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Andreas Gruber , 2.7.2026

Eine Ansichtskarte mit kaiserlicher Überraschung

Elisabeths letzte Show

Auf den ersten Blick ist es eine unspektakuläre Ansichtskarte von einem „Kaisereinzug“ im August 1896. Auf den zweiten Blick entpuppt sie sich als überraschende Quelle zur Biografie der Kaiserin Elisabeth. Eine Spurensuche zwischen Repräsentation und Image, zeitgenössischer Berichterstattung und diplomatischer Mission.

Auch unspektakuläre Ansichtskarten mit stereotypen Bildmotiven und kaum lesbarer Handschrift können mitunter überraschende Einsichten eröffnen: Sie ermöglichen einen neuen Blick auf vermeintlich Bekanntes oder machen Ereignisse sichtbar, die im kollektiven Gedächtnis in den Hintergrund getreten sind. Die hier abgebildete Karte ist ein gutes Beispiel dafür: In schlichtem monochromen Lichtdruck, mit einer zugegebenermaßen hübschen Umrandung, zeigt sie die Ringstraße mit Parlament und Rathaus und ist mit den Aufdrucken „Gruß aus Wien“ und „Franzensring“ versehen (Abb. 1). Der schlechte Erhaltungszustand trägt auch nicht gerade zur Attraktivität der Karte bei. Sie wurde am 28. August 1896 von Luis[e] aus Wien an einen Hans in Frankfurt gesendet, und zwar via Franziska Heister. Der/Die Absender:in steht wohl in Zusammenhang mit der Familie der Christian-Ludwig-und-Franziska-HEISTER-Stiftung zur Unterstützung von „verschämten Armen“ in Frankfurt (Abb. 2).

In der Mitteilung erfährt man, dass die schreibende Person bei einem Kaisereinzug dabei war. Eine recht ungewöhnliche Nachricht, die Anlass zu weiteren Nachforschungen gab: Gemeint ist der Staatsbesuch des russischen Kaisers Nikolaus II. und seiner Gemahlin Alexandra Feodorowna in Wien vom 27. bis 29. August 1896. Die beiden unternahmen im Spätsommer und Herbst 1896 infolge ihrer Kaiserkrönung eine Reise durch Europa mit den Stationen Österreich, Deutschland, Dänemark, Großbritannien und Frankreich. Diese Tour diente dazu, persönliche Beziehungen zu anderen Monarchen zu pflegen und politische Allianzen zu festigen. Das erste Ziel der Reise war der Wiener Hof (Abb. 3). Eine detaillierte Beschreibung des Ereignisses wurde im Wiener Salonblatt vom 30. August 1896, S. 1-12 wiedergegeben (Abb. 4). Demnach wurden der russische Kaiser und seine Gemahlin am Nordbahnhof vom österreichischen Kaiserpaar sowie einer großen Entourage empfangen (Abb. 5). Von dort zog der Tross unter großem Pomp zur Hofburg. Die Hoheiten fuhren dabei in offenen, reich vergoldeten vierspännigen Galawagen entlang der Praterstraße (Abb. 6), durch zwei im russischen Stil errichtete Ehrenpforten am Schwarzenbergplatz (Abb. 3) und über die prachtvoll geschmückte Ringstraße zur Hofburg. Tausende Schaulustige waren Zeugen dieses Spektakels. Neben diplomatischen Terminen wartete auf die Gäste aus Russland bis zum 29. August ein dichtes Programm: Unter anderem ein Galadiner in der Hofburg, eine Aufführung in der Hofoper, ein Hofkonzert, eine Pirsch im Lainzer Tiergarten (Zar), ein Besuch im Kunsthistorischen Museum (Zarin), ein Familiendiner in der Hermesvilla bis zu einer aufgrund Schlechtwetters auf den letzten Tag verschobenen Militärparade am Truppenübungsplatz auf der Schmelz (Zar) (Abb. 8).

