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Peter Nigst, 20.8.2026

Zum 150. Geburtstag von Robert Örley

Ein fast vergessener Baukünstler

Robert Örley (1876–1945) zählte mit seinen Möbelentwürfen und ersten Stadtvillen schon kurz nach 1900 zu den herausragenden Protagonisten der Wiener Moderne. Drei zentrale Bauten des Autodidakten werden im Folgenden vorgestellt. 

Sein aus dem Tischlerhandwerk kommendes Verständnis verband Robert Örley meisterhaft mit neuen technischen/konstruktiven Aspekten des Bauens. Er arbeitete mit einer Art „praktischen Ästhetik“, mit einer brauchbaren Nutzung, wie er selbst formulierte. Innenraumkonzepte korrespondierten mit den plastischen Silhouetten seiner Baukörper und diese mit ihrer Umgebung. 

Örley war auch eine wichtige Persönlichkeit im Kulturleben Wiens, als Präsident der Secession (1911/12), als Gründungsmitglied des Werkbundes 1912 und Präsident der Gesellschaft Österreichischer Architekten 1913, sowie als Preisträger der Stadt Wien für die Villa Wustl 1914. In der Zwischenkriegszeit erfolgte eine Hinwendung zum sozialen Wohnbau und zur Städteplanung. Zugleich war Örley (1920–1926 Präsident des Werkbundes) durch ausbleibende Rückzahlungen für einen von ihm gewährten privaten Kredit zur Unterstützung des Werkbundes selbst in gröbste finanzielle Probleme geraten,  bevor er 1927 sein Tätigkeitsfeld in die Türkei verlagerte. Örley war dort für Hermann Jansen in der Stadtbaudirektion leitend beschäftigt und setzte Spitalsbauten um. Nach seiner Rückkehr aus der Türkei 1933 war Örleys Aktionsradius durch Krankheit stark eingeschränkt, auch wenn er ab 1938 in offizieller Form der Reichskammer der bildenden Künste angehörte. Robert Örley starb bei einem Verkehrsunfall vor der Secession am 15. November 1945. 

Örley und sein Werk verschwanden aus dem öffentlichen Bewusstsein bis zur Erstellung erster Architekturführer Ende der 60er Jahre für Fachkreise. Wiederum fast dreißig Jahre später, nach Abschluss meiner Dissertation Gestaltungsprinzipien bei Robert Örley, fanden Ausstellungen im AZW und in der Postsparkasse statt, und es erschien die Monografie „Robert Örley“ durch das AZW (Nigst/Kapfinger).

Sanatorium Luithlen 1907–08

Als erstes von drei zentralen Werken Örleys sei das Sanatorium Luithlen (1907–08) in der Auerspergstraße 9 (8. Bezirk) vorgestellt. Auf seine Bedeutung wies Josef Frank in seinem Rückblick auf Wiens Modene Architektur bis 1914 hin: Neben Bildbeispielen von Max Fabiani, Otto Wagner, Josef Hoffmann, Oskar Strnad, Josef Wlach ist auch Robert Örleys Sanatorium Luithlen vertreten.

Fabiani war 1900 beim Portois & Fix-Gebäude in der Ungargasse mit seiner glatten keramischen Verkleidung schon einen Schritt weiter in die Moderne gegangen als Otto Wagner bei den Majolika-Häusern. Das Zurückgehen Örleys gegenüber den totalen Plattenverkleidungen Wagners, Fabianis oder Jože Plečniks, das Reduzieren auf den für Wien typischen Putzbau, wie es auch Loos demonstrieren sollte, entspricht ganz dem kritisch, prüfenden Wesen Örleys. Der damals Dreißigjährige scheint diese Wirkung klar erwogen zu haben. Er schafft eine strenge und klare Aussage und reiht sich hier mit dem zwei Jahre vor dem Loos-Haus am Michaelerplatz fertiggestellten Sanatorium Luithlen mit der tektonischen Wirkung der Straßenfassade eigenständig in moderne Gestaltungsprinzipien ein. Örley betont die Fassade durch einfache Mittel des Materials wie auch der Form. Die Sockelzone besteht aus Konglomeratstein, die scharfen Gesimsbänder aus demselben Werkstoff markieren die einzelnen Geschoße, deren Wandflächen mit Dolomitsandputz glatt und dauerhaft hergestellt sind. Putz und Konglomeratstein kontrastieren nicht entscheidend, bleiben aber doch deutlich lesbar. Die Heilanstalt für Haut- und Geschlechtskrankheiten war insgesamt ein Vorzeigeprojekt der damaligen Zeit. 

