
Ensemblefoto (Ausschnitt) in der Josefstädter Straße 17, ca 1965, Fotoarchiv K & A. Theiner
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Die Harnoncourts und die Gründerjahre des Concentus Musicus in der Josefstadt
„Wir als Veränderte bleiben“
Als Nikolaus Harnoncourt 1948 sein Cellostudium an der Akademie für Musik und darstellende Kunst (heute mdw) bei Emmanuel Brabec aufnimmt war Wien noch stark in der Nachkriegszeit verhaftet, geprägt von Entbehrungen und Lebensmittelmarken. Er wohnt zur Untermiete in einem ungeheizten Dachgeschosszimmer im Schottenstift und verdient sich sein Studium mit kleinen Engagements für Unterhaltsmusik der alliierten Truppen der USA. Im Unterricht für Alte Musik bei Josef Mertin lernt er die Geigerin und Pianistin Alice Hoffelner kennen. Um eine Familie gründen zu können braucht es jedoch eine Lebensgrundlage. 1952 gewinnt Harnoncourt das Probespiel unter Herbert von Karajan bei den Wiener Symphonikern. Alice und er heiraten 1953 und beziehen eine Wohnung in der Josefstädter Straße 17. Diese wird wenige Jahre später zum Geburtsort einer musikalischen Revolution: Hier gründen sie gemeinsam mit Gleichgesinnten aus dem Kollegenkreis der Wiener Symphoniker den Concentus Musicus – ein Ensemble, das die Musikwelt nachhaltig verändern sollte. Kurt Theiner – Geiger, Fotograf und Schwager Nikolaus Harnoncourts – wohnte mit seiner Frau Juliana (Lily) nur wenige Häuser entfernt.
Eine musikalische Vision nimmt Gestalt an
Noch sitzen sie auf Obstkisten, weil Geld für Möbel fehlt – jeder Schilling wird für historische Instrumente gespart. Ihr Ziel: Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts in ihrer ursprünglichen Klangsprache wieder lebendig zu machen.
„Wir spielen nicht, wie man damals gespielt hat, sondern wir versuchen zu verstehen, warum man damals so gespielt hat", formuliert Nikolaus Harnoncourt seinen Ansatz. In mühevoller Pionierarbeit erforschen sie vergessene Kompositionen in Bibliotheken und Klöstern, schreiben Autographe händisch ab, spüren historische Instrumente in Klöstern, Dachböden, bei Sammlern und in Antiquariaten auf. Von 1953 bis 1957 musizieren sie privat, probieren die gefundenen Werke aus, lernen autodidaktisch das Spielen auf Originalinstrumenten, die meist erst restauriert oder zurückgebaut werden müssen. Instrumentenbauer wie der Cembalobauer Martin Skowronek in Bremen oder der Geigenbauer Josef Krenn in Wien begeben sich mit auf die Reise und bauen Instrumente aus der Sammlung des KHM und des Musikvereins nach. Man probiert das Spiel auf Darmsaiten, in tieferer Stimmung und tastet sich so langsam an ein hochprofessionelles Musizieren, jenseits der Liebhaberei heran. Der Weg vom privaten Musizieren zur internationalen Karriere war nicht geplant. Nach mehreren Hauskonzerten ermutigt sie der Freund und Regisseur Federik Mirdita an die Öffentlichkeit zu gehen und andere daran teilhaben zu lassen. So veranstaltet der Concentus Musicus ab Mai 1957 erste Konzerte mit österreichischer Barockmusik im Palais Schwarzenberg und auf Schloss Eggenberg in Graz.
Auch die anderen Gründungsmitglieder und frühe Concenti (so nennen sich die Spieler selbst) seien hier genannt: Hermann Höbarth (Violoncello, Viola da Gamba), Eduard Hruza (Violone), Josef De Sordi (Violine, Viola), Walter Pfeiffer (Violine), Peter Schoberwalter (Violine), Jürg Schaeftlein (Blockflöte, Oboe), Leopold Stastny (Traversflöte), Otto Fleischmann (Dulzian, Barockfagott), Hans Pöttler (Posaune), Elli Kubizek (Viola da Gamba). Fast alle unter ihnen waren Wiener Symphoniker. Dazu kommen Georg Fischer, Johann Sonnleitner, Peter Ronnefeld und Herbert Tachezi am Cembalo oder Orgel.
