
Ehemaliger Aufgang aus den Katakomben zum Deutschordenshaus, Foto: Thomas Keplinger
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Die geheimen Gänge von Wien
Kopfgeburten im Kellergeschoß
Innere Stadt, Hofburg und Katakomben
Als im April 1926 das Straßenpflaster nahe dem Äußeren Burgtor einsank und schließlich in die Tiefe stürzte, war die Aufregung groß. Am unteren Ende des Lochs traten gemauerte Strukturen zu Tage, Feuerwehr und Stadtbauamt entsandten Mitarbeiter, um die Stelle zu inspizieren. Die Zeitung „Der Tag“ befragte Beschäftigte der Hofburg, die fantastische Mutmaßungen in die Welt setzten: „Nun wissen aber fast alle Bediensteten der Hofstallungen und der Hofburg, die die alten Zeiten noch mitgemacht haben, von einem unterirdischen Gang zu erzählen, der die Hofburg mit den Hofstallungen und diese wiederum mit Schönbrunn verbinden soll. Ganz alte Hofburgbedienstete erinnern sich sogar, von einem unterirdischen Netz von Gängen gehört zu haben. Man will sogar wissen, daß noch im Jahre 1918 in diesem unterirdischen Labyrinth gewisse Gegenstände verborgen worden sein sollen.“
Manchen mögen derartige Schilderungen ein mildes Lächeln entlocken, denn allzu bekannt ist der Wille des Menschen, die dunklen Gefilde der Welt mit Mysterien zu versehen. Das Stadtbauamt lüftete bald das Geheimnis: Die Einsturzstelle rührte von einem Durchlass her, der einst Wasser durch einen Damm leitete, über den eine Straße aus der Vorstadt über den Festungsgraben zum Burgtor führte. Als man das Glacis auflöste, planierte und bebaute, verlor er seinen Sinn und wurde zugeschüttet.
Infolge jahrzehntelanger Einwirkung von Regen und Erschütterungen des Straßenverkehrs war das Erdreich über dem Durchlass nun eingesunken. Hinweise auf einen weiterführenden Gang ergaben sich nicht. Dennoch kam der Verfasser eines aufklärenden Artikels in der Zeitung „Illustrirtes Wiener Extrablatt“ zur Erkenntnis, es müsse geheime Gänge im und um das Gelände der Hofburg gegeben haben. Er recherchierte Informationen, die bis ins Jahr 1462 zurückreichten. Damals dienten „verschwiegene unterirdische Gänge“ unter dem südwestlichen Trakt der Burg dem Herrscher zur nächtlichen Flucht. Auch die Osmanischen Belagerer trieben 1529 und 1683 Gänge unter die Burg, um Breschen in die Stadtmauer zu sprengen, was teils sogar gelang. Von diesen Anlagen sind die erst nach 1700 entstandenen Minengänge zu unterscheiden, die aus der Inneren Stadt unter das Glacis führten. Sie dienten dem Zweck, bei erneuten Belagerungen über die Möglichkeit zu verfügen, feindliche Kräfte schon beim Ansturm über das Glacis sowohl physisch als auch moralisch zu schwächen.
Folgende Fotos zeigen einen vor einigen Jahren von der Stadtarchäologie ausgegrabenen Minengang unter der Weihburggasse:
Eine weitere unterirdische Verbindung soll von der Hofburg zur Kaserne am Getreidemarkt geführt haben. Auch aus jüngeren Zeiten gab es von zwei geheimen Gängen zu berichten, die bei der Erstellung neuer Pläne der Hofburg aufgefunden wurden. Einer führte von einem großen Keller unterhalb des Mushauses zwischen Jungfrauenturm und Rudolfsturm ins Freie. Der andere verlief unterhalb des Josefsplatzes in Richtung Augustinerkloster. Zu guter Letzt fand ein Relikt Eingang in den Artikel, das 1926 noch existierte: Unterhalb des Heldenplatzes gabelte sich ein Gang in zwei Richtungen, einerseits gen Volksgarten, andererseits in Richtung Naturhistorisches Museum. Die Gesamtlänge wird nur mit wenigen Metern angegeben, bevor die unterirdischen Wege in Abmauerungen endeten.
Ebenso wie die Hofburg stehen die Katakomben von St. Stephan im Verdacht, über Geheimgänge nach allen Richtungen zu verfügen. Fakt ist eine Verbindung ins Deutschordenshaus, die heute zugemauert ist.
Die unterirdische Verbindung zum ehemaligen Augustinerkloster auf der Landstraßer Hauptstraße 56 hingegen dürfte ein Fantasiekonstrukt gewesen sein.

