
Die Villa auf der Hohen Warte 29, um 1910, Atelier Julius Weiner, Wien, Quelle: Wikimedia Commons
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Wiener Zeitfenster – Erinnerungen an die Hohe Warte
Paradise Lost
Meine frühesten Kindheitserinnerungen an Wien sind eng mit einer imposanten Villa am höchsten Punkt der Hohen Warte verbunden. Mit jenem Ort in Döbling, an dem meine Eltern und ich in den ersten zwei Jahren nach unserer Übersiedlung aus Los Angeles lebten. Ich war gerade fünf Jahre alt geworden als wir einzogen. Das zweistöckige Gebäude, dessen erste Etage wir bewohnten, war von einem weitläufigen, ein wenig verwilderten Gartenpark umgeben. Ich sehe da zwei Glashäuser vor mir, einen ovalen Swimmingpool, der das ganze Jahr ohne Wasser blieb, Gemüsebeete und Baumalleen, ein kleines Becken mit Goldfischen. Die Besitzerin, eine strenge Norwegerin, Borghild Jung, war die Witwe des damals kürzlich verstorbenen österreichischen Malers Georg Jung. Der aus einer wohlhabenden Salzburger Hotelier-Familie stammende Künstler war Autodidakt, sein einst relativ bekanntes Œuvre ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Im Jahr 1942 war ihm ein Ausstellungsverbot erteilt worden, seine Kunst wurde von den Nationalsozialisten als „entartet“ eingestuft. Frau Borghild akzeptierte meine Eltern als Mieter offenbar nur deshalb, da auch wir ihrer Meinung nach Jung hießen; das K nach dem G im Namen meines Vaters schien in seinem amerikanischen Reisepass nicht auf.
Diese ersten Wiener Jahre erlebte ich als paradiesisch, hielt mich, so oft wie nur möglich, im riesigen Garten auf, meist allein, denn der Umgang mit einer Gleichaltrigen war mir bald verboten worden: Ein Kind aus dem Nebenhaus, mit ihr war ich eines Nachmittags wie wild um den Rand des Pools gerannt, bis ich ausrutschte und auf den Grund des leeren Beckens stürzte, eine Minute lang nach Luft ringend. Zwar blieb ich unverletzt, aber das Spielen mit Nini kam ein für alle Mal an sein Ende. Die beiden Töchter der Hausherrin, Eva und Verena, um Jahre älter als ich, gingen bereits ins Gymnasium, die ältere hatte sogar schon maturiert; sie interessierten sich wenig für ihren jüngsten Mieter.
Mein Vater, Robert Jungk, als Bestellerautor der Sachbücher ‘Die Zukunft hat schon begonnen’ und ‘Heller als Tausend Sonnen’ bereits weit über Österreichs Grenzen hinaus bekannt, schrieb in jener Zeit an seinem dritten Buch, ‘Strahlen aus der Asche’. Die ‘Geschichte einer Wiedergeburt’, wie das Werk im Untertitel hieß, erzählte von seinen Begegnungen mit Überlebenden des Atombombenabwurfs über Hiroshima. Vater zeichnete in erschütternder Weise die körperlichen und seelischen Langzeitfolgen der Strahlung auf die sogenannten Hibakusha nach, denen er begegnet war und denen er mit seinem Buch Denkmäler setzte.
Er arbeitete im sogenannten Turmzimmer der Villa, vom zweiten Stockwerk führte eine Wendeltreppe ganz hinauf, bis unter das Dach – ich hatte meine Freude daran, ihn beim Schreiben zu stören. Der Raum war rundherum mit großen Fenstern ausgestattet – man sah auf Heiligenstadt und weit im Hintergrund die Donau hinab, auf Grinzing und Sievering, im Süden bis hin zum Türkenschanzpark und sogar noch weiter, Richtung Innenstadt. Ich erinnere mich an die hundert Bücher, die mein Vater hier um sich scharte – da es im Turm keine Bücherstellagen gab, schuf er sich, trotz seiner manuellen Ungeschicklichkeit, Ersatz aus Ziegelsteinen und Brettern.
