
Hakoah-Fußballspieler und Funktionäre auf der Treppe eines Gebäudes in New York, JMW, Inv. Nr. 15620
Hauptinhalt
Die USA-Tournee des SC Hakoah 1926
„Scheiberlspiel am Hudson River“
Heutzutage beträgt die Flugdauer von Wien nach New York etwa 9,5 Stunden. Vor 100 Jahren war die Reise von Wien nach New York weit beschwerlicher. Zunächst galt es eine mehrtägige Zugreise in einen der Häfen Frankreichs, Deutschlands oder Italiens zu absolvieren. In Cherbourg, Hamburg oder Genua schiffte man sich ein und erreichte nach einer einwöchigen Überfahrt New York. Zwischen 1919 und 1937 wählten rund 34.000 Österreicher und Österreicherinnen in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den USA diesen Weg.
Am 17. April 1926 lief die R.M.S. Berengaria, aus der Normandie kommend, im Hafen von Manhattan ein. Von Bord ging eine Gruppe aus Wien, die Fußbälle, Trikots und Stollenschuhe im Gepäck hatte: Es war die Fußballmannschaft des SC Hakoah, die als erstes österreichisches Team in die USA gereist war, und sich in den kommenden Wochen mit den besten US-amerikanischen Fußballteams messen wollte. Bei ihrer Abfahrt vom Wiener Westbahnhof zehn Tage zuvor hatten 2.000 Fans ihre Lieblinge, darunter Béla Guttmann und Moses „Moschkatz“ Häusler, verabschiedet und die Bahnsteige in Volksfeststimmung getaucht.
Kickerl an Bord
Nach der Einschiffung im französischen Cherbourg vertrieben sich die Wiener Fußballer ihre Zeit an Bord unter anderem mit einem improvisieren Trainingsmatch an Deck, dem hundert Zuschauer beiwohnten. Das Spiel endete, als die Sportler den zweiten (und letzten verfügbaren) Ball in die blauen Weiten des Atlantiks versenkten. Nach sieben stürmischen Tagen auf hoher See wurde die Hakoah schließlich begeistert im Big Apple empfangen. Unmittelbar nach der Ankunft brachte man die Fußballer, angeführt vom Hakoah-Präsidenten Dr. Ignaz Hermann Körner, ins Rathaus, um dort vom New Yorker Bürgermeister James John Walker begrüßt zu werden.
Der enthusiastische Empfang der Wiener Fußballer in New York zeigt neben dem sportlichen Aspekt die politische Bedeutsamkeit der Ankunft der Hakoahner. Zum einen fungierten sie als Vertreter der kleinen Alpenrepublik. Zum anderen aber repräsentierten sie einen der erfolgreichsten und mitgliederstärksten jüdischen Allround-Sportvereine Europas, dessen Fußballabteilung 1925 die erste Profimeisterschaft in Österreich gewonnen hatte und dessen Strahlkraft die zionistische Bewegung beflügelte.
„DieHakoah ist eine jüdische Marschkompagnie des friedlichen Kampfes um die großen Ziele des jüdischen Sportes“, formulierte Hakoah Vizepräsident Dr. Eugen Felix beim Abschied der Mannschaft in Wien. Diverse zionistische Organisationen in den USA unterstützten daher den Aufenthalt der Wiener.
Pioniere des Professionalismus
Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich der Fußball in Wien zu einem Massenphänomen. Die Zahl der Aktiven und Zuschauer sowie die Einnahmen nahmen zu, und im damaligen Amateursportfußball wurden zunehmend verdeckte Zahlungen an die Spieler vorgenommen. 1924 fand schließlich eine Legalisierung dieser Geldtransfers statt: Österreich war damit das erste europäische Land außerhalb des Vereinigten Königreichs, das den Profifußball einführte.
Die Einnahmequellen für Profi-Fußballklubs, die die Gehälter ihrer Spieler stemmen mussten, waren jedoch beschränkt und bestanden vor allem in Zuschauereinnahmen bei den Heimspielen und im Mäzenatentum eigener Funktionäre. Einen weiteren Umsatzbringer boten ab den frühen 1920er Jahren lukrative Gastspieleinladungen ins Ausland. Die großen Wiener Mannschaften hatten sich aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit einen so einen guten Ruf im Ausland erarbeitet, dass sie immer wieder zu Auslandsgastspielen in Europa eingeladen wurden. Diese erfüllten eine wichtige ökonomische Funktion und spülten bedeutsame Einnahmen in die Vereinskassen der professionellen Fußballklubs. Und da die damals geringe Anzahl an Meisterschaftsspielen pro Saison viel Platz im Kalender für Reisen bot, waren die großen Wiener Mannschaften fast permanent unterwegs.
Auch der SC Hakoah befand sich nach dem Meisterschaftstitel von 1925 auf dem Höhepunkt seiner sportlichen Entwicklung und war ein außerhalb Österreichs gern gesehener Gast. Der Verein aus der Leopoldstadt verdiente derart nicht nur Geld, sondern verbreitete dort, wo seine Fußballer mit dem Davidstern auf ihren Trikots stolz auftraten, neben der Idee des Zionismus auch die Inspiration, zionistische Sportvereine nach seinem Vorbild zu gründen. So entstanden in vielen Ländern Europas zahlreiche Hakoah-Schwestervereine.
