
Grossmannhof, 20., Pappenheimgasse 4 / Denisgasse 39-41, um 1926, Wien Museum Inv.-Nr. 57962/451
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Oskar Grossmann und 100 Jahre Grossmannhof
Kommunist und „Soldat am Mittelmeer“
Das Jahr 1926 markiert eine Hochblüte des kommunalen Wohnbaus im Roten Wien. Bürgermeister Karl Seitz eröffnet so viele Gemeindebauten wie nie zuvor – was ihm den Titel „Sonntagsbürgermeister“ einbringt. Die Fertigstellungen gehen rasant vor sich, allein im Arbeiterbezirk Brigittenau entstehen in den Jahren 1924 bis 1926 die Gemeindebauten Beer-Hof, Grossmannhof, Georg-Schmiedel-Hof, Janecek-Hof, Otto-Haas-Hof, Plocekhof, Pokornyhof, Robert-Blum-Hof, Szidzinahof und Winarskyhof. Die Brigittenau ist zum Eröffnungsjahr seit 26 Jahren ein eigenständiger Bezirk; seit der Jahrhundertwende von der Leopoldstadt abgetrennt, beherbergt sie große Betriebe zur Eisen- Schwermetall- und Glühlampenerzeugung, wie die Siemens-Schuckert-Werke in der Engerthstraße (vormals Ing. Komenensky und Mayer mit Niederlassung im heutigen WUK).
Zwei Gemeindebauten werden am Sonntag, den 1. August 1926, eröffnet. Neben dem Wiedenhoferhof in Hernals ist es eine Wohnhausanlage in der Denisgasse 39-41 in der Brigittenau, die von Bürgermeister Seitz in seiner Eröffnungsrede der nächsten Generation gewidmet wird, der er „eine neue Zukunft zimmern will“. Der Bau ist nicht groß. 88 Wohnungen sind es. Fast alle gleich geschnitten, meist mit einem Zimmer, einer Küche, einem Klo. Ein Innenhof, ein Kindergarten im Erdgeschoss, eine Trafik, eine Bücherei sind als gemeinschaftliche Orte des Gemeindebaus eingeplant und umgesetzt worden.
Vorherrschend finden sich Dreiecksformen als stilgebendes Element, sichtbar an den Fensterleibungen und am großen mittigen, dicken grünen Eisentor. Der Bau wurde von drei Architekten geplant, zwei von ihnen werden in späterer Folge Aufnahme in der NSDAP finden, nämlich Anton Valentin und Wilhelm Rumler. Über den dritten, Viktor Reiter, ist wenig bekannt.

23 Jahre später, im Jahr 1949, wird die Wohnanlage nach dem Widerstandskämpfer Oskar Grossmann benannt. Oskar Grossmann selbst, der in jungen Jahren durch Vermittlung seines Schwagers im Postwesen angestellt ist und sich gewerkschaftlich engagiert, wohnt in den Jahren vor seinem Exil in der Brigittenauer Traunfelsgasse. Er ist Leiter des Kommunistischen Jugendverbandes, in dem er allabendlich jungen Genoss:innen politisches Wissen nahebringt, dass er sich – nie in einer Parteischule gewesen – selbst aneignet. 1935 nimmt Grossmann an der Kommunistischen Internationale (Kommintern) in Moskau teil, unmittelbar danach geht er mit der KP-Führung ins Prager Exil, von Prag direkt ab 1938 nach Paris. Seine Schwester Irma Maier, seit 1933 verwitwet, wohnt mit Mutter Anna Grossmann und den beiden Töchtern Ruth und Judith in einer Gemeindewohnung in der Gersthoferstraße 75-77 im 18. Bezirk. Die vier Frauen werden im Juli 1938 als Jüdinnen zwangsdelogiert. Irma bekommt für die 18-jährige Ruth ein Visum nach Norwegen, wo die Tochter vorerst in Sicherheit ist. Nach dem Einmarsch der Nazis wird Ruth jedoch im November 1942, zusammen mit 529 Jüdinnen und Juden, nach Auschwitz deportiert und fünf Tage später ermordet. Ruths Schwester Judith schafft es, mit dem ersten Kindertransport nach England zu kommen, und Mutter Irma und Grossmutter Anna können im September 1939 folgen.
Oskar Grossmann organisiert in den Jahren von 1941 bis 1944 zusammen mit Fritz Marek den österreichischen KP-Widerstand in Frankreich und gehört dem Zentralkomitee der KPÖ an. Er ist unter dem Decknamen „Lucien“ alleinverantwortlicher Redakteur für die bis 1944 in 30 Ausgaben erschienene Widerstandszeitung „Soldat am Mittelmeer“, die vor allem in Südfrankreich Wehrmachtssoldaten von der Sinnlosigkeit des Krieges überzeugen will.
Bei der Résistance-Gruppe Travail Allemande (TA) ist Oskar Grossmann ebenfalls tätig, als er bereits nach Lyon gewechselt und mit der KP-Gruppe vor Ort illegal tätig ist. Ein dramatischer Unfall setzt dort 1944 eine Kette in Gang, die letztlich Oskar Grossmann das Leben kosten wird. Eine Bombe der Résistance, die einem Wagen mit Wehrmachtssoldaten gilt, detoniert an einer Straßenkreuzung und trifft stattdessen den Wagen von Oskar Grossmann am Heimweg von einer Besprechung mit der KP-Führung. Grossmann wird schwer verletzt, verliert bei dem Unfall sein Augenlicht und ein Bein. Im Krankenhaus erkennt man die gefälschten Papiere und lässt ihn polizeilich bewachen. Dennoch wird er unter Protest des Krankenhauspersonals von der Gestapo abgeholt.