„Villa auf dem schönsten Punkte Wiens, Hohe Warte 29“, hieß es in einer Annonce in der Neuen Freien Presse im März 1895, als das im Jahr 1868 errichtete Landhaus zum ersten Mal zum Verkauf angeboten wurde, rund vier Jahrzehnte, bevor Georg Jung 1939 der Besitzer wurde. „Inmitten eines wohlgepflegten Gartens, mit 12 Wohnräumen, darunter 4 dreifenstrige Salons“, hieß es in der Anzeige weiter, „2 Küchen, Stallung, Waschküche…“ Damals war das Gebäude noch nicht ausgebaut worden, erst ein Jahr danach – nachdem neue Eigentümer gefunden worden waren - wurde der berühmte slowenisch-österreichische Architekt Max Fabiani, der Erbauer der Wiener Urania, beauftragt, einen grundlegenden Umbau vorzunehmen, der das Anwesen nachhaltig veränderte. Er fügte ein Stockwerk hinzu, vor dem Erdgeschoß entstand ein offener Verandabereich, die Kolonnade dahinter gab dem Eingang eine pavillonartige Repräsentation, wodurch ein allgemein monumentaler Eindruck entstand. Nach Fabianis architektonischer Neufassung standen nunmehr siebzehn Normalzimmer inklusive Salons zur Verfügung, sowie eine Turnhalle, eine Dachterrasse mit Sternwartekuppel - das Dach schmückten jetzt sphinxartige Figuren.
Nachdem ich nicht mit Nini spielen und meinen Vater nicht unentwegt stören durfte, zog ich mich am liebsten und am öftesten in einen Seitenarm des Gartens zurück. Hier stand ein kleiner, verwachsener Baum mit korkreicher Rinde, der eher in die Breite als in die Höhe wuchs. Ich kletterte auf ihm herum oder saß im Türkensitz in seinem Schatten. Da spielte ich, das Einzelkind, mit mir und gegen mich selbst ‘Mensch ärgere dich nicht’. In vier verschiedene Individuen aufgespalten, die gegeneinander würfelten und auf den Sieg hofften. Wie groß war meine Freude, wenn zuweilen der „wirkliche“ Ich ausnahmsweise eine Partie gewann!
Unvergesslich jener lange geplante Moment, einen der Goldfische zu fangen und ihn nach vollbrachter Tötung unter meinem Baum zu begraben. Endlich kam der Sonntag, an dem ich einen kleinen blauen Eimer aus dem Schrank im Kinderzimmer holte, um zur Tat zu schreiten; das Herz klopfte wie nie zuvor in meinem Leben. Ich stand vor dem Becken, die Fische tauchten an die Oberfläche, in der spielerischen Vorfreude auf Futter. Ich senkte den Eimer ins Wasser, um den weißen Fisch mit den roten Streifen zu erwischen, den ich von Anbeginn auserwählt hatte –, weil er so anders aussah als alle anderen. Der Eimer berührte bereits seine Schwanzflosse, da ertönte in meinem Rücken Borghild Jungs Stimme: »Kind! Was machst du denn da? Sofort aufhören, aber sofort!« Sie stand im seidenen Schlafrock am offenen Fenster, im Erdgeschoß. Ich wagte mich nie wieder in die Nähe des Beckens heran.
In meinem 2021 erschienenen, autobiografisch grundierten Memoir ‘Marktgefüster – Eine verborgene Heimat in Paris’ erzähle ich unter anderem auch von meiner frühen Kindheit in Wien. Das Kapitel ‘Hohe Warte’ berichtet von jenem Moment, da neue Mieter in die Villa einzogen. Ich weiß nicht mehr, in welchem Teil des Gebäudes das Ehepaar zu Beginn logierte, aber ich erinnere mich nur allzu gut, wer unsere damaligen Mitbewohner waren. Mutter ließ meinen Vater und mich wissen: „Die Frau ist dreißig Jahre jünger als ihr Mann! Die ist noch ein halbes Kind, höchstens zwanzig ...“ Das halbe Kind hieß Eliette, eine Französin, die in Wirklichkeit erst neunzehn Jahre alt war – und soeben verheiratet mit dem neu bestellten künstlerischen Leiter der Wiener Staatsoper. Die Bedeutung Herbert von Karajans sagte mir natürlich nichts.