Auch in anderen Ländern gibt es diese Aufbruchstimmung. Man vernetzt sich mit Gleichgesinnten in ganz Europa: der niederländische Cembalist Gustav Leonhardt und seine Frau, die Geigerin Marie Leonhardt, der belgische Blockflötist Frans Brüggen oder der englische Countertenor Alfred Deller. Der Sammler, Mäzen und Papierfabrikant Hans Eberhard Hoesch in Hagen unterstützt sie, aber auch Plattenlabels wie Amadeo, Vanguard und Telefunken interessieren sich rasch für die noch junge Szene und führen die Protagonisten zusammen. Die Alte Musik-Bewegung ist also als eine Avantgarde zu betrachten, die sich nach dem zweiten Weltkrieg auch einen Neuanfang in der Musik suchte: unentdecktes Terrain, vergessene Komponisten, unerhörte Klangwelten, Werktreue, Klangrede und Transparenz.
Die Neuen werden in Wien nicht nur mit Interesse und Begeisterung, sondern auch mit Skepsis wahrgenommen. Die Wiener Hörgewohnheiten sind geprägt von Dirigenten wie Karl Böhm und Herbert von Karajan. Karl Richter ist regelmäßiger Gast aus München um Bachs Musik aufzuführen. Großflächige, symphonisch besetzte Aufführungen mit feierlichen Tempi bilden die vom Instrumentarium der Romantik übertragenen Zeitgeist.
Aber auch in Wien gründen sich innerhalb weniger Jahre mehrere Ensembles für Alte Musik, die nebeneinander existieren, wie zum Beispiel René Clemencic und der Clemencic Consort, Friedrich Cerha und die Camerata Frescobaldiana, Theodor Guschlbauer und das Wiener Barockensemble, Eduard Melkus mit der Capella Academica Wien.
Ab 1962 spielt der Concentus Musicus im Wiener Konzerthaus, dessen Direktor Peter Weiser das Potenzial, aber auch den Erfolg der jungen Musiker erkannt hat. Nach 17 Jahren erträgt es Harnoncourt nicht mehr als Cellist Interpretationen von Dirigenten auszuführen, zu denen er innerlich nicht stehen kann. Obwohl er damit ein hohes finanzielles Risiko eingeht, seine Familie zu ernähren, verlässt er 1969 die Wiener Symphoniker. Der Plattenvertrag mit Telefunken ab 1970 und der Auftrag alle Kirchenkantaten Bachs gemeinsam mit Gustav Leonhardt aufzunehmen, beschäftigt ihn fortan. 1971 erarbeitet er seine erste szenische Opernaufführung im Theater an der Wien im Rahmen der Wiener Festwochen und stellt Claudio Monteverdis Il ritorno d’Ulisse in Patria dem Wiener Publikum vor. „Der stärkste Halswirbel Wiens“ kommentiert ein Journalist. Harnoncourt dirigiert mit dem Kopf von der Gambe aus. Auch die Mailänder Scala hört von diesem neuen Talent und engagiert ihn 1972 als Dirigent für eine Produktion des Ulisse mit dem Orchester der Scala.
Nach Tourneen in Italien, Belgien, Niederlande, Deutschland und den USA und steigendem Erfolg am Plattenmarkt ist der Concentus Musicus nicht mehr zu übersehen. 1972 beruft die Universität Mozarteum Salzburg Harnoncourt als Professor für Aufführungspraxis, ein Fach, das er erfindet und Praxis und Theorie kombiniert. 1973 folgt ein eigener Zyklus im Wiener Musikverein, erst im Brahms-Saal, aber schon bald darauf im großen Saal.
