der modernen Stadt vor allem mit Beginn der Industrialisierung hingegen brauchte es möglichst synchrone Zeitmesser. Nicht nur die glücklichen Reisenden, sondern auch für die eher unglücklicheren Arbeitenden in den wachsenden Betrieben, Fabriken und Manufakturen. Mit der Verfügbarkeit von billigen, massenproduzierten Taschenuhren ab dem späten 19. Jahrhundert konnten Arbeiter sogar bald überprüfen, ob sie nicht gar um ein paar Minuten betrogen wurden. Zeitmesser gaben hier also auch ein Stück weit Macht an die Arbeiter zurück.

PS

Wie kann man solche Dimensionen des Themas Zeitmessung dem Publikum näherbringen?

TR

Ich arbeite eng mit unserer Vermittlungsabteilung zusammen, stelle ihnen auch Hands-on-Objekte zur Verfügung, die bei Führungen zum Einsatz kommen. Die Vermittlung ist außerdem darin geschult, bestimmte Objekte vorzuspielen oder aufzuziehen. Dabei bekomme ich auch Feedback, was die Leute mögen.

PS

Was mögen die Leute?

TR

Wenn es sich bewegt. Und wenn sie etwas angreifen können.

 

 

 

Das Uhrenmuseum ist ab 10. Juni 2021 nach mehr als einjähriger Covid-Pause wieder geöffnet!

Tabea Rude lernte das Uhrmacherhandwerk in Pforzheim und studierte dann Restaurierung für Uhren und dynamische Objekte an der University of Sussex. Seit 2017 ist sie für die Uhrensammlung zuständig. Sie ist besonders interessiert an elektrischen Uhren und Zeitdienstanlagen zwischen 1850 und 1950, publiziert hat sie zu dem Thema im britischen peer-reviewed Antiquarian Horological Journal. Sie begeistert sich außerdem für historische Kunststoffisolierung, taktische Intervallzeitmessung in Konvoys auf See im 1. und 2. Weltkrieg und Feueralarmtelegraphie.

Peter Stuiber, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien und Paris. Leiter der Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum, redaktionsverantwortlich für Wien Museum Magazin. Diverse Ausstellungen und Bücher zur österreichischen Design- und Kulturgeschichte.

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