Unterirdische Gänge stammen auch aus jüngerer Zeit. Im Zweiten Weltkrieg bauten hunderte Zwangsarbeiter:innen die tiefen Keller des ersten Bezirks durch Verbindungsgänge zum sogenannten Schutzraumnetz „Innere Stadt“ aus. Heute nutzt die Wien-Energie viele dieser Bauwerke zur Aufnahme von Rohrleitungen.
Gar erst Anfang der 1950er Jahre entstand ein Gang, der die Staatsoper mit den neu eingericheten Garderoben in der Hanuschgasse und dem Burggarten verband. Durch ihn wurden in kleinen Wagen Kostüme und Requisiten zwischen Oper und Hanuschgasse befördert.
Der Kutschengang nach Schönbrunn
Während die meisten der oberhalb geschilderten Gänge eher unbekannt sind, erscheint der sagenumwobene Tunnel von der Hofburg nach Schönbrunn immer wieder im Kollektiv alltäglicher Stadtmärchen. 1911 behauptete man, ihn entdeckt zu haben. „Bei Ausbesserungsarbeiten in der Wiener Hofburg wurde der sagenhafte unterirdische Gang nach Schönbrunn, von dem die Wiener Geschichten soviel reden und der vor 100 Jahren vom Hofe benutzt worden sei, aufgedeckt.“ Er wurde als sehr breit und verhältnismäßig hoch beschrieben, ein Wermutstropfen trübte aber die Freude: Der Gang war nur bis zu den ehemaligen Hofstallungen, dem heutigen Museumsquartier, begehbar. Die Lage des Ganges gaben Bewohner:innen der Hofstallungen als „von den Hofstallungen unterhalb und seitwärts des Maria-Theresia-Denkmals in die Hofburg“ führend an.
Den restlichen Abschnitt bis Schönbrunn vermutete man als verschüttet. Der Artikel schließt mit dem Gerücht, ein ähnlicher Gang solle bis zur Kahlenberger Burg (heute die Burg am Leopoldsberg) geführt haben. Betrachtet man die Distanzen in bloßer Luftlinie, so erscheint die tatsächliche Durchführung unterirdischer kutschenbefahrbarer Tunnels zwischen Hofburg und Schönbrunn (~4,6 Kilometer) sowie Hofburg und Kahlenberg (~8 Kilometer) als höchst unwahrscheinlich. Um den Bau in einem überschaubaren Zeitraum fertigzustellen, hätten viele hunderte Menschen daran arbeiten müssen. Aus ihren Schilderungen wären Erzählungen hervorgegangen, deren Niveau über jenem von Gerüchten läge. Dennoch fand der Gang nach Schönbrunn vereinzelt Eingang in die Berichterstattung. So vermeinte man 1932 an der Ecke Stiftgasse/Lindengasse im Zuge einer Straßensenkung den sagenhaften Tunnel gefunden zu haben, musste dann aber erkennen, nur in ein altes Kanalgewölbe oder eine Brunnenstube zu blicken. Ähnlich verhielt es sich einige Jahre zuvor, als in den Häusern Pillergasse 16 und 18 der morsche Boden einer Erdgeschoßwohnung einbrach und darunter ein geziegelter Gang verlief. Mutige Hausbewohner stiegen hinab, traten aber wegen der stickigen Luft bald wieder den Rückweg an. Dennoch versicherten sie, es handelte sich um den Kutschentunnel.
Um 2010 herum besuchte ich mit Kollegen ein eigentümliches Bauwerk im Hof eines Hauses an der Gumpendorferstraße, das im Verdacht stand, mit dem Kutschengang in Verbindung zu stehen. Hinter einer hölzernen Tür verbarg sich ein eigenartiger Keller, das Fundament bildete hellgrünliches Gestein, dazwischen Ziegel. Abgemauerte Gewölbe zeugten von früheren Fortsetzungen. Befand sich hier eine Labestelle für des Kaisers Pferde, eine Schenke für die unterirdische Rast, ein Notausgang? Wahrscheinlich nicht.
