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Karin Maierhofer und Peter Stuiber, 28.9.2020

Der Parkettboden aus Beethovens Sterbewohnung

325 Bretter, die die Welt bedeuten

„Beethoven bewegt“ – so heißt die große Beethoven-Schau im Kunsthistorischen Museum. Ein Highlight ist der originale Parkettboden aus Beethovens Sterbewohnung, der sich in der Sammlung des Wien Museums befindet. Eine Begehung mit der Restauratorin Karin Maierhofer.

Peter Stuiber

Zum Wien Museum gehört das Beethoven Museum in der Probusgasse, die Beethovenwohnung im Pasqualatihaus und das Eroicahaus. Wir haben etliche Objekte in der Sammlung, u.a. das bedeutende Porträt von Willibrord Joseph Mähler. Was hat es mit dem Parkett aus der Sterbewohnung auf sich?

Karin Maierhofer

Der Boden ist Teil der ehemaligen Holzausstattung aus Beethovens letzter Wohnstätte in der Schwarzspanierstraße 15 im 9. Bezirk. Das Haus wurde trotz heftiger Proteste aus aller Welt im Jahr 1903 demoliert. Davor hat man den Bautischler J. Fadrus damit beauftragt, Teile der Holzausstattung, darunter Türen, Türstöcke und Fenster, aber eben auch den Parkettboden aus drei Zimmern auszubauen. In einer detaillierten Bestandsaufnahme hat er alle 325 Parketttafeln aufgelistet. Er verfasste eine Werkszeichnung der Wohnung samt Positionsangaben und einem Verlegeplan. Die einzelnen Parketten wurden damals sehr sorgfältig mit Klebezetteln und Positionsnummerierung beschriftet und in Stapel gebündelt. 

PS

Und was ist dann damit passiert?

KM

Der Bestand wurde von den Städtischen Sammlungen übernommen, der Parkettboden zur Verwahrung in ein Depot im Stadtbahnviadukt Nr. 339 gebracht. Damals dachte man noch daran, ihn in entsprechenden Gedenkräumen wieder zu verlegen. Doch diese Pläne wurden nicht realisiert.

PS

Und dann wurde der Boden vergessen?

KM

Erst 1970 hat der Kunsthistoriker Peter Pötschner den Bestand wissenschaftlich aufgearbeitet. Pötscher arbeitete als Kustos am Historischen Museum der Stadt Wien (dem heutigen Wien Museum, Anm. Red.) und als Landeskonservator der Stadt Wien für das Bundesdenkmalamt. 

PS

Aber ausgestellt wurde der Parkettboden nicht?

KM

Nein. In den folgenden Jahrzehnten wurde er in verschiedenen Depots gelagert, ehe er 2014 in das neue Depot des Wien Museums nach Himberg gebracht wurde. Dort erfolgten eine erste Bestandsaufnahme, eine notwendige Stickstoffbehandlung gegen den fortgeschrittenen Holzwurmbefall und eine Lagerung mit besten konservatorischen Bedingungen. Mit der Eröffnung des Beethoven Museums in der Probusgasse Ende 2017 waren erstmals eine Türe, vier einzelne Parkettplatten sowie fünf gestapelte Bündel mit Parketten zu sehen.

PS

Einen größeren Auftritt erhält der Parkettboden jetzt aber im Rahmen der Ausstellung „Beethoven bewegt“ im Kunsthistorischen Museum…

