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Beatrix Kouba, 16.7.2026

Der Weg der Wienerinnen in die Ruderboote

Frau an Bord!

Schon vor Hunderten Jahren lockte das spiegelglatte Donauwasser Sportbegeisterte in die Boote. Obwohl das Rudern als ältester Vereinssport Österreichs gilt, blieb er lange Zeit eine exklusive Männerdomäne. Erst in den 1920er Jahren ergriffen auch Frauen das Ruder.

Wie es um weiblichen Wassersport Anfang des 20. Jahrhunderts stand, demonstriert ein Zeitungsbericht aus dem Jahr 1913 anschaulich: „Mit unserer gestrigen Notiz, dass die Austria Sonntag ein internes Damenrudern abhalte, eilten wir infolge eines Druckfehlers den Ereignissen weit voraus. Die sonntägige Veranstaltung der Austria ist natürlich ein Dauerrudern“, stellte das Neue Wiener Tagblatt richtig. Die Falschmeldung zog offenbar Enttäuschung nach sich, denn es meldeten sich „zahlreiche Interessenten“, die an der Gründung eines Damenruderclubs interessiert gewesen wären. Im Artikel wurde gegrübelt: „Für das Damenrudern kämen wohl nur die toten Gewässer in Betracht und von diesen in erster Linie der Kuchelauer Hafen“, hieß es weiter. Rudernde Frauen waren zu jener Zeit also noch kein Thema. Dabei schwappte die Leidenschaft für den Rudersport als pures Freizeitvergnügen bereits im 19. Jahrhundert von England über Deutschland nach Österreich und entfaltete sich in Wien. 

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Das Kaiserwasser galt als Wiege des heimischen Sportruderns. Der heutige Seitenarm der Alten Donau war damals ein starker Hauptarm. Zu dieser Zeit floss die Donau als unreguliertes Geflecht aus Auen und verästelten Armen durch Auwälder und die Vorstädte Wiens. Der Badeplatz wandelte sich zum Zentrum des Rudersports. Sonntagsruderer zogen frühmorgens ihre Runden über die Wellen. Zu ihnen gesellten sich bald junge Männer. Weil Boote und die Errichtung von Bootshäusern kostspielig waren, blieb das Hobby zunächst einer bürgerlichen Elite – primär Studenten – vorbehalten. Arbeiter und Frauen blieben systematisch ausgeschlossen, legt Arabella Döchl in ihrer Untersuchung zur lückenhaften Entwicklungsgeschichte der Wiener Ruderinnen in „Die Emanzipation der Frau im Sport - am Beispiel des Wiener Rudersports“ dar. Das Kaiserwasser war auch Austragungsort der ersten Regatta Wiens im Jahr 1868. Die jungen Ruderer gründeten schließlich die ersten Vereine und siedelten ihre Clubhäuser entlang der Donau an. Mit der ersten Donauregulierung in den 1870er Jahren veränderte sich der Strom und damit auch der Sport. Während das Kaiserwasser zum stehenden Gewässer wurde, bot die neue begradigte Strombahn sportliche Herausforderungen. Die zweite große Umstellung erfolgte im 20. Jahrhundert mit dem Bau der Donauinsel, womit der damals beliebte Donaukanal von Ruderern nicht mehr genutzt wurde.

