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Lilli Bauer und Werner T. Bauer, 21.5.2026

Vom Reinigungsbad zum Erlebnisbad

Baden in Wien

Das erste Freibad Wiens entsteht bereits in den 1780er Jahren, doch erst im 20. Jahrhundert entwickelt sich eine Bäder-Infrastruktur, die den Bedürfnissen der Bevölkerung in der Millionenmetropole gerecht wird und vom kleinen Tröpferlbad bis zur städtischen Freibad-Großanlage reicht. Ein Überblick anlässlich der Ausstellung „Auch für Nichtschwimmer“ im Waschsalon. 

Bis weit ins 19. Jahrhundert werden Badeanstalten als private Unternehmungen geführt; Baden ist „ein Luxusbedürfnis der Reichen“. Bevor 1887 das erste innerstädtische Volksbrausebad in Betrieb geht, gibt es in Wien tatsächlich nur zwei städtische Badeanstalten: das 1876 errichtete „Kommunalbad“ am heutigen Mexikoplatz und das auf der gegenüberliegenden Seite der Donau gelegene „Männer- und Frauenfreibad“. „Zufolge niedriger Temperatur des Donauwassers“ können beide Badeanstalten nur wenige Monate im Jahr benützt werden. Außerdem sind sie „nur mit der Pferdebahn bei Aufwand von mindestens zwei Stunden Zeit erreichbar“ und daher „durch Zeitverlust und Fahrkosten theuer“.

„Der ärmere Theil der Bevölkerung, insbesondere der Arbeiter“ müsse erst „an den regelmässigen Gebrauch von Bädern in jeder Jahreszeit“ gewöhnt werden, die bestehenden städtischen Badeanstalten kämen aufgrund der Distanz dafür jedoch kaum in Betracht, gibt die Wochenschrift des österr. Ingenieurs- und Architekten-Vereines 1887 zu bedenken.

Im Zuge der Industrialisierung strömen immer mehr Menschen auf der Suche nach Arbeit in die großen Metropolen; überall hausen sie unter katastrophalen Bedingungen, in viel zu kleinen, überbelegten Wohnungen, ohne eigene Toiletten oder Wasseranschluss.

Der Arbeiterbezirk Favoriten etwa weist in Wien nicht nur die kleinsten Wohnungen, sondern auch die größte Belegungsdichte auf. Im Jahr 1880 teilen sich, rein statistisch, in der Inneren Stadt 1,8 Personen ein Zimmer, in Favoriten sind es 4,9. Und in über 22 Prozent der Wohnungen schlafen und arbeiten zudem fremde Personen als „Bettgeher“.
 

Das Volksbrausebad ist ein Berliner

Allmählich beginnen auch die bürgerlich-liberalen Verwaltungen „den Arbeiter“ und seine Gesundheit als „wirtschaftliches Kapital“ zu begreifen. 1883 findet in Berlin eine große Hygiene-Ausstellung statt, in deren Rahmen der Hautarzt Oscar Lassar seinen Vorschlag für ein einfaches Volksbrausebad vorstellt, bei dem „5–10 l pro Person vollständig ausreichen“. Lassars Entwurf wird mit einer Silbermedaille prämiert, seine Idee schafft es bis nach Wien, wo sich der Gemeinderat 1886 „im Principe für die Errichtung von Volksbädern in allen Bezirken Wiens“ ausspricht.

Einem ersten, 1887 „probeweise“ eröffneten „Volks-Douchebad“ in der Mondscheingasse folgen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 18 weitere Volksbäder. 1914 werden diese von etwa 3,5 Millionen Menschen frequentiert, darunter allerdings nur zu 30 Prozent von Frauen.

Nach dem Ende des Krieges und der Ausrufung der Republik schlägt im Mai 1919 die Geburtsstunde des Roten Wien. Die sozialdemokratische Gemeindeverwaltung macht sich zunächst an die Modernisierung und Instandsetzung der bestehenden und nur rudimentär ausgestatteten Volksbrausebäder. Die Gasbeleuchtung wird durch elektrisches Licht ersetzt, die Heiztechnik modernisiert, außerdem lässt die Bäderverwaltung die „schmutziggrau aussehenden Betonwände“, die „bei vielen Besuchern den Eindruck der Unsauberkeit“ erwecken, mit Kacheln verfliesen. 

Baulich verfügen die Volksbäder zunächst nur über Abteilungen II. Klasse – gemeinschaftliche Umkleide- und Brauseräume mit offenen Brausezellen. Nun werden sie durch Abteilungen I. Klasse mit Einzelbrausebädern sowie Wannenbäder ergänzt. Damit erhöht sich auch die Akzeptanz unter den weiblichen Badegästen. Zwischen 1923 und 1928 wächst ihr Anteil um 168 Prozent, jener der Männer nur noch um 83 Prozent.

