
Das Porrhaus und sein Nachbargebäude in der Operngasse (Ausschnitt), 1931, Foto: Österreichische Lichtbildstelle/ÖNB
Hauptinhalt
Der Architekt und Designer Egon Riss
Small, Medium, Large, X-Large
Egon Riss stand bislang in der Forschung zur Architektur der Zwischenkriegszeit weniger im Fokus als manch andere Kollegen. Und das, obwohl seine Entwürfe in Wien, die er meist mit Fritz Judtmann realisierte, in der Öffentlichkeit positiv aufgenommen und diskutiert wurden. 1938 musste er als Jude vor den Nationalsozialisten fliehen – und fand Unterkunft in den Londoner Isokon Flats, einem der wichtigsten modernen Bauten der Zwischenkriegszeit in der Metropole. Die in der einstigen Garage des Gebäudes untergebrachte Isokon Gallery hat den 125. Geburtstag von Riss zum Anlass genommen, um die „drei Leben“ des Architekten genauer unter die Lupe zu nehmen.
Riss, der am 3. August 1901 im galizischen Lipnik geboren wurde, studierte von 1919 bis 1923 Architektur an der Technischen Universität in Wien. Die berufliche Karriere des Absolventen nahm rasch an Fahrt auf, wie Denis Linehan, Professor für urbane und historische Geographie in Cork, in seinem Katalogbeitrag darlegt. 1927 wurde ein von Riss und Judtmann entworfener Büro- und Ambulatoriumsbau für die Wiener Gebietskrankenkasse in der Strohgasse 28 im 3. Bezirk eröffnet: Ein markantes Eckgebäude als „dynamisch-fortschrittsbejahender Hygienebau der Moderne“ (Friedrich Achleitner), das in seinem Inneren den regen Publikumsverkehr organisiert.
Zwei Jahre später sorgte ein Gemeindebau in der Brandmayergasse/Diehlgasse im 5. Bezirk nicht zuletzt aufgrund seiner innovativen Loggiengestaltung (mit partieller Verglasung) für Aufsehen.
1930 folgte der große Tuberkulose-Pavillon im Krankenhaus Lainz, in dem jedes Patientenzimmer (mit maximal sechs Betten) nach Süden ausgerichtet war und eine große Terrasse für Luftkuren genutzt werden konnte.
Das aufgrund der Lage wohl exponierteste Gebäude von Riss & Judtmann (das heute aufgrund der angrenzenden Bebauung längst nicht mehr so ins Auge sticht) ist das sogenannte Porrhaus am Karlsplatz. Wobei hier die Bezeichnung meist irrtümlich verwendet wird: Das eigentliche Porrhaus war zu seiner Zeit das Bürogebäude der gleichnamigen Baufirma in der Operngasse 11, nebenan auf Nummer 9 wurde zeitgleich das „Haus der Gastgewerblichen Wirtschaft“ errichtet, im Volksmund auch „Kellnerpalast“. Es beherbergt einen Veranstaltungsraum, der in der Wiener Kulturgeschichte immer wieder eine Rolle spielen sollte (so fand dort 1977 das legendäre Konzert der britischen Punkband The Clash statt). Heute sind beide Bauten Teil der Technischen Universität.

