
Anzeige aus: Der Bautechniker 1884, Seite 12, ANNO/ÖNB
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Unter Strom – Elektropionier Bela Egger – Teil 2
In lichten Höhen
1883 ist für Bela Egger ein ereignisreiches Jahr. Die Festbeleuchtung der Votivkirche mit einem Marinescheinwerfer wird zum Medienereignis. Egger lässt einen „parabolischen Reflektor“ aufstellen, mit der vom Dach der Rotunde während der Internationalen Elektrischen Ausstellung 1883 der Stephansdom täglich beleuchtet wird. Eine besondere Schöpfung ist die elektrische Lokalbahn in Gmunden, die auf dem Weg von 2,6 km vom Bahnhof bis zum Kurort zum Kurort 10% Steigung überwindet. Das elektrische System umfasst eine Oberleitung und Kontaktrollen. Im gleichen Jahr wird der Elektrotechnische Verein (später: Verband) gegründet. Und Egger erhält anlässlich der Wiener Ausstellung 1883 das Ritterkreuz des Franz Josefs-Orden verliehen.
Die in der Werbung im Prager Tagblatt angeführten Referenzen offenbaren den Umfang des Engagements der „Ersten österreich-ungarischen Fabrik für elektrische Beleuchtung und Kraftübertragung Egger, Kremenezky & Co.“ Neben den bereits genannten Wiener Hof-, Kultur- und Verwaltungsbauten umfasst die Referenzliste eine Vielzahl weiterer Einrichtungen, die ein noch dichteres Bild der frühen Elektrifizierung im Habsburgerreich vermitteln. Besonders hervorzuheben ist die starke Präsenz in medizinischen und sozialen Einrichtungen. Neben dem Allgemeinen Krankenhaus in Wien wurden die „Landes-Irrenanstalt“, das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, das St. Anna-Kinderspital, das Gebärhaus, das Militärspital, das Rudolfspital sowie mehrere städtische Versorgungshäuser mit elektrischen Anlagen ausgestattet. Im Bereich der städtischen Infrastruktur und Daseinsvorsorge finden sich Installationen bei der Infrastruktur der Wiener Wasserleitung, der städtischen Gasanstalt, mehreren Schulgebäuden, der städtischen Feuerwehr, dem städtischen Elektrizitätswerk sowie in einigen Bezirksämtern. Auch im gewerblichen und industriellen Bereich ist die Liste umfangreich: Neben der Zuckerfabrik Leopoldsdorf, der Baumwollspinnerei Traun und der Brauerei Schwechat wurden u. a. die Maschinenfabrik Liesing, die Lokomotivfabrik Floridsdorf, die Waggonfabrik Simmering, die Teppichfabrik Backhausen, die Tabakfabrik Hainburg, die Zementfabrik Mannersdorf, die Papierfabrik Steyrermühl, die Dampfmühle in Krems, die Spinnerei und Weberei in Böhmisch-Leipa, die Eisenwerke in Witkowitz sowie mehrere Sägewerke und Mühlenbetriebe mit elektrischen Anlagen ausgestattet. Diese Referenzen verdeutlichen die rasche Durchdringung industrieller Produktionsprozesse mit moderner Lichttechnik. Im kulturellen und repräsentativen Bereich außerhalb Wiens finden sich Installationen im Schloss Hernstein, im Landesmuseum Linz (Francisco Carolinum), im Landestheater Linz, im Stadttheater Brünn, im Stadttheater Olmütz, im Stadttheater Laibach, im Stadttheater Troppau, im Stadttheater Czernowitz sowie in mehreren Kasinos, Hotels und Kurhäusern der Monarchie.
