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Magdalena Steffan, 17.9.2026

Robert Kotas und die Wiener Kinos der Nachkriegszeit

Architektur für die Nacht

Nach 1945 erlebten Kinos in Wien einen wahren Bauboom, viele davon stammen von einem Architekten: Robert Kotas (1904-1973). Mit rund 40 Kino-Neu- und Umbauten, vorwiegend in Wien, prägte er die Kinolandschaft der Nachkriegszeit. Er verstand Kino als Erlebnisraum, bei dem neben dem Kinosaal auch alle öffentlich zugänglichen Nebenräume einem modernen Konzept im Sinne des Gesamtkunstwerks folgten. 

Kotas besuchte bei Carl Witzmann die Kunstgewerbeschule und studierte anschließend an der Akademie der bildenden Künste in Wien in der Klasse von Clemens Holzmeister Architektur. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Kotas immer wieder mit Witzmann zusammen, unter anderem am Kino Scala (Wien IV., Favoritenstraße 8). 

Neben seiner Tätigkeit als Kinoarchitekt entwarf Kotas auch Wohnbauten und Innenräume, darunter mehrere Gemeindebauten sowie Lokale wie das Café Heinrich(s)hof (zusammen mit Witzmann) oder das Selbstbedienungsrestaurant O.K., Kurzform für seinen Betreiber Otto Kaserer, aber auch als Anspielung auf die englische Wendung „Okay“ zu verstehen. Die Wiener:innen sollen es auch bald humorvoll als „Ollas kriagst“ interpretiert haben. 

Der größte Teil von Kotas’ Werk wird jedoch von Kinos gebildet. Im Jahr 1947 begann seine Zusammenarbeit mit der Kiba (Kinobetriebsanstalt Gesellschaft m.b.H.), dem damals größten Kinobetreiber Wiens, die ihn rasch zu ihrem Hausarchitekten machte. Einige seiner bedeutendsten Kinobauten waren das Capitol-Kino (Wien III., Kundmanngasse 32), das Flotten-Kino und Studio 1 (Wien VI., Mariahilfer Straße 87), oder auch das Park-Kino (Wien XIII., Hietzinger Hauptstraße 22), das in Zusammenarbeit mit dem Architektenehepaar Traude und Wolfgang Windbrechtinger entstanden ist, um nur einige zu nennen. 

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Bedauerlicherweise ist mit dem Gartenbaukino (Wien I., Parkring 12) heute nur noch eines der von Kotas gestalteten Kinos erhalten. 1919 wurde im Gartenbaugebäude erstmals ein Kino eingerichtet, 1954 wurde es durch Kotas umgebaut. 1959 wich das Gebäude einem Neubau der Architekten Kurt Schlauss und Erich Boltenstern, inklusive des erneut von Kotas gestalteten und seit 2018 unter Denkmalschutz stehenden heutigen Gartenbaukinos. 

Die Eröffnung am 9. Dezember 1960 mit Premiere des Historienepos Spartacus unter Anwesenheit des Hauptdarstellers Kirk Douglas und dessen Ehefrau Anne Buydens stellte ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis dar. Das Gartenbaukino ist das letzte erhaltene große Einsaalkino Wiens. Das auf mehrere Ebenen aufgeteilte Foyer – im vorderen Bereich mit einer Glasfassade mit dem Stadtraum verbunden, im hinteren Bereich mit einer Galerie mit Sitzgelegenheiten ausgestattet – bietet einen optimalen Rahmen zum sozialen Austausch, zum Sehen und Gesehenwerden. 

Das Kino zeichnet sich auch durch eine große Vielfalt an Materialien und Farben aus – „Gebt der Stadt Farben“ soll Kotas’ Motto gewesen sein. Kino wird hier auch als mehr als nur der Saal, in dem Filme gezeigt werden, verstanden. Eingangsräume, Garderoben, Buffets, auch Waschräume und WCs bilden einen Teil des Gesamten und wurden von Kotas stets mit großer Aufmerksamkeit und einem Blick für Details als Elemente des großen Ganzen mitgeplant. So wurde beispielsweise auch der „Make-up-Raum“ als Teil der Damentoilette im Gartenbaukino nicht vernachlässigt. 