Das Rote Wien errichtet auch zwei Neubauten: das Volksbad Meidling in der Ratschkygasse und jenes am Genochplatz im damaligen 21. Bezirk. Nun besitzt jeder Bezirk sein Volksbad – mit Ausnahme der Inneren Stadt und Döbling, wo „dem wohlhabenden Bürgertum“ ausreichend private Badeanstalten zur Verfügung stehen. Als Ergänzung dazu richtet die Gemeinde in vielen ihrer neuen Wohnbauten ein Gemeinschaftsbad ein. 1932 gibt es in den „Großwohnblocks“ insgesamt 204 Wannen- und 253 Brausekabinen. Diese Waschsalons stehen den Bewohnerinnen und Bewohnern an mehreren Tagen der Woche zur Verfügung.

Die ersten Bäder „im Freien“ 

Das älteste bekannte Freibad Wiens, das „Ferro-Bad“, wird bereits zu Beginn der 1780er-Jahre vom Arzt Pascal Joseph Ferro in einem Nebenarm der Donau nahe des Augartens als medizinisches Kaltwasserbad eröffnet. Auch das Militär fördert das Schwimmen und gründet deshalb 1813 zu Ausbildungszwecken die erste k. k. Militärschwimmschule am „Fahnenstangenwasser“, in der „auch Civil-Personen gegen Honorar im Schwimmen geübt“, werden, wie der Theaterdichter Adolf Bäuerle 1834 berichtet. 1831 erhalten sogar die Frauen die polizeiliche Lizenz zum Schwimmen. Für sie gibt es die „Ferdinand-Marien-Donau-Schwimm- und Badeanstalt am Tabor nächst dem k. k. Augarten“. Beide Bäder müssen in den 1870er-Jahren der Donauregulierung weichen.

Um 1900 entstehen die Strandbäder an der Alten Donau, allen voran – auf Initiative Florian Berndls – das Gänsehäufel, das im Roten Wien laufend erweitert und ausgebaut wird; an schönen Badetagen zählt man hier 20.000 badelustige Gäste. Im Gänsehäufel gibt es Cafés und Gastwirtschaften, eine Turnanlage, Tennisplätze, ein Wasserkarussell und eine „russische Schaukel“. Dreimal pro Woche spielt im Musikpavillon ein Streichorchester auf. 1929 wird eine „zwölf Meter hohe und fünfunddreißig Meter lange Wasserrutschbahn gebaut“, die erste dieser Art in Österreich. „Sie ist amerikanischen Vorbildern nachgebildet; auf einer Art Schlitten rutscht man aus der Höhe in das Wasser und fährt gleitend noch eine ziemlich weite Strecke auf dem Wasser dahin“, staunt der Reporter der Arbeiter-Zeitung.

Nach dem Bau von Hauptsammelkanälen zu beiden Seiten des Donaukanals stehen auch der Einrichtung von Strombädern „keine hygienischen Bedenken mehr entgegen“. In den Jahren 1904 und 1905 errichtet die Gemeinde Wien vier solcher Strombäder und noch im Roten Wien gibt es Badeschiffe bei der Aspern-, der Rotunden- und der Augartenbrücke sowie in Nußdorf unterhalb der Nußdorfer Schleuse. 

Ebenfalls zu den Strombädern zählt das Bad im Kuchelauer Hafen, das, so die Zeitung Der Neue Tag 1919, „der heftigste Konkurrent des Gänsehäufels“ und vor allem an den Wochenenden ein „beliebtes Ausflugsziel zahlreicher badelustiger Wiener“ ist. Unter der Woche wird vor allem das Strombad Aspernbrücke stark frequentiert, das 1922 „trotz aller Bedenken“ wegen der Nähe zum Stadtzentrum sogar „ein für beide Geschlechter gemeinsames Sonnen- und Luftbad“ erhält. „Da kommen die Stenotypistinnen und Verkäuferinnen, die Buchhalter und die Handelsarbeiter, Monteure und Lehrlinge, Laufburschen und Hilfsarbeiterinnen. Viele tragen ihre Arbeitskittel, raus aus dem verschwitzten Zeug und hinein ins Kühle“, schildert der Journalist Alfred Magaziner 1933 in der Arbeiter-Zeitung.

