
Nemo gewann 2024 in Malmö den Song Contest für die Schweiz, Foto: Peter Schneider/ APA-Images / Keystone
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Der ESC als Spiegel queerer Geschichte
Mehr als die Ampelpärchen
Die Schau beginnt an dem Ort, mit dem die meisten Menschen den Song Contest verbinden: dem „Wohnzimmer“. Denn der ESC ist zweifellos ein mediales Ritual, das eng mit der Geschichte des Fernsehens verbunden ist, etwa mit der Entwicklung vom Schwarz-Weiß- zum Farbfernsehen. Danach folgten HD-Produktionen, Livestreams und massive technologische Weiterentwicklungen.
Ein Wettbewerb, der Musik international vergleicht, bietet klarerweise nicht nur Raum für kulturellen Austausch, sondern auch gehöriges Konfliktpotential. Besonders in den letzten Jahren stand der ESC auch aus politischen Gründen im Rampenlicht. So wurde Weißrussland 2021 disqualifiziert, da dessen Beitrag als Botschaft gegen die Protestbewegung im Land verstanden wurde. 2022 folgte die Disqualifikation Russlands aufgrund des Angriffskrieges gegen die Ukraine. Seit 2024 wurde von manchen Ländern ein Ausschluss Israels gefordert, entsprechende Demonstrationen sind auch für den ESC in Wien angekündigt.
Allerdings besitzt die Veranstaltung seit ihrer Geburtsstunde einen politischen Unterton, so Kurator Marco Schreuder: „Fälschlicherweise wird der ESC oft als gesamteuropäisches Zeichen nach dem Zweiten Weltkrieg beschrieben. Dabei war es viel mehr ein westeuropäisches Projekt während des Kalten Krieges."
Interaktive Stationen fordern in der Ausstellung dazu auf, selbst Stellung zu beziehen – etwa zur Frage, wann ein Land ausgeschlossen werden solle. Die Meinungen dazu gehen auch hier auseinander, die am häufigsten gewählte Antwortmöglichkeit lautet: „Wenn das Land gegen internationales Recht verstößt.“ Weitere Fragen: „Ist Eurovision politisch?“ und „Sollte Eurovision politisch sein?“
Vom Tabu zur Sichtbarkeit
Die Auseinandersetzung mit dem Song Contest als politisch geprägtes Event bildet das Grundgerüst, um auch queere ESC-Geschichte(n) einzuordnen. Schon die Anfänge des Bewerbs (damals „Grand Prix Eurovision de la Chanson“) in den späten 50er Jahren sind damit verbunden. Bereits bei der ersten Austragung 1956 trat die französische Sängerin Dany Dauberson an, die später zur „Miss Lesbos“ gewählt wurde. Ihre homosexuellen Beziehungen sorgten in den Jahren nach ihrer Teilnahme immer wieder für mediale Aufmerksamkeit. 1961 gewann mit „Nous les amoureux“ von Jean-Claude Pascal sogar ein Beitrag, der heutzutage als erster Siegersong mit queerer Botschaft verstanden wird. Darin besingt der Interpret eine verbotene Liebe, die sich verstecken muss. Er selbst lebte bereits damals relativ offen homosexuell. Seine Siegesmedaille wird in der Ausstellung zum ersten Mal öffentlich ausgestellt. Über die Jahrzehnte hinweg folgte eine Vielzahl an Teilnehmenden, die sich erst Jahre nach ihrem Auftritt beim ESC als homosexuell geoutet haben. Queere Identitäten waren somit bereits seit Beginn ein Bestandteil des Wettbewerbs, wenn auch nicht so offen benannt wie heute.
Wenn auch immer noch teils umstritten, ist es heutzutage um einiges einfacher, als offen queere Person eine Botschaft auf der ESC-Bühne zu vermitteln, wie die Ausstellung zeigt. Abgesehen davon wurde der Contest durch die steigende Popularität zu mehr als nur einer einmaligen Hauptabendsendung. So hoch die Kosten der Austragung auch sein mögen, die Möglichkeit für die Gastgeberländer sich international zu präsentieren, ist mit dem Potenzial großer internationaler Sportwettbewerbe zu vergleichen. Beim Thema Queerness wurde es immer dann besonders spannend, wenn der Austragungsort eine konservative Haltung gegenüber queeren Lebensrealitäten einnimmt. Nicht zuletzt deshalb, weil zum Event viele Menschen aus der LGBTQIA+ Community anreisen.
Nachdem 2007 die lesbische Sängerin Marija Šerifović gewonnen hatte, fand im darauffolgenden Jahr der Contest in Belgrad statt, wo es vermehrt zu Übergriffen bei Demonstrationen für queere Rechte kam. Die European Broadcasting Union (kurz: EBU) schrieb dazu in einer Aussendung, dass „öffentliche Expression von gleichgeschlechtlicher Sexualität zu ungewollten Reaktionen der Gesellschaft führen könnte" und riet der Besucherschaft, sich dahingehend zurückzuhalten. In Belgrad gewann wiederum der russische Sänger Dima Bilan, weshalb 2010 anlässlich der Austragung in Moskau versucht wurde, dort eine Pride zu organisieren – was allerdings von den Behörden und der Polizei verhindert wurde.
