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Max Sohm, 19.5.2026

Der Aids Memorial Day in Wien

Namen gegen das Vergessen

Die Geschichte der Aids-Epidemie und der Kampf gegen die Krankheit sind von Leid und Verlust geprägt. Die schwule Community im Wien der 1980er und -90er Jahre setzte auf Aktivismus und bemühte sich, das Thema sichtbar zu machen – rechtlichen Hürden und gesellschaftlichen Vorurteilen zum Trotz. 

Im Mai, wenn Wien sich langsam auf den Pride Month und die Regenbogenparade zubewegt, fällt ein Gedenktag, der leicht übersehen wird: der „Aids Memorial Day", international auch „Aids Candlelight Memorial" genannt. 1983 von Menschen initiiert, die direkt von HIV und Aids betroffen waren, fällt er auf den dritten Sonntag im Mai und ist nicht zu verwechseln mit dem Welt-Aids-Tag am 1. Dezember. In Wien wird der Aids Memorial Day dieses Jahr am 23. Mai in der Maria Grün-Kirche begangen. 

Der Tag ist weniger eine feste Institution als ein wiederkehrender Anlass. Er öffnet ein Zeitfenster, in dem Trauer, Fürsorge, aber auch Wut und politische Fragen in die Gegenwart hineinragen. Weltweit wird an diesem Tag der Menschen gedacht, die an den Folgen von Aids gestorben sind, und zugleich Solidarität mit jenen gezeigt, die mit HIV leben. Typisch sind Mahnwachen und Zeremonien, bei denen Kerzen angezündet werden. Es ist ein schlichtes, aber hartnäckiges Zeichen gegen das Vergessen und gegen das Stigma, das sich bis heute an Diagnosen und Biografien haftet. 
 

Es gibt in der Stadt zahlreiche Erinnerungszeichen und Erinnerungsorte, die sich jedoch nicht selten dem Blick entziehen. Nicht, weil sie verborgen sein müssen, sondern weil sie in der Stadt kaum verankert sind. Seit 2007 existiert am Rand des Praters, nahe der Kirche Maria Grün ein Aids Memorial. Es besteht aus einem Blumenbeet in Form einer roten Schleife – dem Red Ribbon, jenem globalen Zeichen, das sich in den 1990er Jahren als Symbol für HIV-Solidarität etabliert hat. Im Beet und an seinem Rand liegen Gedenksteine mit den Namen Verstorbener. Initiiert und über Jahre mitgetragen wurde es von Mitgliedern des „NAMES Project Wien" und Pater Clemens Kriz. Er ist seit 1992 Aids-Seelsorger der Erzdiözese Wien und hat Maria Grün im Jahr 2000 zum Sitz dieser Seelsorge erklärt. So ist der Ort zu einem Knotenpunkt zwischen Gedenken und seelsorglicher Begleitung geworden. Es ist ein spezifischer Ort für ein spezifisches Gedenken – und genau dadurch außerhalb der Community oft kaum lesbar. Wer dort steht, steht nicht an einem „Wiener Wahrzeichen", sondern an einer stillen Setzung: ein Erinnerungsangebot, das nicht automatisch Öffentlichkeit herstellt, sondern zuerst gefunden werden will.

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Die offensichtliche Unsichtbarkeit hat mit der Geschichte zu tun, die dieses Memorial erzählt. „Jedes Land hat seine eigene AIDS-Geschichte“ (Montagnier 1997, S. 237), verknüpft mit dem Auftreten des Virus, dem Ausbruch der Epidemie und den jeweiligen kulturellen, sozialen und politischen Faktoren. In Österreich traf HIV/Aids auf eine homosexuelle Bewegung, die ohnehin von einem langen Kampf gegen Diskriminierung und strafrechtliche Verfolgung geprägt war. Seit den 1950er Jahren wurde die Entkriminalisierung homosexueller Handlungen gefordert. 1971 fiel zwar das Totalverbot, doch das Geflecht diskriminierender Regelungen blieb. Dazu zählten §220 StGB, der „Werbung" für Homosexualität unter Strafe stellte, und das Pornografiegesetz, das in der Praxis gegen Aids-Präventionsmaterial eingesetzt wurde, welches Übertragungswege beim schwulen Sex offen ansprach. Was Aufklärung hätte sein sollen, wurde zur Straftat. Die letzte dieser Regelungen wurde erst 2002 aufgehoben. In dieser Gemengelage verstärkte die Aids-Krise Stigmatisierung Betroffener einerseits und feuerte gleichzeitig den Aktivismus homosexueller Vereinigungen in Wien an. Sie machte bestehende Ausgrenzungen brutaler sichtbar und mobilisierte Solidarität und Selbstorganisation.

