
Ludwig Hohl mit Katze, 1931, Schweizerischen Nationalbibliothek, Nachlass Ludwig Hohl, C-4-F-31
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Der Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl in Wien 1930
Irrfahrten zwischen Ring und Prater
Am 13. Mai 1930 steigt Ludwig Hohl, 26 Jahre alt, frühmorgens nach 21 Stunden Fahrt von Zürich her am Wiener Westbahnhof aus. Kurz darauf notiert er in sein Notizbuch: „Wiener Strassen: Genau wie ich’s mir vorstellte: Milde, milde. Wie irgend Grossstadtstrassen, mit vielleicht etwas geringerem Verkehr, breiter im Allgemeinen als in Paris, aber alles in einer lichten Farbe. Und vor allem immer wieder, überall, hellgrüne Bäume. In kleinen Anlagen, in grössern, der Strasse folgend. Wirklich hellgrüne Bäume, nicht so verstaubte Gespenster, an die man nicht recht glauben kann, wie man in Paris sie findet. Überall singen Vögel.“
Wer ist dieser Ludwig Hohl, der so locker Metropolen vergleichen kann? Ein Schweizer Schriftsteller, der nie die Bekanntheit eines Frisch oder Dürrenmatt, mit denen er befreundet war, erreicht, aber im Lauf seines Lebens ein eigentümliches philosophisch-poetisches Werk schafft, das nachhaltig gültig bleibt. Ein work in progress, das den großen Zusammenhängen von Zeit und Ewigkeit, Leben, Sprache, Bewusstsein nachsinnt, mit großer Aufmerksamkeit für die Details der Erfahrungswelt und den Schatz innerer Bilder.
Hohl verbringt Lehr- und Wanderjahre in Paris, Südfrankreich, Wien und Holland. 1937 kehrt er wegen Kriegsgefahr ungern an den Rand der Schweiz zurück und lebt fortan in Genf. In den siebziger Jahren wird der eigenwillige Außenseiter zum Geheimtipp für die junge Autorengeneration. Nach seinem Tod 1980 erlangt er mit dem rund tausendseitigen Werk „Die Notizen“ und der Erzählung „Bergfahrt“, die dank Adolf Muschg und Siegfried Unseld bei Suhrkamp erscheinen, eine gewisse Berühmtheit.
Ludwig Hohl mag geahnt haben, dass ihm nicht der schnelle Erfolg, vielmehr ein lebenslanger Weg zum Werk bevorsteht, als er 1924, zwanzigjährig, nach verpatztem Abitur und erster Gedicht-Veröffentlichung, mit seiner siebzehnjährigen Freundin Gertrud Luder, angehende Pianistin, die Schweiz fluchtartig Richtung Paris verlässt, um am Montparnasse Künstler zu werden. Tatsächlich finden sie ihren Lebensmittelpunkt in den Cafés und der vielstimmigen, aus allen Ecken der Welt herbeigewehten Künstler-Bohème. Hohl überlässt sich rückhaltlos den Angeboten der Metropole und erfährt auch deren Schattseiten: Geldmangel, Übermaß an Zerstreuung und Alkohol. Ruhelos sucht er nach sich selbst und nach einer passenden Darstellungsform für das, was ihn umtreibt. Zahlreiche Notizbücher füllt er mit Alltagsbeobachtungen – das ergibt eine Symphonie beziehungsweise Kakophonie der Großstadt im Widerhall eines erregbaren Gemüts. Doch ein Roman will sich daraus nicht formen lassen. Skizzen und Feuilletons, die er an Zeitungen in der Schweiz und nach Deutschland schickt, bleiben ungedruckt.
„Dionysischer Rausch“ mit einem Österreicher
Im Sommer 1929 taucht im Montparnasse ein Österreicher auf, Eduard Zak. Er stammt aus Linz, studiert in Wien, ist den Künsten und dem Kommunismus zugeneigt. Er hat Kontakte zur Gruppe der Surrealisten und arbeitet an einer Übersetzung der „Chants de Maldoror“ des Conte de Lautréamont, den die Surrealisten wegen seiner Unverschämtheit und halluzinierenden Bildsprache als ihren Vorläufer verehren. In Zak findet Hohl den Freund, nach dem er sich schon so lange sehnt: Einer, mit dem er die tiefsinnigen Fragen an Leben und Kunst teilen kann, aber auch Zustände von Überschwang und Ekstase. Die beiden albern herum und pflegen den „dionysischen Rausch“ – natürlich nicht zu verwechseln mit einem vulgären Alkoholbesäufnis …
Hohl erlebt einen kreativen Schub, denn Zak ermuntert ihn, der Kraft seiner inneren Bilder zu vertrauen und die formalen Zwänge hinter sich zu lassen. Der geistig-seelische Zusammenklang mündet wie von selbst in die Seligkeit einer homoerotischen Episode. Dass sie beide eigentlich „nichts als Mädchen und Weiber im Kopf“ haben, spielt in diesen Glückstagen keine Rolle. Als Zak im Herbst nach Wien zurückkehren muss, stürzt Hohl in eine immense Verzweiflung. Andere Unglücke kommen hinzu, der Tod der geliebten Glarner Großmutter, Geldsorgen, Gertruds Untreue … Am Rande der Tagebuchaufzeichnungen schlängelt sich in Girlandenschrift ein Wehlaut: EOOOoooo – der Sehnsuchtsruf nach dem verlorenen Freund, das Echo seines Kosenamens „Eskimo“.