Deutlich wird, dass dabei elektrische Beleuchtung nicht nur funktionale, sondern auch ästhetische und atmosphärische Anforderungen erfüllte. Auch im Bereich der Verkehrsinfrastruktur war die Firma tätig. Beleuchtungsanlagen wurden unter anderem in der k.k. Staatsbahndirektion, in mehreren Bahnhöfen, in Werkstätten der Südbahn, in Wagenhallen, in Signalstationen sowie in Schiffswerften wie dem Hafen von Triest installiert. Und zuguterletzt umfasst die Liste eine Reihe privater und halböffentlicher Einrichtungen, darunter Hotels, Gasthöfe, Kaufhäuser, Bankfilialen, Versicherungsgesellschaften, Handelskammern, Brauereien, Mälzereien, Weinkellereien, Großbäckereien und Kühlhäuser.
1884 trat Johann Kremenzeky, Mitbegründer der österr. Glühlampenindustrie, als Partner aus der Firma aus. Der Betrieb wird nun in „Erste österreichich-ungarischen Fabrik für elektrische Beleuchtung und Kraftübertragung B. Egger & Co.“ unbenannt. Als Firmenname taucht nach dem Abgang Kremenezky aber auch der Name „B. EGGER Mechanische – Werkstätte und Telegrafen Bau-Anstalt“ „Telephon-Anlagen“ auf einer Rechnung im Rahmen des Umbaus des Schlosses in Hernstein auf.
Drexler ist von dem neuen Standort der Firma in Margareten in der Spengergasse 35 nicht begeistert, wie aus seinen Erinnerungen in den Blättern für Geschichte der Technik 1939 zu erfahren ist. So sei der Betrieb in der Spengergasse „eine Kraftvermietungsanstalt (sic!), in der eine schlecht regulierte Dampfmaschine für Strom sorgt“. Drexler stellt seine eigenen Erfolge in den Vordergrund, trotz der schlechten Arbeitsumstände in dieser Firma, habe er 1885 „die ersten Dynamos mit nur einer Drahtlage auf dem Anker und mit funkenfreien Kollektoren gebaut“. Besonders schwierig war das Eichen der Messinstrumente vor dem Hintergrund, dass eine Königswelle durch alles Stockwerke ging und die Kegelräder massive Vibrationen und Lärm verursachten. Im selben Jahr scheinen die Namen „Mechanische Werkstätte und Telegrafen-Bau-Anstalt“ – „Telephon-Anlagen“ als auch „Fabrik für Electrische Beleuchtung und Kraftübertragung“ auf den Rechnungen auf. 1887 werden die Wickelmaschinen (zum Aufwickeln von Draht auf den Dynamos) von Ginzkey adaptiert und modernisiert. Das Eggersche Geschäft wächst und floriert.
Verlegung der Wiener Fabrik in den 10. Bezirk ab 1892
Drexler verlässt 1889 die Firma Starkstromfabrik B. Egger & Co und macht Karriere bei der Firma Oerlikon. Der ehemalige Firmensitz Eggers in der Grünentorgasse 19 wird abgerissen, das Unternehmen in den 10. Wiener Gemeindebezirk verlegt. Die Firmennamen lauten auf den Rechnungen zum Umbau des Schlosses Hernstein bis 1891 weiterhin „Mechanische Werkstätte und Telegrafen-Bau-Anstalt“ – „Telephon-Anlagen“ als auch „Fabrik für Electrische Beleuchtung und Kraftübertragung“.

Die Glühlampen-Erzeugung wird weiter perfektioniert. Der Sohn und kongenialer Nachfolger Bela Eggers, Ernst Egger, schildert den Besuch in einem kleine Kellerlabor der Technischen Universität Wien in der Johann Straußgasse im 4. Bezirk in Wien, wo er zum ersten Mal beobachtet, wie Glühlampenfäden aus Wolframpulver, welche auf einem Kohlefaden als Stütze aufgebrannt werden, durch die Chemiker und Physiker Dr. Alexander Just und Dr. Franjo Hanaman hergestellt werden. Nach dem Verbrennen des Kohlefadens bleibt der Wolfram-Faden zurück.