Calcio Danubiano
In Budapest, Prag und Wien hatte sich durch den gemeinsamen Austausch, basierend auf dem schottischen Short-Passing-Game, früh ein eigenes Spielsystem gebildet. Dieses System, das auf einem hochwertigen Kurzpassspiel und technisch versierten Fußballern aufbaute, wurde nach dem Ersten Weltkrieg zum Markenzeichen der ehemaligen Metropolen der Donaumonarchie und international unter den Begriffen „Calcio Danubiano“ oder „Donaufußball“ subsumiert. Politische Umstürze begünstigten die Weiterentwicklung dieser Spieltechnik: Zu Beginn der 1920er Jahre kam es in Ungarn zu einem Regimewechsel, der schwere antisemitische Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung und deren staatlich angeordnete Benachteiligung zur Folge hatten. Aus diesem Grund wechselten zahlreiche exzellente jüdische Fußballer aus Budapest nach Wien und schlossen sich der Hakoah oder den Amateuren, dem späteren FK Austria, der ebenfalls viele jüdische Mitglieder verzeichnete, an. Auch Topspieler und Mittelläufer Béla Guttmann wechselte 1922 aus Ungarn in die Leopoldstadt.
Das „Scheiberlspiel“, wie die Wiener Ausformung des Donaufußballs genannt wurde, legte die Basis für die Erfolge des „Wunderteams“, die österreichischen Nationalmannschaft Anfang der 1930er Jahre. Die Gastspielreisen der großen Wiener Mannschaften machten diesen Fußballstil in ganz Europa bekannt. Die Hakoah brachte ihn schließlich in die USA.
Soccer in the USA
Als die Leopoldstädter im Jahr 1926 New York erreichten, durchlebte der US-amerikanische Fußballsport gerade eine Blütezeit. Schon im 19. Jahrhundert hatten europäische Arbeitsmigranten ihre liebgewonnene Freizeitbeschäftigung in die Wirtschaftszentren der Ostküste verpflanzt. Um 1900 breitete sich der Fußballsport über diverse Amateur- und semiprofessionelle Ligen in den gesamten USA aus. Obwohl die ersten Versuche US-amerikanischer Profiligen wirtschaftlich scheitern sollten, folgte mit dem Ende des Ersten Weltkrieges ähnlich wie in Europa zunächst eine Popularisierung des Sports und das Interesse daran nahm zu. Nach dem Vorbild der Profi-Baseballliga wurde mit der American Soccer League (ASL) eine Fußballprofiliga gegründet, die 1921 ihre erste Saison startete. Die Zuschauerzahlen in der jungen Liga stiegen rasch an, was zu höheren Einnahmen für die Vereine und zu einer Erhöhung der Spielergehälter führte.
Um das Interesse an der ASL weiter zu steigern, lud man ab 1926 europäische und südamerikanische Spitzenteams zu Freundschaftsbegegnungen ein. Die Hakoah machte im Frühling 1926 den Anfang. Sie wurde von den beiden jüdischen ASL-Teambesitzer Nathan Agar von den Brooklyn Wanderers und Maurice Vandeweghe vom New York Giants F.C. gezielt verpflichtet, um den hohen jüdischen Bevölkerungsanteil im Großraum New York anzusprechen.
Rekordbesuche
Die Überlegungen der Veranstalter machten sich bezahlt. Gleich zum ersten Spiel der Wiener gegen eine New Yorker Auswahl fanden sich 25.000 Zuschauer beim 4:0-Sieg der Gäste ein, darunter auf der Ehrentribüne der US-amerikanische Präsident Calvin Coolidge und der New Yorker Bürgermeister James Walker. Hakoah-Präsident Körner wurde in den folgenden Tagen vom US-Präsidenten auch empfangen. Er betonte die Bedeutung der Hakoah-Reise als Werbemaßnahme für den Fußball in den USA.
Die Wiener absolvierten insgesamt zehn offizielle Partien in New York, Providence, Chicago, St. Louis und Philadelphia und mussten sich nur zweimal geschlagen geben. Die US-amerikanischen Zeitungen überschlugen sich mit Lob. Das New Yorker Jewish Morning Journal berichtete: „So schön und technisch vollkommen hat New York noch nicht Fußballspielen gesehen.“ Die großen Matches der Tournee lockten Publikumsmassen in die New Yorker Baseballtempel Polo Grounds und Ebbets Field sowie in den Comiskey Park von Chicago. Sie stellten, – etwa mit den 46.000 Zuschauern am 1. Mai 1926 beim Spiel Hakoah gegen New York All Stars im Polo Grounds Stadion – neue Besucherrekorde für Fußballspiele in den USA auf. Die genannte Bestmarke sollte erst 1975 durch die New York Cosmos mit Superstar Pelé übertroffen werden. Neben der sportlichen Betätigung standen auch Besuche von Kulturveranstaltungen sowie Einladungen bei jüdischen Organisationen für die Wiener Kicker auf dem Programm.
