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Andreas Nierhaus und Eva-Maria Orosz, 2.9.2026

Eine Vorschau auf die große Friedrich Ohmann-Ausstellung 2027

Barocke Moderne

Das Glashaus im Burggarten, das Wienfluss-Portal im Stadtpark und das Denkmal für Kaiserin Elisabeth im Volksgarten zählen zu den bekanntesten Bauten Wiens. Der Name ihres Schöpfers, Friedrich Ohmann, ist dagegen weitgehend vergessen – zu Unrecht, wie eine große Ausstellung zeigen soll, die ab April 2027 im Wien Museum zu sehen sein wird.

Friedrich Ohmann, 1858 in Lemberg/Lwiw geboren und 1927 in Wien verstorben, zählte um 1900 neben Otto Wagner zu den prominentesten Architekten der Monarchie. Als Bauleiter der Hofburg und Professor an der Akademie der bildenden Künste hatte er einflussreiche Positionen inne. Er galt als Vertreter einer Moderne, die nicht radikal mit der Tradition brach, sondern sich am „genius loci“ orientierte: Ohmanns Bauten sollten im Einklang mit der besonderen Atmosphäre und „Identität“ eines Ortes stehen, beinahe so, als wären sie immer schon dagewesen. Das österreichische Barock wurde für ihn zur wichtigsten Inspirationsquelle. Mit dieser künstlerischen Haltung passte Ohmann nicht in die Erzählung einer „progressiven“ Moderne und wurde konsequent aus ihrer Geschichte eliminiert. Damit ging jedoch auch der Blick für die verwirrend widersprüchliche Vielfalt dessen, was die Wiener Moderne auszeichnete, verloren. Friedrich Achleitner attestierte Ohmann eine Architekturauffassung, „die keine Richtung verkörpert, keiner Entwicklungslinie angehört, sondern die ganze Kunst der Jahrhundertwende reflektiert.“

Nachdem er 1877–1882 ein Studium an der Technischen Hochschule in Wien absolviert hatte, trat Friedrich Ohmann 1882 in die von Friedrich von Schmidt geleitete Spezialschule für mittelalterliche Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien ein. Als er beim internationalen Wettbewerb für den Bau der Börse in Amsterdam für sein gemeinsam mit dem niederländischen Architekten Jan Groll ausgeführtes Projekt den 2. Preis erhalten hatte, kehrte er nicht mehr an die Akademie zurück und wurde schließlich Assistent bei Carl König an der Technischen Hochschule. 1888 ging er als Lehrer (ab 1892 Professor) für dekorative Architektur an die Prager Kunstgewerbeschule. In den folgenden Jahren konnte er mehrere Wohnbauten in der Hauptstadt Böhmens errichten und machte sich als Spezialist für die Restaurierung barocker Kirchen einen Namen. 1898 wurde Ohmann mit der architektonischen Gestaltung der Wienflussregulierung betraut, in deren Rahmen er 1902/03 das Wienflussportal im Stadtpark in eine barocke Architekturlandschaft verwandelte. 1899 übernahm er die Leitung des Hofburgbaues, der in einer tiefen Krise steckte. Ohmanns Arbeit war vom ständigen Streit mit dem Hofbaucomité überschattet, das ihn mit immer neuen Projekten beauftragte, aber nur wenige Bauten genehmigte, darunter eines seiner Hauptwerke, das Glashaus im Burggarten. 1907 trat Ohmann entnervt von seiner prestigeträchtigen, aber machtlosen Position zurück.

Seit 1904 leitete Ohmann die zweite Spezialschule für Architektur an der Akademie der bildenden Künste. Die „Ohmann-Schule“ stand im Gegensatz zur avantgardistischen Schule Otto Wagners und legte den Schwerpunkt auf eine regional verankerte, der Tradition verpflichtete Architektur, die zum Historismus wie zum Funktionalismus auf kritische Distanz ging und eine gemäßigte Moderne vertrat. 

In den Jahren nach Ohmanns Rücktritt von der Bauleitung der Hofburg entstanden einige seiner bedeutendsten Bauten, darunter das Landhaus Kranz in Raach bei Gloggnitz, das Kaufhaus Zwieback in Wien, die Archäologischen Museen von Bad Deutsch-Altenburg und Split, die Schlossbrunnenkolonnaden in Karlsbad, das Kurhaus in Meran und die Villa Regenstreif in Wien. Nach langer Krankheit starb Ohmann 1927 im Alter von 68 Jahren in Wien.