Die Krise erreicht ihren Höhepunkt, als Hohl nach einer Überdosis Veronal und Alkohol im öffentlichen Raum gewalttätig gegen Gertrud wird und in eine Klinik verbracht werden muss, wo er zehn Tage interniert bleibt. Danach ist Hohl und seinem Freundeskreis klar: Hohl braucht einen Ortswechsel. Was ist naheliegender als ein Besuch bei Freund Zak in Wien?
Hohl verbringt nur gut sieben Monate in Wien. Eine kurze Zeit, aus Distanz betrachtet aber ein schicksalsträchtiger hot spot. Hier vermischen sich die schmerzlichen Vorkommnisse der letzten Pariser Monate mit ähnlichen und doch anderen Wien-Erfahrungen. Ein kreativer Gärungsprozess kommt in Gang, der in Holland zum Durchbruch seines Hauptwerks „Die Notizen“ führen wird. Auch biografisch bildet sich in Wien eine Brücke weit in die Zukunft hinaus. Ohne Zak wäre Hohl nie nach Wien gekommen; durch ihn lernt er dort André Ronai und dessen Partnerin Lotte kennen; diese wird zu Hohl übergehen und in Den Haag seine Frau werden; auch Zak folgt 1932 Hohl nach Holland und lebt dort, bis er als politisch Verdächtiger 1934 ausgewiesen wird und in Hamburg-Fuhlsbüttel in Gestapo-Haft gerät, wo auch Ronai zwei Jahre Untersuchungshaft absitzen wird. Ronai gelingt nach dem „Anschluss“ Österreichs die Flucht zu Freund Hohl nach Genf, bleibt dort bis 1948 und zieht dann weiter nach Paris. Die Verbindung zu Zak hingegen kompliziert sich in den Kriegswirren, erst spät vernimmt Hohl, dass er ein angesehener Literaturkritiker der DDR geworden war.
Hohls erste Unterkunft liegt in der Josefstadt, Pfeilgasse 26. III. Stock, Türe 17, bei Czekofsky. „Verhältnismässig schön“ seien die Häuser in diesem „Kleinbürgerviertel“, notiert Hohl, und fährt fort: „Bald trete ich in eines ein, kleine Leute wohnen da. Aber die Treppe breit mit niedrigen Steinstufen, das Geländer prächtig, das Treppenhaus hell, die Wohnungstüren hoch u. aus prachtvollem Holz, mit glänzenden Messingbeschlägen. So auch in den Zimmern.“
Für ein Wien-Feuilleton, das nie gedruckt wird, notiert er: „Kinder spielen überall. Musik tönt überall. Alles ist Lachen, Lustigkeit. Die Leute sprechen sofort sehr viel u. mühelos, wenn man sie irgend was fragt. Mein Bekannter, ein Wiener, erzählt mir von riesenhaften sozialen Kämpfen, deren Schauplatz Wien sei. Ich kann ihn vorläufig nur ungläubig anlächeln. Was ich sehe, lässt es mir ganz unmöglich erscheinen.“
Hohl wird die Fratze hinter Wiens Gemütlichkeit auf die Dauer nicht weglächeln können, schon nur weil Zak und seine Freunde gebildete Literaten und zugleich kommunistische Aktivisten sind. „In kommunistische Versammlungen gehst Du? Tiens, tiens!“, schreibt Gertrud amüsiert. Denn in Paris hatte Hohl sie scharf gerügt wegen ihres Umgangs mit kommunistischen Freunden, Henri Barbusse zum Beispiel. Und eine weitere Bemerkung Gertruds ist aufschlussreich: „Hast Du ausser den 18 Juden noch sonst jemand kennen gelernt? (...)Die Juden sind nicht alle übel, auch nicht heutzutage, waren nicht Liebknecht und Rosa Luxemburg Juden!“ Hat sich Hohl in Wien vom grassierenden Antisemitismus anstecken lassen? War ihm vielleicht nicht bewusst, dass seine nächsten Freunde außer Kommunisten auch noch Juden waren?
