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Max Sohm, 10.6.2026

Der Rosa Winkel auf der Regenbogenparade

Zeichen setzen

Bei der zweiten Regenbogenparade Wiens 1997 steckte ein Mann in einem riesigen Rosa-Winkel-Kostüm und machte damit auf die Verfolgung homosexueller Männer in der NS-Zeit aufmerksam. Um 180 Grad gedreht wurde das rosa Dreieck zeitgleich zum Zeichen der Aids-Solidarität. Von den Anfängen der Vienna Pride und den vielen Leben eines Symbols. 

Im Archiv von Qwien, dem Zentrum für queere Kultur und Geschichte in Wien, finden sich Dinge, die auf den ersten Blick ungewöhnlich anmuten und die Erklärung bedürfen. Eines dieser Objekte ist ein etwa 1,8 Meter großes Holzgerüst in Form eines Dreiecks, überzogen mit rosa Plüsch. Einst bei der zweiten Regenbogenparade Wiens 1997 als Kostüm getragen, ist dieser Rosa Winkel heute ein Erinnerungsstück. Als Objekt hält es eine Frage fest, die in schriftlichen Quellen allein leicht abstrakt wird: Wie entsteht überhaupt Sichtbarkeit?

Der Rosa Winkel war ursprünglich kein Symbol der Emanzipation. Er war ein Zeichen der Gewalt und Verfolgung. In der NS-Zeit wurden homosexuelle Männer in Konzentrationslagern mit einem rosa Dreieck gekennzeichnet – weniger als 30 Prozent von ihnen überlebten die KZ-Haft. Dass dieses Zeichen später zurückerobert wurde, gehört zur Logik queerer Erinnerungskultur, die seit Jahrzehnten mit Symbolen arbeitet, um Ausgrenzung nicht zu verschweigen, sondern in Solidarität zu übersetzen. Der Winkel ist dafür eines der prägnantesten Beispiele. Aus einem Stigma wird ein Marker, der sagt: Wir sind da, wir haben eine Geschichte, und wir lassen uns diese Geschichte nicht nehmen.
 

Wie umkämpft das Recht auf Erinnerung für homosexuelle Opfer war, zeigt eine Wiener Szene aus dem Jahr 1988. Bei der Enthüllung des ersten Teils des „Mahnmals gegen Krieg und Faschismus“ am Albertinaplatz trugen Aktivist:innen der (Türkis) Rosa Lila Villa und der HOSI Wien (Homosexuellen Initiative) ein Transparent, das die Anerkennung homosexueller KZ-Opfer forderte. Sie hatten rosa Dreiecke an ihrer Kleidung befestigt, um auf die in den Lagern ermordeten Menschen aufmerksam zu machen. Ihr Protest war den Berichten zufolge friedlich. Dennoch wurde die Gruppe mit Polizeigewalt von der Veranstaltung verwiesen. Das Transparent mit der Aufschrift „1000e homosexuelle KZ-Opfer warten auf Rehabilitierung“ wurde von Polizeibeamten von den Stangen gerissen und zerfetzt. Die beiden verbogenen Alu-Stangen, an denen es hing, liegen heute ebenso im Archiv von Qwien. Sie erzählen von Sichtbarkeitspolitik nicht als Theorie, sondern als Erfahrung. Wer sichtbar wird, wird auch angreifbar.

Der Rosa Winkel war von Anfang an ein Todeszeichen: Wer ihn im KZ tragen musste, überlebte in der Regel nicht. Eine HIV/Aids-Diagnose in den 1980er Jahren kam für viele einem Todesurteil gleich. Für Betroffene bedeutete sie neben dem drohenden Tod auch sozialen Ausschluss. Schweigen war keine neutrale Haltung – es verstärkte das Stigma. Aktivist:innen brachen dieses Schweigen, indem sie Erinnerung und Protest verbanden. In diesem Kontext tauchte der Rosa Winkel in einer entscheidenden Umdeutung wieder auf: um 180 Grad gedreht, mit der Spitze nach oben  ein Symbol, das Hoffnung andeutete, ohne sie zu versprechen. Das Zeichen der Verfolgung wurde gegen das Schweigen gewendet. In den USA verband die Initiative ACT UP das gedrehte Dreieck mit dem Slogan „Silence = Death“ und wurde damit noch expliziter. Der Rosa Winkel stand dabei vor allem für die Erfahrung schwuler Männer, auch wenn HIV/Aids keine schwule Krankheit war und weit mehr Menschen betraf.