Weitere wichtige Wiener Gebäude von Riss & Judtmann – wie etwa Einfamilienhäuser oder ein aufgrund seiner Loggiengestaltung markantes Wohnhaus in der Heiligenstädterstraße 95 – werden von Gary A. Boyd ebenfalls in dem Katalogbeitrag vorgestellt. Für Denis Linehan steht fest: Riss werde in Wien noch immer als Randfigur gesehen, „dabei stand er im Zentrum“. Zudem betont er, wie oft Riss-Bauten bei internationalen Ausstellungen als Repräsentanten österreichischer Architektur der Moderne gezeigt wurden und wie engagiert Riss auch nach 1933 blieb (unter anderem mit der städtebaulichen Publikation Raumveredelung. Die neue Stadt, erschienen 1936). Architektonisch habe er sich als „sensitive soul“ in der Nähe von Josef Frank positioniert, so Linehan, wobei seine klar sozialistische Grundierung für ihn stets außer Frage stand. Josef Frank lud Egon Riss zwar nicht zum Entwurf eines Wohnhauses in der Werkbundsiedlung 1932 ein, aber immerhin durfte er den dortigen (leider zerstörten) Café-Pavillon gestalten.
Dem „zweiten Leben“ von Egon Riss – nämlich jenem in London und als Teil der britischen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg – ist der Beitrag von Leyla Daybelge von der Isokon Gallery gewidmet. Nur mit Glück gelang Egon Riss 1938 die Flucht aus Wien, und es war auch eine glückliche Fügung (aber sicher auch seinem außergewöhnlichen Talent für Netzwerken geschuldet), dass er schon wenige Monate später in London eine kleine Wohnung in den sogenannten Lawn Road Flats (später: Isokon Flats) beziehen konnte, einem von Jack und Rosemary Pritchard in Auftrag gegebenen radikal modernen Wohnbau (Architekt: Wells Coates).
Die Pritchards waren aufs Engste mit der internationalen Avantgarde verbunden, Jacks Firma Isokon wurde zu einem innovativen Produzenten von modernen Sperrholzmöbeln, als Designer beauftragte er u.a. Marcel Breuer – und schon bald auch Egon Riss. Das in ihn geschenkte Vertrauen enttäuschte der Österreicher keineswegs: Vor allem das ebenso lustvolle wie funktionale Donkey-Bücherregal gilt bis heute als ein Highlight des Möbeldesigns seiner Zeit. In ihm konnten 80 Taschenbücher des damals gerade in lichte Höhen gestarteten Penguin-Verlags untergebracht werden, was den begeisterungsfähigen Verleger Allen Lane dazu brachte, kostenlos Prospekte des Möbels in 100.000 Exemplaren seiner Bücher einlegen zu lassen. Doch der Krieg stoppte alle Ambitionen: Vom nun Isokon Penguin Donkey genannten Möbel wurden ursprünglich nur 100 Stück produziert – die wenigen Vintage-Exemplare erzielen heute (so sie am Markt auftauchen) Preise von 15.000 Euro und mehr. Erst nach dem Krieg wurde der Donkey wieder produziert, 1963 dann von Ernest Race einem Re-Design unterzogen. Als Marke existiert Isokon bis heute, auch der Donkey ist weiterhin im Sortiment. Außerdem gestaltete Riss für Isokon ein Tisch-Regal mit dem Namen Gull, das auch heute noch verkauft wird.


Neben dem Beruflichen weiß Leyla Daybelge viel Biografisches über Riss im Zweiten Weltkrieg zu berichten: Der Emigrant meldete sich freiwillig zum sogenannten Pioneer Corps, der von Bomben beschädigte Häuser ausräumte. Später half Riss dann in Nordafrika und Italien beim Entminen. Erst im Jahr 1945 erfuhr er, dass in der Zwischenzeit seine in Österreich verbliebene Schwester den Tod gefunden hatte und seine Mutter sowie zwei Tanten in Konzentrationslagern ermordet worden waren.

Bis heute steht der Name Riss in Großbritannien vor allem mit dem Donkey-Bücherregal in Verbindung, während man ihn in Wien mit dem Porrhaus oder anderen Gebäuden assoziiert. Sein Leben und seine Arbeit in Schottland wurden in biografischen Abrissen zwar erwähnt, bislang aber kaum erforscht. Diesen Part übernahm nun für das Ausstellungs- und Buchprojekt der Architekturhistoriker Gary A. Boyd. Trotz seiner Londoner Netzwerke blieb Riss nach Kriegsende nicht lange in der Metropole. Mit ein Grund für die Entscheidung, nach Edinburgh zu übersiedeln und für den National Coal Board als Architekt zu arbeiten, mag auch die noch immer prekäre Situation für Emigrant:innen gewesen sein, die ungleich schwerer an Aufträge herankamen als ihre angestammten Kolleg:innen. Kein Zufall ist jedenfalls, dass Riss in die Branche über die Miners Welfare Commission kam, also sozusagen von „Arbeiterseite“ her.