Im Schatten der Flagge

Bezeichnend für die Ausgrenzung von Frauen im Rudersport war die Entstehung des ersten Rudervereins der Stadt im Jahr 1863. Der „Erste Wiener Donauruderclub LIA“ wurde zwar nach der Gattin eines Gründungsmitglieds getauft, doch die Namenspatronin durfte nicht selbst zum Ruder greifen. Sie entwarf die Vereinsflagge, blieb aber, wie die meisten Frauen jener Zeit, Passagierin. Bootshäuser waren für Frauen Tabuzonen, andere Clubräumlichkeiten standen ihnen oft erst abends offen, um die männliche Exklusivität nicht zu stören. Lediglich zur Organisation von Empfängen oder anderer Events nahmen Frauen am Vereinsleben teil. Gesellige Feste spielten im Clubleben eine wesentliche Rolle, auf der sportlichen Ebene wollte man die Frauen aber nicht sehen. Dieses traditionelle Gesellschaftsbild zog sich auch durch die meisten anderen Disziplinen. Die Argumente gegen sportliche Frauen waren absurd: Ärzte warnten vor einer „Vermännlichung“, krummen Rücken oder einer verminderten Gebärfähigkeit durch körperliche Anstrengungen.

Der Umbruch: Die Anfänge des „Damenruderns“

Nach dem Ersten Weltkrieg drehte sich der Wind. Schon zuvor hatten Frauen sportliche Ambitionen, die in den 1920er Jahren verstärkt auftraten. Von einem „schüchternen Anfang“ der sogenannten „Damenruderei“ berichtete die Allgemeine Sport-Zeitung im Jahr 1919. Nach deutschem Beispiel wollte man das Damenrudern auch in Österreich einbürgern. Bis dahin waren rudernde Frauen die Ausnahme. „Hie und da einmal machte eine unternehmenslustige Gattin eine Bootfahrt ihrer stärkeren Ehehälfte mit, als Steuerweibchen oder sogar als lebender Motor des Fahrzeuges, aber das wurde wohl nur als ein sportlicher Scherz betrieben und betrachtet“, berichtete der Redakteur. Es würde aber schon länger „in der Luft liegen“, dass Frauen neben dem Tennis, Schwimmen oder Eislaufen auch diese Disziplin für sich erobern.

Ein wichtiger Schritt zu dieser Eroberung war die Gründung des Vereins „Donaubund“ im selben Jahr. Er war der erste Wiener Verein, der regulär weibliche Mitglieder aufnahm. In erster Linie wurde das „Damenrudern“ forciert. Tatsächlich waren die Frauen mit 16 Mitgliedern gegenüber zwölf Männern sogar in der Überzahl. Seine Klubräumlichkeiten sollten im „Gänsehäufel“, der bewaldeten Sandinsel an der Donau, angesiedelt werden. Das Wiener Sporttagblatt lobte die erste Ausfahrt der Frauen: „Denn wie diese Damenmannschaft ruderte, kann sie als Muster ihres Klubs gelten. Die Herren im Zweier machten als alte Ruderer keinen Anspruch auf Lob, das sie aber wohl verdienten“. Obwohl in Wien damals rudernde Frauen eine Seltenheit waren, witterte man in der Allgemeinen Sport-Zeitung eine Ausbreitung des „Damenruderns“. 

Ästhetik spielte dabei eine Rolle: Der Sport würde der Mode entgegenkommen „auf der Haut die Spur des Freiluftlebens zu tragen, sich bräunen zu lassen, so stark es nur geht. Das besorgt die Sonne auf dem Wasser ausgiebig, und was früher einmal vielleicht ein Hindernis war, dient jetzt dazu, dem Damenrudern Bahn zu brechen.“ Dennoch blieb Skepsis: In anderen Zeitungsberichten wurde an der Kraft der Frauen gezweifelt, um gegen die Strömung flussaufwärts rudern zu können. Die weiblichen Ambitionen wurden gesellschaftlich nicht ernstgenommen. Wettrennen wurde den Frauen abgesprochen, weshalb sie hauptsächlich Tourenrudern und Stilruderbewerbe praktizierten, bei denen die Frauen – ähnlich wie beim Eiskunstlauf – von Richtern hinsichtlich ihrer Anmut und Grazie bewertet wurden.

