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Susanne Krejsa MacManus, 18.6.2026

Die Wiener Perlmuttdrechsler

Was uns ein Knopf erzählen kann

Ein Perlmuttknopf liegt in unserer Hand, schimmernd, glänzend, zwei oder vier kleine Löcher, der Rand glatt geschliffen, oft mit zusätzlicher Zierkante. Der Knopf erzählt die Geschichte einer kurzen Blüte des Perlmutthandwerks in Wien – und die des Arbeiterelends. 

In der offiziellen Geschichtsschreibung zählte das Gewerbe der Perlmutterdrechsler um 1900 zu den „angesehensten Handwerksberufen“. Es hatte etwa 1840 in Wien Fuß gefasst und 1910 mit 530 Drechsler:innen, die jeweils mehrere Heimarbeiter:innen beschäftigten, einen Höchststand erreicht. Für die mehreren tausend Arbeiter:innen galt dieses „große Ansehen“ hingegen wohl nicht – sie waren schlechten Arbeitsbedingungen ausgeliefert. Nach 1945 existierten in ganz Österreich nur noch rund 98 perlmuttverarbeitende Betriebe. Mit der Verbreitung von Kunststoffknöpfen schrumpfte die Branche rapide. Heute haben wir nur noch eine einzige Perlmuttmanufaktur.

Wie prägend die Perlmuttdrechsler:innen für Wien waren, erzählt der Name „Perlmuttstrasse“, der im Jahr 1996 in einer Ausstellung für die Ottakringer Gallitzinstraße verwendet wurde. Sie und auch andere Straßen Ottakrings waren auf einem Untergrund aus Perlmuttabfall gebaut, der bei den lokalen Knopfproduzenten in riesigen Mengen anfiel. In vielen Gärten in Meidling, Ottakring und Hernals, wo die Perlmutt-Drechsler:innen als Hinterhofindustrie werkten, konnte man noch Jahrzehnte später solche Abfälle finden, wie der Historiker Martin Stürzlinger erzählt: „Ich durfte vor kurzem bei einer Chronik für die Häuser in der [Hernalser] Braungasse mitwirken und dabei kam aus der Erinnerung einer Person folgende Geschichte hervor: ‚Meine Großmutter bekannte sich dazu, als kleines Mädchen […] das Perlmutt in unseren Garten gebracht zu haben. Es gab damals einige Knopffabriken in der Nähe, die den Abfall auf einer Deponie im heutigen Kongresspark gelagert hatten. Sie und ihre Geschwister hatten von dort schürzenweise den schimmernden Schatz heimgetragen. Die wunderschön glänzenden Bruchstücke gefielen mir als Kind schon sehr.‘"

Eine der berühmtesten Wiener Perlmuttdrechsler-Werkstätten wurde 1850 vom Drechslermeister Ignaz Krehan (1824–1912) in der Deinhardsteingasse 26 (Ottakring) gegründet und durch drei Generationen weitergeführt. Die Bandbreite seiner Produkte war riesig: Neben Knöpfen („glatt und graviert“) gab es auch „Gürtelschließen und Schnallen, gravierte Schmuck- und Visitenkarten-Schalen, Bonbonieren und Kassetten, Photographie-Rahmen, Uhrkästchen in allen Stylarten, Dominosteine und Spielmarken, Obst- und Brotmesser, Lesezeichen und Schachfiguren.“ Nationale und internationale Auszeichnungen blieben nicht aus: Wien 1873, Philadelphia 1876, Paris 1878, Melbourne 1880–81, Chicago 1892, Wiener Mode-Ausstellung 1904. 1934 übernahm der Enkel Karl Krehan jun. (1887–1970) das Unternehmen und widmete sich dem Kunstgewerbe. Viele Arbeiten wurden im Auftrag der Wiener Werkstätten gefertigt. 

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Teuer verkauft – teuer erkauft

Weniger glanzvoll als die Situation der Händler und der Fabrikanten war die der Arbeiter: „Die Perlmutterdrechsler gehören zu den schlechtest entlohnten Arbeitern, selbst in Wien mit seinen hohen Lebensmittelpreisen bringen sie es im Durchschnitt nur auf 14–20 Kronen Wochenverdienst (entspricht 126 bis 180 Euro)“, schrieb im Jahr 1907 der Wiener Sozialmediziner Ludwig Teleky (1872–1957).“

