
Kehrichtsammelhalle im Sandleitenhof, 1928, Foto: Theo Bauer, Wien Museum, Inv.-Nr. 59241/999
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Stadtreinigung im „Roten Wien“
Triumph der Technik
Im Jahr 1920 wurde eine neue Magistratsabteilung gegründet: MA 30 – Straßenreinigung und Kraftwagenbetrieb (Gruppe V). Kurz zuvor war die gesamte Stadtreinigung – wie andere Infrastrukturbereiche auch – kommunalisiert worden, was eine wesentliche Voraussetzung für die folgenden Modernisierungsschritte darstellte. Ehrgeizig organisierte man internationale Städtetreffen und förderte den einschlägigen Wissensaustausch. In einem Gästebuch wurden penibel alle damals in Wien empfangenen Experten verzeichnet. Sie kamen aus den USA angereist, ebenso aus Frankfurt, Mainz, Dortmund, Berlin, Prag oder Budapest. In letztgenannter Stadt fand im Juli 1926 auch ein Großstädtetreffen statt, an dem aus Wien der Leiter der MA 30, Oberstadtbaurat Ingenieur Ludwig Kocmanek, mit einigen seiner Kollegen teilnahm.
Mitte der Zwanzigerjahre konnte man voll Stolz eine erste Zwischenbilanz ziehen. „Die Gemeinde Wien räumt auf“, brachte ein Journal die ordnende Hand der Kommune auf den Punkt. Eines war mittlerweile klar: Eine moderne Stadt war – internationalen Vorbildern gemäß – eine hygienische Stadt. Und sie war eine auf den technischen Fortschritt setzende Stadt, wurden doch immer mehr kommunale Aufgaben mit Hilfe der Technik gelöst. Bei beiden Aspekten wollte Wien eine Vorreiterrolle einnehmen.
Coloniakübel
Die schon vor dem Krieg begonnenen Versuche, die Sammlung des Hausmülls neu zu organisieren, wurden wieder aufgenommen. Die aufwändige und staubintensive Tätigkeit der privaten Lohnfuhrwerker („Mistbauern“) sollte endgültig der Vergangenheit angehören.
Die Stadtverwaltung testete das in Deutschland patentierte und in Köln seit einiger Zeit angewandte Colonia-System, bei dem völlig neuartige Behälter zum Einsatz kamen. Die feuerfesten Gefäße aus verzinktem Eisenblech wiesen ein Fassungsvolumen von 90 Litern auf und hatten einen schwenkbaren Deckel, der ein weitgehend staubfreies Entleeren ermöglichte. Auch in Wien stellte man sie nunmehr in den Innenhöfen auf, wo sie von eigenen Müllmännern abgeholt, ausgeleert und zurückgestellt wurden.
In einigen kommunalen Wohnanlagen baute man sogar große „Kehrichtsammelhallen“. Etwa im Sandleitenhof, wo ein Arbeiter mit einem Elektrokarren die Manipulation der vollen Kübel bewerkstelligte. Die Halle war aus hygienischen Gründen mit Kacheln verkleidet und hatte einen Ventilator eingebaut, um Geruchsbelästigungen zu vermeiden.
Die Abholung des Mülls besorgten motorisierte Sammelzüge. Im Regelfall kam ein fünfachsiger „Normalzug“ zum Einsatz. Dieser bestand aus einem Triebwagen und zwei Beiwagen und konnte rund zwölf Kubikmeter Kehricht aufnehmen.

Die Stadt Wien baute ihren nunmehr großteils automobilen Fuhrpark aus; zudem galt es, eine zentrale Reinigungs- und Reparaturstelle für die Müllbehälter zu errichten. Diese entstand in der Traisengasse im 20. Bezirk. Hier konnten wöchentlich rund 2.000 Kübel gewaschen und repariert werden.
Im Jahr 1923 wurden die Coloniakübel in der Stadt eingeführt. Nach fünf Jahren war die Umstellung flächendeckend in ganz Wien abgeschlossen. Insgesamt 173.478 Kübel waren aufgestellt worden. Jährlich konnten so rund 400.000 Kubikmeter Müll entsorgt werden – der kommunale Kampf gegen Staub und Unrat war gewonnen. Die Organisation der Müllabfuhr war ab nun räumlich, zeitlich und personell exakt geregelt. Das Stadtgebiet war in 37 Normaltouren eingeteilt, auf denen die „Normalzüge“ verkehrten. Die Einsammlung des Mülls geschah in unterschiedlichen Intervallen. Im Regelfall betrugen sie acht bis zehn Tage, nur in den ganz an der Peripherie gelegenen Stadtteilen vierzehn Tage. Zufrieden resümierte Ludwig Kocmanek: „Damit war eine Frage gelöst, die unseren Vorgängern durch mehrere Jahrhunderte schwere Sorgen bereitet hat.“
In den ersten Jahren wurde die Müllabfuhr für Hauseigentümer und Wohnungsmieter noch unentgeltlich durchgeführt, lediglich Betriebe mussten einen – geringen und je nach Frequenz gestaffelten – Monatsbeitrag entrichten. Ab August 1934 wurde sie für alle kostenpflichtig.
