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Susanne Winkler und Werner Michael Schwarz, 26.2.2026

Das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum im Roten Wien

Warum Museum?

Ein Museum, das nichts weniger als gesellschaftliche Utopie anstrebte: In der Zwischenkriegszeit dachten Otto Neurath und sein Team Wissensvermittlung völlig neu und erzielten damit Rekord-Besucherzahlen. Susanne Winkler und Werner Michael Schwarz im Interview über das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum.

Redaktion

Es kommt nicht oft vor, dass ein Museum mit einer Ausstellung an die Gründung eines anderen Museums erinnert. In „Wissen für alle. ISOTYPE – Die Bildsprache aus Wien“ geht es nicht nur um die von Otto Neurath und seinem Team entwickelte Bildsprache, sondern auch um die Gründung des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums vor hundert Jahren, das für sich beanspruchen kann, eine eigene Methode der Wissensvermittlung entwickelt zu haben. Was war das für ein Museum und wie kam es dazu?

Susanne Winkler

Neuraths Museumsidee fällt in die frühen Jahre der Ersten Republik und des Roten Wien, nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts und der neuen Verfassung, also in eine Zeit, die von einer schweren Versorgungskrise und hoher politischer Unsicherheit geprägt ist, aber auch von einem demokratischen Aufbruch, der in vielen gesellschaftlichen Bereichen in Wien innovative Ideen stimulierte. 1924 übermittelte Otto Neurath eine „Denkschrift“ an den sozialdemokratischen Wohnbaustadtrat Anton Weber, der man durchaus Manifestcharakter zuschreiben kann. Diese beginnt mit einer scharfen Polemik gegen „Museen der Vergangenheit“, die Neurath als „tot“, „unsystematisch“ und „dekorativ“ beschreibt. Man muss als Kontext mitbedenken: Museen sind in diesen Jahren ein hochbrisantes und kontroversielles Thema. Die Zukunft der ehemals kaiserlichen Sammlungen und ihre Aufgaben in einer demokratischen Gesellschaft stehen in der Debatte. Eine Kommission unter Führung des renommierten Kunsthistorikers Hans Tietze bemühte sich um eine Neuausrichtung, blieb aber selbst nach eigener Einschätzung glücklos.

Redaktion

Worum ging es Otto Neurath in dieser Debatte?

Susanne Winkler

Neurath ging es nicht um eine Reform des Bestehenden, sondern um eine radikale Alternative, um ein Museum der „Gegenwart und Zukunft“, das über „Erkennen und Verstehen“ der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zusammenhänge die Menschen zu politischer Teilhabe befähigt. Seine Adressat:innen waren insbesondere Arbeiter:innen, die vom Bildungssystem bis dahin stark benachteiligt wurden, sowie in enger Verbindung mit der Reformpädagogik des Roten Wien von Anfang an auch Schüler:innen. Neurath im O-Ton über seine politischen Motive: „Man erfährt in der Schule nicht, dass in den Bezirken, wo die Menschen am ärmsten sind, man weit stärker an Tuberkulose erkrankt, man erfährt in der Schule nicht, in wie schlechten Wohnungen Menschen hausen, man erfährt in der Schule nichts von der Knechtschaft, man erfährt aber auch in [der] Schule nichts vom Kampf um die Befreiung.“

Redaktion

Otto Neurath war Sozialdemokrat. Was bedeutete das für seine museale Theorie und Praxis?

Susanne Winkler

Das berührt einen wichtigen Punkt. Die sozialdemokratische Bildungs- und Kulturbewegung hatte viele Initiativen gesetzt, die Gründung von Bibliotheken, Lese-, Gesangs-, Sport- und Freizeitvereinen, aber soweit es sich überblicken lässt, gab es nie Pläne für ein Museum. Zu sehr, wie das auch Neurath selbst ansprach, waren sie als Orte fürstlicher, bürgerlicher und kirchlicher Repräsentation diskreditiert. Dennoch seine Pläne fielen auf fruchtbaren Boden. 

