
Plakate in der besetzten Arena, August 1976, Foto: Heinz Riedler, Wien Museum, Inv.-Nr. 301366/280
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Coming Out: Die erste emanzipatorische Schwulengruppe Wiens
„Schwul ist schön“
„Wir haben das Versteckspiel satt! Wir lassen unsere Persönlichkeit nicht mehr auseinanderteilen in heterosexuelle Maske und homosexuelle Wirklichkeit. Wir wollen nicht nur geduldet werden! Wir wollen Öffentlichkeit schaffen: nicht schüchtern um Sympathie oder Toleranz werben, sondern öffentliche Auseinandersetzung provozieren. […]“
(Neues Forvm, April 1976, S.67)
Mit dieser Anzeige stellte sich die erste informelle Schwulengruppe „Coming Out“ (CO) in der Zeitschrift „Neues Forvm“ vor. Die CO präsentierte sich der Wiener links-liberalen Leser:innenschaft als antipatriarchal und der sexuellen Revolution verpflichtet. Doch wie kam es zu ihrer Gründung und in welchem Milieu entwickelte sich die Gruppe?

Die Wirtschafts- und Umweltkrisen der frühen 1970er Jahre führten auch in Österreich zu einem gesellschaftlichen Umbruch. Junge Menschen forderten zunehmend Selbstbestimmung und alternative Lebensformen. Während sich sogenannte Neue Soziale Bewegungen (NSB) in anderen westlichen Ländern früher etablierten, entstanden sie in Österreich erst Anfang bis Mitte der 1970er Jahre. Aufgrund der vergleichsweise schwachen studentischen Bewegung von 1968 in Wien, orientierten sich österreichische Gruppen an westdeutschen Vorbildern – so auch die CO, die sich beispielsweise von der „Homosexuellen Aktion Westberlin“ (HAW) für ihre Themen und Aktionen inspirieren ließ.
Die Entwicklung der Bewegungen wurde durch das politische Klima unter Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) begünstigt, dessen Reformpolitik – etwa die sogenannte Kleine Strafrechtsreform 1971 – gesellschaftliche Freiräume eröffnete. Bis zu dieser Reform von 1971 war Homosexualität in Österreich strafbar. Aber auch danach blieb das Leben homosexueller Menschen durch den Einfluss der katholischen Kirche auf Politik und die öffentliche Meinung rechtlich eingeschränkt: zum Beispiel untersagte § 220 Werbung für Homosexualität, und § 221 stellte ein Vereinigungsverbot für Homosexuelle auf. Vor diesem Hintergrund blieb die CO, die sich 1975 vier Jahre nach der Reform gründete, eine Gruppe ohne Vereinsstatus.
Die CO-Info
In der alternativen Szene der 1970er Jahre wuchs die Vielfalt an selbstorganisierten Medien. Für NSB waren sie wichtige Mittel, um ihre Erfahrungen, Perspektiven und Kritikpunkte zu artikulieren. Zeitschriften dienten dazu, eine breitere Öffentlichkeit mit den eigenen Anliegen zu erreichen sowie Interessierte zu mobilisieren. Als historische Quellen machen sie heute nicht zuletzt auch die Diskussionen innerhalb und zwischen den unterschiedlichen Gruppen sichtbar. Das Medium der CO sollte die „CO-Info“ werden.
Die erste Ausgabe der (Bewegungs-)Zeitschrift „CO-Info“ erschien im Juni 1976 und wurde bis 1978 in unregelmäßigen Abständen insgesamt sechsmal veröffentlicht. Die Auflage betrug immerhin zwischen 200 und 600 Exemplaren – während die Redaktion nur mit einer Handvoll Aktivisten umgesetzt wurde. Ein Schlüsselakteur war CO-Mitglied und Redakteur Michael Hopp, der auch für das „Neue Forvm“ arbeitete. Über diese Verbindung konnte die CO bereits im April 1976 den eingangs zitierten Aufruf inklusive Kontaktadresse im „Neuen Forvm“ verbreiten.
Der Inhalt der „CO-Info“ deckte verschiedene Themen ab: Es gab einige Artikel zur Geschichte Homosexueller, Film- und Buchrezensionen, Neuigkeiten zur Wiener und internationalen Schwulenszene sowie Auszüge aus theoretischen Texten, wie etwa von Martin Dannecker. Zentraler Bestandteil der „CO-Info“ waren natürlich auch Ankündigungen von Veranstaltungen und Treffen der CO.
Verbindungen mit dem Wiener alternativen Milieu
Typische Veranstaltungen waren „Teach-ins“ (Infoveranstaltungen) oder Vorträge zu Themen wie „Homosexualität in der bürgerlichen Gesellschaft“. Offene Treffen dienten dazu, individuelle und kollektive Anliegen kennenzulernen. Dass die CO in einem eng vernetzten Raum agierte, zeigt sich zum Beispiel durch Ankündigungen dieser Treffen in den AUF-Mitteilungen, dem Infoblatt der Wiener „Aktion unabhängiger Frauen“ (AUF-Mitteilungen, 50, 1977). Die linken Bewegungen der 1970er standen im solidarischen Austausch – jedoch nicht ausschließlich, wie sich noch zeigen sollte.
Zentrale Orte für Gruppen des Wiener alternativen Milieus waren das Albert-Schweitzer-Haus oder der Club-Links, in dem neben der CO, die AUF und Gruppen der Neuen Linken regelmäßige Treffen, Feste und Diskussionen veranstalteten. Der Austausch unter den Gruppen förderte die Verbreitung von Ideen und Begegnungen. Ein besonders prägnantes Beispiel für die Verflechtung und zugleich für entstehende Konflikte war die Arena-Bewegung im Sommer 1976. Dabei wurde ehemaliger Schlachthof von Aktivist:innen besetzt und in ein alternatives Kulturzentrum verwandelt. Obwohl die Besetzung nur bis Oktober andauerte – die Stadt Wien setzte die Räumung durch –, unterstützten Gruppen wie die AUF, aber auch die CO das Projekt als selbstverwalteten Raum, in dem verschiedene Ideen umgesetzt werden konnten.