Das Forum Kino – ein Kino aus dem Bestand

Rund zehn Jahre vor dem Gartenbaukino wurde mit dem Forum (Wien I., Stadiongasse 11) eines von Kotas’ bedeutendsten Kinos gebaut, erneut ein Auftrag der Kiba. Es soll Kotas unter all seinen Kinos das liebste gewesen sein. Die Wahl des Standorts fiel auf die 1880 durch Friedrich Paul errichtete große Markthalle an der Ecke Landesgerichtsstraße / Stadiongasse, die auch „Detailmarkthalle am Paradeplatz“ genannt wurde. 

Der Standort bildete bis ins 19. Jahrhundert einen Teil des Josefstädter Glacis und wurde lange Zeit als Exerzier- und Paradeplatz vom Militär verwendet. Nach Kriegsende wurde die Markthalle nicht mehr für gewerbliche Zwecke genutzt und war teilweise beschädigt. Für den Kinobau wurde die dreischiffige Halle zwar stark verändert, jedoch nicht gänzlich abgerissen und Teile davon in den Neubau integriert. Kellerstruktur und Unterbau wurden weiterverwendet, die Außenkontur des Gebäudes blieb nahezu unverändert, während im Innenraum eine Neuorganisation der Räume stattfand. Durch diese möglichst effiziente und sparsame Umgestaltung der ehemaligen Markthalle zu einem Kino reagierte Kotas auf die Baustoffknappheit der frühen Nachkriegszeit, in der ein ressourcenschonender Umgang mit vorhandenem Baumaterial notwendig war. 

Das Forum präsentiert sich als kubischer, blockhafter Baukörper, der an der Vorderseite zur Stadiongasse eine markante Fassadengestaltung aufweist. Das repräsentative Eingangsportal sowie die klare Gliederung durch horizontale und vertikale Linien verleihen dem Gebäude eine monumentale Wirkung.

Die zurückhaltende Gestaltung wird durch eine bewusst eingesetzte Lichtführung belebt, die der Fassade insbesondere bei Nacht eine besondere Präsenz verleiht - nicht ohne Grund wird Kinoarchitektur oftmals als „Architektur für die Nacht“ bezeichnet.

Der Weg vom Eingang über das Foyer bis in den Saal, der sich mittig positioniert über mehrere Stockwerke erstreckt, war bewusst choreografiert. Dem weitläufigen Foyer kam dabei eine zentrale Rolle zu: Es fungierte nicht nur als Durchgangszone, sondern als Ort des Verweilens, der Begegnung und der Repräsentation.

Über eine geschwungene Doppeltreppe waren Erd- und Obergeschoss verbunden, beide Ebenen mit Garderoben und Buffets ausgestattet. Außerdem befand sich über dem Portal auch die sogenannte „Sitzterrasse“, eine weitere Möglichkeit, vor oder nach dem Filmgenuss zu verweilen. 

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Kunstwerke verschiedenster Art wie Gemälde, Skulpturen und Fotografien spielten eine wichtige Rolle im Forum, von den im Stiegenhaus platzierten Skulpturen bis hin zu Fotos von Filmstars. In Schaukästen präsentierten österreichische Unternehmen ihre neuesten Modelle von Schuhen, Kleidung, oder Taschen. In der Zeitschrift Funk und Film wird dies in einem Bericht zur Eröffnung des Kinos folgendermaßen beschrieben: „Im Stiegenaufgang sowie in den Büfetträumen haben erste Wiener Firmen ihre Erzeugnisse ausgestellt und auch die Schaukästen sorgen dafür, daß niemandem die Wartezeit lang wird, kann man sich doch mit einem Blick über den Wechsel in der Mode und über die neuesten Modelle der Schuh-, Textil- und Lederwarenerzeugung informieren.“ Besonders hervorzuheben ist der vielfältige Einsatz von Lichtquellen auch in den Innenräumen, wo zahlreiche unterschiedliche Beleuchtungskörper die Warteräume prägen. Bemerkenswert sind beispielsweise die Lampen mit pilzartigem, durchlöchertem Schirm aus glänzendem Metall auf den Theken der Buffets.

Auch der Kinosaal selbst, der über weitläufige Wandelgänge in Erd- und Obergeschoss betreten werden konnte, war eindrucksvoll beleuchtet. Er enthielt eine Galerie und Logen und fasste insgesamt 1148 Plätze, davon 778 Klappsitze, 24 Logensitze und 346 Plätze am Balkon. Zeittypische Materialien wie Gummi und Holzfaserplatten kamen hier zum Einsatz.