Im Jahr 1996 verdichten sich in Wien mehrere Entwicklungen. Medizinisch markierte es mit der Einführung der Kombinationstherapie einen Wendepunkt, der die Todeszahlen stark sinken ließ und den Blick auf HIV/Aids veränderte. Politisch und kulturell bleibt die Situation für die queere Community in Wien dennoch angespannt. Sichtbarkeit ist nicht „einfach da“, sie muss hergestellt werden. Und genau hier setzte „Sichtbar ’96“ an.

„Sichtbar ’96“ war ein mehrwöchiges Programm aus der Community heraus, initiiert vom Kulturverein Berggasse, dessen abschließenden Höhepunkt die erste Pride-Parade Österreichs darstellte. Unter dem Motto der Sichtbarkeit wurden Institutionen und Einzelpersonen eingeladen, eigene Veranstaltungen beizutragen oder Kooperationen einzugehen. Was daraus entstand, war ein weit gefächertes Programm, das sich über das erste Halbjahr 1996 erstreckte und queere Themen in unterschiedliche Öffentlichkeiten trug. Sichtbarkeit blieb dabei nicht bloß Parole, sondern wurde in sehr unterschiedlichen Formen verhandelt. 

In der Reihe „LesBiSchwule Menschenrechte weltweit“ standen Vorträge zur Lage queerer Menschen etwa in Lateinamerika und im südlichen Afrika auf dem Programm; dazu kamen Bildungsarbeit wie die LesBiSch(w)ule-Aktionswoche der ÖH Wien und Diskussionen, die Konfliktfelder offen ansprachen, etwa zur Haltung von Weltreligionen gegenüber Homosexualität oder die Menschenrechte von queeren Menschen in Österreich. Dass dieses Projekt zugleich auf einen öffentlichen Höhepunkt zulief, lässt sich am Werbematerial ablesen. Auf dem Plakat wird die Parade am 29.6.1996 als „Erster LesBiSchwuler und Transgender Festzug Österreichs" angekündigt. Der Flyer zur Parade ergänzt die ironische Zuspitzung „1000 years without Parade are enough", als Anspielung auf das 1000-jährige Jubiläum Österreichs.

Wichtig ist, was die Veranstaltungsreihe „Sichtbar ’96“ als Rahmen leistete: Sichtbarkeit als Thema zu verhandeln, bevor die Parade durch die Stadt zog. Dass die erste Regenbogenparade 1996 auf der Wiener Ringstraße stattfinden konnte, war Ergebnis genau dieser Vorbereitung. In dieser Logik war der Rosa Winkel als Symbol fast zwingend. Als er auf Paraden von Aktivist:innen getragen wurde, wie etwa das Kostüm in den Jahren 1997 und 1998, wirkte er als Erinnerung daran, dass die Straße nicht nur Feier ist, sondern auch Geschichtspolitik. Der Winkel konnte dabei zweifach gelesen werden: als Zeichen, das an NS-Verfolgung erinnert, und als Zeichen, das in der Aids-Krise zum Aktivismus gegen das Schweigen aufrief.

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Kurz nach 1996 wurden in Österreich zentrale Bestimmungen aus dem Strafrecht gestrichen, die queeres Leben regulierten und öffentlich delegitimierten. Dazu zählten § 220 und § 221 StGB, die seit 1971 „Werbung“ sowie die Gründung von Vereinen zur Begünstigung gleichgeschlechtlicher Sexualität unter Strafe stellten. Dass diese Paragrafen erst 1996 und nur mit knapper parlamentarischer Mehrheit fielen, zeigt, wie lange Sichtbarkeit juristisch als Problem behandelt wurde. In diesem Licht bekommt „Sichtbar ’96“ eine zweite Schärfe. Das Projekt steht nicht nur für Kulturprogramm und Paradevorbereitung, sondern für eine konkrete Gegenbewegung gegen ein Rechtssystem, das queere Öffentlichkeit bis zuletzt zu verhindern suchte.