KM

Im Sommer 2019 kam ein Leihansuchen für diese große Schau anlässlich des heurigen Beethovenjahres zum 250. Geburtstag. Das bot uns die einmalige und spannende Gelegenheit einer Bestandsaufnahme und Zustandsbefundung der einzelnen Platten: Dabei wurden die historischen Verpackungen – das waren Bündel von je sechs Platten, die mit Hölzern und alten Nägeln verbunden waren – geöffnet. Die einzelnen Parketten sind mit der Zimmerbezeichnung und mit der im historischen Plan korrespondierenden Nummerierung in Form von aufgeklebten Papieretiketten beschriftet. Die Zimmerbezeichnung im Plan ist zum Teil schwer leserlich und konnte in detektivischer Arbeit nach der historischen Abfolge den drei Zimmern der Wohnung, also Arbeitszimmer, Schlafzimmer und Gassenzimmer, zugeordnet werden. Zusätzlich erfolgten eine Befundung des Zustandes, eine Notsicherung von gefährdeten Teilen und eine Konzepterstellung für die geplante Konservierung.

PS

Notsicherung – das klingt nach einem schlechten Zustand des Parketts…

KM

Je nach Lagerungsbedingungen ist der Boden in unterschiedlichem, teils sehr gutem, teils leider aber auch sehr schlechtem Erhaltungszustand – immerhin hat er zwei Kriege überstanden! Es gibt Feuchteschäden mit Verwerfungen und Wasserrändern, die Holzsubstanz ist wegen eines Käferbefalls, der bereits 2014 mit Stickstoff behandelt wurde, geschwächt. Die Oberfläche ist stark vergraut und verschmutzt. Überraschenderweise wurden ganze Schädlingsnester gefunden. Und nicht zuletzt hat die oftmalige Umlagerung einige mechanische Beschädigungen verursacht. Am Boden finden sich aber auch durchaus interessante und erhaltenswürdige alte Schäden und Gebrauchspuren der damaligen Bewohner, wie zum Beispiel stark abgetretene Bereiche und Ausbesserungen, in Form von einfachen, oft auch unpassenden Holzergänzungen und Flicken. 

PS

Wie geht man da restauratorisch vor?

KM

Sehr zurückhaltend und ausschließlich konservatorisch! Die historischen Gebrauchspuren sollten ja keinesfalls  entfernt werden! Bei den Platten, die konserviert wurden, haben wir hochstehendes Furnier und diverse lose Teile und Späne gefestigt sowie die wurmfraßgeschädigten Bereiche stabilisiert. Außerdem wurde der Parkett trocken gereinigt, und zwar so, dass historisch relevante Spuren geblieben sind, also etwa die Putzreste eines Ofens oder die Kreidebeschriftung der Nummerierung beim Abbau von 1903. Auch die rückseitig aufgebrachten und sich ablösenden Klebezettel wurden gefestigt. Der restauratorische Vorgang – Vorzustand, Arbeitsschritte und Endzustand – wurde genau dokumentiert. Durchgeführt wurden die Arbeiten im Atelier für Holzrestaurierung von Petra Gröger und Gundula Reither.

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PS

Und wieviel vom Parkett ist nun im Kunsthistorischen Museum zu sehen?

KM

Wir haben gemeinsam mit dem KHM eine Auswahl an relativ gut erhaltenen und ganzen Bodenplatten getroffen, vorwiegend aus dem Arbeits- und dem Schlafzimmer. Insgesamt werden in der Ausstellung 74 Platten ausgelegt mit einer Gesamtfläche von rund 30 m2 gezeigt. Der Boden aus der Sterbewohnung kommt durch die Konservierung und die besondere Präsentation jedenfalls wunderbar zur Geltung. 

 

Die Ausstellung „Beethoven bewegt“ ist bis 24. Jänner 2021 im Kunsthistorischen Museum Wien zu sehen. 

Karin Maierhofer studierte Gemälderestaurierung am Institut für Konservierung und Restaurierung an der Universität für angewandte Kunst. Sie ist seit 2003 Mitarbeiterin im Wien Museum und in der Abteilung Objektbetreuung und Restaurierung tätig.

Peter Stuiber, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien und Paris. Leiter der Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum, redaktionsverantwortlich für Wien Museum Magazin. Diverse Ausstellungen und Bücher zur österreichischen Design- und Kulturgeschichte.

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