Ohmanns künstlerischer Nachlass mit tausenden Zeichnungen, Fotografien und Schriftstücken blieb lange Zeit im einstigen Atelier im Familienwohnhaus in der Viktorgasse 3 liegen. Erst ab den 1960er-Jahren übergaben seine Tochter Wilhelmine und ihr Ehemann Hans Pfann, auch er Architekturprofessor und früherer Mitarbeiter Ohmanns, den Nachlass sukzessive an öffentliche Sammlungen: die repräsentativen Zeichnungen wurden auf das Historische Museum der Stadt Wien (Wien Museum), das Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste und das Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg aufgeteilt, der Großteil des Nachlasses befindet sich heute im Archiv der TU Wien. Repräsentative Originalzeichnungen werden heute zudem in Privatbesitz vermutet, da Ohmanns Familie gerne Blätter an Freunde und Bekannte verschenkte, manchmal auch verkaufte.

Die Ausstellung im Wien Museum entsteht in Kooperation mit dem Archiv der TU Wien und kann aus einem großen Fundus von herausragenden Zeichnungen schöpfen, die schon Ohmanns Zeitgenossen beeindruckten: von den raffinierten, wie Kunstwerke inszenierten Blättern Otto Wagners und seiner Schule unterscheiden sich die Architekturzeichnungen Ohmanns durch größere Unmittelbarkeit und Individualität. Seiner künstlerischen Grundhaltung entsprechend, ist die harmonische Einbettung der Architektur in die Umgebung ein wiederkehrendes Thema. Anders als Wagner zeichnete Ohmann, der seine schwungvoll-sichere Federführung beim Zeichnen barocker Motive perfektioniert hatte, viele seiner Präsentationsblätter selbst, bediente sich aber immer wieder auch anderer Zeichner wie Oskar Strnad.

Ergänzend zu Zeichnungen, Fotografien und Modellen werden in der Ausstellung erstmals auch Kunstwerke und Möbel aus Ohmanns Besitz zu sehen sein, die sein persönliches Interesse an alter und moderner Kunst belegen. Einen Vorgeschmack auf die Ausstellung geben drei einst prominente, heute wenig bekannte Wiener Bauten Ohmanns, die seine gestalterische Bandbreite und Qualität vermitteln.

Milchtrinkhalle im Stadtpark

Im Rahmen der architektonischen Gestaltung der Wienflussregulierung errichtete Ohmann im Stadtpark, am Ufer des Wienflusses, zwischen 1901 und 1903 eine Milchtrinkhalle, die als Gastronomiebetrieb rasch sehr populär wurde. Das Gebäude ersetzte ein kleines, in die Jahre gekommenes Milchbuffet beim Kinderpark und lud mit einer großen Terrasse zum Verweilen ein, an der Seite zum Wienfluss war für Annehmlichkeiten während der kalten Wintermonate gedacht: Eisläufer hatten von der Wienflussterrasse aus direkten Zugang zu den Garderobenkästchen im Pavillon, für ihre musikalische Unterhaltung war durch einen Balkon mit Orchesternische gesorgt. Der Bau mit Mansarddach und Belvedere orientierte sich an der Landhausarchitektur, im Inneren gab Ohmann eine vielbeachtete moderne Interpretation von Bauernstuben bzw. Gasthäusern. Nach schweren Schäden im Zweiten Weltkrieg und mehreren Umbauten ist in dem Gebäude heute das Restaurant „Steirereck“ untergebracht.

Kaufhaus L. Zwieback

Ohmanns hohes Vermögen, künstlerische Lösungen aus den jeweils spezifischen Gegebenheiten seiner Bauaufträge heraus zu entwickeln, feierte im Kaufhaus Zwieback, einer der ersten Adressen für Wiener Damenmode, große Erfolge. Das Kaufhaus war seit 1895 an der Ecke Kärntnerstraße/Weihburggasse und bediente nicht nur die elegante großbürgerliche Klientel, sondern auch einen aristokratischen Kundinnenkreis. Ohmann wurde 1909 mit der Umgestaltung des Geschäftslokals beauftragt und entwarf moderne Interieurs, die „Geschmack und Eleganz“ der raffinierten Modewelt und das „eitle Getriebe der Bekleidungskunst“ des Kaufhauses widerspiegelten, wie es in einem Bericht von 1912 heißt. Die Neigung des Architekten zum Neobarock trat bei Zwieback etwas in den Hintergrund, nicht zuletzt deshalb, weil es für die junge Bauaufgabe Kaufhaus keine Referenz im Barock zu finden gab. Ohmann stieg mit diesem Auftrag zum Hausarchitekten des Unternehmens auf und plante weitere Umgestaltungen. Teile der Originalausstattung des Kaufhaus Zwieback sind heute in der Konditorei Sluka integriert.