Am Kahlenberg
Weiter oben kam ein angeblicher Gang zwischen der Hofburg und der Burg am Leopoldsberg zur Sprache. Am Abhang des nahen Kahlenbergs befindet sich ein gemauerter Gang inmitten des Waldes, der in das Innere des Berges führt. Stellte dieses Bauwerk eine Verbindung zu diesem Tunnel dar? Nein, doch welchem Zweck diente der Gang? Lange Zeit vermutete man den Orden der Kamaldulenser als Schöpfer des Bauwerks. Man sagte, sie hätten einen Fluchttunnel von ihrer Eremitage am Plateau des Kahlenberges hinab in den Wald angelegt. Auf den ersten Blick klingt diese Begründung naheliegend. Die Kamaldulenser lebten dort etwa zwischen 1630 und 1782 und mussten 1683 den brandschatzenden Osmanen entfliehen. Von den noch heute erhaltenen Kellergewölben der Eremitage blieb folgende Schilderung von 1902 erhalten: „In einem dieser Keller mündet nun gleichfalls ein steil nach abwärts gerichteter Gang, und als vor einer Reihe von Jahren dem damaligen Kellermeister ein hölzernes Schaff in diese Oeffnung gefallen war, konnte er lange das Kollern desselben in der Tiefe hören.“
Als die Wiener Stadtarchäologie im September 2012 einen genauen Blick auf die Gegebenheiten warf, stellte sie jedoch fest, dass die für den Gang im Wald verwendeten Ziegel zwischen 1826 und 1843 gebrannt wurden, weshalb die Kamaldulenser-Lösung falsch ist – eine neue gibt es noch nicht.
Auch am Cobenzl tat sich 1925 die Erde auf und ein Gang erschien, „mehr als mannshoch, bequem zum Stehen und Gehen, und sorgfältig mit Steinen ausgemauert.“ Stimmen die Angaben, so handelte es sich um ein relativ weitläufiges Bauwerk, das sich in zwei Richtungen gabelte: zum Kahlenberg und nach Sievering. Die damaligen Begründungen, es seien Reste türkischer Verbindungstunnel oder die Kamaldulenser hätten es erbaut, erscheinen mangels Sinnhaftigkeit wenig stichhaltig.
Der Eisengang
2013 besuchte ich mit Kollegen einen Keller an der Erdbergstraße. Hinter einer zugemauerten Türöffnung verbarg sich ein vergessener Raum, in dessen Mitte eine Luftschutzblende aus dem Zweiten Weltkrieg offen aus der Rückwand ragte. An ihrer Außenseite prangte aufgepinselt ein Kreuz. Dahinter verlief ein zweifach geknickter Gang, dessen Einfassung aus Stahlplatten bestand, in einer Länge von etwas mehr als 12 Metern Richtung Südwesten, Gangbreite x Ganghöhe maßen 80 x 170 Centimeter. Schutzräume in Stahllamellenbauweise galten bis 1940 als bombensicher, weshalb die Bauweise grundsätzlich nicht ungewöhnlich ist. Wer ihn zu welchem Zweck anlegte ist aber nicht bekannt. Der einzige Hinweis ist das Kreuz an der Blende, das an ein Kirchturmkreuz erinnert. In etwa 200 Metern Entfernung befindet sich die Rochuskirche. Sollte der Gang einst dorthin führen? Anhand der im Keller verbauten Metalltüren ließ sich dessen Nutzung als Luftschutzraum nachweisen – möglicherweise diente der Eisengang als Notfluchtweg. Gegen diese These spricht sein sackgassenartiger Charakter. Es gibt keinen Schacht, der aus dem Gang an die Oberfläche führt, weshalb er eventuell als unvollendetes Bauwerk zu betrachten ist. Heute ist der Raum wieder zugemauert.
Wie im Beitrag gezeigt, stellen einige der kursierenden Legenden nur Produkte lebhafter Fantasie dar. Dennoch schlummern im Untergrund zweifellos auch heute noch geheime Gänge, die nicht auf Plänen verzeichnet sind.
Quellen:
Bochumer Bunker: Stahllamellen, online unter: https://bochumer-bunker.de/html/stahllamellen.html (19. Jänner 2026)
Heike Krause: Wien 19, Kahlenberg, Flur Wildgrube. In: Fundort Wien. Berichte zur Archäologie 16, 2013, 208–213, online unter: https://stadtarchaeologie.at/wp-content/uploads/2020/03/FWien_16-2013_Fundchronik.pdf (19. Jänner 2026)
Heike Krause: Der Stadtgraben und das Glacis der Festung Wien. Die Grabung Wien 1, Weihburggasse. In: Fundort Wien. Berichte zur Archäologie 14, 2011, 32–70, online unter fundort-cover_Auswahl_2011 hres.pdf (19. Jänner 2026)
Constance Litschauer, Thomas Keplinger: Ein Wiener Hauskeller als Fallbeispiel für das Schutzraumnetz „Innere Stadt“. In: Fundort Wien. Berichte zur Archäologie 28, 2025, 216–235.























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