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Constanze C. Czutta und Peter Stuiber, 20.8.2026

Buch zu 50 Jahre Arena

„Das Ärgste und Leiwandste, das ich je gemacht hab“

Constanze C. Czutta gehört seit 17 Jahren zum Arena-Team, hat sich intensiv mit der Geschichte des Areals beschäftigt, die aktuelle Community Gallery-Ausstellung im Wien Museum kuratiert und vor allem das große 50-Jahre-Arena-Buch geschrieben und gestaltet. Ein Gespräch über die Publikation, in der viel Herzblut, Hirn und Humor steckt.  

Peter Stuiber

Wie bist du zur Arena gekommen und welche „Funktionen“ hattest du im Lauf der Jahre?

Constanze C. Czutta

Wie die meisten wurde ich von jemandem aus der Arena mitgebracht, vor 17 Jahren und von meinem heutigen Mann. Davor war ich schon ein paar Mal dort. Als Kunsthistorikerin hab ich damals keine Arbeit gefunden, war Nachtportierin zu der Zeit. Aber meine Kochausbildung nutzte mir und ich fand in der Arena eine Arbeit als Köchin und in der Backstage-Betreuung, was ich 10 Jahre lang gemacht habe. Von 2009-2019. Ich hab Menüpläne für Bands geschrieben, war zeitweise Teil des Vorstands, hab Ausstellungen aufgebaut, Führungen abgehalten, den Tag des Denkmals organisiert, der dann zum Tag der offenen Tür wurde, bei den Stagehands ausgeholfen, an der Abendkassa Tickets verkauft, einen Kunstmarkt organisiert oder Schnee geschaufelt. Danach hab ich mich vermehrt um die Bausubstanz, Denkmalpflege etc. gekümmert. Das ist typisch für die Arena, viele durchlaufen mehrere Stationen und haben mehrere Interessen.

PS

Du hast dich schon im Rahmen deiner Dissertation mit der Arena als denkmalgeschütztem Industrie-Areal auseinandergesetzt. Worum ging es in der Arbeit genau und welche neuen Erkenntnisse waren für Dich damals überraschend?

CC

Ich habe 3× versucht zu dissertieren, 2× davon mit dem Arena-Thema. Für die angedachte Dissertation zur Arena und zur Schlachthausarchitektur fanden sich aber weder Interesse an den Unis noch Betreuer:innen. Sogar absolutes Unverständnis. Es ging um die kunsthistorische Einordnung der Arena-Architektur, was bisher einfach nicht passiert ist. Durch die Umnutzung ist zwar der soziokulturelle Arena-Gedanke in den Vordergrund gerückt, aber die Architektur ist in den Hintergrund verschwunden.

PS

Und wann hast du mit den Recherchen zum Jubiläumsbuch begonnen? Wann wurde das Projekt intern beschlossen?

CC

Erste Gespräche führten wir im April 2024 eigentlich zufällig, dabei ging es um das 50-Jahr-Jubiläum. Unsere Obfrau hat weitere Gespräche maßgeblich vorangetrieben, weil ich erst gar nicht glauben konnte, dass offensichtlich und tatsächlich der richtige Moment für das Buch gekommen ist. Ca. zwei Monate lang habe ich dann Konzepte angepasst und einen Plan erstellt und mein umfangreiches Archiv sortiert. Und dann musste ich auch sofort loslegen, weil wir wussten, dass die Zeit dafür eigentlich zu knapp ist. Das war im Juni 2024, also exakt zwei Jahre vor der Veröffentlichung.

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PS

Die Arena hat zwar eine lange Geschichte, aber hat diese – logischerweise, könnte man sagen – nicht archiviert, oder nur sehr rudimentär. Welche Quellen hast du für deine Recherchen angezapft? Welche waren für Dich besonders ergiebig?

CC

Wir haben in Wien viele, recht gute bzw. ergiebige Archive. Bürokratie hilft wohl auch nur der Forschung, weil einfach alles – mehr oder weniger sorgfältig – aufgehoben wurde. 

Die städtischen/staatlichen Archive wie das Wiener Stadt- und Landesarchiv, die Nationalbibliothek, das Staatsarchiv oder die Wienbibliothek im Rathaus sind da sehr hilfreich, auch wenn man da zur Subkultur etwas weniger findet. Die findet man in privaten Archiven wie z. B. dem Archiv des sozialen Widerstands, dem Bruno Kreisky Archiv, dem Falter-Archiv oder dem Nachlass von Stefan Weber (Drahdiwaberl). Einige der Arena-Leut haben z.B. viel aus den 1990er-Jahren aufgehoben, Konzerttickets, Faxe, Flyer, Förderansuchen, Tätigkeitsberichte etc. 

