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Christoph Sonnlechner und Manuel Swatek, 26.2.2026

Der Mauterner Tauschvertrag von 1137

Entscheidung zum Aufbruch

Jüngste Forschungen zu einer Urkunde von 1137 ermöglichen neue Einblicke in die Anfänge des hochmittelalterlichen Wien. Der Konsens der beiden maßgeblichen Herrschaftsträger stellte die Weichen für die Entwicklung des Ortes zum überregional bedeutenden Handels- und Herrschaftsmittelpunkt. 

Es war kein Zufall, dass die erste Nennung des nachantiken Wien 881 („Wenia“) in Zusammenhang mit Kämpfen zwischen bayrischen und ungarischen Truppen erfolgte. Die damals noch unbedeutende Siedlung lag lange im Grenzbereich zu Ungarn und war wechselhaften Einflüssen ausgesetzt. Auch wenn sich im späten 11. Jahrhundert die politische Lage stabilisierte, gab es immer wieder militärische Konflikte mit den Nachbarn. Die Region bot aber großes Entwicklungspotential. Als die Babenberger Markgrafen hier ab dem frühen 12. Jahrhundert vermehrt Präsenz zeigten, stießen sie bereits auf ein Geflecht von geistlichen und weltlichen Grundherren.

Die damalige Situation vor Ort zu beschreiben ist bis heute nicht einfach, da Schriftquellen spärlich überliefert sind. Der sogenannte Mauterner Tauschvertrag bildet hier eine Ausnahme, da er verhältnismäßig ausführliche Informationen bietet. In diesem Dokument übergaben die Babenberger ihre Eigenkirche St. Peter in Wien an den Bischof von Passau und anerkannten die Rechte der Wiener Pfarre. Sie erhielten im Gegenzug Teile des Ausstattungsgutes der Pfarre. Die historische Forschung hat lange Zeit falsche Schlüsse aus dem Text gezogen, da sie von irrigen Annahmen ausgegangen ist. Sie sah den Sitz der ältesten Wiener Pfarre in St. Peter, da sich diese Kirche innerhalb der ehemaligen römischen Lagermauern befand und daher älter sein müsse als St. Stephan, das außerhalb dieser Mauer lag. Die 1996 und 2000/2001 erfolgten Grabungen im Stephansdom haben Ergebnisse erbracht, die dem widersprachen. Demnach gab es hier nicht erst seit 1137 einen Friedhof, sondern bereits ab dem 9./10. Jahrhundert. Im Folgenden sollen die Ergebnisse einer Neuinterpretation des Mauterner Tauschvertrags vorgestellt werden, welche die Funde der genannten und noch jüngerer Grabungen berücksichtigt.

Herrschaft und Kirche im 12. Jahrhundert

Als sich die Babenberger unter Markgraf Leopold III. dem Heiligen (1073–1136) dem Wiener Raum zuwandten, fanden sie zwei Personenverbände – also zwei Gruppen lehensrechtlich verbundener Personen – vor, die sich hier Macht und Einfluss teilten. Auf der einen Seite war dies die Gruppe der so genannten Sighardinger, die dem Stift St. Peter in Salzburg nahestand. Das Kloster selbst hatte hier Besitzungen um den Alser Bach und innerhalb der ehemaligen römischen Lagermauern. Die andere, dem Bistum Passau nahestehende Gruppe der so genannten Formbach-Radlberger siedelte vor allem im Wiental. Gemäß der damals herrschenden kirchlichen Struktur hatte jeder der beiden Personenverbände sein eigenes Seelsorgezentrum. Jenes der Sighardiner war dem Salzburger Patron St. Peter geweiht und befand sich innerhalb der Mauern des ehemaligen Legionslagers. Jenes der Formbach-Radlberger lag unmittelbar vor diesen Mauern und war St. Stephan, dem Patron der Passauer Kirche geweiht. Dass St. Peter 1137 bereits existierte, stand immer außer Zweifel, da es im Mauterner Tauschvertrag explizit genannt ist. Doch St. Stephan war der gängigen Meinung zufolge eben erst eine Gründung von 1137. Dem widersprach der archäologische Fund von hochmittelalterlichen Gräbern im Bereich des heutigen Domes. Denn nach christlichem Glauben konnte man sich nicht einfach irgendwo bestatten lassen, Friedhöfe benötigten eine Kirche als Zentrum. Es musste sich also bereits um einiges früher hier eine Kirche befunden haben.