Die eigentliche Sensation dieser Russischen Kaisertage, wie die Tagespresse den Staatsbesuch nannte, war für die Wiener Bevölkerung und einen Großteil der geladenen Gäste des Galadiners allerdings, Kaiserin Elisabeth nach langer Zeit wieder zu Gesicht zu bekommen. Die Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn hatte sich spätestens seit dem Tod ihres Sohnes, des Kronprinzen Rudolf, Ende der 1880er Jahre, dem öffentlichen und höfischen Leben gänzlich entzogen. Ihre Teilnahme bei den Kaisertagen war in den Monaten davor angekündigt, konnte aber zwischenzeitlich nie ganz sicher bestätigt werden. Letztendlich war Elisabeth anwesend, und das Wiener Salonblatt bemerkte wohlwollend, dass „sogar die reizumflossene Kaiserin aus ihrer Zurückgezogenheit hervortrat, aus der Stille ihrer Villegiatur, aus ihren geliebten Bergen und Tälern herbeieilte, um die liebreizende Fürstin aus dem Norden zu begrüßen und in ihr Haus zu führen.“ Auch Luis hat Kaiserin Elisabeth erblickt, wie wir noch erfahren werden. Dies geschah also nicht zufällig während einer ihrer zahlreichen Inkognito-Reisen oder Kuraufenthalte, sondern bei Sisis letztem offiziellen öffentlichen Auftritt, bei dem sie ihren Repräsentationspflichten nachkam.

Der Kaiserbesuch fand zwei Jahre vor ihrem gewaltsamen Tod in Genf und drei Monate nach ihrem heute bekannteren, politisch bedeutenderen Auftritt anlässlich der Millenniumsfeierlichkeiten von Ungarn in Budapest statt. In Wien war sie davor zum letzten Mal im Jahr 1879 anlässlich ihrer Silberhochzeit mit Kaiser Franz Joseph beim Makart-Festzug für die Öffentlichkeit zu sehen. 

Bei diesen offiziellen Anlässen absolvierte Kaiserin Elisabeth lediglich kurze Auftritte bei den unbedingt erforderlichen Terminen, was ihr von vielen Seiten Kritik und Häme einbrachte. Dadurch entfremdete sie sich insbesondere auch immer mehr von der Bevölkerung. Auch bei den Kaisertagen zog sie sich nach dem feierlichen Einzug sowie dem Gala- und Familiendiner zurück und blieb sämtlichen weiteren Programmpunkten fern. Erst zur Verabschiedung des Zarenpaares am Bahnhof trat sie wieder in Erscheinung.

Letztendlich berichtete aber Kaiser Franz Josef zufrieden Katharina Schratt: „Der russische Besuch ist sehr gut abgelaufen, die Majestäten waren gut aufgelegt (…) besonders beim Blumengeschmückten, sehr gemühtlichen Familien Diner in Lainz“ (Michaela Lindinger, Die dunkle Kaiserin, S. 54). Auch das russische Kaiserpaar soll von Elisabeth nachhaltig beeindruckt gewesen sein. Die Hofdame der Zarin Alexandra, Baronin Sophie Buxhoeveden, schreibt verklärend in ihrer 1928 erschienenen Biografie über Alexandra Feodorowna: „Der Kaiser und die Kaiserin gerieten sofort in den Bann der romantischen Persönlichkeit der Kaiserin Elisabeth und vergaßen nie das Bild der Anmut, das sie beim Staatsbankett in der Hofburg abgab.“ 

Dieses Ereignis stieß in der in- und ausländischen Presse auf reges Interesse, durchaus auch mit satirischem bis sozialkritischem Einschlag wie in der Zeitschrift Figaro: „Besichtigung der G’schnas-Dekorirung. – Ah, das is nach dem Muster des Kreml! – Krempl, Freund Krempl!“ (Abb. 9). Berichte in Zeitschriften und Illustrierten wurden meist mit Holzstichen nach Fotografien der Verlagsanstalt Lechners k. u. k. Hof- und Universitätsbuchhandlung im Besitz von Wilhelm Müller illustriert (Abb. 6 und 7). Es existieren aber auch idealisierte Illustrationen mit vor Ort angefertigten Skizzen und Zeichnungen (Abb. 3, 5, 8).