In meinem Buch „Marktgeflüster“ habe ich aus dem berühmten Dirigenten einen angeblich „namhaften“ Filmproduzenten der Zwischenkriegszeit gemacht. Diesem gänzlich erfundenen Kaspar von Haberstein habe die österreichische Bundesregierung den Wiederaufbau der Wiener Filmstudios auf dem Rosenhügel anvertraut, so meine Phantasie. Eliette wurde in Hélène verwandelt, aber die Schilderung ihrer Sehnsucht nach Paris, ihr heftiger französischer Akzent, ihre liebevollen, an mich gerichteten Worte stimmen alle mit meinen Erinnerungen überein. Wien erlebte sie als grau, traurig, hässlich. Sie wünschte sich einen Sohn, sagte sie, der so sei wie ich.
Bereits nach wenigen Wochen des Zusammenlebens mit dem Ehepaar, begann sich die Atmosphäre in der Villa spürbar zu verändern. Herr von Karajan begann nämlich, mehr und mehr Platz für sich und seine Frau zu beanspruchen. Vor allem auf Vaters helles Turmzimmer hatte er es abgesehen: Er bot der Besitzerin für die Miete dieses Sonnenraums der besonderen Art eine Geldsumme, mit der mein Schriftsteller-Vater nicht mithalten konnte. Doch auch andere Teile der Villa wollte der neue Hausbewohner für sich. Frau Borghild begann, ihm nach und nach sogar einige ihrer eigenen Räume zur Untermiete zu überlassen. Bis sie eines Abends in unserer Küche erschien und uns mitteilte, sie habe unsere Wohnung Herrn von Karajan und seiner liebenswerten jungen Frau versprochen. Wir mussten innerhalb weniger Monate nach einer neuen Bleibe suchen.
Bis zu unserem forcierten Auszug spielte ich seltener im Garten, suchte, sobald ich aus der Schule nach Hause kam, den Chauffeur des Operndirektors auf, der, so schien es, rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen hatte, sollte Herr von Karajan in die Stadt gefahren werden wollen. Zumeist lümmelte Herr Heinz untätig neben der prächtigen Mercedes-Benz-Luxusausführung und wartete. Rauchte und wartete. Kaum erblickte er mich, strahlte er vor Freude, bemerkte nicht, wie traurig ich in jenen Tagen war. Kaum stand ich vor ihm, begann er bereits, im heftigsten Wiener Dialekt, der mir nur spurenweise verständlich war, Witze zu erzählen. Nicht zwei, oder drei Witze, sondern zwölf, vierzehn, zwanzig Witze, ohne Atempause, einen nach dem anderen und ohne abzuwarten, ob ich etwa lachte oder auch nur andeutungsweise auf seinen Redeschwall reagierte. Mehr als die Hälfte seiner Scherze war, nebenbei bemerkt, bestenfalls für Erwachsene geeignet.
Ich bat Herrn Heinz, mich hinter das Steuer der tiefschwarzen Limousine setzen zu dürfen. Und lernte damals, wohl zum ersten Mal im Leben, dass man in der Regel etwas geben muss, bevor man etwas zurückbekommt. Er war vom rotweißroten Oldsmobile fasziniert, mit Automatic-Gebtriebe, Modell 88, Baujahr 1957, den wir aus Kalifornien mit dem Frachtschiff nach Wien übersiedelt hatten, und den allein meine Mutter chauffierte. Meinem Vater war in Hollywood von einem Fahrlehrer das Autofahren mit den Worten „You’re a public danger, sir!“ (Sie sind eine Gefahr für die Öffentlichkeit!) ein für alle Mal ausgeredet worden. Meine Mutter erlaubte Herrn Heinz ausnahmsweise die Hohe Warte hinunter bis zur Döblinger Hauptstraße und wieder hinauf zu fahren; im Gegenzug durfte ich dann einen Tag später im geparkten Mercedes sitzen und mit dem Lenkrad hantieren, mit der Kupplung spielen.