Die Gründung von Stift Klosterneuburg 1113 markierte einen ersten Pflock, den die Babenberger in der weiteren Umgebung Wiens einschlugen. In den 1120er und 1130er Jahren spielte sich hier ein gewaltiger Umstrukturierungsprozess ab. Leopold III. trachtete danach, Wien und seine Umgebung herrschaftspolitisch zu besetzen und zu durchdringen. Der Ort entwickelte sich aufgrund seiner strategischen Lage am Abhang des Wienerwalds, befestigt, mit römischer Tradition und offen gegen Norden, Osten und auch Süden, an der europäischen West-Ost-Handelsroute ebenso wie an der Pilgerroute ins Heilige Land gelegen, zum Schauplatz einer Machtdemonstration. Die Salzburger/Sighardinger Personengruppe drängten die Babenberger ebenso zurück wie jene mit Passau in Verbindung stehende der Formbach-Radlberger. Leopold konnte die Besitzungen der Sighardinger – inklusive der Eigenkirche St. Peter – damals an sich bringen.

Die gesamte österreichische Mark gehörte zur Diözese Passau. Auch der Diözesanbischof versuchte, mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln seine Positionen in der Mark zu behaupten und auszubauen.

Seit Bischof Altmann (1065–1091) war die Passauer Strategie, ein möglichst flächendeckendes Netz von Pfarren einzurichten. Bis dahin waren die Kirchen Teil des grundherrschaftlichen Systems: Bei diesen so genannten Eigenkirchen kontrollierte der Grundherr sowohl die Besetzung der Priesterstellen als letztlich auch die Einnahmen der Kirche. Ein vom Diözesanbischof organisiertes Pfarrnetz stellte die Kirchen und ihre Einnahmen hingegen unter die Kontrolle des zuständigen Bischofs. Dieser konnte die Einrichtung der Pfarren kirchenrechtlich begründen.

Für Wien erstrebte man dies bei St. Stephan, das als Pfarrkirche etabliert werden sollte. Man war aber durch die markgräfliche Eigenkirche St. Peter mit einer „Konkurrenzeinrichtung“ konfrontiert, die ebenfalls pfarrliche Rechte beanspruchte. Im Zuge der Ausgleichsbemühungen zwischen dem Markgrafen und dem Bischof in der gesamten Mark wurde auch für den Wiener Raum der Konsens gesucht und im Mauterner Tauschvertrag festgeschrieben. Das Salzburger Kloster St. Peter war ebenfalls Teil der Vereinbarungen. So erhielt es 1136 entfremdeten Besitz an der Als von Leopold III. zurück und einen angrenzenden Berg neu geschenkt. 1139 wurden der dem Stift St. Peter zugehörigen Kirche in Dornbach weitgehende Rechte zuerkannt. Beides wohl als Kompensation dafür, aus der Wiener Siedlung und ihrem nahen Umfeld verdrängt worden zu sein.

Der Tauschvertrag und die Situation 1137

Die Bedeutung des Tauschvertrags überragt andere, ähnliche Vereinbarungen in der Mark zu dieser Zeit bei weitem, was sich in der äußeren Form der Urkunde und der überaus prominent besetzten Zeugenliste widerspiegelt. Üblicherweise wurden solche Traditionsnotizen nämlich nicht besiegelt. Es ist das Exemplar des Bischofs aus dem Bestand des Hochstifts Passau erhalten geblieben,, das sich heute im Hauptstaatsarchiv München befindet. Das genaue Datum – in der Urkunde ist bloß das Jahr angegeben – spielte bei der Transaktion eine untergeordnete Rolle.