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Für eine grafische Darstellung des Galadiners nach einem Aquarell von Lajos Halmi im Kaiser Jubiläums Druckwerk „Viribus unitis. Das Buch vom Kaiser“ (Hg. v. Max Herzig, Budapest, Wien, Leipzig, 1898, S. 59), wurde für die Abbildung Elisabeths ein Fotoporträt als Vorlage herangezogen, welches einer dreißg Jahre älteren Fotografie von Emil Rabending (Abb. 10) sehr ähnlich ist. Nach ihrem 30. bis 32. Lebensjahr – die Fachliteratur gibt hier unterschiedliche Jahreszahlen an – ließ Kaiserin Elisabeth bekanntermaßen keine Porträtfotografien mehr von sich anfertigen, um den Mythos ihrer Schönheit und ewigen Jugend aufrechtzuerhalten und zu nähren. Elisabeth gilt heute als eine Pionierin der bewussten Bildinszenierung und des Image-Control. Alle späteren Darstellungen auf Gemälden, in Zeitungen, Zeitschriften oder auf Ansichtskarten greifen auf frühere Fotografien zurück, die immer wieder variiert und überarbeitet wurden. In dieser Illustration rückt der Künstler Kaiserin Elisabeth ins Zentrum des Geschehens. Dies wird dadurch zusätzlich betont, dass sie, im Gegensatz zu den übrigen Akteuren, die sich dem Kaiser zuwenden, ihren Blick direkt auf den Betrachter richtet. Sie wird als eine Kaiserin dargestellt, die in Würde und Schönheit kaum gealtert ist. Elisabeth trägt laut Wiener Salonblatt ein Faille-Kleid mit Schleppe und Kreppkrause und einen am Hinterkopf herabfallenden, transparenten Schleier – alles in Schwarz gehalten. (Abb. 11).

Die Kaisertage sind auch fotografisch gut dokumentiert und wurden von den bekanntesten Hoffotografen der damaligen Zeit festgehalten. Nachzulesen ist dies in der Neuen Freien Presse vom 28. August 1896, S. 7: R. Lechners k. u. k. Hof- und Universitätsbuchhandlungim Besitz von Wilhelm Müller veröffentlichte bereits am Nachmittag desselben Tages eine Fotoserie, die den Einzug der Kaiserpaare aus größerer Entfernung, in erhöhter Perspektive und von mehreren Standorten aus zeigt – vermutlich nicht ohne entsprechende Vorgaben aus dem Kaiserhaus. Wie bei den meisten Fällen der Firma Lechner/Müller sind auch hier die Fotografen der Serie nicht bekannt. Teile davon werden heute im Wien Museum und in der Österreichischen Nationalbibliothek verwahrt (Abb. 12-20)

