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Franz David Eschner, 3.9.2026

Unter Strom – Elektropionier Bela Egger – Teil 1

Am seidenen Faden

Ob in Krankenhäusern, Theatern, Fabriken oder Verwaltungsbauten: Die Elektrifizierung Wiens in der Gründerzeit ist eng verbunden mit den Produktionsstätten von Bela Egger – und wurde ganz wesentlich von lokalen Mechanikern, Textilarbeiterinnen und Ingenieuren getragen. Teil 1 einer industriellen Erfolgsgeschichte mit Schattenseiten.

Friedrich Drexler zählt zu den Elektropionieren Österreichs. Er wird am 1858 in Wien als Sohn des Hof- und Gerichtsadvokaten Josef Drexler geboren, studiert zwischen 1874 bis 1879 Maschinenbau an der Technischen Hochschule. 1883 tritt er in die Dienste Bela Eggers ein und konstruiert 1884 das Dreheisen-Messwerk, ein universal einsetzbares Strom-Messgerät. Drexler wird leitender Ingenieur und führend in der Dynamo-Erzeugung. Er beschäftigt sich intensiv mit Bogenlichtlampen und der Glühlicht-Installation, unter anderem in Russland und Italien. Er richtet elektrische Anlagen in vielen österreichischen Städten ein, stattet Fabriken mit elektrischen Kränen aus. Er wird für die Gebrüder Rieger Orgeln bauen und ab 1917 das Ritterkreuz des Franz Joseph Ordens tragen. Drexler ist dann auch Ehrenmitglied des Elektrotechnischen Vereins und der Technischen Universität in Wien.

In seinen Erinnerungen, erschienen in der Zeitschrift Elektrotechnik und Maschinenbau vom 26. Mai 1939, blickt er auf sein Leben zurück. Im Akademischen Gymnasium habe er „als einer von nur 13 Ariern in der von vielen Judenbuben besuchten Schule unter der Konkurrenz der Juden“ zu leiden gehabt. 1932 liest sich das noch ganz anders, als Drexler in den Blättern für Geschichte der Technik auf seine Karriere zurückblickt. Dieser nicht untypische „Sinneswandel“ binnen weniger Jahre ist insofern besonders infam, machte Drexler doch Karriere im Betrieb des Juden Bela Egger. Doch nicht Drexlers politische Ansichten sollen hier Thema sein. Seine beiden autobiografischen Rückblicke eignen sich jedenfalls, um die Produktionsstätten der Elektropioniere Egger näher zu betrachten. 

Der Anlass für Drexlers Einstieg in den Betrieb Eggers ist die Elektrische Ausstellung 1883, bei der Drexler mit verschiedenen elektrotechnischen Innovationen auffällt. Bela Egger, Chef der Wiener Telegraphen-Bauanstalt engagiert ihn vom Fleck weg, obwohl Drexler laut eigener Aussage „die Schwachstromtechnik“ nicht interessiert.

Ursprung der Werkstätte und frühe Produktion ab 1867

Bela Egger hatte 1867 in der Kleinen Neugasse 23 im 4. Bezirk die „Mechanische Werkstätte und Telegraphenbauanstalt B. Egger“ gegründet. Ab 1870 werden deren Produkte – Eisenbahnsignalanlagen, Zeiger- und Morsetelegraphen, galvanische Elemente – auf Ausstellungen gezeigt, nicht zuletzt auf der Wiener Weltausstellung 1873. Die Auftragsbücher füllen sich stetig. So geht aus Dokumenten zu Umbauarbeiten im Schloss Hernstein (für Erzherzog Leopold) hervor, dass die Firma mit dem Einbau von hausinternen Telegraphie-Leitungen beauftragt wurde.

Um 1880 gründet Bela Egger weitere Niederlassungen in Budapest, die sich hauptsächlich mit Starkstrom und der Glühlampenproduktion beschäftigen. Im Laufe des gleichen Jahrs wird die elektrische Schmalspurbahn auf der Gewerbeausstellung im Wiener Prater installiert. Die Praterbahn ist so erfolgreich, dass sie einen Tag nach der Ausstellung von einem indischen Prinzen angekauft wird und nach Indien verschifft wird. Nachforschungen im Staatsarchiv Indien nach dem Verbleib der Bahn sind negativ verlaufen. Die erste Bahn darf nicht mit der 1883 installierten verwechselt werden, diese dient dann nicht mehr nur Präsentationszwecken wie die Eggersche Bahn 1880, sondern bereits dem Passagierverkehr. Egger und Drexler forschen in dieser Zeit intensiv auf dem Gebiet des Telegraphenbaus, einer der Großbauten an der Ringstraße, der Wiener Justizpalast, wird in dieser Phase mit einer Telefonanlage von Bela Egger ausgestattet.