Auch sein Kollege Alfred Bass (1867–1941) kommentierte die Arbeitssituation: „Meistens sind es kleine Meister, welche mit 6 bis 8 Gehilfen in durchaus ungenügenden Räumlichkeiten, ohne Staubabsauger und andere Schutzvorrichtungen arbeiten, Drehbank steht an Drehbank gedrängt. […] Es ist klar, daß unter solchen Umständen der fast in Mundhöhe sich entwickelnde Staub reichlich Ursache zu Erkrankungen der Atmungsorgane und die dichte Zusammendrängung der Arbeiter Gelegenheit zu tuberkulöser Infektion geben muß. […] Die Summe der in den Jahren 1895 bis 1904 gezählten Erkrankungen ist bei der Knopfbranche allein um fast 200 höher, als bei den übrigen Branchen zusammen.“ Das durchschnittliche Sterbealter der männlichen Drechslergehilfen betrug in diesem Zeitraum nur 36,21 Jahre.

Weitere Berufskrankheiten aufgrund der Arbeitshaltung waren Plattfüße, Krampfadern und „eine durch das Anstemmen des Drehstahles gegen die Brust hervorgerufene Eindrückung des unteren Brustbeines und daraus resultierende Rückgratverkrümmung.“

Außerdem verbreitet war die Perlmutterdrechsler-Ostitis, eine Knochenentzündung, vorwiegend unter jugendlichen Arbeiter:innen. Dazu Otto Weiss, Operateur bei Prof. Billroth: „An jeder Bank arbeitet ein Geselle oder Lehrling im Tage 10–12 Stunden, mit Ausnahme kurzer Pausen, stets stehend, mit dem rechten Fusse durch ein mit dem Triebrade in Verbindung stehendes Trittbrett die Spindel drehend, mit der einen Hand den Stahlstichel dirigirend, in der anderen das Perlmutter. Zuerst treten stets Schmerzen auf, und zwar heftige, reissende oder bohrende Knochenschmerzen, welchen nach einer oder mehreren Wochen die Verdickung des betroffenen Knochens häufig unter Fiebererscheinungen folgt.“

Im Februar 1894 fand eine Versammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen der Knopfbranche statt. Die Tagesordnung lautete: „1. Die wirtschaftliche Unterdrückung und die politische Rechtlosigkeit, 2. Die Lage der Perlmuttknopfdrechsler und das Elend im Allgemeinen.“ Die Situation besserte sich jedoch kaum. 

Im Oktober 1897 berichtete die Wochenzeitung „Die Wahrheit“ über den Perlmuttdrechsler Josef Schmidt: „Der Mann hat sechs Drehbänke und arbeitet mit Gehilfen und Lehrjungen. Er zahlt keine Steuer, keinen Krankenkassenbeitrag, läßt die Lehrjungen weder aufdingen [offizielle Anmeldung in der Zunft] noch freisprechen [nach bestandener Prüfung zum Gesellen erklären]. Dafür hat jeder Lehrjunge ein Pensum von 30 Gros Knöpfe (=4 320 Stück) per Woche zu machen, bekommt manchen Tag nur klaren Kaffee zu essen und hat keine Hose zum Anziehen.“

Doch auch die Fabrikanten hatten zunehmend zu kämpfen: 1903 nahm sich der Ottakringer „Perlmutterwaaren-Fabrikant“ Wenzel Bartholomäus (Berthold) Lukesch das Leben. Die Preissteigerungen des Rohmateriales hatten sein Geschäft und wohl auch ihn zusätzlich belastetet. „Eine ganz besondere Schädigung schrieb [er] der Concurrenz der amerikanischen Fabrikanten und besonders der Mac Kinley-Bill zu.“ Dieses Gesetz des US-Kongresses war von Oktober 1890 bis August 1894 in Kraft und erhöhte den durchschnittlichen Einfuhrzoll auf fast 50%, um die amerikanische Industrie und die Arbeitnehmer vor ausländischer Konkurrenz zu schützen.

Härter als Marmor

Perlmutt ist elastischer als Keramik und stabiler als Metalle und Kunststoffe, zäh und bruchfest. Nach der Mohs'schen Härteskala hat es den Härtegrad 4, wogegen etwa Marmor nur den Wert 3 erreicht. Zum Vergleich: Granit hat die Härte 7. Für die Knopfproduktion wurden anfangs alle drei heimischen Flußmuscheln (zoologischer Name Unionidae) verwendet. Ihre Schalen sind relativ dünn, glatt oder feingerillt und haben eine innenliegende Perlmuttschicht. Bis 1953 konnten sie beispielsweise aus der Thaya gefischt werden, was vor allem für die heute noch bestehende Perlmutt-Manufaktur im Waldviertel günstig war. Für die k. u. k. Consulate war die Korallen- und Perlenfischerei im jeweiligen Land ein Beobachtungsthema, über das sie der Handelspolitischen Section des Ministeriums des k. u. k. Hauses und des Aeusseren bericheten, etwa über Ceylon (1903), Italien (1903) und Griechenland (1904).