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Auf diesen Aufnahmen ist zu sehen, dass sich Kaiserin Alexandra und Kaiserin Elisabeth eine von vier Braunen gezogene Kutsche teilen. Alexandra trägt ein strahlendes, laut Presseberichten „blassblaues“ Kleid, während Elisabeth – der Kontrast könnte nicht größer sein – in ihrer obligatorischen schwarzen (Trauer)kleidung zu sehen ist, die sie seit dem Tod des Kronprinzen Rudolf zu tragen pflegte. Den etwas unscharfen Fotografien nach zu urteilen, ist nicht klar, ob Elisabeth einen Fächer dabei hatte, mit dem sie sich gewöhnlich vor den Blicken und Kameras Fremder schützte. Auf einigen Aufnahmen scheint zwar der untere Teil ihres Gesichts leicht verdeckt, es sieht aber eher so aus, als habe sie ihr Gesicht tief in den hohen Kragen ihres laut Salonblatt mit Atlasbändern gesäumten schwarzen Seidenplüschmantels gezogen. Ein ähnlicher schwarzer knöchellanger Mantel mit dazugehörender Kopfbedeckung ist im Sisi-Museum ausgestellt. Auf Abb.19 und 20 hingegen befinden sich die beiden Kaiserinnen in einem Gespräch, und Elisabeths Gesicht ist unter dem Kapotthut deutlich und vollständig erkennbar. Die Neue Freie Presse hebt ein Bild der Serie besonders hervor, bei dem der Wagen der Kaiserinnen das Tegetthoff Monument passieren, da es ein ungemein scharfes Miniatur-Porträt unserer Kaiserin zeigt“  (Abb. 12 und 13?). Eigentümlicherweise ist Sisis Körperhaltung auf vier von fünf Fotos leicht nach vorne gebeugt und der Kopf leicht nach unten geneigt, wodurch sie aus der Ferne etwas kränklich wirkt. Abb. 18 zeigt jedoch den wahren Grund für diese Körperhaltung: Die Kaiserin liest, völlig unbeeindruckt von der Menschenmenge um sie herum. 

In einem separaten Galawagen davor, gezogen von vier Schimmeln, sind Nikolaus II. in österreichischer und Kaiser Franz Joseph I. in russischer Uniform zu sehen. (Abb.14, Abb. 16). Weitere nicht vorhandene Aufnahmen zeigten die Fahrt von Kaiser Franz Joseph zum Nordbahnhof sowie den Aufmarsch der Truppen in der Praterstraße.

In der Österreichischen Nationalbibliothek haben sich zudem eine prunkvoll ausgestattete Erinnerungsmappe aus dem Besitz des Kaisers mit zehn Aufnahmen des Hoffotografen Charles Scolik, sowie vier großformatige Fensterbilder, also gerahmte Glasdiapositive, erhalten. Scolik fotografierte den Einzug der Kutschen durch die Ehrenpforten am Schwarzenbergplatz (Abb. 21-23) und insbesondere Szenen der Militärparade auf der Schmelz (Abb. 24-27). Als weiterer Fotograf des Ereignisses wird Hoffotograf Josef Löwy genannt, dessen Fotografen Aufnahmen am Praterstern und am Schwarzenbergplatz durchführten. Diese Aufnahmen konnten innerhalb dieses Rahmens nicht ausfindig gemacht werden.

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Von dem Staatsbesuch wurden wohl keine offiziellen Porträtaufnahmen der beiden Kaiserpaare angefertigt – nicht zuletzt, weil Kaiserin Elisabeth das Fotografiertwerden verweigerte. Von den Visiten bei anderen Herrscherhäusern existieren derartige Aufnahmen, was wohl auch den näheren Verwandtschaftsverhältnissen geschuldet ist. Das Wiener Salonblatt erwähnt zusätzlich, dass Fürstin Irma von Fürstenberg einen fotografischen Apparat zum Bahnhof mitgebracht hatte, mit dem sie zwei Bilder aufnahm: Kaiser Franz Joseph I. in russischer Uniform sowie die Begrüßung der Majestäten.

Als weiterer Amateurfotograf darf Gustav Klaubert mit seiner Aufnahme vor dem Kaisereinzug herausgegriffen werden (Abb. 28).

Mit den ersten öffentlichen Filmvorführungen der Brüder Lumière Ende 1895 in Frankreich betrat ein neues Medium die Bühne, das mit der Projektion bewegter Bilder die visuelle Kultur und die Wahrnehmung der Welt nachhaltig veränderte. Um das neue Medium zu verbreiten, das zunächst vor allem als Jahrmarktnovität wahrgenommen wurde, entsandten die Brüder Lumière ihre Operateure durch ganz Europa. Diese sollten Filmaufnahmen anfertigen und sie zugleich einem staunenden Publikum vorführen. Die erste Vorführung in Wien fand im Mai 1896 in der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt statt. In Wien drehte der Operateur der Brüder Lumiere mehrere Filme, zum Beispiel Szenen des Wiener Straßenlebens oder eine Szene aus dem Hippodrom Freudenau. Insgesamt sind sechzehn Filme in Österreich-Ungarn entstanden, die für Vorführungen erworben werden konnten. Alle haben sich erhalten und können im Gesamtverzeichnis der Lumière Filme eingesehen werden.  