In Schottland erwarteten den Architekten monumentale Projekte, die seinen kleinen Donkey im Vergleich dazu wie ein Spielzeug aussehen lassen. Die Kohleindustrie in Großbritannien erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg einen ungeheuren Boom, gigantische Industrieanlagen prägten ganze Landschaften und unterstrichen die Bedeutung des Energieträgers für den Wohlstand und die Moderne. Für Riss muss es ein weiter Weg gewesen sein von der ästhetischen Raffinesse einer Avantgarde-Möbelproduktion zur funktionalen Radikalität dieser Signature Buildings, die auf den S/W-Fotos der Zeit wie helle Kathedralen einer kohleschwarzen Branche erscheinen. Was diese Giganten allerdings mit dem Designmöbel verbinden, ist ihre skulpturale Qualität. Einige dieser Anlagen fielen nach dem Niedergang der britischen Kohleindustrie der Abrissbirne zum Opfer (bzw. dem Sprengstoffkommando). Im Zuge der historischen Beschäftigung mit Industriearchitektur wecken sie aber gerade jetzt – Jahrzehnte nach ihrer Blütezeit – wieder Interesse. Riss wurde auch hier zu einer prägenden Figur, und das bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1964.
Die einzelnen Teile seines Werkes und seiner Biografie zu einem Ganzen zusammengeführt zu haben, etliche Leerstellen beseitigt und neue Perspektiven auf Riss und seine Architektur eröffnet zu haben – das ist zweifellos das große Verdienst dieses Ausstellungs- und Buchprojektes. Ein Werkverzeichnis nach dem neuesten Stand, private Dokumente, historisches Bildmaterial: Manchmal werden Jubiläen ihrem Namen gerecht.
Die Ausstellung Design, Displacement and Donkeys. The Fractured Life of Egon Riss ist noch bis November 2027 in der Isokon Gallery in London zu sehen. Die gleichnamige Begleitpublikation von Gary A. Boyd, Leyla Daybelge und Denis Linehan ist online erhältlich. Ebenfalls dort erhältlich ist die Publikation zu einer vergangenen Ausstellung, die sich mit der österreichisch-britischen Fotografin Edith Tudor-Hart beschäftigt hat, zu der das Wien Museum 2013 eine Ausstellung gezeigt hat. Ihr Bruder, der bekannte Fotograf und Kameramann Wolf Suschitzky, hat übrigens für Isokon die Produktfotos von den Riss-Möbeln gemacht.






















Kommentar schreiben
Kommentar schreiben
Kommentare
Schöner Beitrag! Allerdings wenn man das Buch bestellen möchte, bekommt man eine wunderliche Antwort:
"We would like to ship abroad, but after Brexit it has become very complicated, and new rules came in as recently as 1st July 2026, meaning we now also need to make an online customs declaration before even going to the post office, and pay the recipients import duty and VAT upfront, an amount we won’t know until the post office tells us the amount, so we have removed export from our website. If you really want our two books (assuming it’s our book on Edith Tudor-Hart you want), then we can possible go through this process, go to the post office but not send you the books, tell you the amount, and give you our bank details for an international bank transfer, and then post the books once you have paid. Unfortunately "can’t take card payment like we do with UK orders as we can’t use the website here. The cost will be the books, the postage, Austrian VAT, and Austrian customs charges. Do you want to go ahead with that?"
Eine, besonders angesichts der widrigen Umstände, beachtliche Karriere!
Wahrscheinlich hat man, wie in vielen anderen Fällen, nicht versucht, diesen Architekten jüdischer Herkunft nach Kriegsende wieder zurück zu gewinnen. Egon Riss hätte der Wiener Architektur am Beginn der zweiten Republik sicher gut getan.