Friedrich Achleitner bezeichnet das Sanatorium Luithlen in seinem 1990 erschienen Band I zu Wien der Österreichischen Architektur im 20. Jahrhundert als eine mutige und überzeugende Leistung der Moderne, die schon im Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende wesentliche Elemente der Architektur der zwanziger Jahre vorwegnahm“.Doch mittlerweile sei es nur noch ein „architektonischer Schatten seiner selbst“.

Die von Achleitner angesprochenen gravierenden Veränderungen fanden nach dem Wegfall der noch bis 1956 bestehenden Nutzung statt, dann erfolgte 1969 der Umbau zu einem Studentenheim. Eine derartige Nutzungsänderung ist zwar aus den Anforderungen dieser Zeit verständlich, aber u. a. wurden dabei die beiden Operationssäle im Dachgeschoß und das gestufte Glasdach über dem Eingang eliminiert. Damit war ab diesem Zeitpunkt die Charakteristik der Außenerscheinung grob beeinträchtigt. Auch im Inneren ist durch die rigorose Umsetzung der Nutzungsänderung nahezu alles an Örleys Gestaltqualität, bis auf das Stiegenhaus, verschwunden. Lediglich der Hof blieb in dieser Phase in seiner Originalgestaltung noch weitgehend verschont. Trotz inzwischen verfügtem Denkmalschutz hat der nochmalige Umbau zu einem Hotelbetrieb 2004–05 zu weiteren rigorosen Veränderungen geführt. So wurden etwa die damals noch vorhandene trichterförmig gestufte Eingangssituation gänzlich zerstört und der Hofbereich unter anderem mit weiteren Einbauten „behandelt“.  

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Im Bauinteressenten der Wiener Bauindustrie-Zeitung stand 1908 über die Krankenzimmer und ihre Ausstattung zu lesen: „Im ersten Stockwerk beginnt die Serie der Krankenzimmer, sie bergen in Bezug auf methodische Hygiene und gemütlichen Komfort das Erlesenste und Zweckmäßigste, das Kranken bisher geboten wurde. Bemerkenswert sind u. a. die Schreibtische, die durch einen Mechanismus so reguliert werden können, daß sich die Decke plötzlich hebt, worauf der Schreibtisch ein ganz eleganter Toilettetisch wird. Unmittelbar neben dem Kranken Zimmer befindet sich ein Baderaum. Die Beleuchtung ist überall elektrisch, auch eine elektrische Uhr ist in die Wand eingelassen und strahlt nach Schließung der Verbindung elektrisches Licht aus, das ebenfalls als Nachlicht im Raume benützt werden kann. Im Krankenzimmer sind Anschlüsse mit Telephon, sodaß man von diesem Raum aus sprechen kann, bzw. Anschlüsse mit dem elektrischen Apparat hat. Der Kranke braucht während seines ganzen Aufenthalts im Sanatorium seine Appartements nicht zu verlassen, alles, was die Kur erfordert, ist in seinem Raum vorhanden. Jedes Appartement hat auch sein eigenes Service in Silber und Porzellan. Aus hygienischen Gründen sind nirgends im Haus Tapeten und Teppiche. Die Wände sind fein gemalt, die Marmorböden tragen Linoleum, das in Hohlkehlen gelegt ist, sodaß keine Staubansammlung erfolgen kann. Dazu besteht ein Dampfbetrieb für Desinfektion.“
 

Entwurfskonzept: von Innen nach Außen

Jedes der ost- bzw. westorientierten Krankenzimmer hatte unmittelbar ein Bad mit WC zugeordnet (Raumgröße: 3,64 × 5,00m, bei 3,80m lichter Raumhöhe, Bad: 1,45 × 5,50m). Zwei Bäder sind jeweils nebeneinander angeordnet (gemeinsame Installationen und durch eine gemeinsame Türe auch direkt vom Gang aus begehbar). Die Anordnung der Zimmer/Bad-Kombination ist zueinander gespiegelt. An der Straßenfront sind derart 2 × 2 Krankenzimmer mit dazwischenliegenden 2 × 2 Bädern aneinandergereiht. Dieses lässt sich klar an den breiten bzw. schmalen Fenstergrößen ablesen. Damit ist evident, dass Örley sich von der Raumanordnung mit exakt überlegten Raumbreiten und -höhen an sein Entwurfskonzept annäherte – er also grundsätzlich von Innen nach Außen entwickelte – natürlich nicht ohne umgekehrt dieses parallel mit einer für ihn schlüssigen Konzeption einer Fassadenlösung in Einklang zu bringen. Im konkreten Fall des Sanatoriums Luithlen war dies mit dem mutigen Schritt einer glatten, horizontal gegliederten Putzfassade. 