Die Europareise des Kaiserpaares stand ganz im Zeichen des neuen Mediums Film. Nikolaus II. zeigte sich als passionierter Amateurfotograf technischen Neuerungen im Bereich der Fotografie gegenüber ausgesprochen aufgeschlossen. Filmaufnahmen der Brüder Lumière von dieser Reise dienten darüberhinaus einer gezielten Imagekorrektur, da das Ansehen des russischen Kaiserpaares erheblich beschädigt war. Auslöser dafür war die tragisch verlaufene Krönungsfeier: Während der Feierlichkeiten kam es bei einem Volksfest zu einer Massenpanik, in der schätzungsweise 1.300 Menschen zu Tode getrampelt wurden. Die Lumière-Kameramänner waren bei zwei Stationen der Reise vor Ort. In Deutschland und Frankreich entstanden mehrere Filmaufnahmen des Zarenbesuchs, etwa der Film Guillaume II et Nicolas II à cheval. Bereits zuvor war auch die Krönung des russischen Kaiserpaares filmisch festgehalten worden. Heute gelten diese Filme als die frühesten Beispiele monarchischer Aufnahmen. Für die Brüder Lumière waren derartige Großereignisse natürlich ein ideales, massentaugliches Mittel, um das neue Medium zu propagieren. Aus England haben sich zudem Filme aus dem privaten royalen Umfeld des Zarenbesuchs erhalten. Der Wienbesuch des russischen Kaiserpaares wurde von Firma Lumière laut deren Datenbank nicht filmisch dokumentiert. 

Aber Österreich hinkte in Sachen Kinofilm keineswegs hinterher. Die k.u.k. Hof- und Universitätsbuchhandlung Rudolf Lechner/Wilhelm Müller war für ihre fotografischen Momentaufnahmen von Paraden und anderen Ereignissen bekannt. Darüber hinaus war sie erste Adresse für den Erwerb fotografischer Ausrüstung; insbesondere Amateurfotograf:innen und Angehörige des Adels zählten zur Klientel. Das Unternehmen galt als besonders innovativ und war stets bestrebt, die modernsten Geräte und technischen Neuerungen anzubieten. Im Juli 1896 brachte Müller den Cinégraphen und den Cinématographen (man findet unterschiedliche Schreibweisen) zur Aufnahme und Projektion von bewegten Bildern auf den Markt (Das Vaterland, 5. Juli 1896 S. 6). Die Filmkamera war nach dem Vorbild des Apparates der Brüder Lumière gefertigt, war aber leistungsfähiger, da er mehr Bilder pro Sekunde aufnehmen konnte. Laut Lechners Mittheilungen der Literatur und Kunst, der Photographie und Kartographie vom 1. Juli 1896 (S. 12) wurden bereits vor Juli in den Geschäftsräumen der Firma Filme vorgeführt, überwiegend Produktionen der Brüder Lumière. Da der Titel Venedig in Wien weder im Lumière-Verzeichnis noch in der Liste der bekannten Filme der Firma aufgeführt ist, stellt sich die Frage, ob es sich dabei möglicherweise um einen sehr frühen, namentlich erwähnten Film österreichischer Produktion, am naheliegendsten von der Firma Müller/Lechner, handelt. Die Photographische Korrespondenz (1896 Nr. 431, S.410) berichtet von einer offiziellen Probevorstellung des Apparats am 15. Juli im Kartendepot der Lechner‘schen Hof-Kunsthandlung, zu der Müller Sachverständige aus fotografischen Kreisen geladen hatte. In erster Linie wurden wieder Lumière Filme gezeigt. In den folgenden Monaten häufen sich jedoch Hinweise auf eigens mit der Lechner-Filmkamera aufgenommene Demonstrationsfilme für Vorführzwecke. Als bahnbrechend galt insbesondere die Aufnahme des freigelegten, pulsierenden Herzens eines narkotisierten Hundes, die auf Veranlassung des Herzspezialisten Dr. Ludwig Braun am 19./20. November 1896 unter „freundlicher Bereitwilligkeit des Wilhelm Müller“ (Wiener Klinische Wochenschrift 1896, S. 1207) und von Müllers „Werkführer“ ausgeführt wurde (Lechners Mittheilungen, 1. Nov. 1897, S. 3, Abb. 29)

