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Beatrix Kouba, 31.8.2026

Die Anfänge des Fallschirmspringens in Wien

Aus allen Wolken

Die experimentelle Phase des Fallschirmspringens dauerte lange – und kostete viele Menschenleben. Erst in der Zwischenkriegszeit sorgten neue Modelle für mehr Sicherheit, darunter ein in Wien entwickelter Rollfallschirm. Getestet wurde er auch von einigen heimischen Pionierinnen der „Luftkunst“.

Die Geschichte des Fallschirmspringens ist wesentlich älter als die moderne Luftfahrt. Sie besteht aus vielen Anekdoten über todesmutige Menschen, die von Türmen oder Ballonen sprangen, lange bevor es jemand aus einem Flugzeug wagte. 1804 fiel zum ersten Mal ein Mann über Wien aus den Wolken. Von einem Ballon aus sprang der belgische Erfinder Stefan Kaspar Robertson mithilfe eines Fallschirms direkt in den Prater. Rund zwanzig Jahre später, im Sommer 1826, wurde das Grünareal erneut zur Arena für Luftsprünge, als die Französin Élisa Garnerin als erste Frau in Wien von einem Heißluftballon aus zu Boden segelte. 

Technikbegeisterung und Sensationslust locken die Massen an, auch in Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Regelmäßig strömten tausende Neugierige zum Flugfeld Wien-Aspern, um sich von Schauflügen begeistern zu lassen. Rund 20.000 Menschen, weit mehr als erwartet, kamen am Ostersonntag 1914, um Zeug:innen eines besonders waghalsigen Manövers eines „Luftkünstlers“ zu werden. Der Franzose Jean Bourhis sollte aus einem Flugzeug in 400 Metern Höhe springen – eine Premiere für Wien. Doch das Experiment endete im Desaster: Beim Absprung verhedderte sich der Stoff im Höhensteuer und brachte das Flugzeug zum Absturz. Bourhis und der Pilot Lemoine taumelten in die Tiefe. Beide überlebten, der Pilot wurde schwer verletzt. Die Wiener Allgemeine Zeitung übte daraufhin scharfe Kritik: „Jedenfalls ist dieser Fallschirmsprung eine viel zu gefährliche Sache, um sie zum Gegenstand einer Zirkusproduktion zu machen, und Menschenleben sind wohl mehr als eine Entreekarte wert“.

Der Traum vom sicheren Sprung

Das Unglück in Aspern war kein Einzelfall. Überall in Europa wurde mit Prototypen experimentiert, oft mit fatalen Folgen. In Frankreich stürzte der Österreicher Franz Reichelt 1912 mit einem selbstgenähten Fallschirm vom Eiffelturm in den Tod. 

Zeitgleich entwickelten Tüftler wie der Russe Gleb Kotelnikow oder die deutsche Luftfahrtpionierin Käthe Paulus erste Rucksack- und Paketfallschirme. Mediale Berichte über abstürzende Fallschirmspringer:innen häuften sich. Wie viele andere, verfolgte auch Josef Eschner die Artikel mit Interesse. Der Wiener Kapellmeister und Schneider hatte erfolglos ein Musik-Café in Floridsdorf betrieben, ehe er bei einer Firma für Flugzeugteile anheuerte. Seine Neugierde für die Luftfahrt war damit geweckt und in ihm keimte eine Idee: „Ich las immer von Erfindungen, welche dazu berufen sind, Menschen zu töten. Ich wollte aber etwas erfinden, das Menschen rettet“, meinte er Jahre später in einer Radiosendung.
 

Eschners Rollfallschirm

Sieben Jahre lang tüftelte Josef Eschner an seiner Vision eines sicheren Rettungsfallschirms. „Da ich in meiner Wohnung durch das Ausprobieren der Modelle Einrichtungsgegenstände beschädigt hatte und ich außerdem des Öfteren mit dem einem Spielzeug gleichenden Modell verlacht wurde, suchte ich nach einem geeigneten Platz, wo ich, ohne als Narr zu gelten, ungestört meine Versuche durchführen konnte“, erinnerte sich Eschner später in dem Rundfunkbeitrag. Den Ort fand er schließlich in der Rossauerkaserne. Als Eschner 1930 dort im Beisein von Veteranen des Ersten Weltkriegs sein erstes Modell aus einem Kasernenfenster warf und sich der Mechanismus zuverlässig öffnete, schlug Skepsis in Begeisterung um. Er fertige weitere Prototypen an und präsentierte sie im Varieté Ronacher der Presse.