Der in der Urkunde wiedergegebene Text spiegelt eine Rechtshandlung, die in Mautern an der Donau stattfand, wo der Bischof von Passau einen Sitz hatte. In Vertretung des Markgrafen Leopold IV. übergab dessen Bruder Adalbert die Kirche von St. Peter in Wien an Bischof Reginmar. Gleichzeitig sollten St. Peter und alle anderen Kirchen und Kapellen des Pfarrgebietes künftig dem Wiener Pfarrer unterstehen. Von nun an würden dort alle Personen des Pfarrgebietes hier zuständig sein, nicht nur jene des eigenen Personenverbandes. Im Gegenzug übergab der Bischof dem Markgrafen einen Weinberg bei Mödling sowie die Hälfte des Kirchengutes (lateinisch „dos“) von St. Stephan. Immerhin bedeutete die Aufgabe der Eigenkirche auch finanzielle Einbußen, denn mit verschiedenen Sakramenten waren auch Einnahmen für die Kirche verbunden, die ab nun dem Wiener Pfarrer zustanden.

Der Inhalt der Urkunde gibt zum ersten Mal zumindest einen gewissen Einblick in die lokalen Verhältnisse, die man mit archäologischen und allgemeineren historischen Forschungen ergänzen kann. Wien tritt uns als befestigter Ort entgegen. Es wird nämlich mit dem Begriff „civitas“ belegt, was einen ummauerten Platz meint. Es mit einer Stadt gleichzusetzen wäre verfrüht. Die Reste der römischen Mauern haben demnach auf alle Fälle eine konstituierende Bedeutung für die Siedlung besessen, auch wenn aus Sicht der heutigen Archäologie nicht sicher nachweisbar ist, wie weit die mittelalterliche Instandhaltung ging.

Innerhalb der Mauern lag die Kirche St. Peter, die auf eine gewisse Tradition zurückblicken konnte. Jüngste archäologische Ausgrabungen am Petersplatz haben Teile des zugehörigen Friedhofs ans Licht gebracht, der möglicherweise bis ins 9. Jahrhundert zurückreicht.  Es gab noch weitere Bethäuser („oratoria“). Man wird dabei an St. Ruprecht und wohl auch bereits Maria am Gestade denken können. Außerhalb der Mauern lag St. Stephan. Zusammen ergibt sich für Wien eine bereits relativ ausdifferenzierte Kirchenlandschaft.

Das im Tauschvertrag genannte Kirchengut reichte bis an die Mauern. Seine Ausdehnung lässt sich aus späteren Quellen rekonstruieren. So erhielt der Markgraf damals jene Bereiche, die von der Mauer bis an den Wienfluss reichten. Die verbliebene Hälfte des Pfarrers schloss dort an. Es lag also im Bereich des heutigen Bezirkes Wieden. Der spätere Name der Vorstadt – und des heutigen Bezirkes – Wieden geht wohl auf den Begriff „Widum“ für Pfarrgut zurück.

Ein wichtiger Teil des der Mauer und auch der Stephanskirche nahegelegenen Teils des Pfarrgutes blieb von der Übergabe an den Markgrafen ebenfalls ausgeschlossen, nämlich die „Hofstätten („curtiloci“), wo die Ställe errichtet waren.“ Sie können als Infrastruktur für den Handel interpretiert werden. Der Donauhandel benötigte Unterbringungsmöglichkeiten, wo gleichzeitig Handelsgeschäfte getätigt werden konnten. Pferde waren ja auch ein wichtiger Faktor für den Handel. Damit gibt es hier erstmals einen Beleg für Wien als Handelsplatz. Bisher hat man diese Hofstätten als jenen Platz interpretiert, wo kurz darauf die vermeintlich erste Stephanskirche errichtet werden sollte. Da diese aber 1137 bereits wohl bestand, ist das nicht haltbar. Diese sind vielmehr dort zu vermuten, wo der Platz für den neuen Pfarrhof vorgesehen war, also unmittelbar neben dem bestehenden Friedhof von St. Stephan. Als vor kurzem das erzbischöfliche Palais renoviert wurde, hat man archäologische Grabungen durchgeführt und eine Bauforschung in Auftrag gegeben. Es konnten tatsächlich Feuerstellen gefunden werden, die als Reste jener Hofstätten interpretiert werden können. Hier errichtete man das Pfarrhaus, das 1222 erstmals schriftlich erwähnt wird. Es wurde später Sitz des Wiener Bischofs.
 