Straßenreinigung und Winterdienst
Auch die Reinigung der Straßen und Plätze wurde neu geregelt. Anfang der Zwanzigerjahre war nach wie vor ein Heer an Arbeitern damit befasst. Wichtigstes Nahziel war eine Personalreduktion und weitgehende Mechanisierung der Straßensäuberung. Die noch vorhandenen Pferdekehrmaschinen sollten so rasch wie möglich außer Betrieb genommen werden und an ihre Stelle Automobile treten. Nach umfangreichen Versuchen entwarf und baute die magistratseigene Werkstätte einen Kehrzug, der aus einem Motorwagen inklusive Wasserkessel und einer Kehrwalze sowie zwei angehängten, eigens konstruierten Kehrmaschinen bestand.
Schon bald besaß die Stadt Wien 15 derartige Kehrzüge. Dabei reinigte einer in achtstündiger Arbeitszeit eine Straßenlänge von rund 60 Kilometern. Die Bespritzung der Straßen wurde ebenfalls automatisiert. Hierfür standen immer mehr Autosprengwagen zur Verfügung, die eine Sprengbreite bis zu neun Metern aufwiesen. Nur ausgewählte Verkehrsflächen wie besonders breite Straßen und große Plätze wurden nach wie vor händisch mit einem Schlauchtrommelkarren bespritzt.
Im Jahr 1924 hatte man das für die Straßenreinigung zuständige Personal auf 1.700 Mann verringert. 74 Autosprengwagen, 60 Schlauchkarren und immerhin noch 30 pferdebespannte Sprengwagen kamen als maschinelle Unterstützung hinzu.
Besonders arbeitsintensiv war stets auch die Schneeräumung, die lange Zeit händisch beziehungsweise durch pferdebespannte Fuhrwerke mit Schneepflügen erfolgte. Nur langsam setzte sich hier die Motorisierung durch. 1924 waren aber immerhin bereits 12 Autoschneepflüge mit 18 Anhängern in Betrieb. Ergänzend dazu standen noch rund 200 Pferdeschneepflüge zur Verfügung. Ein Versuch mit einer amerikanischen Schneeauflademaschine verlief sehr zufriedenstellend; sie wurde 1928 angekauft. Mit ihr konnte ein Lastkraftwagen in vier Minuten mit acht Kubikmeter Schnee beladen werden.
Zur Unterstützung der ständigen Arbeiter wurden bei Schneefall wie schon bisher Taglöhner aufgenommen. Ihre Zahl war je nach Intensität des Schneefalls unterschiedlich; 1928 waren es beispielsweise 9.280 Männer.
Papierkörbe
Dem Diktum der Sauberkeit trug auch die Einführung eines neuen Stadtmöbels Rechnung. Im Jahr 1924 begann man mit der flächendeckenden Aufstellung von rund 6.000 „Abfallsammelkörben“. Zylindrisch, aus durchbrochenem Eisengitter geformt, waren sie an den Masten von Beleuchtungskörpern oder Verkehrsschildern montiert, darüber wies ein Schild mit der Aufschrift „Abfälle nicht wegwerfen, sondern ...“ auf den Zweck derselben hin. Die Wiener Polizei war angewiesen, Zuwiderhandelnde konsequent zu bestrafen.