„Schwul ist schön – im COMING OUT könnt ihr’s sehn und selbst dann drauf stehn!“ – So machte die CO mit einem Plakat bei der besetzen Arena auf sich aufmerksam. CO-ler wollten sich stärker beteiligen, fühlten sich jedoch durch männlich dominierte Verhaltensmuster linker Aktivisten eingeschüchtert. In der „CO-Info“ wurde die Sorge geäußert, dass Homosexualität für viele Arena-Beteiligte nicht als relevantes Thema angesehen wurde (CO-Info 2, S.20-21). In der Forschung wird argumentiert, dass durch die Zusammenarbeit in der Arena ein Prozess der Differenzierung angestoßen wurde. Die Vielfalt der Gruppen im alternativen Milieu war zwar nicht neu, doch die intensive Zeit der Besetzung beschleunigte die Entwicklung und die Abgrenzung der Gruppen. (Foltin, 2004, S.116-120)

Feministisch, links oder Hauptsache schwul?
Einige CO-ler verstanden sich als Teil des politisch linken Spektrums, doch der Umgang anderer linker Gruppen mit schwulen Anliegen war ambivalent. In der „CO-Info“ kritisierten Autoren offen die Vernachlässigung schwuler Anliegen durch linke Organisationen. Sie wiesen darauf hin, dass (homo-)sexuelle Unterdrückung nicht als „Nebenwiderspruch“ abgetan werden dürfte. Ähnliche Erfahrungen machten AUF-Frauen und ärgerten sich über die regelmäßige Erklärung linker Gruppen bezüglich des Hauptwiderspruchs zwischen „Lohnarbeit und Kapital“. Wenn dieser erst behoben sei, würde die Unterdrückung von Frauen sowie Schwulen als „Nebenwiderspruch“ mitgelöst werden.
In der Kritik an dominanten Verhaltensweisen von Hetero-Männern, patriarchalen Strukturen und starren Geschlechterrollen stimmten CO und die Neue Frauenbewegung also überein. Doch die inhaltliche Parallele blieb eher Theorie, zu einer organisierten Zusammenarbeit kam es nicht. Die Frauen des AUF fühlten sich ebenso von den schwulen Männern der CO unterdrückt, sie sahen auch in ihnen das Patriachat und bevorzugten ihre eigenen Räume.