Eschners „Rollfallschirm“ war keine Neuerfindung des Fallschirms, sondern eine technische Erweiterung: Anstatt den Stoff zu falten, wurde er eingerollt. Zwei kräftige Stahlfedern sorgten dafür, dass der Schirm beim Auslösen förmlich aus seinem Paket „geschossen“ wurde, anstatt sich langsam zu entfalten. Das System war so konzipiert, dass es in fast jeden bestehenden Fallschirm integriert werden konnte. Und es öffnete sich bereits nach wenigen Höhenmetern. Trotz des medialen Interesses hielt sich das der Hersteller zurück. Erst 1931, nach Jahren der Verfeinerung, war es so weit: Eschner ließ seinen ersten Testspringer mit dem Rollfallschirm vom Himmel fallen.

Die Elite der Lüfte 

Als „Versuchskaninchen“ diente ihm ein Bekannter, der Jungflieger Hans Frank. Im Sommer 1931 stürzte er sich vor den Augen tausender Zuseher:innen aus einem Flugzeug in 700 Meter Höhe – und landete sicher. Zwei Jahre später ließ Eschner eine Gruppe Fallschirmspringer:innen in Aspern die Zuverlässigkeit des Rollfallschirms aus unterschiedlichsten Höhen demonstrieren. In dieser euphorischen Atmosphäre entwickelte sich in Wien eine kleine, bemerkenswerte Szene von Pionier:innen des Fallschirmspringens. Neben Eschners ehemaligem Kellner Karl Simandl und dem Soldaten Willy Kloucek gehörte die Schauspielerin Poldi Ruzicka zu den zentralen Figuren. Das Fallschirmspringen wurde in Wien zunehmend professioneller, was sich auch darin zeigte, dass kurze Zeit später Fallschirmsprungprüfungen gesetzlich verpflichtend wurden.

In einer Zeit, in der sie von Männern in vielen gesellschaftlichen Bereichen – insbesondere im Sport – eingeschränkt wurden, bot das Fallschirmspringen Frauen eine spektakuläre Bühne für öffentliche Selbstbehauptung. Josef Eschner hielt in seinen Aufzeichnungen fest: „Erstaunlicherweise ist es meist das weibliche Geschlecht, welches den Mut hierzu besitzt. In Österreich hat das Bundesministerium für Handel und Verkehr insgesamt neun Zertifikate für Fallschirmspringer ausgestellt, sechs Herren und drei Damen, die ausnahmslos mit meinem Rollfallschirm die Prüfung abgelegt haben.“ Diese Prüfungen waren trotz aller Verbesserungen nicht ungefährlich. 

Die ehemalige Schauspielerin der Jarno-Bühnen, Poldi Ruzicka, legte ein stürmisches Debüt hin. Sie hatte einige Monate vorher Fallschirmabsprünge bei einem Flugmeeting in Aspern beobachtet und wollte selbst springen. Während ihres Absprungs wurde Ruzicka von einer Sturmböe erfasst und fast einen Kilometer weit vom Flugfeld in das elektrische Leitungsnetz der Straßenbahn abgetrieben, wo sich ihr Fallschirm verfing. Aus der brenzligen Situation konnte sie sich schließlich selbst befreien. „Zwei Minuten dauerte das Schauspiel, dann eilte man dem Piloten entgegen und nun brach tosender Jubel aus, als die Zuschauer bemerkten, dass es gar kein Springer, sondern eine Springerin sei, die erste Frau, die diese Prüfung des Mutes, der Geistesgegenwart und Geschicklichkeit in Österreich abgelegt hat“, berichtete die Kleine Volkszeitung 1933 über die 25-Jährige. Poldi Ruzicka ging als erste Fallschirmspringerin Österreichs in die Geschichte ein.