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Villa Regenstreif

Ohmann war wiederholt für ausgesprochen finanzkräftige Auftraggeber tätig. Zu diesen zählte der jüdische Industrielle Friedrich Regenstreif, für den er von 1913 bis 1917 ein repräsentatives Anwesen am Wiener Stadtrand konzipierte, das heute nicht mehr existiert. Auf einem großzügigen Grundstück, das sich von der Pötzleinsdorfer Straße bis zur Starkfriedgasse erstreckte, plante Ohmann eine schlossartige Villa mit allen modernen Annehmlichkeiten. Neben weitläufigen, künstlerisch ausgestatteten Salons und Privaträumen wurden auch eine Kegelbahn und ein Kinosaal errichtet. Zur Gartenarchitektur zählten u.a. ein Swimmingpool und ein Tempietto sowie die unverzichtbaren Nebengebäude von Glashaus, Garage und Pförtnerhaus. Fritz Regenstreif musste die Villa 1941 an die nationalsozialistische Arbeitsfront verkaufen, die qualitätvollen Interieurs wurden zerstört. 1953 wurde die Villa an die Erben nach Fritz Regenstreif restituiert. Dass Ohmanns auf Tradition basierende moderne Architekturauffassung Zukunft haben konnte, erwies sich darin, dass die Republik Österreich in den 1960ern die Villa Regenstreif als Dienstvilla des Bundepräsidenten verwenden wollte. Nach einem Brand im Zuge der Renovierungsarbeiten wurde das Gebäude 1964 abgerissen. Neben Teilen des Gartens erinnern heute nur mehr die Einfriedung und das Pförtnerhaus an eine der mondänsten Villen Wiens. 

Die Villa Regenstreif, das Kaufhaus Zwieback und die architektonische Gestaltung der Wienflussverbauung sind zentrale Themen der Ausstellung im Wien Museum, die von einem umfangreichen Katalog mit zahlreichen Beiträgen namhafter Expertinnen und Experten und dem ersten Werkverzeichnis Ohmanns begleitet wird. Ausstellung und Publikation sollen zu einer Neubewertung Ohmanns im Kontext der Architekturgeschichte Wiens und Mitteleuropas beitragen.

 

Literatur


Friedrich Achleitner, Eine Notwendigkeit. Ausstellung Friedrich Ohmann im Künstlerhaus, in: Die Presse, 29./30.11.1969, wieder abgedruckt in: Ders., Nieder mit Fischer von Erlach, Salzburg-Wien 1986, S. 192-195.

Ferdinand von Feldegg, Friedrich Ohmanns Entwürfe und ausgeführte Bauten: Zweiter Band, Wien, 1914.

Ludwig Hevesi, Die Milchtrinkhalle der Stadt Wien, in: Kunst und Kunsthandwerk 6 (1903), S. 216-217. 

Andreas Lehne, Wiener Warenhäuser 1865 - 1914, Wien 1990.

Reinhard Pühringer, Friedrich Ohmann (1858–1927). Protagonist des „genius loci“ zwischen Tradition und Aufbruch. Vom Frühwerk bis zu den Wiener Großprojekten (1884-1906/07), Dissertation, Wien 2002.

Jindrîch Vybíral, Friedrich Ohmann. Objev baroku a počátky moderní architektury v Čechách / Friedrich Ohmann. Die Entdeckung des Barocks und die Anfänge der modernen Architektur in Böhmen, Prag 2013

Wiener Bauindustrie-Zeitung 30 (1912), S. 112-113.

Andreas Nierhaus, Kunsthistoriker und Kurator für Architektur und Skulptur im Wien Museum. Forschungsschwerpunkte: Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts, Medien der Architektur. Ausstellungen und Publikationen u.a. über die Wiener Werkbundsiedlung, die Ringstraße, Otto Wagner, Richard Neutra und Johann Bernhard Fischer von Erlach.

Eva-Maria Orosz, Kunsthistorikerin, Kuratorin für Angewandte Kunst und Möbel im Wien Museum; Forschungsschwerpunkte: Interieur, Period Rooms und Möbel 19. und 20. Jahrhundert, Museums- und Sammlungsgeschichte. Ausstellungen und Publikationen zur Kunst- und Kulturgeschichte Wiens, u. a. Schmuck der Wiener Werkstätte, Werkbundsiedlung Wien, Otto Wagner.

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