Egger als Akteur der Wiener Elektrifizierung 1883

Folgte man den Erinnerungen von Ernst Egger, dem Sohn von Bela Egger, so war die erste Glühlampe Österreichs ein Geschenk des Baron Rothschild an den damaligen Professor der Experimentalphysik der Universität Wien Viktor von Lang, überreicht im Rahmen der Pariser Weltausstellung 1867. Die gleiche Lampe wird später Egger von Lang als Vorlage für weitere Experimente überreicht. Ernst Egger erinnerte sich weiter, dass die ersten Leuchtfäden aus gepresstem Karton nach dem System des Amerikaners Hiram Maxim bestanden. 

Felix Ehrenhaft, der Vorstand des Physikalischen Instituts der Universität Wien, wird in einem Vortrag 1929 den Beginn der industriellen Fertigung von Glühlampen wie folgt beschreiben: „Es ist eine eigene Fügung des Schicksals, dass ein junger Wiener Mechaniker, der Elektrotechnik studieren wollte, eine Wissenschaft, die in Österreich noch wenig vertreten war, nach Paris ging, um dort Elektrotechnik bei Foucault zu studieren und dass dieser die Drehbänke bei Foucault herstellte. Eben dieser junge Wiener, Bela Egger, gründete in Österreich die erste Glühlampenfabrik und leistete in unserem Vaterlande jene Pionierarbeit, in der ihm bald nachher der hier anwesende Herr Kremenezky (von dem wird später noch die Rede sein) zur Seite stand.“ 

In einem anderen Bericht (über die Internationale Elektrische Ausstellung 1883) wird insbesondere die von Egger produzierte Boston- oder Bernsteinlampe als aufsehenerregend beschrieben. Die Lampe verdankt ihren Namen dem Amerikaner Herny Bernstein, der in den Staaten die maßgebliche Vorarbeit für die Entwicklung des Transformators der Lampe hat. Die Lampe kann aufgrund der Konstruktion des Bügels hintereinander geschaltet werden, sie weicht aber von übrigen Lampen in ihrer Form ab. Sie besitzt nämlich noch keine Fassung. Sie wird stattdessen in einem Messingzylinder eingekittet, während ein zweiter Draht mit der Metallschraube in der Mitte des Zylinders in Kontakt steht. Das Innovative stellt sicherlich der Kohlenbügel dar. Er wird zuerst aus Textilstoffen oder Pflanzenfasern erzeugt, die in Röllchen gepresst werden. Diese werden dann verkohlt und als Zylinder verwendet. 

Der Erfinder der Lampen, Henry Bernstein, nimmt vorzugsweise aus Seide gewobene Fäden. Sie werden auf Dorne aufzogen und mit Klebemittel bestrichen und dann getrocknet in die gewünschte Bogenform für die Lampe gebracht. Die gewonnene Lichtstärke beträgt bei 50 dieser Kerzen umgerechnet 239 Ampere. Die Bostonlampe erreicht gegenüber der Edisonlampe die „Lichtkraft von 292 gegenüber von 186 Kerzen“ so verkündet der Report.

Die Unterbringung der mechanischen Produktion der Firma Egger erfolgt lt. Drexler in „unzulänglichen Räumen“ in der Kleinen Neugasse 23. Das Verwaltungsbüro ist lediglich ein einziger Raum. Die Produktion der industriellen „Bernstein-Glühlampenerzeugung“ ist in denselben Räumlichkeiten wie die der Erzeugung der Kohlefäden was lt. Drexler zu einem „sehr aufreibenden Arbeitsumfeld“ führt. Das Verkohlen erfolgt nämlich in einem Ofen, der Seidenfaden wird dazu in ein Graphitbett gelegt. 

Drexler schildert „die Aufhängung der beweglichen Teile der Glühlampen an Coconfäden“.