Der Zeitpunkt, die Idee der Stadt zu unterbreiten, war denkbar günstig. Das Rote Wien hatte sich nach Jahren des Krisenmanagements konsolidiert, die Wahlen 1923 überlegen gewonnen, die Trennung Wiens von Niederösterreich erreicht und das erste Wohnbauprogramm beschlossen. Jetzt kam Neuraths Vorschlag für ein Museum, das die Entwicklung einer Methode versprach, statistische Daten für ein breites Publikum mit Bildern anschaulich und dennoch exakt zu vermitteln. Für das Rote Wien, das in seiner Politik und Kommunikation auf zählbare Leistungen im Bereich Wohnbau, Fürsorge oder Bildung setzte, musste das überzeugend sein. „Statistik ist Freude für die Erfolgreichen! Statistik ist Notwendigkeit für planmäßige Wirtschaft, daher ist Statistik Sache des sozialistischen Proletariats!“, schrieb Otto Neurath 1927. Man könnte von einer Reklame der Sachlichkeit im Roten Wien sprechen, in deren Dienst sich das GWM stellte.

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Werner Michael Schwarz

Neuraths Ideen trugen auch utopische Züge. Er selbst sprach von einem „gewaltigen“ Plan. Ihm schwebte nichts weniger vor als ein Museum der Geschichte und Gegenwart der Menschheit, das zudem viel Platz für die Zukunft bereitstellen sollte. Er vermittelte das inhaltliche und räumliche Konzept auf ungewöhnliche Weise, nämlich in Form einer Tabelle, die den Mathematiker im Museumsdenker gut erkennen lässt. Diese Tabelle setzte sich aus drei Spalten und fünf Zeilen zusammen – drei Spalten für die Themen, „Arbeit und Organisation“, „Lebenslage und Kultur“, „Siedlung und Städtebau“, sowie fünf Zeilen für die Zeiträume: „Bis zur französischen Revolution“, „Bürgerlicher Kapitalismus“, „Weltkrieg“, „Seit dem Umsturz“, „Lebensformen der Gegenwart“. 

In Summe ergab das 15 Felder, die den Besucher:innen (wie auf einem Spielfeld) verschiedene Bewegungen im Raum ermöglichen sollten, entweder ein Thema durch die Zeiten zurückverfolgen oder sich einen Überblick über einen Zeitraum, eine Epoche verschaffen. Zweck dieser Bewegungen (Otto Neurath sprach von der Bedeutung der räumlichen Gliederung für den „gedanklichen Aufbau“) war die Vermittlung der Gesetzmäßigkeiten des historischen Materialismus, der Zusammenhänge von Produktionsverhältnissen und der sich daraus ergebenden „Lebenslagen“ und Klassengegensätze. Neuraths ideales Museum lässt sich nach seinen Worten wie ein „Lehrbuch“ im Raum begreifen, dessen Stärke darin besteht, durch die Wahlmöglichkeiten die Besucher:innen zu aktivieren und sie im wörtlichen Sinn schrittweise zu Erkenntnis zu führen.

Redaktion

Das ist ein hoher Anspruch, den Neurath damals einforderte. Konnte das GWM dem gerecht werden?

Werner Michael Schwarz

Neurath war sich der Schwierigkeiten bewusst, diesen „gewaltigen Plan“ umzusetzen. Zumindest in zweidimensionaler Form kam er diesem einige Jahre später aber durchaus nahe: und zwar mit dem 1930 vom Museum herausgegebenen Mappenwerk „Gesellschaft und Wirtschaft. Bildstatistisches Elementarwerk“. 100 hochwertig ausgeführte bildstatistische Tafeln führen durch mehrere tausend Jahre Menschheitsgeschichte rund um den Globus, von den Hochkulturen Mesopotamiens, zur Stadtentwicklung Pekings oder New Yorks, vom Wien im Barock bis zu den aktuellen Themen der Zeit um 1930, zu globaler Erdölproduktion, Arbeitslosigkeit oder Streikbewegungen. In einer Auswahl von hundert Tafeln wird so die Geschichte der Menschheit und der Welt erzählt. Tatsächlich ein gewagtes und „gewaltiges“ Vorhaben!

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Redaktion

1925 wurde das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum eröffnet. Was konnte von den Ideen Neuraths tatsächlich umgesetzt werden? Was bekamen die Besucher:innen zu sehen?