Wasser für den Westen Wiens

Während die Bäder im Donaukanal oder an der Alten Donau einem großen Teil der Bevölkerung Abkühlung verschaffen, sind die westlichen Bezirke Wiens „mangels natürlicher Gewässer“ unterversorgt und „nur äußerst spärlich mit Sommerbadeanstalten bedacht“. Das ändert sich im Roten Wien, auch dank des technischen Fortschritts. „Erst eigene Filtrierungs- und Chlorierungsanlagen ermöglichten auch in diesen Gebieten den Bau größerer Sommerbadeanstalten.“

Als erstes Sommerbad geht 1923 das Krapfenwaldlbad in Betrieb. Hier hatte die Gemeinde bereits 1911 ein kleines Gasthaus übernommen, es zum „Volksrestaurant“ mit einem Saal für 800 und einer Terrasse für über 1.700 Gäste ausgebaut und verpachtet. Nach Ablauf des Pachtvertrages gestaltet das Rote Wien das Areal samt „Schwarzföhren-Waldbestand“ zum „Schwimm-, Sonnen- und Luftbad Krapfenwaldl“ um. 

Im Juli 1926 folgt das Ottakringer Schwimm- und Sonnenbad, das – als technische Neuheit – mit einer elektrischen Vorwärmeanlage aufwarten kann. „Das Hochquellenwasser, mit dem das Schwimmbecken gespeist wird, hat nur eine Temperatur von 8 bis 9 Grad. Da das zu kalt ist und eine natürliche Erwärmung des Wassers bei der Tiefe des Beckens einige Tage dauern würde, wird das Wasser künstlich auf 22 bis 23 Grad erwärmt“, informiert die Arbeiter-Zeitung ihre Leserschaft. 

Und es gibt noch eine sensationelle Neuerung im städtischen Bäderbetrieb: „Bei der Errichtung der Anlage war man bestrebt, allen Wünschen der Badelustigen entgegen zu kommen und wurde daher für die Nacktbadenden, nach Geschlechtern getrennt, je ein eigener Sonnenplatz errichtet.“ Das neue Freibad, das zunächst nur über 182 Kabinen und 534 Kästchen für Männer und Frauen verfügt, wird bereits am zweiten Sonntag nach seiner Eröffnung von 4.500 Gästen gestürmt.

1927 geht das Hohe-Warte-Bad in Betrieb, eingerichtet im ehemaligen Filmatelier „Dreamland“, „das ursprünglich sogar eine Flugzeughalle war“. Die Garderoberäume der Filmdarsteller werden zu Kabinen umgestaltet, das einstige Aufnahmeatelier wird mit einem 25 m langen Becken als Schwimmhalle ausgestaltet, im ehemaligen Dekorationsmagazin ist eine mit Gasheizkörpern ausgestattete Turnhalle untergebracht, die „auch während der Wintermonate von Turnvereinen verwendet werden kann“. 

„Der große Erfolg des städtischen Ottakringer Schwimm-, Sonnen- und Luftbades“ veranlasst die Gemeindeverwaltung ein weiteres Bad „an der Grenze des 16. und 17. Bezirkes“ zu planen. „Die Ottakringer und Hernalser Buben mögen die einzigen gewesen sein, die der Abtragung der Gstetten, die ihnen Tummelplatz war, nachgetrauert haben“, schreibt die Arbeiter-Zeitung. Prunkstück des nach Plänen von Erich Leischner errichteten Kongreßbades ist das 100 m lange Schwimmbecken. Die Anordnung der Kassen-, Wäsche- und Schlüsselausgaberäume im Hauptgebäude ermöglicht zudem „nicht nur die größte Personalersparnis, sondern auch die beste Übersicht und Kontrolle“. 

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Das Freibad, das auch kostenfrei ist

Bereits 1917 entsteht auf Antrag eines christlichsozialen Gemeinderats ein erster Vorläufer der Kinderfreibäder in einem Staubecken des Wienflusses in Hütteldorf. Noch fehlt das typische „schmucke Holzhäuschen“, die Umkleidehütten müssen über den Winter abgebaut werden. Die Geschlechter sind noch strikt getrennt, Knaben und Mädchen baden zu unterschiedlichen Zeiten. 

Die Sozialdemokraten weisen darauf hin, dass man solche Bäder „auch näher in der Stadt errichten könnte“, allerdings wird dieses Ansinnen seitens der konservativen Mehrheit im Gemeinderat abgelehnt. Das „Warum“ erschließt sich im Rahmen der Eröffnung des Kinderfreibades im Arenbergpark 1926.