Er lässt eine viel höhere Leuchtkraft als die früheren Seidenfäden zu – und das bei geringerem Stromverbrauch: Die Wolframlampe unter Verwendung des Sublimierverfahrens ist geboren. Egger erwirbt das Patent für die Ujpester Fabrik, die später als „Tungsram“ bekannt werden wird. Sie wird erst durch die Erfindung eines Auer von Welsbach überholt, der den Draht aus Wolfram in Verbindung mit Osmium in einem Ziehverfahren herstellen wird, und ihn damit noch haltbarer, hitzebeständiger und langlebiger macht.
1893 wird die Eggersche Gesellschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und erhält den zuerst den Namen „B. EGGER & Co. 1896 wird der Namen lt. Drexler auf „Vereinigte Elektrizitäts‑AG vorm. B. Egger & Co“. unter Beteiligung der Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft und der der Pester Ungarischen Commercial-Bank. abgeändert.
Die Egger Lohner Elektromobile ab 1898
Die Egger‑Lohner‑Elektromobile markieren ab 1898 eine technisch herausragende Kooperation der kongenialen Erfinder Bela Egger und Ludwig Lohner, deren Fahrzeuge durch nahezu lautlosen Betrieb, leistungsfähige vierpolige Gleichstrommotoren, 44‑Zellen‑Akkumulatoren, elektrische Bremsen und einen zwölfstufigen Fahrregler beeindrucken und bereits 1899 internationale Auszeichnungen erhalten; zugleich verlangt ihr Betrieb aber hohe Wartungsdisziplin. Ihre Konstruktion verbindet Wiener Wagenbaukunst mit moderner Elektrotechnik, erreicht Reichweiten um 80 km, Geschwindigkeiten bis 35 km/h und bewältigt 10 % Steigungen. Bemerkenswert ist, wie viele ihrer Konzepte – radnahe Motoren, elektrische Bremsenergierückgewinnung, modulare Batteriepacks, tief im Rahmen platzierte Akkus, integrierte Bordnetze – heute in weiterentwickelter Form die Grundlage moderner Elektromobilität bilden und damit zeigen, wie visionär die Egger‑Lohner‑Fahrzeuge bereits um 1900 konstruiert sind.
Massenproduktion um 1900
Zu dieser Zeit arbeiten in den drei Egger’schen Fabriken (eine in Wien und zwei in Budapest) bis zu 850 Arbeiterinnen und Arbeiter sowie 95 Verwaltungsbeamtinnen und Verwaltungsbeamte. Hauptaugenmerk der Erzeugung liegt auf Maschinenbau für Starkstrom, im Bau und in der Installation elektrischer Beleuchtungsanlagen, der Herstellung von Geräten zur elektrischen Kraftübertragung und auf dem Gebiet der elektrischen Bahnen. Die Glühlampenproduktion in Ungarn (später: Tungsram) erreicht um 1900 eine Produktionsmenge von 4,5 Millionen Lampen pro Jahr. Die Wiener Fabrik im 10. Bezirk dient vorrangig der Produktion von Dynamos und Elektromotoren für Stadtbeleuchtungszwecken und der Installation von Anlagen für den elektrischen Bahnbau.
Der Firmensitz der „Vereinigte Elektrizitäts AG vorm. B. Egger & Co“ im 10. Bezirk in der Gudrunstraße 187, 1910 noch als „Simmeringer Straße“ bezeichnet, wird 1910 Sitz der neugegründeten Österreichischen Brown Boveri Werke. Die Verbindung mit der Firma mit Sitz in der Schweiz ist ein wichtiger Schritt für die Eggers, weiterhin wirtschaftlich erfolgreich bis 1938 agieren zu können. Doch all die Errungenschaften und Verdienste schützten die Eggers nicht vor der Verfolgung durch das NS Regime. Als Juden gebrandmarkt, wurden sie entrechtet, deportiert und ermordet.
Der Autor dankt Alexander Krizmanich für die Unterstützung bei der Recherche.
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