Eine neue Pfarrkirche für Wien

Sichtbares Zeichen für die Einigung war die Errichtung einer neuen Pfarrkirche. Immerhin war jetzt in St. Stephan eine wesentlich größere Zahl von Personen seelsorgisch zu betreuen. Für den Bau mussten sowohl die bestehende Kirche als auch der bisherige Sitz des Pfarrers weichen. Aus archäologischen Grabungen ist das Fundament eines eindrucksvollen, steinernen Turms dokumentiert, der in die Zeit um 1100 datiert werden kann. Er war wohl Teil des Sitzes des Passauer Geistlichen in Wien. Der Turm wurde für den Neubau bis auf die Fundamente abgetragen.

Die Ausmaße der geplanten Kirche waren enorm. Mit einer Breite von circa 30 Meter und einer Länge von mindestens 50 Meter übertraf sie alle Kirchen in der Region bei weitem. Der Bau war sowohl logistisch als auch von den Ressourcen her ein gewaltiger Kraftakt. Er war nicht ohne Unterstützung des Markgrafen denkbar. Die neue Kirche sollte signalisieren, dass der Ort zu einem wichtigen Zentrum ausgebaut werden sollte. Damit konnte man gleichzeitig den Rang der Babenberger als Herren dieser Siedlung unterstreichen. Erhaltene Reste der Bauplastik lassen vermuten, dass die Bauleute aus dem nahen Klosterneuburg kamen, dessen Stiftskirche 1136 geweiht wurde.

Eine umfangreiche Aufarbeitung zur Baugeschichte von St. Stephan 2013 hat den Neubau von St. Stephan in die Ära von Heinrich II. Jasomirgott gesetzt, als dieser Wien zur Residenz ausbaute. Dabei blieb das Weihedatum von 1147 unberücksichtigt. Dieses ist aufgrund seiner Überlieferung in den Klosterneuburger Annalen unzweifelhaft auf St. Stephan zu beziehen. Der Kontext seiner Überlieferung zeigt an, dass es sich bei der „Wiener Kirche“, die 1147 geweiht wurde, um einen bedeutenden Bau handeln muss, da in die Annalen nur wichtige Ereignisse in der Mark aufgenommen wurden. Auch konnte nachgewiesen werden, dass zu jenem Zeitpunkt sowohl der Passauer Bischof Reginbert als auch der erste, namentlich bekannte Wiener Pfarrer, Eberger, in Wien weilten. Damals kamen sowohl Heinrich II. Jasomirgott als auch sein Halbbruder Konrad III. hier vorbei, der etwas donauabwärts vor der ungarischen Grenze sein Heer sammelte, um zum Kreuzzug ins Heilige Land aufzubrechen. Kaum denkbar, dass die Anwesenheit so vieler hoher Herrschaften nicht genutzt wurde, die neue Kirche zu weihen – auch wenn diese wohl noch nicht fertiggestellt war.

Der Mauterner Tauschvertrag bildete das Ergebnis von Ausgleichsverhandlungen zwischen dem Babenberger Markgrafen und dem Passauer Bischof. Leopold IV. ordnete seine Eigenkirche St. Peter der Wiener Pfarre unter und erhielt im Gegenzug wichtige Besitzungen nahe der ehemaligen römischen Lagermauern, die einen weiteren Ausbau der Siedlung ermöglichten. Der Passauer Bischof konnte seine Position sichern, indem seine Pfarre nun allgemeine Anerkennung genoss. Er profitierte gleichzeitig von dem Prosperieren Wiens.

 

Quelle und Literatur

Tauschvertrag von Mautern: https://www.monasterium.net/mom/DE-BayHStA/HUPassau/39/charter

Christoph Sonnlechner, Manuel Swatek: Der Mauterner Tauschvertrag von 1137 und die Neuordnung des Wiener Raumes. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 133 (2025), S. 1–34

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Tauschvertrag_von_Mautern

Christoph Sonnlechner, Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Wien, Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, 1998 Dr. phil., 1995 bis 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter in mehreren interdisziplinären Forschungsprojekten, seit 2005 am Wiener Stadt- und Landesarchiv tätig. Dort leitet er den Bereich Wien Geschichte Wiki, wissenschaftliche Projekte und Kooperationen. Forschungsinteressen: Stadt- und Umweltgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit.

Manuel Swatek, Studium der Geschichte und Kunstgeschichte in Graz und Wien, Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, seit 2007 Archivar im Wiener Stadt- und Landesarchiv, dort seit 2017 Sammlungsleiter. Forschungsinteressen: Wiener Stadtgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, historische Topografie Wiens.

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