Für viele eine allzu strenge Vorgangsweise, wie der Feuilletonist Ludwig Hirschfeld in einem launigen Feuilleton mit dem Titel „Wien, benimm dich!“ anmerkte. Für ihn war klar, dass die Stadt nun vollends im Zeichen des Papierkorbes stand: „Vom Herbst an wird es nicht mehr gestattet sein, seine Papiere wegzuwerfen, selbstverständlich mit Ausschluß der Börsenpapiere, die ja viele in der letzten Zeit um jeden Preis weggeworfen haben. Zuwiderhandelnde sollen auf dem Tatorte von der Sicherheitswache mit einer Geldstrafe belegt werden, worüber eine Quittung ausgestellt wird, die aber wiederum nicht weggeworfen werden darf.“
Das neue Stadtmobiliar wurde in Wien so populär, dass es Eingang in die Unterhaltungskultur fand. Sogar eine der damals beliebten Revuen griff es auf: „Die Reise um die Halbwelt in 120 Minuten“, eine opulente Show, die Hirschfeld gemeinsam mit Karl Farkas textete und komponierte. Darin persiflierten die beiden aktuelle Ereignisse aus dem Alltag der Stadt. So kamen die Papierkörbe auf die Bühne in Form von jungen Revuegirls, die als Trägerinnen derselben verkleidet waren. Die Premiere der Revue fand im März 1925 in den Kammerspielen statt und war ein Riesenerfolg.
Fuhrpark, Großgaragen, Hauptwerkstätte
Im Bereich des Fuhrparks wurden, wie schon erwähnt, Motorisierung und Technisierung der Ausrüstung energisch vorangetrieben. Die Zugfahrzeuge der Müllabfuhr waren benzinbetrieben und stammten von den Firmen „Büssing“, „Saurer“ sowie „Gräf & Stift“. Ab dem Jahr 1925 kamen zusätzlich Elektrowagen, hergestellt von der Automobilfabrik „Perl“, zum Einsatz. Damit gehörte die Magistratsabteilung 30 zu den Pionieren auf dem Gebiet der Elektromobilität in Wien.
Der Pferdestand des gesamten Fuhrparks umfasste Ende 1924 nur mehr 422 Pferde. Zwei Jahre später wurden die Pferdefuhrwerke endgültig aufgelassen.
Für die Vielzahl an neuen Kraftfahrzeugen waren neue Garagen vonnöten, mit deren Bau unverzüglich begonnen wurde. Hatte die Stadtreinigung zur Jahrhundertwende lediglich sechs kleinere Garagen (Depots) in Benützung, konzentrierte man nun alles auf drei neue Großgaragen: in der Leystraße (20. Bezirk, errichtet 1924), in der Richthausenstraße (17. Bezirk, errichtet 1925) und in der Einsiedlergasse (5. Bezirk, errichtet 1926/27).
Auf dem Gelände in der Leystraße befand sich auch die Hauptwerkstätte, die mit allen notwendigen Einrichtungen für den Bau und die Instandhaltung von Lastkraftwagen und Straßenpflegemaschinen ausgestattet war. Sie war entscheidend an der Herstellung der neuen Fahrzeuge beteiligt, insofern sie alle Entwürfe dafür lieferte.
Wertvolle Einblicke in die Arbeitswelt auf dem Werkstättengelände erlaubt eine erhalten gebliebene Fotodokumentation aus den Jahren um 1925. Darin werden sowohl die gesamte Belegschaft als auch einzelne Arbeitsteams gezeigt, die ihr jeweiliges Know-how einbrachten und gemeinsam weiterentwickelten: am Zeichentisch, an der Drehbank, beim Getriebebau, an der Fräsmaschine, in der Tischlerei, in der Wagnerei oder in der Schmiede. Es scheint ein hochspezialisiertes Labor für Produktentwicklung auf dem Gebiet der Stadtreinigung gewesen zu sein, wie es wohl damals in Österreich oder gar Europa nur wenige gab.
Mülldeponien
Die Modernisierung der Entsorgungsinfrastruktur betraf als letztes Glied der Kette auch die Mülldeponien. Drei am Stadtrand gelegene Areale standen dafür zur Verfügung, die nun sukzessive adaptiert wurden. Motorisierte Unterstützung kam von selbst konstruierten Raupenschleppern, die sich auf dem unbefestigten Boden gut fortbewegen konnten.
Die älteste Deponie befand sich im 21. Bezirk, am Bruckhaufen. Schon seit den 1880er-Jahren nutzte die Stadt Wien das Gelände als Müll- und Schuttablagerungsstätte. Diese entwickelte sich in der Zwischenkriegszeit zur wichtigsten und größten ihrer Art und wurde im Sommer 1923 auf das neue Colonia-System umgerüstet. Da das Terrain vollkommen eben war, legte man eine sechs Meter hohe Rampe an, auf die die ankommenden Sammelzüge hinauffuhren. Sodann wurden die Bodenklappen der Sammelwagen geöffnet, wodurch der Müll durch eine trichterförmige Öffnung in die darunter stehenden Wagen fiel, die ihrerseits von Raupenschleppern abtransportiert wurden.