Symbole stiften Zugehörigkeit, aber sie können auch ausschließen. Gerade beim Blick auf den Rosa Winkel und auf lesbische Geschichte wird das sichtbar. Frauen wurden im NS-Lagersystem nicht als „lesbisch“ oder „homosexeull“ gekennzeichnet. Sie mussten hingegen den schwarzen Winkel tragen, der in der NS-Kennzeichnung für „asozial“ stand, also für eine stigmatisierende Sammelkategorie. In der späteren Erinnerungskultur wurde darüber diskutiert, ob und wie dieser Winkel genutzt werden kann oder darf, um lesbisches Leiden und weibliche Verfolgung mitzuerzählen, ohne die historische Logik der Kennzeichnung zu verfälschen. 

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Das Repertoire der Erinnerungssymbole im öffentlichen Raum erweitert seit 2023 das Denkmal ARCUS im Resselpark. Als „Schatten eines Regenbogens“ erinnert es an die Verfolgung Homosexueller im NS-Regime und setzt Fragilität und Beharrlichkeit in ein Bild. Auch neuere Gedenkzeichen wie die Gedenkkugel für lesbische Häftlinge in Ravensbrück (Deutschland) verweisen darauf, dass Erinnerungspolitik nicht stehen bleibt, sondern ihre eigenen Leerstellen nachträglich sichtbar machen muss.

„Sichtbar ’96“ war am Ende nicht nur die Initialzündung für die Regenbogenparade, die dieses Jahr mittlerweile zum 30. Mal über die Ringstraße zieht, sondern warf Fragen auf, die ebenfalls bis heute Gültigkeit haben: Was bedeutet Sichtbarkeit in einer Gesellschaft, wenn Rechte nicht endgültig gesichert sind und Akzeptanz schwanken kann? Und was bedeutet Sichtbarkeit nach innen für die Community selbst: Wer wird sichtbar, wer bleibt vorsichtiger und wer wird übersehen?

Literatur und Quellen:

Natascha Bobrowsky: Verbotene Beziehungen. Weibliche Homosexualität im nationalsozialistischen, 2025.

Andreas Brunner: Als homosexuell verfolgt. Wiener Biografien aus der NS-Zeit, 2023.

Marshall Forstein: AIDS. A History, in: Journal of Gay & Lesbian Mental Health, 17/1 (2013), 40–63. https://doi.org/10.1080/19359705.2013.740212

Nancy Fraser: „Rethinking the Public Sphere: A Contribution to the Critique of Actually Existing Democracy.”, in: Social Text, no. 25/26 (1990): 56–80. doi.org/10.2307/466240.

Josh Gamson: Silence, Death, and the Invisible Enemy: AIDS Activism and Social Movement "Newness", in: Social Problems, Vol. 36, No. 4 (Oct., 1989), pp. 351-367.

Sarah Schulman: Let The Record Show. A Political History of ACT UP, New York, 1987-1993, 2021.

Livia Suchentrunk: Zwei Stangen, in: Aether (08), 2023.

Sebastien Tremblay: „Ich konnte ihren Schmerz körperlich spüren.“ Die Historisierung der NS-Verfolgung und die Wiederaneignung des Rosa Winkels in der westdeutschen Schwulenbewegung der 1970er Jahre, in: Invertito – Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten 21 (2019), 179–202.

Stadt Wien: „Denkmal ARCUS erinnert an die Verfolgung Homosexueller im NS-Regime“, 2023. https://www.wien.gv.at/zusammenleben/lgbtiq-denkmal-arcus (Letzter Aufruf: 24.02.2026)

Max Sohm kommt vom Bodensee und ist im Qwien – Zentrum für queere Kultur und Geschichte tätig. Als studierter Zeithistoriker und Museumswissenschaftler beschäftigt er sich mit Fragen der Zugänglichkeit und damit, wie etwas zu Geschichte wird. Seine Forschungsschwerpunkte liegen bei Historisierungsprozessen, digitalen Museumspraktiken und Formen der Wissensvermittlung – mit besonderem Fokus auf die Aids-Geschichte Wiens.

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