Bei dem bereits erwähnten Umbau zu einem Studentenheim 1969 wurde auf die das Erscheinungsbild bestimmenden Operationssäle keine Rücksicht genommen. Dabei stellten die beiden Operationssäle stellten in verschiedener Hinsicht eine Besonderheit dar. Und zwar nicht nur durch das ausdruckstarke architektonische Konzept, das in seiner Außenerscheinung wirksam wurde, sondern auch durch seine Detailgestaltung und technische Ausstattung nach neustem wissenschaftlichem Stand.

Aus konstruktiver Sicht waren die beiden Operationssäle mit den einander kreuzenden korbbogenförmigen Eisenbetonkonstruktionen in Oktogonform, die durch dünne Monierwände ausgefacht waren, damals eine absolute Neuerung. Außen war alles mit einer Korksteinisolierung belegt und durch einen Kupferblechmantel abgedeckt.

In den OP-Sälen und allen angrenzenden Bereichen kam modernste Medizintechnik zur Anwendung. Darüber hinaus stand für den OP-Betrieb volles Tageslicht zur Verfügung, das durch die großen nordseitigen Fensteröffnungen eintrat, die durch Spezialradiatoren gegen Kälte abgeschirmt waren. Natürlich waren auch hier alle Ecken ausgerundet und umlaufend mit Hohlkehlen ausgestattet.

Relevant für die Wahrung von baukulturellem Erbe ist die Wahl einer verträglichen Nachnutzung und der Respekt vor dem zu verändernden Bauwerk. Leider war beides im Fall des ehemaligen Sanatoriums Luithlen nicht gegeben. Was jedoch im Zuge des Denkmalschutzes eingefordert werden muss, ist die heutige Erhaltung eines denkmalwürdigen Zustandes der Teile der Fassade, die noch dem Originalzustand entsprechen oder leicht wiederhergestellt werden könnten. Das ehemalige Vorzeigebeispiel der Wiener Moderne wartet daher weiter auf ein (machbares) Wunder durch Rückbau von störenden Eingriffen, auch eine „Wiederauferstehung“ der ehemaligen OP-Säle – z.B. für eine kulturelle Nutzung – wäre laut Bundesdenkmalamt wünschenswert.

Doppelmiethaus in der Vegagasse

Als zweites Anschauungsbeispiel betrachten wir das denkmalgeschützte, in den Jahren 1906–1907 errichtete Doppelmiethaus in der Vegagasse 17–19 im 19. Wiener Bezirk. Es wurde ein Jahr vor dem Sanatorium Luithlen fertiggestellt. In nächster Nachbarschaft zu seiner ursprünglich eigenen Villa in der Lannerstraße 14 und der Mietvilla Kaiser in der Weimarerstraße 98 aus den Jahren 1904–1905 gelegen, entstand das Doppelmiethaus auf zwei zusammengelegten Grundstücken seiner Frau Gabriele Örley. Das bot für den Architekten eine besondere Situation, die ihm ein Vorgehen mit einem Konzept ganz nach seinen Vorstellungen ermöglichte. Das Doppelmiethaus zählt zu den bemerkenswertesten Gebäuden des Döblinger Cottage-Viertels und seine Bedeutung als modernes Wohnhaus, das eher „ländliche Atmosphäre mit dem städtischen Wohnen“ verbindet, blieb lange wenig beachtet. 