Unabhängig von Konflikten mit anderen Gruppen kam es auch innerhalb der CO zu Auseinandersetzungen über die eigene Ausrichtung. Für einige CO-Mitglieder war die Gemeinschaft in der Schwulengruppe befriedigender als jegliche politische Betätigung. Diese Debatte spitzte sich zu: Sollte politische Überzeugung oder homosexuelle Identität im Mittelpunkt der Organisation stehen? Ein erstes Resultat war die Aufspaltung innerhalb der CO in unterschiedliche Arbeitskreise: in eine Polit-Diskussionsgruppe, eine Selbsterfahrungsgruppe und eine Anti-Paragraphengruppe.
In diesem bereits angespannten Gemengelage war ein weiterer Konfliktherd der Anstoß zum finalen Aus der CO: Die „Arbeitsgruppe für kulturelle Aktivitäten" (AKI), ebenfalls ein informeller Zusammenschluss von homosexuellen Männern, mietete ab dem Frühjahr 1977 ein Kellerlokal in der Krummgasse im 3. Bezirk. AKI und CO arbeiteten anfänglich zusammen. Mit der Zeit wurde aber immer deutlicher, dass die AKI das Lokal als geselligen Ort für schwule Männer verstand, während die CO es für ihren politischen Aktivismus nutzen wollte. Der Streit entfachte sich schließlich an der Frage, ob Frauen in das Lokal eingelassen werden sollten. Die AKI verhängte ein Frauenverbot, die CO stellte sich dagegen, zog aus der Bar in der Krummgasse aus - und löste sich damit auf.
Der Versuch, eine kollektive Identität zu schaffen, war gescheitert. Der Forscher Wolfgang Förster verweist auf die inneren Widersprüche der CO „zwischen Klassenkampf und Integration, zwischen Selbstverwirklichung und politischen Zielen“ (Förster, 2001, S. 216). Worauf sollte der Fokus der Gruppe liegen? An dieser Frage zerbrach der Zusammenschluss. Auch spätere Entwicklungen der Schwulen- und Lesbenbewegung in Wien sollten sich darüber noch Gedanken machen. 1979 wurde die bis heute bestehende Homosexuelleninitiative Wien (HOSI) gegründet – zwar ohne eine dezidiert politisch linke Orientierung, dafür klar gegen die Diskriminierung von LGBTQ-Menschen in Österreich.

Literatur und Quellen:
Ulrike Repnik: Die Geschichte der Lesben- und Schwulenbewegung, Wien: Milena (2006).
Michael Handl: »Von Rosa Villen und Wirbeln und Homosexuellen Initiativen – Die österreichische Homosexuellenbewegung nach Stonewall«, in: Michael Handl u.a. (Hg.): Homosexualität in Österreich: Aus Anlass des 10jährigen Bestehens der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien, Wien: Junius (1989), S. 120–151.
Robert Foltin: Und wir bewegen uns doch, Wien: Edition Grundrisse (2004).
Wolfgang Förster: »Zwischen Provokation und Integration. Ein Vierteljahrhundert Schwulenbewegung in Österreich«, in: Wolfgang Förster u.a. (Hg.): Der andere Blick. Lesbischwules Leben in Österreich. Eine Kulturgeschichte, Wien: MA 57 Frauenförderung und Koordination von Frauenangelegenheiten (2001), S. 215–224.
Die CO-Info-Ausgaben und weiteres Quellen-Material sind im Qwien Archiv dokumentiert.







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