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Das Ausloten der Einsatzmöglichkeiten des neuen Mediums für Wissenschaft und Forschung knüpft an die Tendenzen in der Frühzeit der Fotografie in Wien an. Weitere Filme der Firma Lechner/Müller beinhalteten Sujets wie die Burgmusik (Neue Freie Presse vom 26. Januar 1897, S. 5), Szene aus dem Ashantidorf im Tiergarten sowie Reitmanöver aus der Josefstädter Reiterkaserne (Lechners Mittheilungen vom 1. Februar 1897, S. 8–9) (Abb. 30).

Der langen Rede kurzer Sinn: Laut der Neuen Freien Presse vom 28. August 1896 (S. 7) kam der Lechner/Müller-Cinégraph auch beim Kaisereinzug zum Einsatz. Mit diesem Apparat fertigte die Firma am Schwarzenbergplatz zwei lebende Porträts an – so wurden derartige Kurzfilme damals in Wien bezeichnet. Der Operateur ist nicht bekannt, womöglich der weiter unten erwähnte (Werkführer?) Herr E. Rieck. Hinweise auf Aufführungen der Filme vom Kaisereinzug finden sich in weiterer Folge in den Tageszeitungen allerdings nicht mehr. Die Lechner/Müller’schen Filme dürften aber ohnehin nur zu Demonstrationszwecken entstanden sein und somit existierten im Vergleich zu den Lumière Filmen wohl sehr wenige Kopien. Sehr wahrscheinlich misslangen diese beiden Aufnahmen aber aufgrund der überlieferten ungünstigen Witterungsverhältnisse (Abb. 28), denn wie in der Frühzeit der Fotografie war auch beim Film pralles Sonnenlicht für eine optimale Belichtung unumgänglich. Womöglich ereilten Filmen der Brüder Lumière ein ähnliches Schicksal, sofern sie überhaupt in Wien vor Ort gewesen waren und den Einzug gefilmt haben. Laut der Photographischen Correspondenz 1898, Nr. 450 (S.160) und einiger Tageszeitungen fand am 4. Februar 1898 im Palais von Erzherzog Friedrich ein „Projektionsabend“ der Firma Lechner/Müller statt, dem auch Kaiser Franz Joseph beiwohnte. Neben der Vorführung von Diapositiven von Erzherzogin Isabella und eines Phonographen präsentierte Wilhelm Müller unter der Assistenz von E[rnst] Rieck mit seinem Kinématographen „eigene Aufnahmen und andere bewegte Bilder“. Es wäre naheliegend, dass bei dieser Gelegenheit auch die beiden Filme des Kaisereinzugs vorgeführt wurden, falls doch vorhanden, obwohl sie in den zeitgenössischen Berichten darüber keine ausdrückliche Erwähnung fanden. Nichtsdestotrotz bleibt die Vorstellung faszinierend, dass auf diesen verschollenen Kurzfilmen Kaiserin Elisabeth zu sehen gewesen sein muss. Ein Wiederauffinden der Filme von Wilhelm Müller, der mit seiner Firma Lechner/Müller zu den maßgeblichen, heute jedoch weitgehend in Vergessenheit geratenen Wegbereitern der österreichischen Kinematografie zählt, erscheint jedoch äußerst unwahrscheinlich. Nicht zuletzt deshalb, weil das Geschäftslokal des Unternehmens am Graben 31 im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, und der Firmensitz und das Produktionsgebäude in der Schanzstraße – an dessen Stelle sich bis vor wenigen Jahren das Zentraldepot des Wien Museums befand – nach Beenden der Kameraproduktion in der Zwischenkriegszeit in den Besitz des Dorotheums überging. Der größte Teil des ursprünglichen Gebäudes wurde abgerissen und in seiner heutigen Form neu errichtet. Sämtliche oben genannten Filme der Firma Lechner/Müller haben sich nicht erhalten. Generell existieren keine österreichischen Filme vor 1903. 

