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Peter Stuiber, 17.9.2026

Michael Hueys Buch über den Grafen Felix „Wetti“ Schaffgotsche

„Ich fühle mich wie eine Primadonna“

In den USA wurde Felix „Wetti“ Schaffgotsche dafür bekannt, dass er als Scout das Sun Valley-Skigebiet „entdeckte“ und touristisch mitentwickelte. In der großangelegten biografischen Spurensuche des Künstlers Michael Huey erweist sich der Sprössling einer österreichischen Adelsfamilie als ambivalenter Lebe- und Geschäftsmann zwischen libertärem Individualismus und Begeisterung für die Nationalsozialisten. 

Dieses Buch hat Gewicht, und zwar zunächst einmal im wortwörtlichen Sinne: 2,2 Kilogramm bringt die Publikation mit dem Titel Unpredictable Weather. The Sunny, Surprising, Sad Case of Count Felix ‘Wetti’ Schaffgotsche 1904-1942 auf die Waage, sie ist sieben Zentimeter dick (Chapeau an den Buchbinder!), hat 1000 Seiten und 1500 Fußnoten. Das soll aber nicht abschrecken! Spätestens wenn man das Opus Magnum aufschlägt, taucht man in eine Welt ein, die einen durchaus nicht mehr loslässt – nicht zuletzt dank der unzähligen historischen Fotografien und Dokumente, der außergewöhnlichen Gestaltung und der Widersprüchlichkeit seines „Helden“.

Der österreichisch-amerikanische Künstler Michael Huey, der in Traverse City (Michigan) geboren wurde und seit 1989 in Wien lebt, hat dem Protagonisten seines Buches nicht zuletzt aus familiären Gründen ausgiebig nachforschen können. Denn Felix „Wetti“ Schaffgotsche war ein Cousin des Vaters von Christian Witt-Dörring, dem bekannten Kunsthistoriker und Ehemann von Michael Huey. Aber nicht nur das Familienarchiv durchforstete der Künstler für sein Projekt: In jahrelanger akribischer Arbeit trug er auch aus unzähligen anderen Archiven Dokumente, Fakten, Hinweise zusammen, um einer Person näherzukommen, die letztlich dennoch fast unfassbar zu sein scheint.

1904 in Enns geboren, wuchs Felix Schaffgotsche in adeligen Verhältnissen auf, daran lässt sein voller Name keinen Zweifel: Graf Felix Franz Julian Johann Maria Schafgottsche, genannt Semperfrei von und zu Kynast und Greiffenstein. Pragmatischerweise wird er im Folgenden – wie im Buch – mit seinem Spitznamen „Wetti“ genannt, den er wohl aufgrund seines in jungen Jahren unberechenbaren Temperaments erhielt (ein aufbrausendes „Wetterl“). Wobei hier auch gleich die Warnung ausgesprochen werden muss, dass die weit verzweigten Familienverhältnisse in diesem adeligen Panoramagemälde dem Leser/der Leserin gehörig Konzentration abverlangen, der (vereinfachte) Stammbaum auf Seite 24/25 erweist sich allerdings als gute Basisorientierung. 

Wettis bereits 1907 verstorbener Vater, Major Graf Franz de Paula Schaffgotsche, diente als Flügeladjutant unter Kaiser Franz Josef und hatte 1901 Aglaë Witt von Dörring geheiratet. Nicht nur in den darauffolgenden Jahren bildet die familienbiografische Erzählung Gesellschaftsgeschichte ab: Der Erste Weltkrieg wurde zur Zäsur einer adeligen Lebenswelt, die tief in der Tradition der Monarchie und in dessen Staatsapparat verwurzelt war. Der Tod des Kaisers, der Untergang des Vielvölkerreiches, die neue demokratische Ordnung sorgte für massive Umwälzungen und fallweise gehörige finanzielle Einbußen, abgesehen vom (offiziellen) Verlust des Adelstitels. Im Vergleich zum überwiegenden Teil der Bevölkerung lebte die Familie Schaffgotsche freilich noch immer hochprivilegiert. Das schützte sie allerdings nicht vor privaten Tragödien – wie etwa dem plötzlichen Tod von Wettis älterem Bruder Franz, der im Mai 1919 einer Blutvergiftung nach einem Bienenstich erlag. 