Außerdem waren die Arena-Programmhefte eine wichtige Quelle. Nicht nur, um die Konzertgeschichte nachzuvollziehen, sondern auch, weil sie immer aktuelle, (kultur)politische Kritik, Berichte zur autonomen Verwaltung und Konzertreviews – und vieles mehr – brachte. Aus demselben Grund war auch die Arena Stadtzeitung, die es in der Arena 77, also auch nach der Besetzungszeit, einige Jahre noch gab, wichtig. Als Quelle ebenso ergiebig ist die interne Infoschrift der Arena (Infodienst Inlandschlachthof), die die Korrespondenz mit der Stadt Wien und damit den Kampf um die Arena 77 abgedruckt hat. Dazu kommen noch diverse zeitgenössische Medienberichte, Erzählungen und Expert:innen-Befragungen.

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PS

Du hast unzählige Fakten und Anekdoten zusammengetragen. Worauf bist Du besonders „stolz“, dass Du es herausgefunden hast? Und woran bist Du „gescheitert“, wenn man das so bezeichnen will?

CC

In erster Linie bin ich echt stolz, dass ich 14 Jahre lang drangeblieben bin und mein Projekt nie aufgegeben habe. Auch, wenn ich keine Fördergeber oder Projektpartner gefunden habe und es irgendwie nie machbar erschien. Eine relativ genaue Nachzeichnung der 50jährigen Geschichte der Arena Wien und überhaupt alles, was ich sonst noch wichtig für das Verständnis des Projekts finde, in ein Buch zu packen, hat sich auch nicht realistisch angefühlt.

Ich hab so viel gefunden, wo ich mich in den stillen Archivräumen so zusammenreissen musste nicht aufzuschreien und mir auf der Stelle ein Bier zur Feier aufzumachen, dass mich das so aufgegeilt hat und ich noch intensiver geforscht hab. Als erstes die Fotos und Verwaltungsakten der Schlachthauszeit, anhand derer ich die heute existierenden Räume mit ihren Resten der Originalausstattung benennen konnte, dann natürlich die kunsthistorische Forschung, die eigentlich noch nicht abgeschlossen ist. Und vor allem, wenn ich alte Fotos, Plakate oder Flyer gefunden hab, z. B. den Flyer zur Beisleröffnung zu Weihnachten 1989 oder, dass die große Halle nach ihrem großen Umbau 1981 am 12. Februar1982 mit der kanadischen Rockband SAGA eröffnet wurde.

Einiges konnte ich nicht herausfinden bzw. konnte ich nicht alle Akten, meist aus Datenschutzgründen, einsehen. Darunter: die Polizeiakten – wär ja schön gewesen die Sicht der Polizei mit dabei zu haben. Einige Denkmalamtsakten sowie die Personalakte von Max Fiebiger, Erbauer der Arena 77 und teilweise auch Arena 76, konnte ich auch nicht einsehen.

PS

Du hast das Buch geschrieben, selbst gelayoutet und die vielen Illustrationen gezeichnet. Wie ist es Dir mit dieser Mammutaufgabe gegangen?

CC

Wenn ich sage, ich bin geistig und körperlich an meine Grenzen gegangen, um dieses Buch so umfangreich wie möglich und fristgerecht fertig zu stellen und dabei meine jahrelang entwickelten Ideen dafür umzusetzen, dann übertreibe ich wirklich nicht. Ich wusste, wie es sein sollte, wie es wirken sollte, also musste ich es auch selbst machen. Die Einteilung des Platzes im Buch und die Auswahl der Informationen, Bilder und Illustrationen gehören für mich zusammen und daran hab ich ewig gefeilt. Auch Tage und Nächte lang durchgehend, bis zu 15 Stunden am Stück, 2 Jahre lang. Kurz gesagt, es war das Ärgste und Leiwandste, das ich je gemacht hab.

PS

Aus Deiner Sicht: Das Ergebnis würdest Du wie beschreiben?

CC

Sehr bescheiden: als Arena-Bibel natürlich! Über die Apokryphen als Folgeband hab ich schon nachgedacht! Wichtig war mir, dass man das Buch nicht unbedingt von vorne bis hinten straight durchlesen muss, um das Thema zu erfassen. Man kann immer wieder reinschauen und was Neues entdecken. Querlesen funktioniert auch, weil die Absätze oft nicht zwingend in der Reihenfolge gelesen werden müssen und viele Kommentarboxen zusätzliche Informationen und Aha-Momente bieten.