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Zwischen Lob und Kritik

Am 4. April 1950 fand eine inoffizielle Eröffnung für Mitarbeiter:innen statt, tags darauf wurde das Kino schließlich offiziell eröffnet. Dieses Ereignis bot Anlass zu einer breiten medialen Berichterstattung und wurde auch mittels Inserat in diversen Zeitungen beworben. 

In der Zeitung Die Weltpresse findet sich beispielsweise ein Artikel, in dem an Superlativen nicht gespart und das Kino hoch gelobt wird, denn der Architekt habe „die letzten technischen Errungenschaften ausgenützt, um beste akustische und optische Wirkungen zu erzielen.“ Besonders die Gestaltung des Buffets wird positiv hervorgehoben: „Der Büfettraum im ersten Stock und das Büfett selbst zeigen das Können des Architekten im besten Licht. Er bietet dort ein Beispiel dafür, wie sich moderne Prinzipien mit konservativeren Auffassungen in Einklang bringen lassen.“ Kotas’ Kino ist demnach modern, jedoch nicht radikal und kompromisslos, womit es ihm möglich wird, auch konservativere Erwartungen nicht zu enttäuschen. In der Arbeiter-Zeitung wird das Forum als „das modernste Großkino Europas“ bezeichnet. Aspekte wie die technischen Standards, die Beleuchtung oder die Weitläufigkeit der Warteräume werden in der zeitgenössischen Presse generell immer wieder besonders gelobt. 

Dennoch wurde auch Kritik laut: In der Tageszeitung Neues Österreich - Organ der demokratischen Einigung überwiegt ein kritischer, stellenweise leicht ironischer Ton. Im folgenden Satz wird dies besonders deutlich: „Auf den Grundmauern der ehemaligen Detailmarkthalle aufbauend hat man bei der Ausgestaltung des Forums mit nichts gespart, was gut und teuer ist, es sei denn mit Geschmack.“ Auch in der Tageszeitung Das kleine Volksblatt, die nach dem Krieg das Hauptorgan der österreichischen Volkspartei bildete, wird mehrmals über den Bau des Forum Kinos berichtet. Dieser wird kritisch betrachtet, wobei es hier nicht so sehr um die Gestaltung, wie um die Finanzierung geht. Schlagzeilen wie „Großkino in der Josefstädter Markthalle? Die ‘Kiba’ hat einen großen Magen“ oder „Krokodilstränen des Wohnungsamtes oder … Ein ‘Kiba’-Großkino und die Pharisäer“ geben schon einen Einblick in den Duktus der Artikel in dieser Zeitung. Es wird argumentiert, dass es einerseits bereits  ausreichend Großkinos in Wien gäbe, und es andererseits zu einer Monopolisierung durch die (sozialistische) Kiba kommen würde. Der Umbau der Markthalle zu einem Kino wird auch generell kritisiert. Stattdessen wird dafür plädiert, die Halle hätte zu Räumen der Behörden der Gemeindeverwaltung adaptiert werden sollen. Das wird damit begründet, dass diese aus Platzmangel in (teils entlegene) Gebäude ausweichen hätten müssen, die eigentlich für zu der Zeit dringend benötigten Wohnraum besser geeignet wären. Die Kiba und die „Rathaus-Majorität“ werden als Mitschuldige an der herrschenden Wohnungsnot dargestellt: „So mußte denn der vernünftige Plan, aus der Markthalle eine Unterkunft für Amtsstellen, darunter auch für das Wohnungsamt zu machen, unterbleiben. Zahlreiche Wohnungssuchende können sich daher bei den Verantwortlichen des Wiener Rathauses und bei dem sozialistisch orientierten Filmunternehmen ‘Kiba’ dafür bedanken, wenn sie weiterhin dem Wohnungselend preisgegeben sind.“ 

Mit Herannahen der Landtags- und Gemeinderatswahl in Wien (diese fanden am 9. Oktober 1949 statt) wird im September mit dem Artikel „Die ‘soziale’ Einstellung der roten Wiener Rathausmehrheit. Wohnungsnot Nebensache – dafür Großkinos“ ein Höhepunkt an Polemik erreicht. Nach der Kinoeröffnung berichtete Das Kleine Volksblatt erneut – bemerkenswert ist, dass bei aller Kritik die Architektur selbst hoch gelobt wird. Als positiv wird die Art und Weise hervorgehoben, in der alte Mauerteile wiederverwertet wurden, außerdem die moderne und geschmackvolle Inneneinrichtung, die bequemen Sitze und die Zu- und Abluftanlage mit Klimatisierung.
 