Der Staat Österreich reagierte früh im internationalen Vergleich auf die Aids-Krise: 1983 wurde eine Meldepflicht für Aids-(Verdachts-)Fälle eingeführt, eine Aids-Kommission wurde eingerichtet und die HOSI veröffentlichte die erste Aufklärungsbroschüre über Aids in Europa (die wohlgemerkt vorsichtig formuliert und relativierend war, um im gesetzlichen Rahmen zu bleiben). 1985 folgten Antikörpertests und die Gründung der Österreichischen Aids-Hilfe und ein Jahr später trat schließlich ein eigenständiges Aids-Gesetz in Kraft. Das Gesetz führte eine Meldepflicht ein, es regelte das Beratungsangebot und HIV-Tests, gleichzeitig hatte es aber auch seine Schwachstellen: Einige Maßnahmen entsprachen zwar den damaligen medizinischen Kenntnissen, gelten nach heutiger Auffassung aber als diskriminierend, so wie beispielsweise ein Berufsverbot für infizierte Sexarbeiter:innen (das bis heute gilt!). Andere Aspekte fielen durch das Raster, wie etwa die Ansteckungsgefahr beim Drogenkonsum.

Neben der politischen und medizinischen Ebene, war die gesellschaftliche Komponente nicht minder prägend: Aids konnte soziale Strukturen destabilisieren, Armut und Ausgrenzung verstärken, Freundeskreise und Lebensentwürfe zerreißen. Die Stigmatisierung endete nicht bei der Diagnose. Sie setzte sich im Alltag fort.

Gedenken ist vor diesem Hintergrund nie „nur“ Rückschau gewesen. Es war von Anfang an eine Praxis, die dem Sterben ein Gesicht gab und dem Leben einen Rahmen. Ein prägnantes Wiener Beispiel dafür ist der Aids Memorial Day 1994, der in der Buchhandlung Löwenherz / Kulturverein Berggasse im 9. Bezirk als „Day Without Books“ in Kooperation mit dem Names Project und der Aids-Hilfe Wien begangen wurde. Die Idee war so simpel wie schmerzhaft. Alle Werke von Autor:innen und Künstler:innen, die an den Folgen von Aids gestorben waren, wurden in Packpapier verpackt und damit symbolisch „unsichtbar“ gemacht. Unsichtbar wie die Lücken, die die Epidemie aufriss. Unsichtbar wie die Namen, die außerhalb der Community oft nicht ausgesprochen wurden. Unsichtbar wie eine Kultur, die auf einmal von Abwesenheiten durchzogen war.

Am Nachmittag gab es Lesungen in der Buchhandlung Löwenherz aus den Texten der Verstorbenen, ein öffentliches Zurückholen dessen, was davor in Papier eingeschlagen worden war. Noch am selben Abend verschob sich der Ort des Erinnerns nach draußen, in den Sigmund-Freud-Park. Dort wurde der Quilt des „NAMES Project Wien“ innerhalb einer Zeremonie entfaltet und Namen Verstorbener wurden laut verlesen. Der Quilt, oft als „AIDS Memorial Quilt“ bezeichnet, macht sichtbar, was Statistiken verschlucken. Hinter Opferzahlen stehen Lebensgeschichten und Schicksale. Der Quilt besteht aus individuell gestalteten Stoffbahnen, in die Namen und persönliche Spuren eingearbeitet sind. Jede Fläche ist wie eine kleine, tragbare Grabstelle, und jede Entfaltung ist zugleich Trauer- und Öffentlichkeitsarbeit. Zum Abschluss der Zeremonie stiegen weiße Luftballons auf, versehen mit Namensschildern und getragen vom Wind über die Dächer hinweg. In dieser Abfolge lag eine eigene Dramaturgie. Vom Buchladen, der Alltag, Handel und Kultur bedeuten konnte, zur Lesung als Stimme und Gemeinschaft. Weiter zum Park als Öffentlichkeit und Stadt, und schließlich in den Himmel, der stellvertretend für Entzug und Verlust stand, aber auch für Sichtbarkeit. 

Solche Rituale stehen in einer internationalen Erinnerungskultur, die seit den 1980er Jahren entstanden ist als Antwort auf gesellschaftliches Schweigen und als Mittel gegen die Isolation. Auch in Wien zeigte sich daran, wie eng Trauer und Aktivismus verschränkt waren. Community-Strukturen, Aids-Hilfe, Initiativen und Selbsthilfe bildeten eine Infrastruktur und emotionale Ökonomie zugleich. Und sie waren, ganz konkret, ein Versuch, die Frage zu beantworten, die bis heute im Raum steht: Wie erinnert man, wenn die Gegenwart noch nicht vorbei ist?

