
Mario Kempes bei seiner Ankunft am Flughafen Wien Schwechat, links der Bezirksvorsteher von Döbling Adolf Tiller. Flughafen Wien Schwechat, 29. Jänner 1986, APA-Images / brandstaetter images / Votava
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Mario Kempes – ein Weltmeister in der 2. Liga
„El Matador“
1978 kürte Mario Kempes Argentinien im eigenen Land zum Fußballweltmeister. Er selbst wurde WM-Torschützenkönig. Den zweitgrößten Staat Südamerikas beherrschte damals eine Militärdiktatur, die folterte und mordete, auch während der Weltmeisterschaft. Die FIFA bot diesem Unrechtsregime die Möglichkeit, das größte Fußballereignis der Welt für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Als Kind verstand ich davon nichts. Der groß gewachsene Stürmer mit der wallenden Mähne, der im hellblau-weiß gestreiften Trikot der Abliceleste Tor um Tor erzielte, spielte sich aus der Ferne in mein fußballerisches Herz und wurde für mich zu meinem ersten Fußballidol.
Acht Jahre später ereignete sich nichts weniger als die größte Transfersensation im österreichischen Fußball und aus der Ferne wurde Nähe: Mario Kempes, der argentinische Superstar, wechselte zum heimischen First Vienna Football Club 1894. „El Matador“ sollte dafür sorgen, den Döblinger Traditionsverein wieder in die oberste Liga zu schießen.
Der Papst von Grinzing
Im Jänner 1986 ruhten die Blicke der internationalen Fußballwelt auf Wien. Am 28. des Monats, einem bitterkalten Wintertag, landete Mario Kempes samt Familie am Flughafen Schwechat. Eine Handvoll Fans hatte sich dort eingefunden, um den argentinischen Sportstar willkommen zu heißen. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen hielt Kempes, schüchtern lächelnd, das gelbe Fußballtrikot seines neuen Klubs mit der Aufschrift „MARIO KEMPES – GUT GEKAUFT IN DÖBLING“ in die Kameras. Ein Weltmeister und Torschützenkönig bei der kleinen Vienna? Das ist ungefähr so „als wäre der Papst im Frühjahr Pfarrer von Grinzing“ schrieb Sportjournalist Peter Linden treffend in der Kronen Zeitung.
Auch die Modalitäten des Transfers waren ungewöhnlich. Nicht die Vienna selbst hatte den Weltmeister samt Ablöse verpflichtet, sondern Josef Schulz, ein ehemaliger Fußball-Manager, und sein Geschäftspartner Rainer Ellerich mit ihrer gemeinsamen Firma „Pro-Sports“. Der Deal finanzierte sich durch Werbung: Um die Ausgaben für Kempes zu erwirtschaften, vermarktete „Pro-Sports“ das Kempes-Trikot in Eigenregie und war darüber hinaus an den Zuschauereinnahmen der Vienna beteiligt. Man setzte darauf, dank des neuen Stars viel Publikum auf die Hohe Warte ins Stadion des Döblinger Vereins zu locken, wo der Argentinier mit wechselnden Einzelsponsoren am Dress spielte. Er selber schilderte dies in seiner Autobiographie „Matador. Mi Autobiografia“ (2019) so: „First Vienna – a yellow jersey institution with lively blues, with so many advertisements on its chest, back and sleeves that it looked like the driver of a formula 1 pilot.” [„First Vienna – eine Institution im gelben Trikot mit lebhaften blauen Akzenten, auf dessen Brust, Rücken und Ärmeln so viele Werbeaufdrucke prangten, dass man meinen könnte, es gehört einem Formel-1-Piloten."]
Zuvor hatte der 31jährige mit dem FC Valencia große Erfolge gefeiert. Nach einer Verletzung befand er sich aber auf dem sportlichen Abstellgleis. Der Wechsel von den wohltemperierten Fußballtempeln Spaniens auf die winterliche Hohe Warte, zu deren Heimspielen sich gerade mal knapp 1.000 Zuschauer und Zuschauerinnen verirrten, bot eine neue fußballerische Herausforderung.
In der blau-gelben Fangemeinde löste Kempes Ankunft Begeisterung aus. Auch ich, damals elfjährig und leidgeprüfter Vienna-Aficionado, war begeistert. Kempes bezog mit seiner Familie ein schönes Domizil in Neustift am Walde an den Hängen der Weingärten und genoß seine Freizeit in Wien. Auf dem Neustifter Kirtag kreuzten sich einmal unsere Wege und ich nutzte die Chance: Mit all meinem Mut, Papier und Stift ausgerüstet trat ich auf Kempes, der sich gerade mit seinen Kindern durch den Menschenauflauf zu navigieren suchte, zu und bat schüchtern um ein Autogramm. Dieses wurde mir gewährt, dann verschwand der Matador wieder in der Menschenmenge.

