
Ausschnitt aus: Wiener Schachzeitung, Jänner 1898, ANNO/ÖNB
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Unternehmerfamilie Trebitsch
Seide, Schach, Pferde – und „geistige Umnachtung“
Kostbare Seide war lange Zeit Importware aus Italien und Frankreich. Das änderte sich, als Maria Theresia die Errichtung von Manufakturen, Maulbeerbaum-Pflanzungen und Raupenzucht förderte, sodass Wien zum Zentrum der Seidenverarbeitung avancierte. So gab es 1794 bereits 29 Seidenfabriken mit 3.000 Webstühlen und 19 Bandwarenfabriken in Wien, fast jede fünfte arbeitende Person der Stadt war in der Seidenwirtschaft tätig. Hotspot der Produktion war bekanntermaßen der heutige 7. Bezirk, hier vor allem das Schottenfeld und der sogenannte „Brillantengrund“. Der Name war kein plumper Marketingtrick, sondern Programm, denn die aus Süddeutschland und anderen Regionen der Monarchie stammenden Einwanderer brachten es mit Seide, Samt, später mit Bändern und Tuch zu großem Reichtum.
Salomon Trebitsch: Von Nikolsburg nach Fünfhaus
Der gute wirtschaftliche Nährboden und ideale Produktionsbedingungen riefen 1830 einen Weber aus Mähren auf den Plan: Salomon Trebitsch, geboren in Nikolsburg, gründete in Fünfhaus eine Seidenweberei. 1842 wurde sein Sohn Leopold in Wien geboren, er war es, der die Familie aus dem Handwerk in die Hochindustrie führte. Er besuchte die Wiener Webschule und ging dann für drei Jahre nach Lyon, das damals führende europäische Zentrum der Seidenproduktion. Dort lernte er den mechanischen Webstuhl und die Jacquard-Technik kennen.
1870 kehrte er nach Wien zurück, wurde Gesellschafter der Firma S. Trebitsch & Sohn, deren Produktpalette bald von Seidentüchern über Hutputz, Shawls und Strümpfe bis zu Vorhang-, Möbel- und Dekorstoffen reichen sollte. Tapeten aus Trebitsch-Stoffen schmücken bürgerliche Salons, seine Möbelbezüge die Herrenzimmer der Monarchie.
Dafür war Leopold allerdings nicht allein verantwortlich. Sein älterer Bruder Sigmund war schon 1848 als Zwanzigjähriger in die Firma des Vaters eingetreten und führte sie ab 1868 als Seniorchef. Über fünfzig Jahre Berufstätigkeit machten ihn zum Doyen der österreichischen Seidenindustrie. Sigmund war es auch, der die karitative Tradition der Familie prägte: In seinem Testament vermachte er große Summen für Stiftungen für die Armen Wiens, besonders für die jüdischen, denen viele Berufe verschlossen blieben. Mit den Brüdern Heinrich und Leopold baute er die Firma immer weiter aus, bis sie an der Schwelle zum 20. Jahrhundert zur größten in der heimischen Seidenindustrie wurde.
Söhne, Stiefsöhne, Schach
Leopold Trebitsch hatte nach dem frühen Tod seiner ersten Frau wieder geheiratet, doch die Konstellation seiner Familie war kompliziert: Da waren seine Stiefsöhne Siegfried und Heinrich und seine eigenen Söhne Rudolf, Arthur und Oscar. Aus dieser Generation gingen unterschiedliche Biografien hervor. Siegfried Trebitsch (1868–1956), der Älteste, arbeitete zunächst in der Seidenfirma, wandte sich dann aber der Literatur zu und wurde der wichtigste Übersetzer George Bernard Shaws ins Deutsche. Shaws Stücke kamen über Trebitsch auf die Bühnen des deutschsprachigen Raums. Ohne ihn wäre die Wirkungsgeschichte des irischen Dramatikers in Mitteleuropa eine andere.
Siegfried verkehrte im Umfeld von Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel, war Teil jener Wiener Literaturszene, die größte Strahlkraft hatte. 1938 musste er fliehen, er starb 1956 in Zürich. In der Maxingstraße 20 steht noch jenes repräsentative Haus („Trebitsch-Villa“), dessen Bau Siegfried Trebitsch 1907 beauftragt hatte (Architekt: Ernst Gotthilf) und das heute vom slowakischen Botschafter als Residenz genutzt wird.
Leopolds Sohn Rudolf Trebitsch (1876–1918) wurde Mediziner und Ethnologe, galt noch zu Lebzeiten als wissenschaftlicher Pionier und endete tragisch. Nach dem Medizinstudium und einer Zeit als Hospitant an Wiener dermatologischen Kliniken widmete er sich ab 1909 ausschließlich der Ethnologie und Anthropologie. Seine Forschungsreisen führten ihn nach Westgrönland, Island, Irland, Schottland, Wales, in die Bretagne, auf die Isle of Man und ins Baskenland, er erforschte Dialekte und legte ethnographischen Sammlungen an, die er dem Naturhistorischen Museum, dem Museum für Völkerkunde und dem Österreichischen Museum für Völkerkunde vermachte. 1915 wurde er als Militärarzt eingezogen, eine Zwangsverpflichtung, die Depressionen bei ihm verursachte und ihn freiwillig aus dem Leben scheiden ließ. Er starb 1918 in einem Sanatorium bei Graz, 42 Jahre alt.