Einerseits ist das Buch für all jene, die früher schon in die Arena gingen, es immer noch tun, deren Kinder mittlerweile erwachsen sind und die auch seit ihrer Kindheit oder Jugend in die Arena gehen. Die wollen sehen, was sie damals gesehen haben. Wie die Arena zu ihrer Zeit ausgesehen hat und vielleicht sind sie auch auf einem der Publikumsfotos abgebildet.

Und andererseits ist es ein Nachschlagewerk, das die autonome Kulturarbeit erleichtern soll, weil keine Behörde und keine Partei jemals wieder so einfach behaupten kann, die Arena wär unbedeutend oder nicht bedeutend genug oder nur ein reines Konzertvenue oder ein sozialer und politischer Sumpf. Gerade in den 1980er, 1990er und noch in den 2000er Jahren trug die Arena dieses Stigma. Die Arena trägt seit 50 Jahren zur Kultur- und Jugendförderung der Stadt bei, ist ein wichtiger Tourismusfaktor geworden und zeigt in jedem Jahrzehnt, was doch alles möglich ist.

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PS

Zurück nochmal zur Dir und Deiner persönlichen Beziehung zur Arena: Was hat sich im Lauf der Jahre für Dich geändert? Wie hat sich die Arena geändert?

CC

Die Arena verändert sich stetig mit den Menschen, die sie gestalten und es gibt immer wieder Momente, da ist man frustriert und hat keinen Bock mehr auf autonome Kulturarbeit. Viele gehen, neue Leute kommen. Wenn man lange dabei ist und sich damit beschäftigt, bekommt man ein tieferes Verständnis für das Arena-Projekt und diesen Platz. Man kann mit diesem Ort und seiner Aufgabe verwachsen, Liebe darin finden und Leidenschaften nachgehen, Kreativität ausdrücken. Das hab nicht nur ich in der Arena gefunden, sondern wahrscheinlich die meisten der Arena-Leut.

Geändert hat sich sehr viel und das hängt z. B. mit neuen Musikströmungen zusammen und vor allem auch mit den Behörden und deren Richtlinien. Regeln/Verbote werden mehr, einfacher wird es nicht und Möglichkeiten, sich auszutoben, werden damit weniger. Früher gab es immer ein Silvester-Feuerwerk, Walpurgisnächte (z. B. mit einer Coca-Cola-Puppen-Verbrennung), Lagerfeuer und echt wilde Feuershows von Performance-Schrottkünstler:innen, z. B. von D.N.T.T. und Mutoid Waste Company. Sicher ist die Arena auch professioneller geworden mit der Zeit; sie hat viel dazu gelernt – in allen Bereichen.

PS

Letzte Frage: Wie schafft die Arena den Spagat zwischen Subkultur und internationalem Musikbusiness?

CC

Mir persönlich wär nur ein Interessensgebiet, nur eine strikte Orientierung viel zu fad. Die Arena soll spannend bleiben, wie sie es immer war. Und das geht nur mit Vielfalt. Im Leben, bei der Arbeit, in der Gesellschaft und auch in der Kunst. Also auch in der Musik. Subkultur ist der Arena immanent, aber internationale Big Acts bringen halt mehr ein und damit lässt sich wiederum die Subkultur fördern oder es können dadurch Kinderfeste oder Ausstellungen, Theater und Lesungen etc stattfinden. Außerdem kann man Idealismus nicht essen und die Leut, die ihre Arbeit echt verdammt gut machen, gehören anständig bezahlt. Das war in der Arena, historisch gesehen, die meiste Zeit nicht so möglich.

Das Buch Die Arena. Eine Wiener Geschichte ist im Falter Verlag erschienen, kostet 38 Euro und ist im Wien Museum Shop sowie in Buchhandlungen erhältlich.

Constanze C. Czutta (*1980) ist Künstlerin, Kunsthistorikerin, wissenschaftliche Redakteurin bei der Online-Plattform für Industriedokumentation schlot.at und bei Schmiedetechnik Steiner für Forschung und Dokumentation zuständig. Seit 14 Jahren beschäftigt sie sich mit der Geschichte der Arena Wien und hat 2026 die erste Publikation zum Thema herausgebracht.

Peter Stuiber studierte Geschichte und Germanistik, leitet die Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum und ist redaktionsverantwortlich für das Wien Museum Magazin.

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