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Redaktion, 12.3.2026

Aus den Erinnerungen von Marie Langer

Kommunistin statt Dame

In Lateinamerika wurde Marie Langer (1910–1987) eine der wichtigsten Psychoanalytikerinnen, davor kämpfte sie als Kommunistin im Spanischen Bürgerkrieg. Aufgewachsen ist Langer in einer großbürgerlichen Wiener Familie. In ihren Erinnerungen, die nun wieder publiziert wurden, erzählt sie von jungen Jahren in Umbruchszeiten – u. a. von überkommenen Rollenbildern und Moralvorstellungen. Ein Auszug. 

„Trotz meines Reichtums war ich mir immer meiner Nachteile bewußt: Jüdin und Frau zu sein. Und zu diesen Nachteilen kam später noch ein anderer: geschieden zu sein. Logisch, daß ich der Linken beitreten wollte; denn ich war sicher, diese Ungerechtigkeiten würden im Kommunismus aufgehoben sein.

Als Jüdin geboren zu sein ... Ich kann nicht leugnen, daß ich dadurch geprägt wurde. Erst kürzlich, als ich einige Interviews mit deutschen Exiljuden, bekannten Soziologen und Psychologen der „Frankfurter Schule“ gelesen habe, wurde mir wieder klar, wie der deutsche und österreichische Antisemitismus unser Leben schon vor dem Nationalsozialismus beeinflußt hat. Es fällt schwer, diese Art des Antisemitismus Juden zu erklären, die in Mexiko oder Argentinien geboren sind. Antisemitismus gab es in Argentinien nur als Snobismus in den höheren Schichten, wo die Juden „Moishes“ genannt wurden. Natürlich hätte man einen Juden niemals in den Jockey Club eintreten lassen; aber die mittleren und unteren Schichten in Argentinien waren nicht antisemitisch, während in Deutschland und Österreich sogar die sozialdemokratischen Arbeiter Ressentiments gegen Juden hatten. In der kommunistischen Partei paßte man immer auf, daß keine Juden an der Spitze standen — das hätte die Propaganda erschwert.

Als ich in die Schule kam — eine private Volksschule, in die viele jüdische Mädchen gingen —, schaute ich meine katholischen Mitschülerinnen — eine nach der anderen — an und dachte: „Auf diese Stirn haben sie auch das Kreuz mit geweihtem Wasser gezeichnet.“ Vom Weihwasser wußte ich durch unsere katholische Köchin, die ich sehr gern mochte. Sie hat mich immer zur Abendmesse mitgenommen und mir kleine Traktate über Leben und Werk der Heiligen geschenkt, deren Qualen mich erschreckten. Gleichzeitig habe ich aber auch verstanden, daß man für ein Ideal leiden und sterben können muß. Diesen christlichen Heroismus verbinde ich auch mit der Guerilla in Lateinamerika, wo so viele Militante aus dem Katholizismus kommen.

Mit siebzehn Jahren hatte ich eine religiöse Krise. Zuerst wollte ich — in Opposition zu meinen Eltern — mich ernsthaft zur jüdischen Religion bekennen, um dann — einen langen und leidvollen Karfreitag lang — katholisch zu werden. Danach wurde ich endgültig Atheistin und später dann Kommunistin.

Meine Mutter: Sie hat viel mit meinem Beruf zu tun. Obwohl sie weniger gehemmt war, erinnert sie mich an den „Fall Dora" von Freud. Wie schon meine Großmutter mit ihrem Spitznamen „Taifun“ war auch meine Mutter im Grunde eine starke Frau mit einem ausgeprägten Bedürfnis, sich irgendwo zu verwirklichen; aber weil ihr Ehemann Geld hatte, konnte sie auf keinen Fall arbeiten, und so verlor sie sich in Frivolitäten. Zwar kam meine Mutter aus der viktorianischen Zeit, doch wie Madame Bovary dachte sie vor allem an die Liebe. Es war einfach in Wien: „Damen“ hatten mehr Recht“ auf einen Ehebruch als auf Studium oder Arbeit. Der Ehebruch bringt Lügen mit sich, dazu ein Kommentar meiner Mutter: „Wir armen Frauen, immer den Männern untertan, was bleibt uns außer der Lüge?“

[…]