Susanne Winkler

Gehen wir vielleicht noch einen kleinen Schritt zurück in die unmittelbare Vorgeschichte, um besser zu verstehen, was der Ursprung der ersten Inhalte des Museums war. Neurath war ab 1920 in der Wiener Siedlungsbewegung engagiert, einer nach dem Ersten Weltkrieg bemerkenswerten Selbsthilfe-Bewegung, in der sich Siedler:innen in Genossenschaften organisierten, um am Stadtrand kleine Häuser zu errichten und sich mit Gemüseanbau und Kleintierzucht selbst zu versorgen. Zu den euphorischen Unterstützer:innen zählten Architekt:innen wie Adolf Loos („Große Architekten bauen kleine Häuser“), Josef Frank oder die noch sehr junge Margarete Lihotzky. Neurath gründete eine Dachorganisation, die die politisch und sozial heterogene Bewegung unterstützte. Dieses Engagement Neuraths vermittelt gut sein sozial- und wirtschaftspolitisches Denken: Um die Wünsche der Menschen nach besseren Lebensbedingungen erfüllen zu können und ihnen damit „Glück“ zu ermöglichen (einem Schlüsselbegriff in Neuraths theoretischen Überlegungen), brauche es wirtschaftliche Planung. 

1923 war Neurath Mitorganisator der im Wiener Rathaus und am Rathausplatz gezeigten „Kleingarten-, Siedlungs- und Wohnbauausstellung“, die enorm erfolgreich war und nach Presseberichten innerhalb einer Woche von hunderttausend Menschen besucht wurde. Gezeigt wurden 1:1 Modelle von Siedlungshäusern, die Siedler:innen präsentierten ihre Obst- und Gemüseernte und es soll von Hasen, Hühnern, Ziegen und Tauben nur so gewimmelt haben. Ich finde, ein wunderbares Beispiel für den politischen und gesellschaftlichen Wandel dieser Jahre. Informationsmaterialien und Objekte dieser Ausstellung, wie Bildstatistiken, Fotografien und Modelle (u.a. Lihotzkys Spülküche) bildeten den Grundstock der Sammlung des 1925 in den Räumen der Gartenbaugesellschaft am Parkring eröffneten ersten Standortes des GWM. 

Bis 1934, bis zur zwangsweisen Auflösung wurden die Volkshalle im Wiener Rathaus sowie zwei weitere, für das Museumskonzept besonders aussagekräftige Orte bespielt: ein Saal im Fuchsenfeldhof in Meidling sowie hinsichtlich seiner Niedrigschwelligkeit besonders innovativ ein Gassenlokal in der Innenstadt (Tuchlauben 8) mit dem sprechenden Namen Zeitschau, wo u.a. kostenfrei Berufseignungstests gemacht werden konnten.

Werner Michael Schwarz

Für ein Museum im Sinn Otto Neuraths kann man von drei Prinzipien sprechen: Es geht um Themen, die an den Interessen und der „Lebenslage“ der Menschen anknüpfen und damit das Publikum inkludieren. Um Materialien, die „durch Augenfreude“ und „sonstige Reize der entwickelten Reklame die Besucher“ fesseln und so den Weg zu ihrer Vernunft finden. Und schließlich um ein im wörtlichen Sinn Entgegenkommen gegenüber dem Publikum durch Dezentralisierung der Ausstellungsorte und durch Wanderausstellungen. In den nicht einmal zehn Jahren des Bestehens des Museums in Wien wurden mehr als 30 Ausstellungen im In- und Ausland (von Eisenstadt bis Chikago) mitorganisiert oder zumindest mit Bildstatistiken beschickt. Das Museum ging zur Wissensvermittlung in die Schulen, unterstützte Ausstellungsprojekte von Jugendlichen, gab die Zeitschrift Fernunterricht heraus, befragte seine Besucher:innen nach ihren Interessen und wirkte international über Printmedien und Buchprojekte.

Redaktion

Zehn Jahre sind keine unglaublich lange Zeit. Wie konnte das Museum so viele verschieden Zielgruppen und Orte bespielen?