Ab sofort werden auch moderne Orchester auf ihn aufmerksam. Zuerst engagiert ihn das Residentie Orkest in Den Haag für Bachs Matthäus-Passion im April 1973. Das war auch seine erste live-Aufführung des Werkes, nach der Einspielung mit dem Concentus Musicus 1970. 1975 folgt dann das Concertgebouw Orkest mit Bachs Johannespassion, das ihn erst jährlich für Bach einlädt und dann für vieles mehr bis er 2013 dort seinen Abschied mit Bruckner gibt.
Familienleben mit Musik
Die gesamte Biografie nachzuerzählen wäre an dieser Stelle sowohl fehl am Platz als auch überbordend. Darüber wurden mehrere Bücher geschrieben. Blicken wir wieder zurück nach Wien in die Anfangszeit: Kurt Theiner, Gründungsmitglied und Bratschist des Concentus Musicus, ebenfalls Symphoniker, heiratet Nikolaus‘ Schwester Juliana. Die beiden wohnen nur wenige Häuser entfernt von den Harnoncourts in der Josefstadt. Das Familienleben vermischt sich mit dem Musikerleben: Gemeinsame Feste werden gefeiert, die Kinder spielen zusammen während der Proben, aber bitte nicht stören! Kurt Theiner ist Hobbyfotograf und wird bald zum fotografischen Chronisten des Ensembles, nimmt auch die Pressefotos für die Plattenlabels und Tourneen auf und dokumentiert die Ereignisse mit immer professionellerer Ausrüstung. Eine Auswahl dieser meist unbekannten Fotografien ist nun in der Ausstellung zu sehen. Kurt Theiner spielte eine Viola von Marcellus Hollmayr (1650), die 1954 im Stift Gleink bei Steyr von Harnoncourt aufgespürt wurde. Dieses Instrument zählt zu den frühesten erhaltenen Zeugnissen des Wiener Streichinstrumentenbaus. Heute befindet sie sich in der Musikinstrumentensammlung des KHM.
Die Josefstädter Ausstellung präsentiert auch erstmals ganz persönliche Einblicke in die Werkstatt Harnoncourts Dank der Leihgaben der Familie: Der Schnitzer und Zeichner Harnoncourt ist der Öffentlichkeit bisher weitgehend unbekannt. Besonders eindrucksvoll sind die von Nikolaus Harnoncourt gestalteten Album-Titelblätter, die in seiner charakteristischen Grafiksprache die wichtigsten Ereignisse jedes Jahres festhalten. Diese Alben wurden alljährlich als Familienchronik erstellt. Er schnitzte sowohl Handpuppen für ein Kasperltheater für die Kinder, als auch kunstvolle Sessellehnen im Renaissancestil, die natürlich keine Zierde sind, sondern den Charakter und die Eigenschaften des Sesselbesitzers widerspiegeln. Auch den Kopf seines Barytons schnitzte er selbst. Raten Sie doch mal, wen dieser Kopf darstellen könnte! Das Baryton ist eine Kopie eines Instruments aus der Musikinstrumentensammlung des KHMs. Eine offene, restaurierungsbedürftige Violine erinnert daran, in welchem Zustand die Instrumente oft zu ihnen kamen. Vieles musste restauriert und rekonstruiert werden. Auch dabei legte der begabte Holzarbeiter Nikolaus Harnoncourt oft selbst Hand an.
Ein solches Lebenswerk wäre ohne eine außergewöhnliche Partnerschaft nicht möglich. Alice Harnoncourts zentrale Rolle darin hat viele Facetten: Als Konzertmeisterin prägt sie den Klang des Ensembles, sie überträgt Eintragungen aus Nikolaus‘ Partituren in die Orchesterstimmen, organisiert Proben und Tourneen, korrespondiert und telefoniert mit Veranstaltern, verhandelt Verträge und Gagen, überblickt die Termine, führt den Haushalt und wird Mutter von vier Kindern. Ihr Organisationstalent und ihre stille Stärke ermöglichen ihrem Mann die volle Konzentration auf seine Arbeit.
