
Madrid 1936 (Detail), Privatarchiv Erich Hackl (Schenkung Ferdinand Hackl)
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Der Floridsdorfer Spanienkämpfer Karl Sequens (1905-1945)
„Wenn wieder Frieden sein wird“
Nein, ich werde nicht mit Karl Sequens beginnen, dem Protagonisten der Ausstellung, und auch nicht mit meinem Freund Hans Landauer, dem ich, wie vieles andere, die Bekanntschaft mit Rosa María Skorjanetz und damit den Einblick in eine übernationale Familiengeschichte verdanke. Eine Geschichte, an deren Anfang eine Liebe auf den ersten Blick steht, die nach wenigen Tagen in Valencia durch die Ehe zwischen Karl und seiner Braut Herminia Roudière Perpiñá offiziell beglaubigt und im Jahr darauf, am 23. Jänner 1938, durch die Geburt ihrer Tochter, eben Rosa María, vertieft wurde. Wieder ein Jahr später kam es durch die Niederlage der Spanischen Republik und die Flucht nach Frankreich zur erzwungenen Trennung des Ehepaares Karl und Herminia, das sich nie wiedersehen sollte. Ihr weiterer Lebensweg, und der ihrer Tochter, bestand aus Verfolgung, Verhaftung, KZ-Tortur, Tod, Trauer, Witwen- und Waisenschaft und einer Odyssee durch halb Europa, die für Rosa María nach Jahrzehnten in Wien geendet hat, an jenem Ort, den ihre Eltern zum zukünftigen Lebensmittelpunkt bestimmt hatten, dann, wenn – der Stelle aus einem sehnsuchtsvollen Brief Karls zufolge – „wieder Frieden sein wird“.
Statt davon zu erzählen, will ich Marie Langer zitieren, Ärztin, Psychoanalytikerin und Kommunistin, die Ende September 1936, etwas früher als Karl Sequens, in Spanien eingetroffen war, wo sie sich ebenfalls den Internationalen Brigaden anschloss. Anders als er gehörte Marie Langer nicht zur kämpfenden Truppe, sondern war als Anästhesistin und chirurgische Assistentin im Feldspital Colmenar de Oreja, dann in den Krankenhäusern von Murcia, der „Stadt der Verwundeten“, tätig. Sie war Wienerin, stammte aber nicht aus Floridsdorf, und es ist fraglich, wenn auch nicht unwahrscheinlich, dass sich Karl und sie gekannt haben. Und doch gibt es, abgesehen von der politischen Haltung und dem Entschluss, der vom Faschismus bedrohten Republik zur Hilfe zu kommen, zwei Einsichten, die sie miteinander verbanden und die Marie Langer vor mehr als vierzig Jahren in ihren Lebenserinnerungen benannt hat. Zum einen die Erfahrung, dass Spanien für sie trotz Krieg, Elend und Entbehrung eine gute, eine ruhige Zeit ohne Hierarchien, aber mit einer enormen Kameradschaft und Solidarität gewesen sei: „Die Härte des Untergrundkampfes, zwei Leben führen zu müssen, die Unmöglichkeit, offen über das zu sprechen, was einen am meisten beschäftigte, die permanente Gefahr – nichts dergleichen gab es im Bürgerkrieg“, schrieb sie. „In den Brigaden hatten wir unsere Verantwortlichen, alles war völlig klar. Es gab keine Diskussionen über die politischen Ziele, wir waren in der Gruppe, in der wir sein wollten, konnten offen arbeiten und mussten uns nirgends verstellen.“
Die zweite Einsicht ist eigentlich eine Frage an uns heute. Denn sowohl Marie Langer als auch Karl Sequens hatten sie für sich beantwortet, indem sie im Spanienkrieg gegen die aufständischen Militärs und deren Helfer an den Schaltstellen Berlin und Rom kämpften: Muss man, während die Welt brennt, das Allgemeine, „die Sache“, über das Individuelle stellen, oder genügt es, sich an das englische Sprichwort „charity begins at home“ zu halten? Von Karl ist keine Äußerung bekannt, die darauf schließen lässt, dass ihn diese Frage beschäftigt hat. Es wäre auch nutzlos gewesen. Alles, was ihm, Herminia und Rosa María ab dem Zeitpunkt ihrer Trennung Anfang Jänner 1939 zustieß, ließ sich von ihnen kaum noch beeinflussen. Aber seine drei berührenden Briefe aus ebenso vielen Konzentrationslagern – Dachau, dann Majdanek, zuletzt Auschwitz – zeigen, dass er den Glauben an eine gemeinsame Zukunft, und an den Sieg über den Faschismus, nicht verloren hatte. Er war nach allem, was ich aufgrund der Erinnerungen seiner Kampfgefährten Hans Landauer, Bruno Furch und Alois Peter in Erfahrung bringen konnte, was aus seinen Schreiben aus dem französischen Lager Le Vernet, an seine Schwägerin Emilia, aus den schon erwähnten Briefen an Herminia sowie aus seinen nachgelassenen Manuskripten über den Alltag der Österreicher im Internierungscamp Gurs herauszulesen ist, in seinem Lebensmut ungebrochen, fürsorglich, treu, liebevoll. Von lauterer Gesinnung; nach heutiger Auffassung, die nach gebrochenen Charakteren lechzt, wie aus der Zeit gefallen.