Die Seidenfäden dienen als Isolationsmaterial und sind vor dem Einsatz von Kohlefäden als Glühfaden in den Lampen in karbonisierter Form eingesetzt. Überall haften dann Asche- und Kohlenstaub von der Dampfmaschine und durch das Karbonisierens der Fäden im Ofen, ein Arbeiten ist mehr als schwierig. Die Temperatur in den Räumen der Werkstatt, wo die Lampen erzeugt werden, ist entsprechend hoch. Die Arbeiterinnen zerbrechen während der Lernphase einige Quecksilberpumpen und das Quecksilber fließt in die Fugen des Holzbodens. Dort verdampft das Quecksilber und setzt giftige Dämpfe frei. Drexler selbst erkrankt, gesundet aber wieder. Das lässt einen Blick auf die prekäre, toxische Arbeitssituation der Frauen in dem Betrieb zu.

Zeitgleich gibt es Projekte von Egger gemeinsam mit Siegfried Markus zur Erforschung der Bogenlichtlampe. Dieses neue Produkt, so der Sohn Ernst Egger in seinen Erinnerungen, wird „testweise in der Kleinen Neugasse 23 auf einem hohen Mast montiert und wird mit einer Batterie von Daniel-Elementen versorgt. Das Licht ist so stark, dass der Turmwächter von St. Stephan Feuer auf der Wieden meldete und die Feuerwehr ausrückt.“ Aus heutiger Sicht ein genialer Werbetrick.

Meilensteine der städtischen Elektrifizierung ab 1885

Das Neue Wiener Rathaus

Seit den 1880er‑Jahren befindet sich Wien in einer Phase intensiver technischer Erneuerung, in der private und kommunale Akteure unterschiedliche Modelle der Stromerzeugung und -verteilung erproben. Die ersten städtischen Beleuchtungsversuche basieren noch auf dezentralen Kleinanlagen, die jeweils einzelne Gebäude oder Straßenzüge versorgen. In diesem Kontext entsteht durch die Firma Egger die Anlage im neuen Wiener Rathaus, die mit ihren zwei Zwillingsdampfmaschinen, vier Gleichstromgeneratoren und den Akkumulatoren nach dem System de Khotinsky zu den leistungsfähigsten Einrichtungen ihrer Zeit gehörte. Die rund 1200 installierten Glühlampen machten das Rathaus zu einem der frühesten, großflächig elektrisch beleuchteten öffentlichen Gebäude Wiens. 

Die Anlage dokumentiert zugleich die Übergangsphase zwischen experimenteller Elektrifizierung und systematischer Energieversorgung. Vor diesem Hintergrund erscheint die Rathausanlage als bedeutendes Bindeglied zwischen den ersten Beleuchtungsversuchen und der späteren großtechnischen Elektrizitätsversorgung. Drexler und Egger erzeugen aufgrund der Idee von Drexler neuartige Messinstrumente, sogenannte „Dreheiseninstrumente“ oder „Dreheisen-Messwerke“. Diese können die Stromstärke mittels einer Skala anzeigen. Eine der Apparaturen kommt laut Drexler im Neuen Wiener Rathaus zum Einsatz. 

Die Installation der elektrischen Beleuchtungsanlage im Neuen Wiener Rathaus markiert einen historischen Schritt in der Entwicklung der Wiener Elektrizitätsversorgung. Die Arbeiten an der Lichtinstallation führt Oberbaurat Wilhelm Winkler-Forazest im Auftrag von Bela Egger durch. Das Neue Wiener Tagblatt schildert in einem Beitrag auf der Titelseite der Ausgabe vom 7. Februar 1890 die Beleuchtung wie folgt: „Einem vom Gemeinderaths-Präsidium uns (dem Tagblatt) zugehenden Kommuniqué entnehmen wir folgende Daten über den Festsaal, die Beleuchtung und Ausstattung desselben: Im Festsaale, welcher 70,7 Meter lang und 14,7 Meter und beziehungsweise 18,6 Meter breit ist, befindet sich an der Nord- und Südseite je ein Orchesterraum; neben diesen führen mehrarmige Stiegen auf die Arkadengalerie. Das Schiff des Festsaales wird durch 16, in zwei Parallelreihen an der Decke angebrachte Luster zu je 45 Glühlampen, die Orchesterräume durch je 34, die Arkaden durch 51, (die) Durchgänge vom Saale in die Nebenräume durch 20., die Galerie durch 58 Glühlampen beleuchtet; 12 Glühlichter sind in der sogenannten Thurmhalle angebracht. Von dieser führt eine Thüre in die außerhalb des Saales befindliche Loggia, welche durch 17 Bogen(licht)lampen beleuchtet wird. Im Ganzen enthält der Festsaal 933 Glühlampen von 10. bis 30 Normalkerzen-Lichtstärke; außerdem 54 Gasflammen und 18 Nothlichter. Die elektrische Beleuchtung ist von der Firma Egger ausgeführt, an der Herstellung der Luster waren die Firmen Lobmeyr, Hollenbach, Beschorner, an der Ausschmückung des Saales die Fa. Haas und Andere betheiligt."  