Unanständige Röcke und Rollsitze

Die Differenzen setzen sich bei der Ausrüstung fort. Frauen wurden auf schwere, breite Gig-Boote verwiesen. Sie waren für die Ausbildung und das Wanderrudern konzipiert und eigneten sich kaum für echte Wettfahrten. Besonders umstritten war der bewegliche Rollsitz: Da die Beine dabei gespreizt und die Körperbewegungen intensiviert werden, galt seine Nutzung für Frauen als „unanständig“ und „ungesund“. Auch beim Riemenrudern – bei dem pro Person nur ein Ruder zum Einsatz kommt – befürchteten Funktionäre eine „Schieflage“ des weiblichen Körpers und Gefahren für die Gebärfähigkeit. Diese Technik war zu jener Zeit aber die primäre sportliche Disziplin im Rudern. 

Wie die Sporthistoriker:innen Johanna Dorer und Matthias Marschik über den Frauensport in Wien berichten, bedeutete die Eroberung verschiedener Sportarten durch Frauen zugleich eine Eroberung an Freiheit und ein Aufbrechen vorherrschender Mode- und Kleidungsvorschriften. Es war ein Konflikt um angemessene Kleidung in Ruderbooten entbrannt: Während sich Männer in kurzen Hosen und ärmellosen Shirts über das Wasser bewegten, war Rudern im Korsett und langem Kleid faktisch nicht möglich. Alternativen mussten her, doch das lief nicht ohne Widerstand ab. Hosentragende Frauen galten als aufmüpfig und wurden teilweise verspottet. Doch es stellten sich auch Erfolgserlebnisse ein: Ab 1900 tauschten Ruderinnen ihre Kleider und Korsetts gegen praktischeres Gewand. Mit Rudermütze und Leinenbluse bis hin zur Tuchhose und einem abschließenden Tuchrock stiegen sie in die Boote — ein Skandal für die damalige Zeit. Man warf ihnen vor, zu viel Bein zu zeigen. Auch Väter wurden dafür kritisiert, ihren Töchtern „unmoralische“ Kleidung zu erlauben, wie die deutsche Ruderin Ellen Becker in ihrer Arbeit „Mit Rock und Riemen. Die Entwicklung des Frauenruderns im Deutschen Reich und in der Bundesrepublik“ beleuchtet. Einige untersagten ihren Töchtern daraufhin sogar die Vereinsmitgliedschaft.

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Vom „Fleckerlpatschenachter“ zur olympischen Premiere 

Zu einem Wendepunkt in der weiblichen Rudergeschichte kam es 1931: Mit der „Frauenruderriege des Wiener Regatta-Vereins“ entstand erstmals eine rein weibliche Rudervereinigung. Die Athletinnen trainierten hart bis zu sechs Tage die Woche, wobei sie im Bootshaus übernachteten, um Zeit zu sparen. Kletterten die Temperaturen in den Wintermonaten nach unten, verlegten sie ihr Training in eine Ruderhalle in der Sensengasse im 9. Wiener Gemeindebezirk. Die Trainingsleitung lag jedoch durchgehend in männlicher Hand. Da nationale Gegnerinnen fehlten, trat das Team gegen ausländische Rudervereine, etwa aus Ungarn, an. Trainierten Frauen und Männer aus Wiener Vereinen gemeinsam, wurden die gemischten Boote als „Fleckerlpatschenachter“ bezeichnet, wie Döchl in ihrer Arbeit zum Frauenrudersport festhält. 

Trotzdem galten Frauen noch lange Zeit weiter als Randerscheinung im Rudersport. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten sollte sich das ändern. Vor allem während des Zweiten Weltkriegs kam es zu einer Wende im Frauensport. Unter Adolf Hitlers Devise „Mädels ins Boot“ wurde das Frauenrudern so stark gefördert, wie nie zuvor. Männer fehlten kriegsbedingt in der Heimat, Frauen sollten die Lücken ausgleichen. Die „Frauenruderriege des Wiener Regatta-Vereins“ wurde zum Frauenruderverein unbenannt und erfuhr eine Blütezeit. Wie alle anderen Sportarten, wurde auch Rudern zum Propagandainstrument. Sport wurde ideologisch aufgeladen. Erst als Bombenangriffe in den letzten Kriegsmonaten die Wiener Bootshäuser zerstörten, kam der Rudersport vollends zum Erliegen.