Werner Michael Schwarz

Zum Zweck möglichst hoher Flexibilität wurde ein System fester Rahmengrößen entwickelt sowie Ausstellungswände und -vitrinen, die relativ unkompliziert transportiert und aufgebaut werden konnten. Hinzu kam jenseits der beständigen Weiterentwicklung der Wiener Methode der Bildstatistik das Experimentieren mit neuen Formen der visuellen Vermittlung. So wurde die Architektur des neu gebauten Amalienbades mittels einer Vitrine veranschaulicht, die auf beleuchteten Glasflächen die Grundrisse der sieben Stockwerke zeigte. Von den Grottenbahnen im Prater mag sich das Museumsteam die Idee für ein Diorama abgeschaut haben, das aber keine fremden Städte, Kriege oder Katastrophen zeigt, sondern die Arbeitsabläufe in einer Zentralwaschküche eines Wiener Gemeindebaus. Beide sind in der aktuellen Ausstellung als Rekonstruktionen zu sehen.

Redaktion

Wie wurde das Museum finanziert?

Susanne Winkler

Träger des Museums war ein Verein, der von der Stadt Wien finanziell unterstützt wurde, anfangs mit 20.000, später mit 30.000 Schilling jährlich. Heute wären das laut Nationalbank grob geschätzt 95.000 bzw. 135.000 Euro. Einen deutlich kleineren Beitrag steuerten die Arbeiterkammer Wien und Sozialversicherungsinstitute bei. Die direkte finanzielle Unterstützung der Stadt stellte vermutlich aber nur eine Basisfinanzierung dar. Zu Spitzenzeiten waren immerhin bis zu 50 Mitarbeiter:innen beschäftigt. Vermutlich wurde die Erstellung von Ausstellungsmaterialien und anderen Tätigkeiten für die Gemeinde extra abgegolten. 1927 beauftragte die Stadt das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum per Erlass, auf eine einheitliche Linie bei der Stadtrepräsentation zu achten. Alle Abteilungen wurden angehalten, ihre Außenauftritte mit dem Museum zu koordinieren.

Redaktion

Was weiß man über das Publikum?

Werner Michael Schwarz

In den Medien der Zeit wurde regelmäßig über internationale Delegationen und Gruppen berichtet, die die Museumsstandorte anlässlich von Kongressen oder Großereignissen wie der Arbeiter-Olympiade 1931 besuchten. Das Gros der Besucher:innen aus Wien und Österreich dürfte aus dem engeren Umfeld der sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften gekommen sein. Jene aus dem Ausland lassen sich grob in Fachpublikum und sozialistisch Gesinnte und Organisierte unterscheiden. 

Nach nur wenigen Jahren war das Museum international bekannt und renommiert. Die Besucherstatistiken der Zeit zeigen jedenfalls respektable Zahlen, vor allem unter der Berücksichtigung der kurzen Öffnungszeiten an zumeist nur drei Tagen die Woche. Der Standort in der Volkshalle wurde 1928 von knapp 30.000 Personen besucht, 1929 von etwas mehr als 24.000. Deutlich mehr Besucher:innen hatten nur die großen öffentlichen Museen von Bund und Stadt. Das Historische Museum der Stadt Wien wurde 1928 von knapp 50.000, das Technische Museum von über 80.000, das Naturhistorische von 115.000 und das Kunsthistorische von 170.000 Personen besucht.

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Redaktion

Wie lässt sich die Bedeutung des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum international einordnen? Wie einzigartig war es in seiner Zeit?

Susanne Winkler

Innerhalb der Arbeiterbewegung war das GWM, ein Museum, das die Perspektive der Arbeiterschaft ins Zentrum stellte, auch international ein Novum. Für die thematische Ausrichtung gab es mit dem Museumstypus „Sozialmuseum“ aber durchaus Vorbilder, mit dem Neurath auch persönlich früh in Berührung kam. Diese auf wirtschaftliche und soziale Themen fokussierten Museen wurden insbesondere ab den 1870er Jahren zumeist in Folge von Gewerbe-, Industrie- und Weltausstellungen gegründet. Politisch standen sie im Zusammenhang mit der Krise des Liberalismus und dem Übergang zum modernen Vorsorgestaat. Das betraf als Erstes den Arbeitsschutz, mit dem die Geschichte der modernen Sozialversicherungsgesetzgebung mit ihrer auf Statistiken beruhenden Kalkulation der Risiken beginnt. 1887 wurde die gesetzliche Arbeiter-Unfallversicherung in Österreich eingeführt, zwei Jahre später kam es zur Gründung des weltweit ersten Arbeitsschutzmuseums, des „Gewerbehygienischen Museums“ in Wien. Initiator war der Gewerbeinspektor Franz Migerka, ein Onkel Otto Neuraths. 