So macht die Ausstellung erlebbar, wie in einer Josefstädter Wohnung – in der zuvor schon Brahms musizierte und Gottfried Keller wohnte – eine weltweite Bewegung für historische Aufführungspraxis ihren Anfang nahm.
Immer wieder betont Harnoncourt, dass er keinerlei museales Interesse habe, die Aufführungen der Vergangenheit zu rekonstruieren und sich daran zu erfreuen, sondern es geht ihm zu jeder Zeit um die Relevanz dieser Musik in unserer Gegenwart. Was haben uns diese Kunstwerke heute noch zu sagen? Was bedeuten sie uns? Die heutigen Menschen können ja gar nicht so tun als hätten sie die Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts nicht gekannt. Weder das Publikum noch die Musiker*innen sitzen in Barockkostümen und bei Kerzenschein in einer Zeitkapsel.
In seinem Abschiedsbrief an das Publikum im Musikverein am 5. Dezember 2015, dem Konzert, dass er aus gesundheitlichen nicht mehr selbst dirigieren konnte, formuliert er erstmals den Begriff der Entdeckergemeinschaft – der Austausch zwischen Podium und Saal als gemeinschaftliches Erlebnis.
Heute erleben wir bereits die vierte Generation der historisch-informierten Aufführungspraxis. Weltweit haben sich unzählige Ensembles gegründet und oftmals den modernen Orchestern das Repertoire vor 1800 streitig gemacht. Geradezu selten geworden ist eine Aufführung von Bachs Passionen durch ein Symphonieorchester auf modernen Instrumenten in großer Formation. Viele Festivals, Labels, Instrumentenbauer*innen, Musiker*innen und Sänger*innen haben sich auf Alte Musik spezialisiert. Der Großteil der Musikuniversitäten besitzt ein Institut für Alte Musik. Historische Aufführungspraxis reicht bis zu Bruckner und trägt zur bunten Diversität in der Klassikwelt bei. Auch unsere Hörgewohnheiten sind durch Harnoncourts geschärft, gewarnt, geschult worden. Das Publikum lernte aufmerksam hinzuhören und zu verstehen, sich stören und auf Neues einzulassen, anstatt nur zu genießen oder sich unterhalten zu lassen. Harnoncourt prägte und veränderte die Musikwelt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch seine außergewöhnliche Fähigkeit Musik in Sprache zu fassen und zu vermitteln.
Harnoncourt zitierte gern Robert Musil :
„Was bleibt von Kunst? Wir als Veränderte bleiben.“
Hinweis:
Die Ausstellung DIE HARNONCOURTS UND DER CONCENTUS MVSICVS ist bis 20. Jänner 2027 im Bezirksmuseum Josefstadt zu sehen und entstand in Kooperation mit dem Nikolaus Harnoncourt Zentrum an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz sowie Familienmitgliedern der Harnoncourts. Eine Veranstaltungsreihe ergänzt die Ausstellung während der gesamten Laufzeit.
Kurator*innen:
Claudia Stobrawa & Andreas Theiner
Gestaltung: Helmut Pokornig
Eintritt frei!
Öffnungszeiten: Sonntag 10-12 Uhr, Mittwoch 18-20 Uhr und nach Vereinbarung
In den Schulferien geschlossen
Adresse: Schmidgasse 18, 1080 Wien
Informationen und Quellen
www.harnoncourt.org
www.concentusmusicus.at
Monika Mertl: Nikolaus und Alice Harnoncourt – Vom Denken des Herzens. Eine Biographie. Residenz, 1999. Mehrere erweiterte Neuauflagen bis 2014
Monika Mertl, Milan Turkovic: Die seltsamsten Wiener der Welt, Residenz, 2003
Nikolaus Harnoncourt: Wir sind eine Entdeckergemeinschaft, herausgegeben von Alice Harnoncourt, Residenz, 2017












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