Im Gespräch mit dem Filmemacher Alexander J. Seiler erzählt der alte Hohl, in Wien habe er nicht nur Bier trinken gelernt, sondern sei auch politisch erwacht. Von da an sei ihm Sozialismus – nicht Kommunismus! – als etwas „Unumgängliches“ zur selbstverständlichen Haltung geworden. In Paris war ihm Politik vorwiegend im Spiegel ideologischer Debatten in den Cafés begegnet, auf die Frage, ob er Kommunist, Pazifist oder Nationalist sei, pflegte er jeweils kokett zu antwortet: nein, Alpinist! Als er nach langer Zeit erstmals wieder auf deutschsprachigem Boden steht, muss Hohl merken, wie sehr sich hier die rechten und linken Parteien radikalisiert haben. Die austrofaschistische „Heimwehr“ und der „republikanische Schutzbund“ tragen ihren Kampf auf der Straße aus, in Aufmärschen, Fackelzügen, Krawallen.
Während Hohls Freunde öffentlich für eine bessere Welt arbeiten, tut Hohl dasselbe innerlich und beim Müßiggang. „Morgens 3h, nach solchem langen Irren komme ich müde heim, erschrecke vor einer Gestalt im Bett, werde gleich von Glück erfüllt: Esk.!“ Viel zu selten kommt es vor, dass Zak bei ihm in der Bude übernachtet. Als Mitglied der KPÖ und des Roten Studentenbundes ist er agitierend unterwegs – die Universität Wien droht ihm mit Relegation. Umso schöner die heißen Sommertage, wo die Freunde ‚erheitert’ durch die Lokale ziehen und an der Alten Donau beim „Gänsehäufel“ baden gehen – oder nordwestlich von Wien in Kritzendorf. Hohl ist ein großer Schwimmer – und ebensolcher Bergsteiger. Diese Leidenschaft freilich kann er, der vertraut ist mit den eisigen Gipfeln im Glarnerland und in den französischen Alpen, rund um Wien nur mit einem „Aufstieg“ auf die Rax ausleben. Für deren 1500m Höhe er nur Spott übrig hat.
Großstädte sind für Hohl immer beides – Lebenselixier und Giftbecher. Ähnlich wie in Paris dient ihm die Stadtlandschaft als Jagdgrund, um innere Spannungen abzubauen und Inspiration zu finden. Er lässt sich treiben vom Zentrum in die Außenbezirke und wieder zurück, macht Halt im Café Herrenhof, oder, als dieses nicht mehr Kredit gewährt, in minderen Lokalen, zieht dann weiter zum Prater. Dort locken die „Mädchen“, aber auch eine „Indierschau, wo „sehr hübsche, halbnackte Männer“ ausgestellt sind, und – noch anziehender – Elefanten. Das „göttliche Tier“ erdet den Unsicheren, schenkt ihm Ruhe und Zuversicht. Hohl erhebt das eingesperrte Zoo- und Zirkustier zum Symbol für die „Jupiterkraft, die aus dem Dunkel ans Licht führt“. Womit vor allem die Rückbesinnung auf den Schaffensweg gemeint ist, dem Hohl als Stadtstreicher so leicht untreu wird. Es kann vorkommen, dass seine Irrwege nach unzähligen Krügel Bier unter einer Donaubrücke enden, wo ein Polizist ihn wachrütteln muss.
Mit Geld umgehen kann Hohl nach wie vor nicht, obschon sich einige Erfolge einstellen. Die NZZ publiziert endlich „Impressionen aus einem Fischerdorf am Mittelmeer“ und der Schweizerische Schriftstellerverband gewährt ihm Vorschuss für einen geplanten Novellenband. Die Raten kann er auf der Schweizer Botschaft abholen. Trotzdem muss Hohl die Schreibmaschine, das „Schreibpferd“, wie er das kostbare Ding liebevoll nennt, immer wieder ins Dorotheum, die Pfandleihanstalt, bringen, um es wieder auszulösen, sobald „eine Nuance Geld“ ankommt. Die Wohnung in der Pfeilgasse wird ihm gekündigt. Blieb er die Miete schuldig? Gefiel sein Lebenswandel den Nachbarn nicht? Doch dieses Unglück erweist sich bald als eine glückliche Wendung: „Eingezogen in Zimmer Bennogasse 13/22, gemietet von Lotte“, notiert Hohl am 6. Oktober.