Nach Kriegsende fusionierten Vereine und Frauen fielen zunächst eher wieder in die zweite Reihe zurück. Im Jahr 1946 wurde der Sport wiederaufgenommen: Mitglieder aus sieben Vereinen versammelten sich im einzigen unversehrten Bootshaus der Stadt, dem LIA-Haus. Dem Rudersport sollte wieder Atem eingehaucht werden. Schon im Sommer fand die erste Regatta nach Kriegsende auf der Alten Donau statt. 

Die vollständige Gleichstellung von Frauen war ein schleppender Prozess. Erst Jahre später integrierten sich Ruderinnen vollwertig in die Vereine. Ab den 1970er-Jahren gelang es ihnen, nachhaltig Fuß zu fassen. Erst dann ließ der Traditionsverein LIA weibliche Mitglieder zu – und damit hundert Jahre nach seiner Gründung. Damit war der erste Wiener Ruderverein zugleich der letzte der Stadt, der Frauen aufnahm.

1976 nahmen Frauen zum ersten Mal bei den Olympischen Spielen im Rudern teil – über 75 Jahre später als Männer. Die erste Wiener Ruderin, Astrid Unger, startete 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles. Der Weg der Wienerinnen in die Boote war weit mehr als nur ein sportlicher Zeitvertreib, er war ein langer Kampf um den eigenen Körper und Raum am Wasser.

Quellen und Literatur:

Becker, Ellen (1992): Mit Rock und Riemen. Die Entwicklung des Frauenruderns im Deutschen Reich und in der Bundesrepublik. Greven.

Dorer, J., & Marschik, M. (2016). Sportliche Avancen – Frauensport in Wien 1934–1938. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, 27(3), 94–116.

Döchl, Arabella (1995). Die Emanzipation der Frau im Sport - am Beispiel des Wiener Rudersports. Mit einem historischen Abriss des Wiener Rudersports.

Holletschek, Nikolaus (2015). Sozialhistorische Entwicklung der Wiener Rudervereine von 1860 bis 1930

https://lia.at/ 

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Rudersport 

Allgemeine Sport-Zeitung. 1919, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=asz&datum=1919&page=37&size=45&qid=ODCKHKJI9YHFS59YLWTPO2QKUG9NYL 

Wiener Sporttagblatt. 26.3. 1919, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=wst&datum=19190326&seite=6&zoom=33&query=%22Damen%2BRudern%22&ref=anno-search 

Allgemeine Sportzeitung. 1919, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?apm=0&aid=asz&datum=19190004&seite=00000037&zoom=2 

Neues Wiener Journal. 4.1.1914, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nwj&datum=19140104&seite=6&zoom=33&query=%22Verm%C3%A4nnlichung%22&ref=anno-search

Neues Wiener Tagblatt. 13.4.1911, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nwg&datum=19110413&seite=52&zoom=33&query=%22Auffahrt%2Bim%2BDonaukanal%22&ref=anno-search

Wiener Sporttagblatt. 21. Juni 1933 https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=wst&datum=19330621&seite=5&zoom=33&query=%22Ruderinnen%22&ref=anno-search 

Neues Wiener Tagblatt. 26.09.1913, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nwg&datum=19130926&seite=57&zoom=33&query=%22Damenrudern%22&ref=anno-search

 

Beatrix Kouba studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Wien und Valencia und machte einen Ausflug in die Vergleichende Literaturwissenschaft. Sie arbeitet seit rund zehn Jahren als TV-, Print- und Onlinejournalistin. Für Sorority schreibt sie Texte rund um Frauenthemen.

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