Das Doppelhaus ist heute in seiner äußeren Erscheinung samt Garten und Einfriedung noch nahezu in Originalzustand. Es hat seinen Charakter behalten und ist im Wesentlichen in Würde gealtert. Ebenso sind im Inneren die beiden Stiegenhäuser mit ihren streng gerastert reliefierten Stuckoberflächen im Zugangsbereich, mit den Original-Leuchtkörpern sowie den Haustoren und den gartenseitigen ovalen Fenstern im unveränderten Zustand erhalten. Die horizontalen, mit Holz verschalten Untersichtflächen des Dachüberstandes bedürfen zwar schon einer baldigen Behandlung, zum Teil auch die Fensteranstriche; und bei den hölzernen Einfriedungen des Vorgartens, samt den verschiedenen Holztoren, ist pflegend nachzuarbeiten. Jedenfalls zeigt das Doppelmiethaus in seinem über 120 Jahre andauernden Bestehen eine fast einzigartige Konstanz, die sich bis heute bewährt und auch keine grundsätzlichen Änderungswünsche ausgelöst hat. Es ist verwunderlich, dass diese bewährte Architektur- und Bauqualität keine Nachahmung gefunden hat.

Das Doppelmiethauses ist in seiner architektonischen Erscheinung klar geordnet. Es weist zwei spiegelbildliche Gebäudehälften mit an den Ecken vorspringenden Wintergärten auf. Wesentlich wird dabei sein Charakter durch die ruhige Dachsilhouette mitbestimmt. 

Das entscheidend Neue an Örleys Idee zur Gestaltung der Fassaden ist jedoch die Anwendung eines klar strukturiert gerasterten Rahmenwerks aus braunvioletten Keramikbändern, das die sonst glatte Fassade artikuliert. Das mag in seiner Wirkung an zeitgenössische Vorbilder einer sichtbaren hölzernen Tragstruktur mit ausfachenden Putzflächen erinnern, wie sie etwa bei Muthesius oder im angelsächsischen Bereich anzutreffen sind, oder auch an Semper’sche Theorien denken lassen. Felix Siegrist erläutert diese Aspekte von Gerüst und Füllung in seiner Dissertation „Die artikulierte Wand“ 2022 ausführlich. Örley, der stets an den praktischen Gebrauch dachte, achtete vor allem bei der Anwendung von Material sehr auf die Kombination verschiedener Oberflächen, von rau bis glatt. So sitzen die Keramikbänder genau an den sonst empfindlichen Kanten der Fensterlaibungen, die dann mit gleichfarbigen keramischen Platten bis zum Fensterstock verkleidet und damit geschützt sind. 

Im Parapetbereich mutieren die Keramikbänder zu leicht vorspringenden Blumenkästen mit Entwässerungslöchern, damit das Gießwasser abtropfen kann. Wo nicht die Fenster den präzise gesetzten Raster ausfüllen, wird die Ausfachung der Mauerwerksflächen mit einem rauen Rieselputz versehen. Im leicht vorspringenden Sockel werden runde Flusskiesel in ein Mörtelbett gedrückt. So differenziert sich das Fassadenprofil in seiner Tiefe vom Sockel bis hinauf zur weiß gestrichenen Untersicht des Dachüberstandes. Die vorspringenden Eckrisalite werden mit einer weichen Kurve des Dachrandes umspielt und so entsteht eine feine Plastizität. Im Gesamteindruck ist das Gebäude jedenfalls ein früher Beitrag zu einer modernen Ausrichtung der Architektur kurz nach 1900 in Wien. 

Die Angemessenheit der jeweiligen Lösung zeigt sich in der Differenzierung des Bandrasters von Keramik an den Straßenseiten mit einer Doppelbetonung an den Ecken, im Gegensatz zu den Seiten- und Gartenfronten, wo diese zu hellen Putzstreifen reduziert wird. Dieses Prinzip mit Rahmen und Füllung, das bei Örley klar aus seiner handwerklichen Tradition des ausgebildeten Tischlers kommt und das er als Verkleidungsprinzip in Innenräumen oftmals gekonnt verwendete, wird im Fall des Doppelmiethauses Vegagasse von ihm programmatisch an der Außenfassade angewendet.

Haus Richard Wustl

Bei dem dritten beispielhaften Bauwerk von Robert Örley handelt es sich um ein Haus für den ehemaligen Schraubenfabrikanten Richard Wustl. Es entstand 1912–1914  in der Auhofstraße 13–15 in Hietzing. Das Areal war zuvor um 1840 mit einer Villa für den Freiherrn Carl von Hügel, einem Forschungsreisenden und Ersten Präsidenten der k.k. Gartenbaugesellschaft, bebaut worden. Er ließ einen botanischen Garten mit Glashaus für Rhododendren, Orchideen etc.  anlegen, der zum Anziehungspunkt für Liebhaber exotischer Pflanzen wurde. 

