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Ausstellung über die Parkbank
Eine Frage der Vielfalt
Wie kam es zu einer Ausstellung über Parkbänke?
Zunächst einmal war das Ziel, einen Bezug zur aktuellen MUSA-Straßenfotografie-Ausstellung herzustellen. Wir haben uns die Fotos genauer angesehen, und immer wieder kommen dabei Stadtmöbel vor, insbesondere Bänke. So kam es zur Entscheidung, sich darauf zu konzentrieren.
Wir beide beschäftigen uns auf unterschiedliche Weise seit Jahren intensiv mit dem öffentlichem Raum. Nach dem vergangenen Schwerpunkt zur NS-Zeit [NS-Kunstpolitik-Ausstellung „Auf Linie“ sowie Startgalerie-Ausstellung „Gegen den Strich“] wollten wir uns unbedingt einem spielerischen Thema widmen.
Nicht nur der Begriff „Stadtmöblierung“ umfasst ein weites Feld. Was genau versteht Ihr unter Parkbank?
Wir wollten das von Anfang an möglichst offenhalten. Alles, was als öffentliches Sitzmöbel möglich ist, kann man als Parkbank bezeichnen. Spannend wird es, wenn man sich genauer ansieht, wo Parkbänke stehen, wie sie benützt werden bzw. benützt werden können – und auch bei welchen Gelegenheiten.
In dem Objekt der Parkbank konzentriert sich die Frage, wo man im öffentlichen Raum verweilen soll und will. Denn wenn die Stadt entscheidet, auf diesen Platz werden Bänke aufgestellt und dort nicht, dann bedeutet das etwas. Dann kommt eine politische Dimension mit ins Spiel.
Die Geschichte des Sitzens im öffentlich Raum in Wien begann ja mit den Parkbänken im Volksgarten. Auch die Geschichte des Sitzens im öffentlichen Raum soll in der Ausstellung miterzählt werden: Deshalb zeigen wir neben künstlerische Arbeiten auch Begriffe, also eine Art Lexikon, das im Raum verteilt ist und bewusst machen soll, wie sich das Thema entwickelt hat.
In der Ausstellung werden Arbeiten von sieben Künstler:innen gezeigt, die sich mit dem Thema Parkbank auseinandergesetzt haben. Wie war der Auswahlprozess?
Wir haben uns in das Thema historisch eingearbeitet und parallel dazu nach Künstler:innen Ausschau gehalten, die sich mit dem öffentlichen Raum und dessen Aneignung auseinandergesetzt haben. Von Beginn an klar war, dass es dabei sehr stark um „Hostile Architecture“ gehen würde, also Gestaltung, die z.B. das längere Verweilen verhindern soll. An dem Thema kommt man einfach nicht vorbei …
… und es ist in Wien schon seit den 90er Jahren präsent. Das sieht man schön an der Arbeit von Anna Jermolaewa, die dokumentiert hat, wie sie am Westbahnhof versucht, auf einer Sitzbank eine bequeme Position zu erlangen. In Wien ist Hostile Design sicher noch immer ein sehr punktuelles Problem. Aber es wird definitiv häufiger. Der Praterstern ist etwa so ein Beispiel, wobei hier die ÖBB für die Gestaltung zuständig waren. Dort gibt es wenig Sitzflächen, Betonblöcke mit Untertrennungen und man sieht in die Mistkübel nicht mehr hinein.
In den 90er Jahren wurde von der Magistratsabteilung 19 Architektur und Stadtgestaltung übrigens eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die mit dem Architekten Luigi Blau zusammengearbeitet hat. Da ging es darum, sich genauer anzusehen, welche Art von Stadtmöblierung in Wien überhaupt vorhanden ist und diese nach Möglichkeit zu vereinheitlichen. Es blieb beim Versuch im kleineren Rahmen, es gibt in Wien bis heute nur selten standardisierte Designkonzepte wie etwa in London oder Barcelona. Was wir gut finden. Diese Vielfalt hat sicher auch damit zu tun, wie viele unterschiedliche Stellen sich darum kümmern.
Könnt Ihr dieses Phänomen genauer beschreiben?
Wenn wir uns die vergangenen 20 Jahre ansehen, können wir sagen: In allen Bezirken gibt es eine sehr unterschiedliche Entwicklung, weil die Bezirke für die Aufstellung zuständig sind. Im 16. Bezirk werden etwa viele Sessel aufgestellt. Der 8. Bezirk wiederum ist der einzige, wo man noch viele klassische Parkbänke findet, die man bewegen kann, die also nicht fest im Boden verankert sind.
Die Stadt hat auch so eine Sitzfibel herausgebracht, eine Art Good-Practice-Bericht, in dem aufgelistet ist, welche Art von Möbeln aufgestellt wurden – und es gibt rund 70 verschiedene Parkbank-Modelle! Sie unterschieden sich enorm in Sachen Gemütlichkeit, spielerischem Wert und ästhetischer Qualität.
In Wien gibt es sicher im internationalen Vergleich sehr viele Sitzgelegenheiten. Nämlich nicht nur in Parks, sondern auch in den Straßen, in der U-Bahn, bei den Haltestellen von Bus und Straßenbahn. Mittlerweile werden auch verstärkt Beschattungen von Sitzbänken mitgedacht und wegen Covid und beim Ausbau von Radwegen ist die Zahl der öffentlichen Sitzgelegenheiten auch noch mal erhöht worden. Die Situation ist also definitiv anders als etwa in London, wo die Sitzgelegenheiten rar sind und die `Camden Bench´ als Paradebeispiel von Hostile Design traurige Berühmtheit erlangt und dennoch viele Designpreise gewonnen hat.
Vereinheitlichung braucht es nicht, denn es gibt unterschiedliche Bedürfnisse. Für unsere Ausstellung hat mirabella paidamwoyo* dziruni eine Bank gebaut [siehe Titelbild], die perfekt für ihren eigenen Körper, aber für andere Personen wohl zu sperrig ist. Ein radikales Statement zur Frage `Was ist angenehm?` ´Was brauch ich, um mich wohlzufühlen im öffentlichen Raum?´ Eine Vereinheitlichung wäre jedenfalls ein gewaltsamer Eingriff.
Die Ausstellung „Nehmen Sie Platz! Die Parkbank als soziale Skulptur“ ist noch bis 23. Oktober 2022 in der Startgalerie im Wien Museum MUSA bei freiem Eintritt zu sehen.
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