Um 1920 musste sich Wetti Schaffgotsche demnach in einer komplett neuen Welt zurechtfinden, das entsprechende Kapitel in dem Buch heißt zurecht „The Unfinished Man“. Nach den Schulbesuchen im Theresianum, am Landesgymnasium in Linz und am Bundesgymnasium in Freistadt stellte sich die Frage nach einem passenden einträglichen Beruf (noch wenige Jahre davor hätte sich diese Frage aufgrund der gesellschaftlichen Umstände so nicht gestellt). Die finanzielle Situation der Mutter hatte sich deutlich verschlechtert, der Sohn musste sich also zwangsläufig nach einer Arbeit umsehen. Dank entsprechender Kontakte konnte er erste berufliche Erfahrungen sammeln, etwa in einem Holzbetrieb des Hauses Fürstenberg in Hüfingen (der bis heute existiert). Als Angehöriger einer böhmischen Adelsfamilie war Wetti nach 1918 übrigens tschechischer Staatsbürger (was ihm prompt die Einberufung zum Militär einbrachte, die er geflissentlich ignorierte), er erhielt aber ebenso einen österreichischen Reisepass. 

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Es dauerte allerdings bis ins Jahr 1927, ehe Wetti Schaffgotsche erstmals einen „richtigen“ Job hatte, und zwar bei der mächtigen niederländischen Steenkolen Handelsgesellschaft. Nicht nur beruflich schien er Fuß gefasst zu haben, auch sein Privatleben entwickelte in den 20er Jahren eine gehörige Dynamik: Er war Teil einer Jeunesse dorée, die das moderne Leben in vollen Zügen genoss (und ganz offensichtlich auch jede Zigarette, die auf den Fotos von damals zu sehen ist). 

Damit kommt ein Aspekt von Schaffgotsches Leben ins Spiel, der für Michael Hueys Biografie von zentraler Bedeutung ist: Wettis Homosexualität. Erwartungsgemäß waren keine direkten Hinweise darauf in den Quellen zu finden, doch Fotografien, Briefe, das Umfeld und der Freundes- und Bekanntenkreis lieferten entsprechende Anhaltspunkte. Vor allem vor dem Hintergrund der späteren Begeisterung Wettis für die Nationalsozialisten kommt seiner sexuellen Orientierung eine nicht unwesentliche Rolle zu. Huey gelingt es, hier (wie auch bei anderen Aspekten dieses widersprüchlichen Lebens) Einblicke in die biografische Forschungs- und Schreibarbeit selbst zu liefern. Ob Reflexionen beim Auswerten von Quellen oder Interpretationsspielräume, die in Relation zum eigenen Erleben gesetzt werden: Es wird in dem Buch nicht nur ein Leben akribisch bis in die feinsten Verästelungen nacherzählt, sondern die Konstruktion dieser Erzählung ständig umkreist, immer wieder auch hinterfragt. 

Jetzt noch in aller Kürze zu Wettis erstaunlicher beruflichen Karriere, die in den späten 20er Jahren rasant an Fahrt aufnahm. Der Adelsspross lernte in London und in Amsterdam die Finanzwelt kennen (die zeitgleich in eine tiefe Krise stürzte), aber auch den amerikanischen Multi-Millionär, Bankier und Hauptaktionär der Union Pacific Railroad, W. Averell Harriman – eine Begegnung, die sein Leben verändern sollte. Denn der US-Unternehmer und Investor fand Gefallen an dem charmanten, hemdsärmeligen Businessman Wetti, der zwar kein Studium vorzuweisen hatte, dafür gute Englischkenntnisse und eine ordentliche Portion Unternehmungsfreude. Als Scout sollte Schaffgotsche 1935/36 im Auftrag von Harriman einen an der Eisenbahnlinie gelegenen Ort für ein Skigebiet ausfindig machen, woraus das berühmte Sun Valley werden sollte, bei dessen touristischer Erschließung der Österreicher – mit seinem entsprechenden Know-how aus der alpinen Heimat (Arlberg!) – federführend half. 