Später ging die Liegenschaft in das Eigentum des Herzogs von Braunschweig über. Teile des damals bestehenden Glashauses wurden von Örley in sein Gesamtkonzept integriert. Im Lageplan der Einreichung von 1912 wurde bereits eine Parzellierung mit genehmigt.

Mit dem Haus für den Schraubenfabrikanten Richard Wustl übernahm Örley eine Raumidee, die er schon in seinem eigenen Wohnhaus in der Lannerstraße erfolgreich erprobt hatte, und übersteigerte diese auf die Ansprüche und Dimensionen einer großbürgerlichen Lebensweise, wie es Otto Kapfinger formulierte. Licht tritt dabei durch einen umlaufenden Lichtgaden in die Dachpyramide, durch ein Glasdach in das Mansardengeschoß und weiter durch eine Ornamentglasfläche in den zentralen zwei- geschoßhohen Hallenraum. 

Diese Entwurfskonzeption einer „lichtdurchfluteten Mitte“ im Inneren, die vom dem „Lichtraum“ des Daches über das Mansardengeschoß zu der zentralen Halle über 16 Höhenmeter reicht, verbindet Örley zu einer eigenen Raumqualität. Leider können wir heute diesen Zustand nur mehr partiell im Gebäude sehen bzw. an Fotos der Eigentümer als Gesamtes erahnen, denn bereits 1936 wurde im Zuge eines Umbaues der Villa Wustl zu einem Mehrfamilienhaus der beiden Architekten Kurt Klaudy und Georg Lippert dem Hallenraum durch eine über dem Erdgeschoß eingezogene Decke die gesamte Raumwirkung amputiert. Von der Ornamentglasdecke und dem Tageslichteintritt verblieb nur ein minimaler Streifen über dem Stiegenaufgang. Der Denkmalschutz wurde dem Gebäude erst 1990, also viel zu spät, zuerkannt. 

Das Gebäude vermittelt trotz dieser Beeinträchtigung noch sehr viel an Ausstrahlung und Qualität durch weitgehend im Originalzustand erhaltene Raumteile sowie besonders von Örley gestalteter Architekturelemente, die sich zu einem Gesamteindruck fügen. Die langjährige Eigentümerin, Anna Nitsch Fitz, gab über Jahre trotz schwierigster Umstände das Gebäude nicht einer „Verwertung“ preis, rettete es sozusagen hinüber bis zum Denkmalschutz und der Nutzung durch die nachfolgende Generation. Heute gibt es positive Signale und eine gute Kooperation mit dem Bundesdenkmalamt sowie eine Wertschätzung für das Gebäude, einigermaßen adäquate Nutzungen und eine gewisse Zufriedenheit aller im Gebäude wohnenden und tätigen Personen mit dem derzeitigen, wieder verbesserten Zustand.

Die Möglichkeit einer Rückführung auf den Originalzustand, wie sie vor kurzem eindrucksvoll bei der Villa Beer von Josef Frank und Oskar Wlach gelang, scheint allerdings beim Haus Richard Wustl bis auf Weiteres nicht sehr wahrscheinlich.

Die Villa mit ihrer wechselvollen Geschichte scheint trotzdem als Exempel gesehen werden zu können, dass Spuren einer Geschichte, eines Ortes, die in einem Bauwerk lesbar bleiben, nicht unwichtig sein können, wenn diese eine gewisse öffentliche Zugänglichkeit erhalten und damit einer Erinnerungskultur dienen. In diesem Sinn ist dem zugehörige Freibereich (des ehemaligen botanischen Gartens) Aufmerksamkeit zu schenken und kommt der Gesamtsituation Villa und Garten Bedeutung zu.

 

Literatur und Quellen

Peter Nigst, Otto Kapfinger: Portraits österreichischer Architekten, Band 3, Wien 1996, AZW
Peter Nigst: Recherchematerialien zur Dissertation Gestaltungsprinzipien bei Robert Örley, 1995, Wien Museum
Felix Siegrist: Die artikulierte Wand : „Praktische Ästhetik“ und Materialtransformationen im Werk von Robert Örley [Dissertation, Technische Universität Wien], 2022

Eine Kurzbiografie von Robert Örley findet man hier.

Peter Nigst, * 1946, freischaffender Architekt, ehemals Hochschullehrer an der Akademie der bildenden Künste, Wien, sowie Leiter des Studienganges Architektur in Kärnten, dzt. Tätigkeiten im Baukulturbereich und für das Bauarchiv Kärnten

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