Und da ist Arthur Trebitsch (1880–1927), der dunkelste Punkt in der Familienchronik. Schriftsteller, Philosoph, fanatischer Antisemit. Nach der Matura am Schottengymnasium hatte er in Wien Philosophie studiert. Seine Schriften, allen voran „Geist und Judentum“ (1919) und „Arische Wirtschaftsordnung“ (1925), erschienen in Theodor Fritschs antisemitischer Zeitschrift „Der Hammer“. Arthur führte die Philosophie seines Jugendfreundes Otto Weiningers fort, wurde aber in seinen literarischen wie philosophischen Ambitionen von den Zeitgenossen kaum ernst genommen. Aus der Verachtung steigerte er ab dem Ersten Weltkrieg seinen militanten Antisemitismus in skurrile Weltverschwörungstheorien, ein glühender Anhänger von ihm war übrigens Adolf Hitler. Arthur Trebitsch starb 1927 „in geistiger Umnachtung“, wie es heißt.
Der Schachmäzen
In dieser ideologisch zerrissenen Generation war es das Schach, das die Familie nach außen repräsentierte. Leopold Trebitsch hatte das Spiel erst als Erwachsener gelernt, wurde dann aber Mitglied der Wiener Schachgesellschaft, übernahm Führungsfunktionen, spielte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Wiener Schachklubs und großzügiger Förderer. Nach Leopolds Tod 1906 stiftete die Familie, federführend dabei Oscar Trebitsch, einen Fonds zu Ehren des Vaters. Daraus finanzierten sich ab 1907 die berühmten Leopold-Trebitsch-Gedenkturniere. Die Serie lief bis 1938 und zählt zu den bedeutendsten internationalen Schachturnierserien Wiens vor dem Zweiten Weltkrieg.
Fabrikant und Pferdezüchter
Wer in Wien um 1900 zu Geld gekommen war, kaufte sich nicht nur eine Stadtvilla. Er kaufte sich Pferde. Ein Teil der Familiengeschichte Trebitsch spielt daher in Katzelsdorf, einer kleinen Gemeinde südlich von Wiener Neustadt. Das dortige Schloss war 1928 von Graf Max von Preysing gekauft worden, der zum Schloss gehörige Meierhof wurde an die Familie Trebitsch verpachtet. Im Meierhof entstand auf Betreiben von Oscar Trebitsch ein Trabergestüt, das sogar als größtes Pferdegestüt Österreichs bezeichnet wurde. In Online-Pedigree-Datenbanken ist bei einigen Pferden „Owner: Oscar Trebitsch, Gestüt Katzelsdorf, Wien“ vermerkt.
Der „Oscar Trebitsch-Preis“
Dass in der Krieau 1937 ein Rennen namens „Oscar Trebitsch-Preis“ gelaufen wurde, weist Oscar Trebitsch als einen der wichtigsten Mäzene des Trabrennsports aus. Die in Katzelsdorf trainierten Trebitsch-Pferde gewannen auf den Trabrennbahnen der Monarchie und weit darüber hinaus. Bis die Geschichte ihren düsteren Lauf nahm: Der Meierhof in Katzelsdorf wurde 1939 von der Wehrmacht erworben. 1940 begann der Umbau zum größten Pferdelazarett der Ostfront. Die Pferde, die aus den Trebitsch-Boxen ausgezogen waren, kamen nicht wieder. Stattdessen fuhren ab 1940 die Lazarettzüge mit verwundeten Tieren von der Front nach Niederösterreich: ein letzter, makabrer Nachklang einer ehemals glanzvollen Pferdebühne der Wiener Großindustrie. Der Meierhof in Katzelsdorf gelangte nach 1945 unter russische Verwaltung, 1965 erwarb ihn die Familie Zwonek und richtete dort eine Kerzenfabrik ein, heute befindet sich hier ein Zinnfiguren-Museum.
Die Zerschlagung
Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich endet die Geschichte der Trebitschs als Wiener Familie abrupt. Die „Arisierung“ traf sie in voller Härte. Oscar Trebitsch wurde enteignet und versuchte nach 1945 erfolglos, Reste seines Unternehmens zurückzuerlangen. Wie er die NS-Zeit in Wien überlebt hat, ist unklar – möglicherweise kam ihm seine Ehe mit Viktoria Kloss (1879–1962), vermutlich eine „Mischehe“, dabei zugute. Ihre gemeinsame Tochter Margarethe („Gretl“, 1901–1975) hat in Wien überlebt. Die Ehefrau Siegfrieds, Antonia „Tina“ Trebitsch (1869–1954) wurde als „arisch“ eingestuft, die Trebitsch-Villa in Wien-Hietzing in der NS-Zeit beschlagnahmt und als Büro eines Militärgerichts genutzt. Antonia starb 1954.
Ob die Schauspielerin Martha Trebitsch oder Maria Trebitsch, von der eine Marmorbüste von Teresa Feodorowna Ries in der Sammlung des Wien Museums erhalten ist, zur Seidenfabrikanten-Familie Trebitsch gehörten, konnte noch nicht geklärt werden. Der Name Trebitsch (aus der böhmisch-mährischen Stadt Třebíč stammend) war jedenfalls in Wien durchaus geläufig.
Quellen (Auswahl)
Gert Dressel, Johann Hagenhofer, Werner Sulzgruber: „Eine versunkene Welt ...": Jüdisches Leben in der Region Bucklige Welt-Wechselland, 2019.
Österreichisches Biographisches Lexikon
Wien Geschichte Wiki
ANNO
allbreedpedigree.com
Phonogrammarchiv der ÖAW
Karl Pribram: Geschichte der österreichischen Gewerbepolitik von 1740 bis 1860, 1907









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