Als ich, auf die Äußerungen seiner Tochter gestützt, die zu klein gewesen war, als dass sie sich an ihn hätte erinnern können, Karls Geschichte niederschrieb, brachte mir die ausnahmslos positive Darstellung seiner Person deshalb auch Kritik ein: Man hätte ihn sich kantiger gewünscht, zwiespältig, schlecht gelaunt, verbissen, verzweifelt, ungerecht, was weiß ich, nur eben nicht in diesem hellen Licht, in dem er ihr durch die Erzählungen Herminias erschienen war. Allerdings habe ich keinen Beleg finden können, der ihn in die Grauzone menschlichen Verhaltens gestellt hätte.
Natürlich gab es unter den Spanienkämpfern, wahrscheinlich auch aus denen aus Floridsdorf, die eines der größten Kontingente an österreichischen Freiwilligen stellten, Menschen mit einer widerspruchsvollen Biografie. Einzelne, die der ärgsten Verbrechen fähig waren, sie auch begangen haben. Andere, die nach Kriegsende straffällig wurden, ihre Frauen misshandelten, in sowjetischen oder jugoslawischen Schauprozessen Unschuldige denunzierten, sich des Menschenraubs schuldig machten oder einfach nur aus der Bahn gerieten und ihr Leben als Obdachlose fristeten, wofür wir ihnen freilich Respekt und Barmherzigkeit schulden.
In „Campo de Almendros“ (dt. „Bittere Mandeln“), dem letzten Band seines Romanzyklus „El laberinto mágico“, versetzt uns der in Paris geborene, in Valencia aufgewachsene Schriftsteller Max Aub in den Hafen von Alicante, wo sich am 30. März 1939 Zehntausende Zivilisten und Soldaten der Republikanischen Volksarmee drängen, in der vergeblichen Hoffnung, dass sie ein britischer Dampfer an Bord nehmen würde. Unter ihnen ein Mann, der seinen zehn- oder zwölfjährigen Sohn bittet, sich die Menschen ringsum gut einzuprägen: „Die du da siehst, diese kaputten, besiegten, zusammengepferchten, verwundeten, übernächtigten, halbtoten Spanier, die noch immer hoffen, flüchten zu können, sie sind, vergiss das nicht, die Besten der Welt. Kein schöner Anblick. Aber es sind die Besten der Welt. Vergiss das nie, mein Junge, vergiss es nie.“ Für mich gehört Karl Sequens, der stille, schreibbegabte, hochgewachsene, auf Fotos seiner Kompanie meist lächelnd am Rand stehende Spengler und Monteur aus der Floridsdorfer Angerer Straße, mit Fug und Recht zu den von Aub genannten Besten der Welt. Es freut mich, dass Felicitas Heimann-Jelinek ihn mit dieser Ausstellung würdigt.
Hinweis
Dieser Text gibt die Eröffnungsrede wieder, die Erich Hackl am 2. Juni 2026 zur Ausstellung „Wenn wieder Frieden sein wird …“ – Leben, Liebe und Tod des Floridsdorfer Spanienkämpfers Karl Sequens gehalten hat. Die Schau des Bezirksmuseums Floridsdorf im Kulturankerzentrum Schlingermarkt basiert auf Hackls Erzählung Entwurf einer Liebe auf den ersten Blick (Zürich: Diogenes, 1999). Sie nähert sich dem Leben von Karl Sequens zwischen politischem Engagement, Exil und persönlichen Beziehungen und verknüpft die individuelle Biografie mit den historischen Ereignissen des Spanischen Bürgerkriegs sowie mit der Etablierung des Faschismus in Europa. Die Ausstellung ist bis 15. September 2026 zu sehen.







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