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Ursula Storch und Peter Stuiber, 6.10.2020

Ausstellung über Felix Salten

Das Sprach-Chamäleon

In Kooperation mit der Wienbibliothek im Rathaus zeigt das Wien Museum im MUSA ab 15. Oktober eine Ausstellung über den Schriftsteller Felix Salten (1869-1945). Heute ist er meist nur noch als Autor des Welterfolgs „Bambi“ bekannt, dabei war Salten eine der zentralen Figuren im Wiener Kulturbetrieb von den 1890er Jahren bis 1938. Ein Interview mit der Kuratorin Ursula Storch.

Peter Stuiber

Wie kam es zu der Ausstellung über Felix Salten?

Ursula Storch

Die Initiative dazu kam von der Wienbibliothek im Rathaus, die 2015 den Nachlass Saltens von dessen Enkelin in der Schweiz angekauft hat. Es lag nahe, diesen kulturhistorischen Schatz einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Möglichkeiten einer Ausstellung sind aber in der Wienbibliothek räumlich begrenzt, und weil sich Saltens Kunstumfeld stark in unserer Sammlung spiegelt, lag eine Kooperation nahe.

PS

Was ist das Interessante am Nachlass von Felix Salten?

US

Je mehr Material man zu einem Künstler hat, umso besser lässt sich sein gesamtes Wirken darstellen. Das ist immer der Grund, weshalb man versucht, ganze Nachlässe zu bekommen. Im Fall von Salten ist es deshalb  besonders interessant, weil er so unglaublich vielfältig war. Er war Kritiker, Rezensent, Journalist. Er hat Theaterstücke, Gedichte, historische Romane und Filmdrehbücher geschrieben. Und über die umfangreiche Korrespondenz im Nachlass wird sichtbar, mit welchen Leuten er Kontakt hatte. Sein Netzwerk reichte von  Arthur Schnitzler, Karl Kraus und Hugo von Hofmannsthal, über Max Reinhardt und Richard Strauss, bis hin zu Gustav Klimt, Sigmund Freud und Theodor Herzl.  Man kann daher über die Person Salten mehr oder weniger eine Kulturgeschichte Wiens zwischen 1890 und 1938 erzählen. Das ist das Spannende daran. Eine konventionelle Ausstellung über Leben und Werk wäre für das Wien Museum mit seinem kulturhistorischen Ansatz ein bisschen zu dünn gewesen.

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PS

Welche Bezüge gibt es zu unserer Sammlung?

US

Salten hat ab den 1890er Jahre bis in die späten 1930er Jahre unzählige Ausstellungen kommentiert, beschrieben und rezensiert, ob in der Secession, im Hagenbund, im Künstlerhaus oder anderswo. In vielen Fällen beschrieb er auch einzelne Kunstwerke – und wir haben in unserer Sammlung etliche dieser Werke. Zum Beispiel Gustav Klimts „Pallas Athene“, Max Kurzweils „Dame in Gelb“, oder die Skulptur „Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht“ von Teresa Feodorowna Ries, die 1896 für einen Skandal gesorgt hat. Wenn man das Werk nun in unserer Ausstellung sieht, kann man dies gleich mit dem O-Ton von Salten verbinden – wir stellen auch das diesbezügliche Zitat aus.

PS

 Worin liegt denn seine Qualität als Schriftsteller?

US

Er hat die Phänomene seiner Zeit mit messerscharfem Blick beobachtet und in seinen Feuilletons zum Thema gemacht. Und zwar nicht nur Bildende Kunst, Literatur, Film oder Theater, sondern auch Politik und Gesellschaft. Bis jetzt hat man Salten vor allem als Autor von „Bambi“ und als vermeintlichen Autor der „Josefine Mutzenbacher“ gesehen. Viele seiner Feuilletons sind sprachlich exzellent, sie sind vom Besten, was Wien zu dieser Zeit in diesem Genre zu bieten hat. Salten war sprachlich ein Chamäleon. Er hat leichte Theaterstücke und historische Romane geschrieben, aber z.B. auch ein Buch über den Wurstelprater in einem völlig anderen Stil, mit Impressionen aus dem Wiener Alltag dieser Zeit. Es ist einfach faszinierend, wie routiniert er war, um verschiede Genres zu bedienen. 

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PS

Ist das vielleicht auch der Grund, warum er heute fast vergessen ist? Dass er sich eben in zu vielen Genres gleichzeitig bewegt hat, zu viel probiert hat?

KM

Salten bediente seine Zeitgenossen literarisch. Das hatte auch einen ganz banalen Grund: Er musste vom Schreiben leben, er hatte kein Familienvermögen im Hintergrund, wie zum Beispiel Arthur Schnitzler. Daher hat er – neben seinen journalistischen Beiträgen – Unmengen von Literatur für den Markt verfasst. Als „Bambi“ ein großer Erfolg wurde, schrieb er in der Folge ein Tierbuch nach dem anderen. Es verwundert nicht, dass das keine Werke sind, die über ihre Zeit hinausragen.

PS

Zum Schluss noch eine nahezu unvermeidliche Frage: War er nun der Verfasser der „Josefine Mutzenbacher“ oder nicht?

US

Das Buch ist 1906 anonym erschienen. Man munkelte damals, es sei entweder von Schnitzler oder von Salten. Schnitzler hat gleich öffentlich die Autorenschaft dementiert, während Salten zeitlebens damit gespielt hat, ob er nicht doch dahinter steckt. Seine Familie sah es zunächst eher als Makel für einen seriösen Schriftsteller an. Doch als 1968 das Buch verfilmt wurde, versuchten die  Erben zu beweisen, dass Salten der Autor war, um daran zu verdienen. Es gab sogar Prozesse mit Zeugen. Doch letztlich ist der Beweis trotz aller Bemühungen nicht gelungen. Heute geht man eher davon aus, dass der Autor ein Journalist namens Ernst Klein gewesen ist, der unter Pseudonymen verschiedene pornografische Texte geschrieben hat. Übrigens hat sich aber auch eine pornografische Erzählung in Saltens Nachlass gefunden, die er tatsächlich geschrieben hat. Sie dürfte aus den 1930er Jahren stammen, dazu gibt es aber noch keine genaueren Untersuchungen. Ob man daraus schließen könnte, dass Salten auch der „Mutzenbacher“-Autor ist, ist damit aber nicht gesagt. Und eine genauere sprachliche Untersuchung wäre hier wohl auch wenig zielführend. Denn bei Salten hat jeder Text eine andere Nuance. Er war wie gesagt ein Sprach-Chamäleon.

Die Ausstellung „Im Schatten von Bambi. Felix Salten entdeckt die Wiener Moderne“ ist von 15. Oktober 2020 bis 25. April 2021 im Wien Museum MUSA und in der Wienbibliothek im Rathaus zu sehen. 
 

Ursula Storch, Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Wien, seit 1992 Kuratorin und seit 2008 stellvertretende Direktorin im Wien Museum. Zahlreiche Ausstellungen und Publikationen zu kunst- und kulturhistorischen Themen aus der österreichischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. 
 

Peter Stuiber, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien und Paris. Leiter der Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum, redaktionsverantwortlich für Wien Museum Magazin. Diverse Ausstellungen und Bücher zur österreichischen Design- und Kulturgeschichte.

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