Am 10. Juni 1926 bereiteten Tausende Hakoah-Anhänger den heimkehrenden Sportlern einen jubelnden Empfang am Wiener Westbahnhof. Die Fans waren durch zahlreiche Reportagen in den Wiener Zeitungen über die Erfolge ihrer Lieblinge informiert worden und feierten sie ausgiebig. Tage später bildete eine Begrüßungsgala für die Fußballer im ausverkauften Ronacher Theater den formalen Abschluss der Reise. Stolz präsentierten die Heimkehrer auf der Bühne neben der österreichischen und der US-amerikanischen die blau-weiße Fahne der Hakoah. Sie war der Glücksbringer ihrer Tournee gewesen und hatte bei den Spielen über den Stadien geweht.
Der Erfolg wird zum Boomerang
Auch die US-amerikanischen Gastgeber feierten, denn das Wiener Gastspiel war ein großer finanzieller Erfolg. Der Gesamtumsatz der Tournee soll bei 120.000 US-Dollar gelegen haben. Allerdings hatte sich die Hakoah keine prozentuelle Beteiligung am Ergebnis ausverhandelt, sondern nur eine fixe Summe, die aufgrund der hohen Preise und Ausgaben in den USA geschmälert wurde. Trotzdem ließ sich die Hakoah gleich wieder für 1927 zu einer Tournee verpflichten.
Die Gastspielreise der Hakoah war von anderen europäischen Spitzenmannschaften genau beobachtet worden, die aufgrund dieses Erfolgs nun ebenfalls bereitwillig in die USA fuhren. In den kommenden Jahren tourten Sparta Prag, die beiden großen Glasgower Vereine, Celtic F.C. und Rangers F.C. sowie der englische Preston North End F.C. und die uruguayische Nationalmannschaft in Nordamerika.
Für die Hakoah selbst war die Tournee von 1926 kein finanzieller Erfolg. Einen solchen hätte der Verein aber dringend benötigt, saß man doch auf einem Schuldenberg von rund 68.000 Schilling, – was heute der Kaufkraft von rund 331.000 Euro entspricht. Die guten Leistungen der Spieler hatten zudem Begehrlichkeiten geweckt und die US-amerikanischen Teambesitzer Agar und Vandeweghe umwarben die Wiener Kicker mit Monatsgagen im Bereich von 300 bis 400 US-Dollar. In ihrer finanziell angespannten Situation legte die Hakoah abwanderungswilligen Spielern keine Steine in den Weg. So wechselten im Sommer 1926 nicht weniger als neun Hakoah-Fußballer in die USA. Mittelläufer Guttmann schloss sich mit vier weiteren Spielern dem New York Giants F.C. an. Moses Häusler und drei Mannschaftskollegen wechselten zu den Brooklyn Wanderers. Zwischen 1926 bis 1929 migrierten insgesamt 14 Spieler der Hakoah in die USA und etablierten den Donaufußball in ihren neuen Teams.
Durch die Abgänge dieser Leistungsträger konnte die Hakoah ihre monatlichen Spielerausgaben zwar halbieren, doch sportlich war dieser personelle Aderlass nicht zu kompensieren. 1928 erfolgte der Abstieg aus der obersten Spielklasse. Im selben Jahr endete auch die Blütezeit der ASL. Durch Streitigkeiten mit dem US-Verband geschwächt, war die Liga schließlich infolge Weltwirtschaftskrise gezwungen ihren Betrieb 1932 einzustellen. Zu diesem Zeitpunkt war der Großteil der ehemaligen Hakoahner bereits wieder nach Europa zurückgekehrt. Nur zwei Teilnehmer der Tournee von 1926 fanden dauerhaft eine neue Heimat in den USA. Siegfried Wortmann besaß später ein Männerbekleidungsgeschäft in Midtown Manhattan und Josef Grünfeld unterhielt das „Joshy Gruenfelds Restaurant“ im Hotel Fulton auf der Upper West Side in New York.
Der SC Hakoah konnte bekanntlich nicht mehr an seine früheren Erfolge anknüpfen. 1938 wurde der Verein von den Nationalsozialisten aufgelöst, seine Mitglieder und Funktionäre verfolgt, ermordet oder vertrieben. 1945 nahm die Hakoah ihre Tätigkeit wieder auf und unterhielt bis Mitte der 1950er Jahre nochmals eine Fußballabteilung.
Erst 1960 reiste wieder eine österreichische Fußballmannschaft in die USA. Der SK Rapid nahm unter Sektionsleiter Ernst Happel an der „International Soccer League“ einer US-amerikanischen Sommerfußballliga in New York teil.
Die Reise der Hakoah in den USA 1926 markiert einen Höhepunkt der österreichischen Fußballgeschichte. Sie zeigt eindrücklich, auf welch hohem Niveau sich der österreichische Fußball zu diesem Zeitpunkt befand. Die Tournee war Schrittmacher fußballerischer Weiterentwicklung und trug einen anerkennenswerten Teil zur Popularisierung des Fußballsports in den USA bei.












Kommentar schreiben
Kommentar schreiben
Kommentare
Keine Kommentare