Denn der Blick auf Aids ist oft retrospektiv, obwohl HIV weltweit präsent bleibt. Mit der Kombinationstherapie, die seit 1996 verfügbar ist, sank die Zahl der Todesfälle rapide. Heute ist die Lebenserwartung von Betroffenen vielfach mit jener von Nichtbetroffenen vergleichbar, und es ist oft zutreffender, von HIV statt von Aids zu sprechen. Hinzu kommt PrEP, eine medikamentöse Prophylaxe, die HIV-negative Personen vor einer Infektion schützt und seit April 2024 in Österreich für Personen mit erhöhtem Infektionsrisiko von den Krankenkassen erstattet wird. Dass dieser Fortschritt allerdings kein stabiler Zustand ist, zeigt der Blick in die USA, wo Kürzungen staatlicher Förderprogramme dazu führen, dass zehntausende HIV-Positive ihren Zugang zu antiretroviralen Medikamenten verlieren – und UNAIDS bis 2029 mit sechs Millionen zusätzlichen Infektionen und vier Millionen Todesfällen rechnet. Genau darin liegt eine Spannung, denn der medizinische Fortschritt erzeugt eine gesellschaftliche Erzählung der „Normalisierung“, die trügen kann. Trauerprojekte werden zu Erinnerungsprojekten, das Thema wandert in Archive, in historische Analysen, in Jahrestage. Und doch bleibt die Sorge, dass dabei etwas verloren geht. Wird das Erinnern leiser, weil das Sterben weniger sichtbar ist? Wird Stigma dadurch weniger, oder nur unscheinbarer?

Das lässt sich in Wien auch am Life Ball ablesen. Seit seiner ersten Ausgabe 1993 im Wiener Rathaus entwickelte er sich zu einer der weltweit größten Aids-Benefizveranstaltungen, an der queere Sichtbarkeit nicht nur eingefordert, sondern aufwendig inszeniert wurde. Die Erlöse finanzierten nationale und internationale Hilfsprojekte – knapp 30 Millionen Euro in 26 Jahren. 2019 fand er zum letzten Mal statt. Seither fehlt ein öffentliches Ereignis, an dem das Thema mit vergleichbarer Reichweite in Erscheinung tritt.
 

In Wien lässt sich dieser Wandel auch an den Formen des Gedenkens ablesen. Die Aktivitäten der 1990er Jahre und das heutigen Aids Memorial der Kirche Maria-Grün sind ganz unterschiedliche Arten des Erinnerns. Der „Day Without Books“ arbeitete mit einer drastischen, unmittelbaren Metapher, dem Unsichtbarmachen als Schock und kollektiver Zumutung. Das Memorial bei Maria Grün ist hingegen ein langfristiger Ort, an dem Rosen und Gedenksteine niedergelegt und der Quilt zeremoniell aufgelegt werden kann. Es ist ein wiederholbares Ritual, das Kontinuität herstellt, aber nicht automatisch Aufmerksamkeit erzeugt. Dazwischen stehen weitere, teils kaum mehr zuordenbare Spuren, etwa Gedenkbäume, deren Bedeutung ohne Kontext verblasst.

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Literatur und Quellen:

Andreas Brunner, Hannes Sulzenbacher: Schwules Wien, 1998.

Christine Kepplinger: Österreichische Gesundheitspolitik am Beispiel der AIDS-Hilfen, Diplomarbeit, 2010, S. 52-54.

Kurt Krickler: Homosexualität und AIDS(-Politik), 1989.

Katharina Kührner, Andreas Brunner: AIDS, Trauer und Erinnerung, in: Aether (08), 2023.

Luc Montagnier: Von Viren und Menschen, 1997, S. 237.

P. N. Kenis, C. Nöstlinger: Handbuch Aids, 1993, S.68.-70.

Livia Suchentrunk: Zwei Stangen, in: Aether (08), 2023.

Aids Candlelight Memorial: „About“ https://candlelightmemorial.net/about/ (letzter Aufruf: 24.02.2026).

UNAIDS: Terminology Guidelines, 2024, S. 8.

UNAIDS: Global AIDS Update 2025, https://www.unaids.org/en/UNAIDS-global-AIDS-update-2025 (letzter Aufruf: 10.03.2026).

Max Sohm kommt vom Bodensee und ist im Qwien – Zentrum für queere Kultur und Geschichte tätig. Als studierter Zeithistoriker und Museumswissenschaftler beschäftigt er sich mit Fragen der Zugänglichkeit und damit, wie etwas zu Geschichte wird. Seine Forschungsschwerpunkte liegen bei Historisierungsprozessen, digitalen Museumspraktiken und Formen der Wissensvermittlung – mit besonderem Fokus auf die Aids-Geschichte Wiens.

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