1960 wird anlässlich des 50. Todestag in der Rathauskorrespondenz dem maßgeblichen Anteil von Bela Egger an der Elektrifizierung des Hauses Andenken geschuldet, im Jahr 2025 neu erschienenen Rathaus-Buch fehlt dessen wichtiger Beitrag zu Elektrifizierung des Wiener Rathaus komplett.
 

Neue Produktionsstandorte

Zwischen 1882 und 1885 werden im 9. Bezirk, Grünentorgasse 19 (Grüne Torgasse) in der „Ersten österreichich-ungarischen Fabrik für elektrische Beleuchtung und Kraftübertragung Egger, Kremenezky & Co.“ Bogenlichtlampen, die ersten Dynamomaschinen und Kohlefadenlampen erzeugt. Zu diesem Zeitpunkt bleibt die Werkstatt in der Kleinen Neugasse 23 weiterhin in Betrieb. Ein weiterer Standort befindet sich in der Bräuhausgasse 37/Spengergasse 33-35 in Wien Margareten. Er dient als Teil der Glühlampenproduktion und ist ab 1883 nachweisbar, heute ist an dem Standort nichts mehr ersichtlich, was auf den früheren Betrieb hinweist. 

An der Adresse Kleine Neugasse 23 ist die Commandit-Gesellschaft für Glühlicht-Erzeugung L. Friedmann & Co untergebracht, bei der Egger ebenfalls beteiligt ist.

Im Betrieb Grünentorgasse 19, der bis zur Porzellangasse reicht, ist zu diesem Zeitpunkt die Firma Lohner & Co ebenfalls beheimatet. Drexler hat großen Anteil an der Leistung der Firma Egger, die die ersten wirklich funktionierenden Akkumulatoren herstellt. Man darf man sich die Werkstätte in der Grünentorgasse als verglasten Schuppen auf einem Bauplatz vorstellen. Dort befinden sich die Messeinrichtungen, die von Siemens stammen, und die damit zu überprüfenden neugebauten Dynamos. Im hinteren Teil des Riegelbaus ist eine „Lokomobile“ zur Energieerzeugung aufgestellt: eine Dampfmaschinenanlage des 19. bis frühen 20. Jahrhunderts, bei der Kessel, Feuerung und Kraftmaschine zu einer kompakten Einheit auf einem Fahrgestell kombiniert sind und die über Riemenabtrieb externe Arbeitsmaschinen antreibt, beschrieben werden. Ganz besonders herausfordernd an die Arbeiterinnen und Arbeiter ist die Erzeugung der Dynamos. Drexler erklärt in diesem Zusammenhang, wie schwierig es ist, den Draht der Dynamos aufzuwickeln. 

In enger Zusammenarbeit zwischen der Textil- und der frühen Elektrizitätsindustrie gelingt das technische Meisterwerk. Speziell geschulte Arbeiterinnen und Arbeiter des Teppichfabrikanten Ginzkey in Maffersdorf, heute ein Stadtteil von Vratislavice nad Nisou in Tschechien, sind Monate hindurch damit beschäftigt, den Draht aufzuspulen. Schadhafte Dynamos müssen anfangs wiederholt von Hand wieder aufgewickelt werden, sicherlich eine zeitraubende und zermürbende Arbeit. 

Franz David Eschner, Archäologe mit Schwerpunkt auf Luftbildarchäologie, Landschaftsarchäologie, der Archäologie der Zeitgeschichte, der Moderne und der Konflikt-Archäologie.

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