Große internationale Ausstrahlung besaß das Musée social in Paris, das 1894 aus der Ausstellung im Pavillon für Sozialökonomie auf der Weltausstellung in Paris 1889 hervorgegangen war. Andere Beispiele sind das Schweizer Sozialmuseum (1916) und nicht zuletzt das Deutsche Kriegswirtschaftsmuseum in Leipzig, das Otto Neurath 1918 leitete.

Redaktion

Wieweit konnte auch die Wiener Methode der Bildstatistik, die zentrale Errungenschaft des Museums, auf Vorbilder aufbauen?

Werner Michael Schwarz

Auch in dieser Beziehung waren die Sozialmuseen nicht unbedeutend. Die Frage, wie statistische Daten visuell vermittelt werden können, geht im Prinzip weit bis in das 18. Jahrhundert, in die Zeit der Aufklärung und der Anfänge des modernen Staates zurück. Die Sozialmuseen des ausgehenden 19. Jahrhunderts experimentierten mit verschiedenen Methoden, veranschaulichten sehr plastisch etwa Preissteigerungen und Inflation mit unterschiedlich großen Brotlaiben oder Fleischstücken. Hier setzte die Innovation der Wiener Methode der Bildstatistik an, indem Mengen als Mengen und nicht als Größen dargestellt wurden. 

Man zeigte etwa, um den Anstieg der Autoproduktion zu vermitteln, nicht mehr unterschiedlich große, sondern unterschiedlich viele Autos. Mit der Darstellung der Menge (nicht der Größe) war von der Genauigkeit abgesehen ein zentrales erkenntnistheoretisches Prinzip verbunden. Man sollte neben zeitlichen und räumlichen Unterschieden die schiere Menge erkennen und so die Betrachter:innen dazu motivieren, weiterzudenken und die damit verbundene Komplexität zu erkennen. Wenn ich viele Autos statt einem großen Auto sehe, leitet mich dazu, auch viele Menschen zu sehen, die diese Autos herstellen, viele Maschinen, viele Schiffe, die diese transportieren und so weiter. Das zweite Prinzip bestand darin, jedes Element immer mit demselben Zeichen darzustellen. Für die große Ausstrahlung, die die Piktogramme und Bildstatistiken des GWM bis in die Gegenwart besitzen, war vor allem auch das Engagement von Künstlern wie Gerd Arntz verantwortlich. Für die große Ausstrahlung, die die Piktogramme und Bildstatistiken des GWM bis in die Gegenwart besitzen, war vor allem auch das Engagement der „Transformatorin“ Marie Reidemeister (später Neurath) und des Künstlers Gerd Arntz aus der Gruppe der Kölner Progressiven verantwortlich. Reisemeister transformierte das Datenmaterial in Bildstatistiken, Arntz führte diese künstlerisch aus. In Anerkennung ihrer Arbeit vergibt die Arbeiterkammer Wien in diesem Jahr erstmals den Marie Neurath Preis für Datenvisualisierung. Generell wurde Teamarbeit im Museum großgeschrieben. 

Redaktion

Das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien wurde nach nur knapp zehn Jahren 1934 geschlossen. Wie können sein Ende und seine Nachwirkung eingeordnet werden?

Werner Michael Schwarz

Der Trägerverein wurde nach dem Bürgerkrieg in Österreich 1934 aus politischen Gründen aufgelöst, die Museumsstandorte wurden geschlossen. Unter austrofaschistischen Vorzeichen wurde es allerdings bald reaktiviert, zunächst unter dem alten Namen und ab 1937 als „Österreichisches Institut für Bildstatistik“. 1938 nannten es die Nationalsozialisten in „Institut für Ausstellungstechnik und Bildstatistik“ um. Otto Neurath und sein Kernteam, seine spätere Frau Marie Reidemeister und der Künstler Gerd Arntz emigrierten 1934 in die Niederlande, wo sie unter zunächst prekären Umständen ihre Arbeit fortsetzten. 1940 flüchteten sie vor den Nationalsozialisten nach England. In der Emigration wurde die Wiener Methode der Bildstatistik auf Vorschlag Marie Reidemeisters in Isotype (International System of Typographic Picture Education) umbenannt.