Eine weitere Deponie entstand im 17. Bezirk, Ecke Lidlgasse und Richthausenstraße. Auch hier wurde im Jahr 1924 eine Müllumleerstation errichtet, die allerdings aufgrund der Bodenerhebungen anders konstruiert war. Der Sammelzug fuhr auf eine eiserne Brücke, in deren Fahrbahnmitte sich eine Öffnung befand. Durch sie fiel der Müll senkrecht in die auf einer Drehscheibe stehenden Unterwagen. Diese wurden sodann um 90 Grad gedreht und von einem Raupenschlepper auf die Ableerstelle gezogen. Aufgrund sanitärer Bedenken – die Wohnverbauung war bereits ziemlich nahe gerückt – ließ man die Deponie jedoch im August 1927 wieder auf.
Eine neue Deponie wurde im 10. Bezirk, in einer ausgedehnten Terrainmulde direkt neben der Laxenburger Straße geschaffen. Die hier im Juni 1927 in Betrieb genommene Umleerstation war die größte und technisch aufwändigste ihrer Art. Da das Gelände extrem geneigt war und einen Höhenunterschied von 20 Metern aufwies, erfolgte der Abtransport des in die Unterwagen entleerten Mülls mit Hilfe von zwei leistungsstarken Schrägaufzügen. Sie gehörten zu den größten, jemals in Österreich gebauten Transportanlagen und konnten Lasten bis 18.000 Kilogramm bewegen.
Um 1930 gelangten auf den beiden Hauptdeponien jeweils mehr als 40.000 Anhänger pro Jahr zur Entleerung. Die Behandlung des Hauskehrichts, der neben Asche, Staub und Kohleresten immer mehr aus anorganischen Materialien bestand, war mit der Deponierung allerdings noch nicht zu Ende. Der Unternehmer Alois Frankl erhielt gegen einen jährlichen Pachtzins von der Stadt Wien die Erlaubnis, Miststierler*innen zu beschäftigen. Diese, zumeist waren es Frauen, sortierten alle noch irgendwie verwertbaren Dinge aus, in erster Linie Glas, Hadern, Metalle und Knochen. All dies wurde in der Folge an Fabriken zur Wiederverarbeitung verkauft.
Müllverbrennung
Angesichts der Tatsache, dass die Menge des Wiener Haus- und Straßenkehrichts Mitte der 1920er-Jahre auf bereits 550.000 Kubikmeter pro Jahr gestiegen war und noch weitere Zunahmen prognostiziert wurden, kamen alternative Entsorgungsmethoden ins Spiel. Man blickte in die Nachbarschaft Wiens und erkannte, dass das viel kleinere Brünn schon vor längerer Zeit eine Verbrennungsanlage errichtet hatte, in der Müll in Elektrizität umgewandelt wurde.
Doch Wien ging vorsichtig vor. Am 5. Jänner 1931 wurde ein kleiner, einfach konstruierter Müllverbrennungsofen in der Grinzinger Straße, nahe einem Straßensäuberungsdepot, in Betrieb genommen. Die allseitig ummauerte Anlage wurde mit einem elektrischen Gebläse betrieben. Den zu verbrennenden Rohstoff lieferten die Coloniakübel des nahen Karl Marx-Hofes. Die Journalistin Annie Schulz vermeldete in der Zeitschrift „Der Kuckuck“: „In Heiligenstadt wurde probeweise ein kleiner Verbrennungsofen errichtet, und von den dort gemachten Erfahrungen wird es abhängen, ob der Frage der Kehrichtverbrennung in Wien in der nächsten Zeit nähergetreten werden kann.“
Die Skepsis erwies sich als begründet. Die Kosten für den Betrieb der Anlage, die aus Gründen der Effizienz eigentlich viel größer sein müsste, waren für damalige Verhältnisse zu hoch. Zudem wies der Wiener Müll einfach nicht genug thermisch verwertbare Materialien auf. Nichtsdestoweniger wurde das Experiment noch einige Zeit weitergeführt. Bis zum Zweiten Weltkrieg verbrannte man jährlich den Inhalt von rund 22.000 Müllgefäßen.
Mit all den beschriebenen Maßnahmen waren die Innovationen auf dem Gebiet der Stadtreinigung fürs Erste einmal abgeschlossen.
Literatur
Peter Payer, Jutta Fuchshuber: Wien räumt auf. Stadtreinigung und Abfallbeseitigung bis 1945. Herausgegeben von der Magistratsabteilung 48 – Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark. Eigenverlag der Stadt Wien. 2026. Zum Preis von Euro 48,- erhältlich beim 48er-Tandler in 1050 und 1220 Wien.













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