Klaus Barbie, der berüchtigte Leiter der Gestapo von Lyon und einer der brutalsten NS-Folterknechte und Massenmörder, ist für die Verhöre der Résistance-Angehörigen verantwortlich. Auch Oskar Grossmann wird in das Gestapo-Militärgefängnis eingeliefert, in dessen Kellern Barbie foltert. Seine eine Spur verliert sich bei den Folterkellern von Lyon. Bis heute ist unklar, wie und an welchem Tag Oskar Grossmann gestorben ist.
1951 lässt ihn seine Lebensgefährtin Selma Steinmetz für tot erklären. Als Oskar Grossmanns enge Mitarbeiterin war sie selbst in Lyon von der Gestapo gefangen genommen und gefoltert worden, wurde aber kurz vor Kriegsende von der Résistance aus dem Anhaltelager Drancy befreit. Sie gibt nach ihrer Rückkehr nach Wien 1946 möglicherweise Anstoß zur Benennung des Grossmannhof. Bestimmt ist es auch dem damaligen Wiener Kulturstadtrat Viktor Matejka zu verdanken, dass der Gemeindebau im Jahr 1949 Oskar Grossmanns Namen erhält. Restlos geklärt ist nicht, wer sich konkret für die Benennung einsetzte. Jedoch erscheint es naheliegend, dass der Name Oskar Grossmann auf der Vorschlagsliste der KPÖ für die Neu-Rück-und Umbenennung der Gemeindebauten 1949 stand.
Es waren nicht viele Bauten, die die Partei in ihrem letzten Jahr in der Wiener Stadtregierung „durchbrachte“. Lediglich acht Gemeindebauten wurden nach 1945 nach Kommunist:innen benannt. Von den im Juli 1938 delogierten elf jüdischen Bewohner:innen des Grossmannhofs überlebten vier die Shoah nicht.
Die SPÖ berichtet damals eher lapidar von dem neuen Gemeindebaunamen. War es doch Grossmann gewesen, der Otto Bauer des „Verrats am Proletariat“ bezichtigt hatte. Mit der Umbenennung nimmt 1949 ein Erinnerungsort für Oskar Grossmann seinen Anfang, an dem seither Gedenkveranstaltungen abgehalten werden. Am 1. August wird aus Anlass der Eröffnung vor hundert Jahren ein großes Straßenfest veranstaltet, das seine Entstehung einer Person verdankt: Katharina Erich, Bewohnerin im Grossmannhof und Obfrau des „Vereins FreundInnen des Oskar Grossmannhof“ plant und organisiert dieses Fest und hat mit einem engagierten Netzwerk und dem Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft vor einem Jahr ein Buchprojekt ins Leben gerufen. Am 1. August wird die Publikation zum Jubiläum beim Straßenfest vorgestellt.
Buchtipp
In 100 Jahre Grossmannhof und 82 Mischkulanzen (Hg. Katharina Erich) wird ein Bogen von der Eröffnung des Gemeindebaus bis in die Gegenwart gespannt. Im Zentrum steht die Aufarbeitung der Zeit zwischen 1938 und 1945.
Mit Beiträgen von Lilli Bauer, Werner T. Bauer, Christine Dubravac-Widholm, Alexander Emanuely, Claire Felsenburg, Richard Felsleitner, Winfried R. Garscha, Barbara Holzheu, Veronika Kaup-Hasler, Isabella Marboe, Manfred Mugrauer, Werner Michael Schwarz, Bruno Schwebel, Georg Spitaler, Susanne Stacher, Vladimir Vertlib.
100-Jahr-Feier
Das Straßenfest findet am 1. August von 16 bis 22 statt. Für das Musikprogramm sind u. a. Robert Rotifer, Phoebe Violett, Dominik Nostitz, Franz Haselsteiner und die Wladigeroff Brüder angesagt. Informationen gibt’s hier.
Quellen
Heimo Gruber: Selma Steinmetz als Bibliothekarin der Wiener Städtischen Büchereien. In: Sonja Frank (Hg.): Die drei Schwestern. Selma, Berthe und Gundl, geb. Steinmetz. Frauen im Widerstand 1933–1945, Wien, Theodor Kramer Gesellschaft, 2021.
Claudia Kuretsidis-Haider (DÖW), „Licht, Luft und Schatten.“ Wiener Gemeindebauten in Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Wien, Böhlau Verlag, 2026.
Peter Autengruber, Ursula Schwarz, Lexikon der Wiener Gemeindebauten. Namen, Denkmäler, Sehenswürdigkeiten. Wien, Wundergarten Verlag, 2023 (3. überarbeitete Auflage).
Wiener Stadt- und Landesarchiv 471/50, Magistrat der Stadt Wien, Magistratsabteilung 7, Beschluss vom 15. Februar 1949 zur Neu-Rück-und Umbenennung von Verkehrsflächen und Wohnhausanlagen in den Bezirken I-XXVI.








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