Nach diesen durch die Ansichtskarte angestoßenen historischen und mediengeschichtlichen Exkursen kehren wir nun wieder zu ihr selbst zurück, denn nun folgt die eigentliche Pointe. Die begrenzte Textfläche auf der Bildseite der Karte – ein Text auf der Adresseite war damals unzulässig – bot der schreibenden Person keinen Raum für eine ausführliche Schilderung des Einzugs, nur für die Verdichtung ihrer für uns heute überraschenden Beobachtung:

„[…] die Kaiserin von Österreich sah […] sehr schlecht aus“.

Diese in ihrer Unmittelbarkeit frappierende Feststellung steht im Gegensatz zu den idealisierten Darstellungen und ihrem bis heute nachwirkenden Mythos. Die Versicherung der Schreiber:in, „alles sehr gut gesehen“ zu haben, darf allerdings auch durchaus angezweifelt werden. Denn die überlieferten Fotografien zeigen, dass die Absperrung für die Bevölkerung entlang der Ring- und Praterstraße einige Meter hinter zweireihig Spalier stehenden Soldaten des k.u.k. Infanterie-Regiments Alexander I. Kaiser von Russland Nr. 2 verlief (Dank an Peter Steiner aus dem Heeresgeschichtlichem Museum für die Identifizierung). Ähnliches wurde auch im Figaro vom 29. August 1896 vermutet: „Da wird der schlichte Bürger, der ka Uniform hat, net amal’s Nasenspitzel vom Zar’n […] z’seg’n kriegen.“

Gerade in scheinbar alltäglichen Gegenständen wie dieser Postkarte überlagern sich oft überlieferte Geschichte und individuelle Erfahrung. Die wenigen Zeilen auf der Karte eröffneten ein Kaleidoskop einer Erzählung, die einen weiten Bogen spannt, von Sisis letztem öffentlichen Auftritt über die Anfänge der Kinematografie in Österreich bis hin zur Frage nach der subjektiven Wahrnehmung von Kaiserin Elisabeth durch Zeitgenoss:innen. So wird die Postkarte zum Ausgangspunkt einer vielschichtigen historischen Spurensuche.

„Schade daß Mama es nicht sehen konnte.“

Transkription:

„Lieber Hans!
Soeben komme ich von dem Kaisereinzug
Zurück + habe alles sehr gut gesehen. der Czar und
die Kaiserin von Oesterreich sahen sehr [unleserlich] (schlecht)
dagegen Kaiser. von Oestr. + Kaiserin v. Russland sehr gut aus.
Schade daß Mama es nicht sehen konnte. Herzl. Gruß. Kus [Kuß? Kusine? Kusin?]

D[ein/e] Luis[e]“

(Mein Dank geht an Eduard Wexberg und Sarah Pichlkastner für die Unterstützung bei der Transkription)

Andreas Gruber studierte „Visuelle Mediengestaltung“ an der Kunstuniversität Linz sowie Restaurierung und Konservierung in Wien, Kopenhagen und Rochester, USA, und ist seit 2011 Restaurator für Grafik und Fotografie im Wien Museum. Zahlreiche Publikationen, Workshops und Vorlesungen zu den Themen Konservierung, Technologiegeschichte und Identifizierung von fotografischen und fotomechanischen Verfahren.

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