Durch die Auflösung von Verein und Museum 1934 ging auch das Gedächtnis der Wiener Jahre weitgehend verloren. Vieles lässt sich nur noch aus Medienberichten und Erinnerungen rekonstruieren. Nach einer letzten Erhebung 1936 befanden sich im Museumsdepot noch 700 Fotografien, 1500 Bildtafeln und 120 Modelle. Davon wurden die Fotos, einige wenige Tafeln (mit historischen Darstellungen) und sechs Modelle, darunter das beeindruckende, mehrere Meter lange Modell des Karl-Marx-Hofs in die städtischen Sammlungen (heute Wien Museum) übernommen, wo sie allerdings während des Zweiten Weltkriegs verloren gingen. Von der übrigen Sammlung fehlt jede Spur. 1949 wurde das Österreichische Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Anknüpfung an die Tradition des Museums vor 1934 wiedergegründet und befindet sich heute in der Vogelsanggasse im 5. Bezirk. Für Neurath, so könnte man seine Ideen zusammenfassen, war das Museum unter der Voraussetzung einfacher Zugänglichkeit und Gleichheit (Themen, Gestaltung, freier Zutritt) ein einzigartiger, elementarer Ort der Demokratie, wo auf dem Boden wissenschaftlicher Tatsachen und ganz im Sinn der zukunftseuphorischen, progressiven Moderne der Zeit Expert:innenwissen nicht nur anschaulich vermittelt, sondern durch den unmittelbaren Kontakt mit den Adressat:innen politisch verhandelt und beständig weiterentwickelt werden konnte.

Hinweise

Die Ausstellung „Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien“ ist vom 6. November 2025 bis zum 5. April 2026 im Wien Museum am Karlsplatz zu sehen.

Die gleichnamige Publikation, herausgegeben von Günther Sandner, Werner Michael Schwarz und Susanne Winkler, ist im Hirmer Verlag erschienen. Sie ist im Shop des Wien Museums sowie im Buchhandel erhältlich.

Literatur

Christopher Burke: The Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien (Social and economic museum of Vienna), 1925–34, in: ders., Eric Kindel, Sue Walker (Hg.): Isotype. Design and Contexts 1925–1971, London 2013, S. 21–102.

Janet R. Horne: A Social Laboratory for Modern France. The Musée Social and the Rise of the Welfare State, Durham 2002

Hadwig Kräutler: Isotype-Museen und -Ausstellungen. Diskursräume für Engagement und Empowerment, in: Gernot Waldner (Hg.): Die Konturen der Welt. Geschichte und Gegenwart visueller Bildung nach Otto Neurath, Wien/Berlin 1921, S. 131–176.

Otto Neurath: Denkschrift über die Schaffung eines Gesellschafts- und Wirtschaftssmuseums, in: Verein für die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung (künftig: VGA), Parteiarchiv vor 1934, Mappe 88.

Otto Neurath: Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien, in: Österreichische Gemeinde-Zeitung 2(1925)16, S.1–12, Nachdruck in: ders.: Gesammelte Schriften, Bd.3: Gesammelte bildpädagogische Schriften, hg. v. Rudolf Haller u. Robin Kinross, Wien 2021, S. 1–17.

Stefan Poser: Museum der Gefahren. Die gesellschaftliche Bedeutung der Sicherheitstechnik. Das Beispiel der Hygiene-Ausstellungen und Museen für Arbeitsschutz in Wien, Berlin und Dresden um die Jahrhundertwende, Münster/New York 1998.

Günther Sandner: Otto Neurath. Eine politische Biographie, Wien 2014.

Friedrich Stadler (Hg.): Arbeiterbildung in der Zwischenkriegszeit. Otto Neurath – Gerd Arntz, Wien/München 1982.

Hans Tietze: Die Zukunft der Wiener Museen, Wien 1923.

Susanne Winkler, Historikerin, Kuratorin am Wien Museum. Publikationen und Ausstellungen mit Schwerpunkt Stadt- und Fotografiegeschichte.

Werner Michael Schwarz, Historiker, Kurator am Wien Museum, Schwerpunkt Stadt-, Medien- und Filmgeschichte, u.a. „Das Rote Wien“ (2019) und Pratermuseum (2024).

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