Das Forum muss weichen 

1972 wurde das Kino geschlossen. Das Gebäude wurde daraufhin abgerissen und musste dem städtischen Rechenzentrum weichen, das mittlerweile ebenfalls durch einen Neubau ersetzt worden ist. Die offizielle Begründung der Schließung des Kinos lag in den baulichen Gegebenheiten: das Gebäude wäre für neuere, breitere Filmformate ungeeignet, da die Leinwand zu klein wäre. Die Bildfläche konnte aufgrund der Stützmauern der alten Markthalle auch nicht vergrößert werden. Auch die zu große Konkurrenz in Form des Gartenbaukinos als weiterem Großkino wird als Grund diskutiert. Der Abbruch markiert das Ende eines zentralen Bauwerks der Wiener Kinoarchitektur und soll Kotas auch persönlich tief erschüttert haben. 

Kotas’ Kinos waren ästhetische Gesamtkunstwerke: Vom Eingang über das Foyer, Buffets, Toiletten bis hin zum Herzstück, dem Kinosaal selbst, plante er die Kinos bis ins kleinste Detail durch. Dabei gingen sie über einen bloßen Ort der Filmvorführung weit hinaus: Kotas schuf auch Räume des Verweilens, des gesellschaftlichen Austauschs und des Konsums. Es handelte sich um Bauwerke, die weit über funktionale Räume für das bloße Anschauen von Filmen hinausgingen. Die Tatsache, dass sie heute weitgehend aus dem Wiener Stadtbild verschwunden oder stark verändert worden sind, steht im Gegensatz zu ihrer einstigen großen Bedeutung für die Gesellschaft der Nachkriegszeit, für die das Kino zu einem Symbol für Wiederaufbau, Fortschritt und einer Möglichkeit zur Flucht aus dem Alltag wurde. Die Auseinandersetzung mit Kinos wie dem Forum macht beispielhaft deutlich, welch wichtige Rolle Kinoarchitektur in der Stadt Wien zu dieser Zeit spielte, und gleichzeitig wie fragil dieses architektonische Erbe ist. 

 

Quellen

Rosa Lachenmeier (Hg.): Architektur für die Nacht. Kino-Architektur. Publikation zur Ausstellung im Architekturmuseum Basel, 1990.
Iris Meder: Der Wille zur Welt, in: Spectrum, 15.1.2011.
https://www.nextroom.at/article.php?id=33967 (letzter Zugriff 28.04.2026)
Florian Pauer / Thomas Jelinek: Die Wiener Kinos : Dokumentation 1896-2022, Wien 2022.
Walther Richter: Kotas - Der vergessene Kinoarchitekt, in: Martina Zerovnik (Hg.), Kino Welt Wien: eine Kulturgeschichte städtischer Traumorte (Kat.Ausst. Filmarchiv Austria, Wien 2020), Wien 2020, S. 158-179.
Katharina Roithmeier: Das Gartenbaukino. Wiener Kinokultur der Nachkriegsära, Wien 2021.
Werner Michael Schwarz: Kino und Stadt : Wien 1945 - 2000, Wien 2003.
https://www.gartenbaukino.at/das-kino/geschichte/ (letzter Zugriff 28.04.2026)

ANNO: Wiener Zeitung 28. April 1950. S. 4. 
ANNO: Funk und Film: Jahrgang 6, Nr. 17 1950, S. 8.
ANNO: Die Weltpresse 6. April 1950. S. 8. 
ANNO: Arbeiter-Zeitung 6. April 1950, S. 3.
ANNO: Neues Österreich 7. April 1950, S. 4.
ANNO: Das kleine Volksblatt 21. April 1949, S. 5.
ANNO: Das kleine Volksblatt 28. Juni 1949, S. 4.
ANNO: Das kleine Volksblatt 15. September 1949, S. 1.
ANNO: Das kleine Volksblatt 6. April 1950, S. 7.

WStLA, M.Abt. 471, A3/1: 1. Stadiongasse 11 Forum-Kino.
Gespräch mit Harald Kotas (Enkelsohn von Robert Kotas) am 9.4.2025.

Magdalena Steffan studierte Kunstgeschichte und Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien und Rom sowie Preservation and Presentation of the Moving Image in Amsterdam. Ihr Interesse gilt insbesondere der Architekturgeschichte, der Kinokultur und der visuellen Kultur des 20. Jahrhunderts. Derzeit ist sie in der digitalen Sammlungsarbeit tätig.

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