„K versus K“
Sportlich erfüllte der elegante argentinische Star mit der langen dunklen Mähne und den herunter gerollten Stutzen, die seine Leichtfüßigkeit am Platz noch unterstrichen, die Erwartungen seines neuen Vereins: Er führte die Vienna wieder in die oberste Liga. Im Zuge dessen mussten sich die Döblinger im „Mittleren Playoff“ der Frühjahrsaison 1986 die Zugehörigkeit zur 1. Division zurückerkämpfen. Am 4. April 1986 kam es zum Duell „Matador“ gegen „Goleador“ Hans Krankl, der sich nach seinem Weggang von Rapid dem Wiener Sport-Club angeschlossen hatte. Wie zuvor in der spanischen Liga, wo Kempes bei Valencia, Krankl bei Barcelona gespielt hatte, standen sich die beiden Torjäger gegenüber. Diesmal jedoch vor 11.000 ZuschauerInnen im „kleinen Wiener Derby“ auf der Hohen Warte. Ein grandioser Kempes entschied das Duell der Altstars und führte die Vienna zum 1-0-Sieg: „Im Mittelpunkt des Interesses stand das Duell der Superstars Kempes gegen Krankl, das der Südamerikaner glatt für sich entschied. Kempes, diesmal ohne Defensivaufgaben, zeigte großartige Balltechnik, herrliche Longpasses à la Ocwirk über 50-60 Meter, mit denen er aber bei seinen Mitspielern nur selten Verständnis fand. Imponierend das Direktspiel, das in Österreich (leider) schon in Vergessenheit geraten ist.“ schrieb die Wochenzeitung „Sport-Funk“ über die Leistung des Argentiniers.

Bei dieser Gala zog sich Kempes allerdings eine Meniskusverletzung zu, die ihn (wiederholt) zu Pausen zwang. Sobald genesen und fit, war er der Unterschiedsspieler der Döblinger. Alfred Tartar, einer seiner Vienna-Mitspieler, berichtete in einem Interview für Sportradio 360 über Kempes: „Wenn er dann zum Training gekommen ist und Fußballschuhe angezogen hat und auf den Platz gegangen ist, du hast gespürt, da ist wieder das Kind da, die Freude am Fußball. Jedes Training, jedes Spiel war für ihn die Loslösung von der Welt und zwar von der bösen Welt. Das war sein letztes Refugium, das Spiel, wo er sein konnte, wo er Kind sein konnte, wo er Freude hatte, wo er mit sich im Reinen war und das war so zu spüren. Unabhängig davon war seine Art Fußball zu interpretieren, das haben wir alle gar nicht verstanden.“
War Kempes einsatzbereit, gehörte ihm alle Aufmerksamkeit, so wie im November 1986 als die Vienna zurück in der 1. Division auf die Wiener Austria traf. Er nahm die Violetten um Herbert Prohaska und „Toni“ Polster spielerisch „auseinander“ und steuerte beim 4:2-Sieg zwei Tore bei.
Ein letzter Geniestreich
Doch Verletzungen machten solche Geniestreiche auf dem Platz rar und Verletzungen häuften sich. So verpasste die Vienna am letzten Spieltag im Herbst 1986 den Verbleib in der obersten Liga wohl auch deshalb, weil ihr Star wegen eines Muskelfaserrisses fehlte. Wieder musste das Team zurück ins Mittlere Playoff. Im Frühjahr 1987 übernahm der junge Ernst Dokupil als Trainer die Mannschaft. Er setzte auf junge Spieler und Kempes' Tage bei der Vienna waren gezählt. Ursächlich dafür waren auch die letztlich geringen Gewinne von „Pro-Sports“ im Rahmen der Beteiligung an den Zuschauereinnahmen. Zwar stiegen die Besucherzahlen auf der Hohen Warte, aufgrund der Ausfälle von Kempes blieben sie jedoch nicht konstant hoch.

Ende Juni 1987 schenkte „El Matador“ den Fans bei seinem letzten Spiel in Döbling noch einmal einen Galaauftritt: Beim Match der Vienna gegen Austria Klagenfurt riss der Weltmeister das Spiel an sich, führte seine Mannschaft zu einem 5:0-Sieg und verabschiedete sich von den 2.500 ZuschauerInnen mit einem Weitschusstor. In der nächsten Saison qualifizierte sich die Vienna mit jungen Spielern wie Peter Stöger und Andreas Herzog sensationell für den UEFA-Cup. Kempes hingegen verließ den Verein, wechselte zum VSE St. Pölten und spielte ab 1990 bis 1992 für den Kremser SC.
Heutzutage ist die Vorstellung, ein ehemaliger Weltmeister würde für einen österreichischen Zweitligisten spielen, völlig utopisch. Doch Anfang 1986 wurde diese Utopie Wirklichkeit. Während Kempes abseits des Spielfelds eine zurückgenommene Persönlichkeit auszeichnete, verzauberte der Argentinier auf dem Platz seine Fans und brachte Glanz und Glorie in die biedere österreichische Fußballtristesse. Für mich war der Mann mit der dunklen Mähne die erste Fußballikone, die ich bewunderte und verehrte. 33 Jahre später kreuzten sich bei der 125-Jahre-Feier der Vienna wieder unsere Wege, als wir gemeinsam auf der Bühne standen und aus Anlass des Vereinsjubiläums einen kurzen Fotomoment miteinander teilten.





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