Während Queerness „abseits“ der Veranstaltung oft (noch) ein kontrovers diskutiertes Thema blieb, wurde sie auf der ESC-Bühne zunehmend zelebriert. Der isländische Sänger Páll Oscár trat 1997 mit Lidschatten und in einem körperbetonten Latexanzug, mit der israelischen Dana International gewann 1998 die erste transsexuelle Teilnehmerin. Auch dieser Sieg löste innerhalb ihres Landes hitzige Debatten aus. Ein Blick in Österreichs ESC-Geschichte schließt daran an. Der Sieg der Drag Queen Conchita Wurst war 2014 ein weiterer Startschuss für politische Diskussionen auf internationaler Ebene. Conchitas Gewinn polarisierte: Während sie in einem Teil Europas bis heute als queere Ikone und Türöffnerin gefeiert wird, wurde in Ländern wie Russland von „Homosexuellenpropaganda“ gesprochen.
Durch Conchitas Sieg kehrte der ESC erstmals seit 1967 wieder zurück nach Österreich. Die Stadt Wien nutzte die Gelegenheit, um sich für einige Wochen ganz dem europäischen Popereignis zu widmen. Mit den gleichgeschlechtlichen „Ampelpärchen“ landete man einen internationalen Coup, Conchita sprach zudem Durchsagen der Wiener Linien ein. Eine kleine Station erinnert daran in der Ausstellung: Auf Knopfdruck erklingen Conchitas Ansagen im gesamten Raum.
Ein weiteres Ausstellungsstück der österreichischen Geschichte: Das „EQUALITY.“ T-Shirt, das Philip Hansa seit 2019 bei jeder ESC-Punktevergabe trägt. Es soll als Zeichen für die Gleichstellung aller Menschen dienen – unabhängig von Geschlecht, Sexualität oder Nationalität.
Weitere Erinnerungsstücke aus der Geschichte des Wettbewerbs sind zum Beispiel der fliederfarbene Anzug von Thomas Forstner, Guildo Horns Kostüm bis hin zu Nemos pinkem Bühnenoutfit. Ein Ausstellungbereich widmet sich schließlich dem ESC als visuellem Ereignis. Die Bühne ist der Ort, auf der sich politische Botschaften, persönliche Identitäten und popkulturelle Inszenierung vereinen. Die Kleidung der Teilnehmenden erzählt dabei genauso Geschichten wie alle anderen Komponenten. Im äußeren Erscheinungsbild lässt sich mit Erwartungen brechen, mit Geschlechterrollen spielen und Normen hinterfragen. Gleichzeitig lassen sich daran auch gesellschaftliche Stimmungen ihrer jeweiligen Zeit ablesen. In den Anfängen wurde, ganz im Stil eines ernstzunehmenden Musikwettbewerbs, stets im Anzug und Abendkleid aufgetreten. In den 70er Jahren wurde die Mode beispielsweise bunter, die Frisuren auffälliger und das jeweilige Erscheinungsbild individueller. Mit den Jahrzehnten gewann der ESC also auch an performativem Charakter. Schließlich prägt Kleidung die Bilder, die sich in das kollektive Gedächtnis über den Contest einbrennen.
„United by Queerness“ zeigt, dass der Eurovision Song Contest weit mehr ist als ein Wettbewerb um das „beste Lied“ Europas. Über Jahrzehnte hinweg wurde er zu einem Ort, an dem gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar werden. Wenn nun erneut Millionen Menschen nach Wien blicken, schließt der Bewerb an eine Geschichte an, die weit über einen dreiminütigen Auftritt auf einer Bühne hinausreicht – und die stetig weitergeschrieben wird.
Hinweis
Zu sehen gibt es die Ausstellung bis 24. Mai 2026 im QWIEN in der Ramperstorffergasse 39 im 5. Bezirk. Erweiterte Öffnungszeiten zum ESC vom 3. bis 16. Mai: Mo–So 13–18 Uhr, Do 13–20 Uhr, danach Do 13-20 Uhr sowie Fr-So 13- 18 Uhr.
Vom 11. bis zum 16. Mai 2026 verwandelt sich das Wien Museum in das Eurofan House und wird zum Song Contest-Treffpunkt für Fans, Acts und die internationale Eurovision-Community.













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Kommentare
Ich finde, dass es in dieser Zeit nicht möglich ist, den Eurovision Song Contest unkritisch zu kommentieren. Wir sollten viel stärker über seine Rolle sprechen, insbesondere darüber, wie er genutzt wird, um Israels Image im Kontext von Krieg, Genozid und Kriegsverbrechen in Gaza, Iran und Libanon aufzupolieren (PINKWASHING)
Bitte seid euch dessen bewusst und vorsichtig damit, das Event positiv darzustellen.
Ich stimme zu, dass der Wettbewerb wichtig für queere Sichtbarkeit war, aber im Jahr 2026 richtet er für uns eher Schaden als Nutzen an.