„Manche wollen uns einreden, es sei unsittlich, wenn Kinder hier öffentlich baden“, erklärt Bürgermeister Karl Seitz in seiner Ansprache. Doch „unsittlich ist vor allem der Schmutz. Gesunde Bewegungen in freier Luft, in der Sonne und im Wasser hüten besser vor Unsittlichkeit als die Verhüllung oder Verschleierung.“ Insgesamt errichtet das Rote Wien 23 Kinderfreibäder, meist inmitten von städtischen Parkanlagen, möglichst neben dem „gewohnten Spiel- und Tummelplatz der Kinder“.

Finanziert werden die Kinderfreibäder durch die sogenannten Breitner-Steuern. In seiner gewohnt plakativen Art hält Finanzstadtrat Hugo Breitner in einer Rede über die Steuerpolitik der Gemeinde fest: „Den Begriff Kinderfreibäder hat man in Wien bis zu unserer Verwaltung überhaupt nicht gekannt. Wir verwenden dafür im Jahre 1927 den Betrag von 460.000 S. Diese 460.000 S“ – was heute etwa zwei Millionen Euro entspricht – „holen wir uns aus der Nahrungs- oder Genußmittelabgabe des Grand Hotel, des Hotel Bristol und des Hotel Imperial vollauf“.
 

Zerstörung und Wiederaufbau

Das Kinderfreibad im Arenbergpark muss 1942 einem Flakturm weichen, mehrere städtische Badeanstalten werden wegen ihrer hohen Schornsteine „ein häufiges Bombenziel der angreifenden Flieger“, etwa das Amalienbad oder das Theresienbad. 1944 wird das anlässlich der Arbeiter-Olympiade 1931 eröffnete Stadionbad von Brandbomben verwüstet, und auch vom Gänsehäufel bleibt bei Kriegsende nur „ein rauchendes Trümmerfeld“.

In den 1950er-Jahren werden die Wiener Badeanstalten wieder instandgesetzt, einige auch komplett neu errichtet. Mit dem neuen Wohnbauprogramm der Nachkriegszeit und der besseren Ausstattung der Wohnungen verlieren vor allem die Reinigungsbäder in den folgenden Jahrzehnten an Bedeutung. Baden bedeutet nun Spaß und Erholung, Urlaub vom Alltag – und das mitten in der Stadt. Baden ist kein „Luxus der Reichen“ mehr.

Ausstellung

Auch für Nichtschwimmer
100 Jahre Amalienbad und das Bäderwesen im Roten Wien

Bis 5.9.2027 im Waschsalon Nr. 2, Karl-Marx-Hof
19., Halteraugasse 7
Do 13-18 Uhr und So 12-16 Uhr
www.dasrotewien-waschsalon.at

Links: 

https://magazin.wienmuseum.at/die-ehemaligen-baeder-am-donaukanal
https://magazin.wienmuseum.at/die-geschichte-des-troepferlbades

 

Literatur: 

Das Bäderwesen der Gemeinde Wien (1928)
Das Neue Wien, Bd. III. (1927)
Das Ottakringer Schwimm-, Sonnen- und Luftbad der Gemeinde Wien (ca. 1927)
Die Bäder der Stadt Wien (1925) 
Wochenschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines, Nr. 47, 25.11.1887
Statistisches Jahrbuch der Stadt Wien für das Jahr 1883
Die Verwaltung der Bundeshauptstadt Wien in der Zeit vom 1. Jänner 1923 bis 31. Dezember 1928 unter den Bürgermeistern Jakob Reumann und Karl Seitz (1933). 
Breitner, Hugo: Seipel-Steuern oder Breitner-Steuern? Die Wahrheit über die Steuerpolitik der Gemeinde Wien. Rede des Stadtrates, gehalten am 31. Jänner 1927.

Lilli Bauer, von 1987 bis 1997 sendungsverantwortliche Redakteurin und Beitragsgestalterin beim ORF-Hörfunk, danach freie Journalistin und Autorin, u.a. für den Falter-Verlag. Seit 2000 für die Wiener Sozialdemokratie tätig, zuletzt im Bereich der Erwachsenenbildung. Gemeinsam mit Werner T. Bauer seit 2005 Redakteurin des Internetlexikons dasrotewien.at, seit 2009 Geschäftsführerin und Kuratorin der Dauerausstellung „Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof“.

Werner T. Bauer, Studium der Kulturanthropologie und Orientalistik. Mehrere Dokumentarfilme und wissenschaftliche Publikationen. Falter-Buchautor. Von 2003 bis 2023 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Österreichischen Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung. Gemeinsam mit Lilli Bauer seit 2005 Redakteur des Internetlexikons dasrotewien.at, seit 2009 Geschäftsführer und Kurator der Dauerausstellung „Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof“.

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