„Ich verdanke es meinem Ödipuskomplex“

„Wie konnte ich aus der Welt meiner Familie aussteigen? Wie habe ich mich davor bewahrt, eine ´Dame` zu werden?“ Ich glaube, ich verdanke es meinem Ödipuskomplex. Mein Vater ist genau in dem Moment weggegangen, als ich ihn am meisten gebraucht hätte. Nur als Krankenschwester oder Ärztin wäre es mir möglich gewesen, ihn in den Krieg zu begleiten. Und tatsächlich bin ich als Ärztin in den Krieg gegangen, aber in einen anderen Krieg und zweiundzwanzig Jahre später. Ein weiterer Grund für meine Befreiung liegt darin, daß sich meine Mutter sehr um meine ältere Schwester gekümmert hat: Gucki mußte hübsch, elegant und sportlich sein. Ich dagegen blieb eher meinen eigenen Wünschen und Vorstellungen überlassen: Ich habe u. a. wegen Vera Figner [eine russische Revolutionärin und ausgebildete Ärztin] und ihren Genossinnen die Medizin gewählt, und mein Vater unterstützte meine Entscheidung voll und ganz; er war stolz auf mich.

In gewisser Weise wurde mein Leben durch eine negative Identifikation mit meiner Mutter und Schwester geprüft: Ich kann nicht Auto fahren, weil sie es konnten (meine Mutter fuhr Auto zu einer Zeit, als dies ein totales Wagnis für Frauen bedeutete). Gucki tanzte hervorragend, ich ganz schlecht. Meine Schwester machte Rekorde im Tennisspielen und Skifahren, ich vollbrachte nichts dergleichen, obwohl ich dennoch eine gute Skifahrerin und Alpinistin war. Ich glaubte, den Preis dafür zahlen zu müssen, ein anderes Leben führen zu wollen; so verzichtete ich auf ihr Terrain: auf das „Weibliche“. Allerdings habe ich in der Schule einmal auf die Frage nach meinem späteren Studium geantwortet: „Medizin — falls ich vorher nicht heirate.“ Die Lehrerin hat mich voller Verachtung angeschaut ...

Heiraten, Sexualität ... Ein Mädchen, das so gut erzogen war, wie ich es sein sollte, durfte nicht einmal wissen, wie die kleinen Kinder geboren werden. Ich las die Bücher von der vier Jahre älteren Gucki, und eines Tages fragte ich meine Mutter, was das Wort „schwanger“ bedeutete. Sie gab mir keine Erklärung, sondern antwortete mit einem Scherz. Mit zehn oder elf Jahren habe ich mich während der Ferien zum ersten Mal platonisch verliebt, und wie man Kinder macht, erfuhr ich von Freunden, die zwar nicht älter, aber weniger behütet als ich waren. Mein neues Wissen erzählte ich stolz unserem Dienstmädchen, das ich gern mochte, obwohl sie mir jede Information zu diesem Thema verweigert hatte. Das Dienstmädchen berichtete meiner Mutter davon, die wiederum beschwerte sich bei der Mutter meiner Freundin — ein Skandal! Meine Freundin bekam zu Hause Prügel, sie hatte den großen Frevel begangen, mich meiner „unschuldigen“ Unwissenheit zu berauben. Das Endergebnis war, daß meine Freunde — zumindest diesen Sommer lang — nicht mehr mit mir gesprochen haben.

Als ich ins Realgymnasium kam, rächte ich mich. Ich habe während der großen Pause alle Mädchen um mich herum versammelt, um sie aufzuklären. Nachdem ich in einer Enzyklopädie gründlich über die Geburt von Kindern nachgelesen hatte, wollte ich mein Wissen über Sexualität anderen vermitteln, weitergeben — was sicherlich mit meinem späteren Beruf der Psychoanalytikerin zu tun hatte. Ich versuchte, alle Konfusionen klarzustellen. So war es uns zunächst schleierhaft, ob Männer auch „die Tage" hätten. Kurz vor meiner ersten sexuellen Beziehung war ich noch fest davon überzeugt, daß eine Frau unausbleiblich schwanger wird, wenn sie während ihrer Menstruation mit einem Mann zusammen ist ...