Die Häuserzeile liegt nahe am Bennoplatz. Dort wohnt André Ronai, Zaks Freund. Ronai ist rund 10 Jahre älter als Hohl, stammt aus Ungarn und arbeitet als Publizist bei der „Arbeitergemeinschaft österreichischer Schriftsteller und Übersetzer“ in der Porzellangasse. Er übernimmt nach und nach von Zak die Aufgabe, Hohl in praktischen Dingen zu unterstützen. Er ist publizistisch gut vernetzt und empfiehlt ihn der Frankfurter Zeitung und der renommierten Wiener Arbeiter-Zeitung. Was allerdings erst Jahre später Früchte trägt.
Ronai gewinnt schlagartig an Glanz, als Hohl an seiner Seite im Café Herrenhof ein „sanftes Reh“ erblickt, Lotte von Mayenburg, Bald wird viel Zeit zu dritt verbracht. Hohl genießt die Zärtlichkeiten der jungen Frau und beherrscht sich tapfer aus Loyalität zum Freund. Seine visionäre Kraft hängt jetzt nicht mehr nur vom Bierkonsum ab. Ein gemeinsamer Marktbesuch kann zum Festtag werden: „Die Geburtswehen im trüben Halberwachen waren rasch überwunden u. ich wandelte umher in Frieden mit den Kartoffeln u. den Pferden, dicken Marktweibern, Bohnen, Käse, Blumen, Mensch u. Tier wirklich wie ein Gottbegnadeter. Ich hatte wieder jene magischen, jene fast überirdischen Augen, die durch alles durchschauen, denen nichts entgeht.“
An der Bennogasse wird beschwingt die Erzählung mit dem Titel „Und eine neue Erde“ in Angriff genommen. Autobiografische Merkmale und Wiener Kolorit sind unverkennbar. Das Café „Hof“, kommunistische Freunde, die Donau und ihre „für Überschwemmungen reservierte Zone“, Straßenbahn und fehlende Schillinge, Paläste und Anlagen am Ring bilden den Hintergrund für die Krise des Kunstmalers Andreas W., der im Hungerdelirium einen paradiesischen Zustand des Friedens und der Fülle erreicht, aus dem heraus er einen saturierten Wiener Bürger zusammenschlägt und darauf im Irrenhaus landet.
Hunger und Delirium – das waren Hohls Begleiter in Paris und sie sind es auch in Wien, vor allem gegen Herbst und Winter. „Zum Anzug hat sich die Schreibmaschine im Versatzamt gesellt. Der Oktoberwind geht herum in Wien u. ich gehe auch herum. Den Mantel habe ich noch behalten – wie würde ich mich befinden ohne Mantel im Oktoberwind.“ Wiederholter Eintrag in den Agenden: „Gar nichts gegessen. Kein Gramm.“ An den Seitenrändern seines Notizbuchs rankt sich in Girlandenschrift das Wort „Hunger“.
Hohl ist freilich nicht der einzige, der darbt. Die Weltwirtschaftskrise belastet weite Teile der Bevölkerung, die Masse der Arbeitslosen wächst. Leute wie Ronai kümmern sich um sie, mit Bildungsprogrammen zum Beispiel. „Wir haben nur noch wenige Wochen zu leben“, könnte ein Satz von Hohl sein, es ist aber eine Tagebuchnotiz von Robert Musil aus dem Frühjahr 1930. Zermürbt von Geld- und Anerkennungsmangel arbeitet er in der Rasumofskygasse seit Jahren am „Mann ohne Eigenschaften“. Ähnlich wie Hohl ringt er um eine neue Darstellungsform für seine Gedanken. Möglich, dass sie im Café Herrenhof fremd aneinander vorbeigegangen sind. Zwischen 1938 und 1942 teilen Musil und Hohl wiederum denselben Wohnort: Genf. Nun wissen sie umeinander, meiden sich aber. Musil spottet über den „Hohlkopf“, während dieser den „Mann ohne Eigenschaften“ hochachtungsvoll mit den Ausläufern von Gebirgen vergleicht.