Sein knapp 60-seitiges Tagebuch aus dieser Zeit ist im Buch als Faksimile abgebildet und liefert die launige Schilderung eines unternehmerischen wie gesellschaftlichen Triumphzuges, inklusive diverserer High Society-Bekanntschaften. Am 8. Dezember weilte Wetti im Paradise Inn im Mount-Rainier National Park und notierte: „Starker Wind und Schneegestoeber, noch mehr Menschen wie gestern, da in der Abend Zeitung noch gestanden ist, dass ich ueber das Week-end hier bin. Das reinste Affentheater, ich fuehle mich wie eine Primadonna.“

Sechs Mal wird Schaffgotsche bis 1940 die USA bereisen. Woher seine zunehmende – und im Verhältnis zu seinem Privatleben durchaus widersprüchliche – Begeisterung für den Nationalsozialismus kam, versucht Michael Huey in immer neuen Anläufen zu verstehen. Der Autor beleuchtet dabei stets auch den gesellschaftlichen Hintergrund, von der Nähe vieler Adeliger zum katholischen Austrofaschismus bin zur offenen Unterstützung Hitlers durch jene, die darauf hofften, der „Führer“ würde ihnen die in der Republik „erlittenen“ Verluste kompensieren und dem bedrohlichen Bolschewismus Einhalt gebieten. Auch in Wetti Schaffgotsches unmittelbarem Umfeld gab es unterschiedlichste Reaktionen auf den Nationalsozialismus, bisweilen wurde Hitler auch vehement abgelehnt, weil er als „Prolet“ galt. Abgesehen davon, dass der Antisemitismus ohnehin „gepflegt“ wurde, selbst wenn man fallweise jüdische Freunde, Geschäftspartner oder gar Verwandte hatte. 

Die Widersprüchlichkeiten finden sich allerorts in Wetti Schaffgotsches Biografie. So begeisterte er sich, trotz seiner Sympathie für den Nationalsozialismus, für den jüdischen Violinisten Yehudi Menuhin. Im Dezember 1937 lernte er Charlie Chaplin kennen, der selbst von den Nationalsozialisten massiv attackiert wurde. Wenige Tage später, am Neujahrstag 1938, meldete er wiederum in einem Brief begeistert aus Sun Valley: „Hier entwickelt sich der Ort langsam in eine Nazi Hochburg, sogar die amerikanischen Gäste grüssen schon mit Heil Hitler. Aus der Weinstube haben wir ein richtiges österreichisches Lokal gemacht, mit deutscher Speise Karte und die Musik spielt nur deutsche Lieder.“

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Die Euphorie für das vermeintlich Tausendjährige Reich hielt an – und führte letztlich dazu, dass Wetti Schaffgotsche nach dem „Anschluss“ Österreichs in seine Heimat zurückkehrte, um ab 1940 das Terrorregime als Soldat zu unterstützen. Er musste dabei die Gefahr ignorieren, die ihn selbst bedroht hätte, wären Details seines Privatlebens gegen ihn verwendet worden. Leichtsinn? Verblendung? Womöglich gepaart mit Sehnsucht nach Gemeinschaft im Militär? Es erging ihm jedenfalls wie vielen seiner Kameraden: Am 11. August 1942 starb er an den Folgen einer Schussverletzung im russischen Kurgannaja (heute: Kurganinsk). „In treuer Pflichterfuellung hat er sein Leben im Kampf fuer Fuehrer und Volk gelassen“, heißt es in der Feldpost-Nachricht an seine Mutter, die „Hochverehrte Frau Graefin“. Felix/Wetti Schaffgotsche wurde 38 Jahre alt. Vom einstigen Luxusleben verriet sein Grab nichts.

In seinem Vorwort zum Buch schreibt Michael Huey: „Can anything else be seen when part of a life is stained by Nazism or does that taint it all?“ Der Biograf gibt auf diese Frage eine, nein: seine Antwort. Dass sie in Material und Umfang dieses Buch ergeben hat, ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass es sich Huey nicht leicht gemacht hat. 

Hinweis

Das Buch Unpredictable Weather. The Sunny, Surprising, Sad Case of Count Felix ‘Wetti’ Schaffgotsche 1904-1942 von Michael Huey ist im Album Verlag erschienen und kostet 62 Euro. Es wurde von Sebastian Menschhorn gestaltet.

Peter Stuiber studierte Geschichte und Germanistik, leitet die Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum und ist redaktionsverantwortlich für das Wien Museum Magazin.

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