In der Schule mußten wir — ich hatte damals schon sexuelle Erfahrungen — einmal einen freien Aufsatz schreiben. Warum ich mich unter der Überschrift „Etwas, was mich sehr beschäftigt" in manches hineinverstiegen habe, was nicht der Wahrheit entsprach, weiß ich nicht mehr. Ich gab mich tief beeindruckt von der Existenz sexueller Beziehung; auch sei die Vorstellung, daß meine Eltern sexuell miteinander verkehrten, sehr schmerzlich für mich. Als sie den Aufsatz zurückgab, meinte meine Deutschlehrerin, eine Anhängerin Alfred Adlers: „Wenn du deinen Finger ganz nahe vor deine Augen hältst, kannst du nur noch ihn sehen; wenn du ihn aber weiter weg hältst, siehst du ihn in seiner normalen Größe im Verhältnis zum Rest der Welt.“ Ich solle mir nicht so viele Gedanken über die Sexualität machen und lieber anderen Interessen nachgehen...

Das ganze moralische Klima von Zuhause hatte ich in mir. Trotz oder gerade wegen der doppelten Moral hat mein Vater oft gesagt, meine Mutter sei eine Heilige; vor ihrer Ehe hatte meine Mutter keinerlei Ahnung von Sexualität. Später erzählte sie mir, ihre ausländischen Gouvernanten hätten ihr beigebracht, der Körper einer anständigen Frau reiche bis zur Taille — die Namen der Körperteile „weiter unten" brauche man erst gar nicht zu lernen, weder in deutscher noch in einer anderen Sprache. In meiner Kindheit und Jugend sprach niemand über Sexualität — außer den Kinderpsychoanalytikern und sozialdemokratischen Pädagogen. In meiner Familie herrschte noch das Ideal der jungfräulichen Braut.

Mit dreizehn war ich mitten in der Rebellion und vollkommen verwirrt. Zu dieser Zeit habe ich den Jungen, in den ich damals platonisch verliebt war, zum letzten Mal gesehen. Er war ein Franzose aus dem Elsaß, vier oder fünf Jahre älter als ich und hatte meine Verliebtheit nie bemerkt. Ich sah ihn jeden Sommer in Velden am Wörthersee. Dieses Mal ging ich sehr aufgeregt zu unserem Treffen; er umarmte mich freundschaftlich und sagte, daß er mir etwas Wichtiges zu erzählen hätte. Es regnete, und wir zwei gingen zusammen unter einem Regenschirm spazieren. Ich hatte mein hübschestes Dirndlkleid angezogen.

„Ich habe zum ersten Mal mit einer Frau geschlafen“, sagte er, „und es ist das Schönste, was es auf der Welt gibt. Du mußt es bald auch ausprobieren!“ — Er hat mir von seinem Erlebnis wie ein älterer Bruder erzählt — ohne jede Absicht, es mit mir zu wiederholen. Je mehr ich ihm zuhörte, desto mehr schwand meine Hoffnung. Obwohl ich das Ende unserer Beziehung einsehen mußte, war ich nicht deprimiert; denn seine Worte hatten mich überzeugt, daß Sex die Mühe lohnte ...

Wahrscheinlich habe ich die Schule vernachlässigt, weil ich in diesen acht Jahren den Kopf mit Liebe und Sexualität voll hatte; aber auch die Stimmung und Widersprüche zu Hause behinderten mein Engagement für die Schule. Es wurde uns beigebracht, rein und jungfräulich in die Ehe zu gehen. Aber es konnte uns nicht entgehen, daß meine Mutter und mein Vater Liebschaften hatten. Gleichzeitig haben sie auch selbst das Bedrückende der überkommenen Moralvorstellungen irgendwie empfunden; so sagte meine Mutter über die von uns verlangte Jungfräulichkeit: „Die Jungfräulichkeit ist wie ein wertvolles Schmuckstück, paß gut darauf auf, aber wenn du’s verlierst, laß dir keine grauen Haare deswegen wachsen.“ — Doch immerhin lag ihr so viel an der „Reinheit“ ihrer Töchter, daß sie einen damals sehr erfolgreichen Roman im Haus zirkulieren ließ: Mädchen, die man nicht heiraten soll.

Hinweis

Dieser Text stammt aus Marie Langers Buch „Während die Welt brennt, kann man nicht dasitzen und seinen Nabel betrachten“. Erinnerungen, das bei Edition Atelier erschienen ist. Die Neuausgabe der 1986 auf Deutsch publizierten Erinnerungen wurde von der Wissenschaftsjournalistin und Autorin Ulrike Schmitzer herausgegeben. Marie Langers Text endet mit der Emigration 1938. Im Nachwort geht Ulrike Schmitzer ausführlich auf die berufliche Laufbahn der bekannten Psychoanalytikerin in Lateinamerika ein. Das Buch wird am 2. April im Wien Museum präsentiert.

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