Auch einen anderen eigenbrötlerischen Autor lernt Hohl erst in Genf persönlich kennen, den er leicht schon auf seinen Streifzügen durch Wiens Gassen hätte kreuzen können: Elias Canetti. 1930 ist dieser nach Abschluss des Chemiestudiums oft zwischen Hacking und der Leopoldstadt unterwegs, wo seine Freundin Vera Taubner in der Ferdinandstrasse wohnt. In „Die Fackel im Ohr“ erinnert er sich: „Ganz bestimmt war ich aber in jedem Nachtcafé gewesen, das lange offen hatte.“
Hohl entwirft in Wien flackernd expressionistische Erzählungen voll untergründiger Angst und Sehnsucht nach überirdischem Frieden. Vermutlich sind es auch die politischen Erschütterungen, die nachzittern in dieser aufgewühlten Bilderwelt, gerade weil Hohl in seinen Notaten und Briefen diese kaum erwähnt.
Die unerwarteten Gewinne der NSDAP bei den Reichstagswahlen in Deutschland im September 1930 sind ihm sicher zu Ohren gekommen, vielleicht auch, was Klaus Mann in einem Vortrag vor dem Wiener Kulturbund sagte: „Wer in politicis bis gestern noch apathisch war, den hat das Resultat unserer Reichstagswahlen aufgerüttelt.“ Im November erlebt Hohl die österreichischen Parlamentswahlen, er notiert „aufdringliche Wahlkampagne“, „Alkoholverbot“, „Verprofiantierung der Leute“. Die Sozialdemokraten werden zwar überraschend die stärkste Partei, doch der erstmals kandidierende „Heimatblock“ gewinnt viele Mandate. Karl Kraus schreibt in der Fackel: „An die Teilung der Heimatinteressen in die unterschiedlichen Ressorts von Heimatwehr, Heimatbund, -block, -schutz, -trutz und –schmutz dürfte wie an alle unvorstellbare Hiesigkeit die Satire verschwendet sein.“
In Holland wird Hohl zum glühenden Kraus-Verehrer, nennt ihn „Dolmetscher an der Grenze“, „Vermittler des Unaussprechlichen“. Ist er dem „Meister“ schon in Wien begegnet? Ja, laut einem Agenda-Eintrag vom 14. Dezember: „Durch Baraf zu einer Vorlesung von Karl Kraus gebracht.“ Nichts Weiteres dazu. Kraus las an diesem Abend im Vortragssaal des Architekten-Vereins aus Shakespeares „Wintermärchen“. Ein besonderer Auftritt für Kraus, der zu dieser Zeit seine Zeitkritik vorwiegend durch die Maske von Offenbach, Nestroy oder eben Shakespeare äußerte. Wiener Gymnasiasten hatten ihn, den „Hüter des klassischen Sprachguts“, eingeladen, ein Zeichen zu setzen gegen den aktiven und passiven „Ungeist“. Kraus bedankte sich bei ihnen mit dem Lob, anders als ihre Erwachsenen würden sie nicht „von den Meinungsbanditen der vorrätigen Parteien regiert“.
Am Jahresende 1930 fühlt sich Hohl so elend und in Abhängigkeiten verstrickt, dass wieder nur ein Ausweg bleibt: Ortswechsel! Aber wohin? Ruhe verspricht das österreichische Land, wo Schneefelder die Abgründe zudecken und Hasen einer ferner Weihnacht entgegenlaufen, so ungefähr träumt er in einer poetischen Notiz. Die Wahl fällt auf Grein an der Donau, wohl ein Tipp von Zak, der im nahen Linz lebt. Am 7. Januar 1931, die Räder rollen schon, verabschiedet sich Hohl von der Stadt mit wüsten Flüchen – Scheiße, Pfütze, ausgelassenes Schweinefett ruft er ihr hinterher. „Man kann sich dort nicht bewahren, nur eine Türe führt aus dem Irrenhaus: die Eisenbahn, die wegfährt.“
Der Zorn ist vergänglich, bleiben wird ein anderes Bild von Wien: der überwältigende Blick von der Reichsbrücke auf die Donau. Von ihr hat er eine Weisheit gelernt: „Doch ich zieh nun selber unaufhaltsam (...) wie die Ströme fliessen in die Ferne.“
Anmerkung:
Die meisten Zitate stammen aus Notizbüchern, Agenden und Briefen von und an Ludwig Hohl aus dem Nachlass Ludwig Hohl im Schweizerischen Literaturarchiv (SLA) in Bern. Genaue Quellenangabe aller Zitate in: Anna Stüssi, Unterwegs zum Werk. Eine Biographie der Jahre 1904 bis 1937. Wallstein Verlag , Göttingen 2014. Darin das Kapitel 8: Ein Abgrund erzeugt andere Abgründe. Wien 1930.
Bücher von Ludwig Hohl sind im Suhrkamp Verlag erschienen.






















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