Aktuell kommt das schillernde Material aus Calciumcarbonat, einer Art Kalk, von Muschelfarmen in Indonesien, Australien und Japan. Schalen von Perlmuscheln und Meeres-Schnecken (u. a. Macassar-Muscheln, Trochidae, Turbinidae, Haliotis/Seeohren, auch Nautilus) liefern farblich unterschiedliche Perlmuttqualitäten. 

Ein einschneidendes Jahr war 2004 – Stichwort Tsunami im Indischen Ozean: Die Erdbebenfluten zerstörten viele Muschelfarmen. Davor kostete ein Kilo Rohmaterial zirka neun bis elf US-Dollar, heute liegt der Kilopreis zwischen 45 und 48 US-Dollar. Die einzige in Österreich noch bestehende Perlmutt-Manufaktur verarbeitet jährlich 25 Tonnen. Hergestellt werden vorwiegend Knöpfe – jährlich rund acht Millionen –, vorwiegend für Luxusmarken. Aber auch Schriftzüge für Bösendorfer-Klaviere oder Innenausstattungen für Privatjets, Yachten, Kreuzfahrtschiffe und Luxushotels werden produziert.

Die Perlmutt-Produktionsabfälle landen nicht wie einst auf Deponien oder als Straßenunterbau, sondern werden in unterschiedliche Stärken zerrieben und weiterverwendet, beispielsweise in Brösel-Form für Deko-Artikel, Möbel und Fassaden. Der Staub wird unmittelbar von den Maschinen abgesaugt und als Dünger für saure Böden verkauft.

Chance für die Zukunft

Heute ist Perlmutt für die medizinische Forschung interessant. Wissenschafter:innen aus aller Welt wollen die Eigenschaften von Perlmutt für die Herstellung von Gelenkprothesen nutzbar machen. Chemiker:innen der Universität Konstanz ist es 2016 in Kooperation mit der University of Science and Technology of China (Hefei, China) gelungen, die natürliche Perlmuttstruktur auf künstlichem Wege herzustellen. Sie griffen für den Aufbau des hergestellten Perlmutts auf die Originalkomponenten Kalk, Chitin sowie Seidengel zurück und erreichten mit ihrem Verfahren denselben strukturellen Aufbau und beinahe identische Eigenschaften wie das natürliche Biomineral. Dafür benötigten sie nur zwei Wochen, wogegen die Entstehung von natürlichem Perlmutt Monate bis Jahre dauert.

Quellen und Literatur:

Alfred Bass: Die Gesundheitsverhältnisse der Wiener Steinmetzen und Perlmuttdrechsler, Wien, 1910.

Bezirksmuseum Ottakring

Das Fachblatt der Drechsler – Organ für Sozialpolitik und Fachinteressen –, 7. Februar 1894, Nr. 7, S. 1.

Korfu v. 26. September 1904, AT-OeStA/HHStA MdÄ AR F93-1-1.

Mailand v. 5. Mai 1904 über die Perlmutterfischerei und -Industrie in Italien, AT-OeStA/HHStA MdÄ AR F93-1-1.

Rathauskorrespondenz, 1.7.1996.

Lisa Rieger: Das schwierige, schillernde Geschäft mit Perlmutt, in: Kurier, 3.5.2019

Ludwig Teleky: Die Erkrankungen der Perlmutterarbeiter. In: Handbuch der Arbeiterkrankheiten, hrsg. von Th. Weyl, Jena, 1907.

Die Wahrheit, 27.10.1897, Nr. 9, S 3.

Otto von Weiss: Beiträge zur Kenntniss der Perlmutterdrechsler-Otitis, Wiener Medizinische Wochenschrift 1885, Nr. 3, 72–76.

 

Susanne Krejsa MacManus hat Biologie studiert und ist freie Medizinjournalistin, Autorin und Archivarin. Sie schreibt u.a. für ÄrzteWoche, Wiener Geschichtsblätter, Biographisches Lexikon der ÖAW. Außerdem leitet sie Forschungsprojekte am Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch (MUVS) in Wien. 

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