Gleichzeitig trat eine weitere Fallschirmspringerin ins Rampenlicht: Anny Holicke. Ihre Leidenschaft für den Luftsport wurde ihr offenbar in die Wiege gelegt. Neben zwei Schwestern wuchs sie mit zwei Brüdern auf, die beide als Feldpiloten und Amateurflieger tätig waren. Ihre Lufttaufe erhielt sie mit 14 Jahren, als sie mit einem der beiden von Kopenhagen nach Berlin flog. Eigentlich akademische Kunstmalerin, erwarb Holicke (geborene Pichl) mit 33 Jahren ihre Lizenz zum Fallschirmspringen und mauserte sich schnell zur „bekannten Sprunggröße“. Auch sie trieb der Sturm während ihrer Prüfung vom geplanten Landeplatz ab und auf das Dach eines Flugzeughangars. Sie blieb unverletzt. In einem Interview mit der niederländischen Presse beschwichtigte sie. „Man hat eigentlich nicht das Gefühl, dass man hinunterfällt, es scheint vielmehr als käme einem die Erde entgegen“. 

Ihr Enthusiasmus für den Flugsport ließ sie ihren Wohnsitz näher an den Flughafen verlegen. Ihre Zeit verbrachte sie am liebsten am Hangar und in Flugzeugen. Bei Wettbewerben räumte sie Preise ab - im Jahr 1938 einen besonders extravaganten: ein Löwenbaby. Zunächst wusste sie wenig mit dem Raubtier anzufangen, so Urenkelin Ingeborg Altgrübl in einem Gespräch über die Familienanektdote. Sie brachte das Tier im Garten ihres Reihenhauses in Stadlau unter. Später übergab sie den Löwen in die Obhut eines Tiergartens.

Kriegswaffe statt Rettungsschirm

Die mutigen, spektakulären Performances der Luftakrobatik weckten auch anderweitig Interesse. Wie schon im Ersten Weltkrieg sah man im Fallschirm Vorteile bei militärischen Einsätzen. Josef Eschner meldete 1935 ein landesweites Patent für seinen Rollfallschirm an, der finanzielle Erfolg blieb trotzdem aus. Als es 1938 zum „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich kam, hielt Eschner kein weltweites Patent in den Händen. Die Konkurrenz von deutschen Fallschirmprojekten war groß. Der Wiener, der der NSDAP beitrat, hoffte dennoch, mit Aufträgen von Seiten der Wehrmacht Fallschirmbau in großem Stil  betreiben zu können. Sein Rollfallschirm öffnete sich schon in geringen Fallhöhen von rund 45 Metern Höhe und damit schneller als andere Modelle. Fallschirmspringer konnten im Kriegseinsatz leichter von feindlichen Kugeln verletzt werden, wenn sie im langsamen Flug zur Erde glitten. Fallen sie hingegen 30 bis 40 Meter pro Sekunde und öffnen den Rettungsschirm erst knapp über der Erde, wären sie kein so einfaches Ziel mehr. 

In der Voltagasse in Floridsdorf richtete Eschner 1939 eine großangelegte Produktionsstätte ein. Das Unternehmen fusionierte später mit einer Textilfirma und beschäftigte rund 240 Mitarbeiter:innen. 1943 musste Eschner feststellen, dass es nicht mehr Rollfallschirme waren, die er für seine Auftraggeber produzierte. Es handelte sich um Transportfallschirme, die seine Mitarbeiterinnen aus den blutverschmierten Schirmen verunglückter Fallschirmjäger fertigen sollten. Da seine Firma für die deutsche Wehrmacht produziert hatte und damit als Rüstungsfirma tätig war, erwarteten Eschner bei Kriegsende in Wien persönliche Schwierigkeiten. Er flüchtete mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen vor den russischen Truppen und zog nach Tirol. 1948 kehrte er nach Wien zurück und arbeitete im Familienbetrieb weiter an neuen Fallschirmmodellen. 

 

Quellen (Auswahl): 

Eschner, Peter: Schweben. Das Leben des Josef Eschner – vom Taktstock zum Fallschirm. Wien. Eigenverlag. 2002.

Schager Courant. 23.01.1937
Wiener Allgemeine Zeitung. 14.4.1914
Ostdeutsche Rundschau, 15.4.1914
Illustrierte Kronen Zeitung. 13.9.1933
Illustrierte Kronen Zeitung, 9.2. 1938
Der Wanderer. 1826 
Deutsches Patent- und Markenamt 
Die Stunde. 19.9.1933
Arbeiter Zeitung. 18.09.1933 
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Fallschirmspringen

Beatrix Kouba studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Wien und Valencia und machte einen Ausflug in die Vergleichende Literaturwissenschaft. Sie arbeitet seit rund zehn Jahren als TV-, Print- und Onlinejournalistin. Für Sorority schreibt sie Texte rund um Frauenthemen.

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