Rund sechzig Jahre später wollte ich das Anwesen und den parkähnlichen Garten zum ersten Mal wiedersehen. Und konnte die Hausnummer Hohe Warte 29 nicht finden. Es gab zwar die Nummer 27 und auch eine Hausnummer 31, aber dazwischen weder die einst so stattliche Villa noch den weitläufigen Garten. Als hätte das alles nie existiert. Von der Straße aus waren graue Wohnblöcke zu je vier Stockwerken – mit mehreren Apartments auf jeder Etage – zu erkennen.
Ich begann zu recherchieren. Stieß bald auf den Internet-Blog eines Autors, Literatur- und Kulturwissenschaftlers, der sich mit der Geschichte der Hohen Warte 29 ausführlich befasst hatte. Und erfuhr dank Andreas Weigel, mit dem ich zu korrespondieren begann, dass die Villa Ende der 1970er-Jahre demoliert worden war, „dabei hätte das prächtige Gebäude allein wegen seines Architekten Max Fabiani Denkmalschutz verdient.“ Herr Weigel wies mich auf einen fünfminütigen ORF-Film aus dem Jahr 2022 hin, der die Geschichte der sogenannten ‘Karajan-Villa’ nachzeichnet und in dem es unter anderem heißt: „Es gibt sicherlich kein Haus in Österreich, in dem so viele bekannte und berühmte Menschen gelebt haben, wie auf der Adresse Hohe Warte 29 in Wien.“
Die Bemühungen der beiden Töchter, den Besitz nach dem Tod ihrer Mutter – Borghild verstarb im Jahr 1971 – zu erhalten, schlugen fehl. Weder ein Verkauf an eine Botschaft noch an wohlhabende Industrielle oder Vereinigungen kam zustande, die meisten Interessenten scheuten die zu erwartenden Kosten einer Renovierung. Das Gebäude wurde schließlich von einem Wohnungsunternehmen gekauft. Mein Baum war sicher sehr gewachsen, bevor auch er den Planierraupen, den Bulldozerpanzern, zum Opfer fiel. Andreas Weigel ließ mich wissen: „Weitere Infos über sämtliche Mieter:innen der Villa kann Ihnen Frau Dr. Verena Altmann, geborene Jung, geben.“ So kam ich erstmals seit den 1960er Jahren wieder in Kontakt mit Georg Jungs und Borghilds jüngerer Tochter, die mir antwortete: „Ich erinnere mich sehr gut an Ihren Vater, in der Zeit als er bei uns auf der Hohen Warte im ‘Turmzimmer’ arbeitete. Und natürlich auch an Sie.“
Zu den weiteren Mietern habe neben Heinz Rühmann, Paul Hoffmann und Ida Krottendorf, auch Peter Alexander gezählt, der mit seiner Familie in der Villa lebte. Doch die größte Überraschung war für mich der Name des letzten prominenten Mieters, er war nach dem Fortgang des Ehepaars Karajan eingezogen: Der Schriftsteller John le Carré. Verena erzählte mir, dass David Cornwell, wie er eigentlich hieß, ihr ein Exemplar der damals gerade erschienenen deutschen Übersetzung seines Romans ‘Der Spion, der aus der Kälte kam’ gewidmet habe.
Ich bat sie um den Wortlaut, sie sandte mir ein Foto der Widmungsseite:
„Verena Jung, zum 21. Geburtstag. In der Hoffnung, daß sie im weiteren Leben nie die Kälte der Einsamkeit erlebt, und wenn doch, daß sie heil davon zurückkehrt!
5 Jan 65, John le Carré, Wien, Hohe Warte 29.“









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