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Martina Nußbaumer, 29.7.2026

Impressionen von der Großbaustelle Donauinsel

Landschaft im Umbruch

Neun Monate lang streifte der Wiener Fotograf Christoph Scharff im Jahr 1983 durch das Areal des Überschwemmungsgebiets, das damals gerade zur Donauinsel und zur Neuen Donau umgebaut wurde. Seine Dokumentation einer neu entstehenden Landschaft ist nun als Schenkung ins Wien Museum gekommen.

„Es gibt wenige städtebauliche Projekte, die eine Stadt nicht nur in ihrem Erscheinungsbild, sondern auch in ihrer Benutzbarkeit für die Menschen grundlegend verändern. Das erste war für mich in meiner Jugend der U-Bahn-Bau. Das zweite war dann die Donauinsel – das war ein gewaltiger Eingriff und der hat mich sehr interessiert“, erinnert sich Christoph Scharff. Das Jahr 1983 war für den damals 25-jährigen Fotografen ein idealer Zeitpunkt, um den neuen, Abschnitt für Abschnitt entstehenden Hochwasserschutz mit der Kamera zu erkunden: Rund zwei Drittel der 21 Kilometer langen Donauinsel und der Neuen Donau waren damals, nach elf Jahren Bauzeit, bereits fertiggestellt, zugleich aber auch noch Teile des ehemaligen Überschwemmungsgebiets gut sichtbar. Und dazwischen gab es die jeweils aktuellen Baustellenbereiche, in denen sich das Neue über das Alte schob. 

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Überlagerung dreier Landschaften

Für Christoph Scharff war gerade dieses zeitgleiche Neben- und Übereinander dreier unterschiedlicher Stadtlandschaften fotografisch reizvoll. „Die neu gebauten, fertiggestellten Teile waren damals noch nicht von den Menschen in Besitz genommen, noch nicht wirklich belebt. Die Bäume waren noch dünne Stämmchen, alles war ziemlich karg, der Beton frisch ausgeschalt, die Sonne hat im Sommer heruntergeglüht. Auf mich hat das manchmal einen regelrechten Mezzogiorno-Eindruck gemacht, ich habe mich gefühlt wie in einem Antonioni-Film, nur die schwarzen Anzüge haben noch gefehlt. Die findet man auf der Donauinsel natürlich nicht, aber ich hatte schon starke Assoziationen, auch angesichts so mancher brutalistischer Architekturdetails, die man auch auf einzelnen der Bilder sieht.“

Atmosphärisch ganz anders präsentierte sich in Scharffs Erinnerung das alte, von den Menschen nach wie vor „wild“ genutzte Überschwemmungsgebiet: „Das sah damals noch genauso aus wie wahrscheinlich auch Jahrzehnte davor, das war einfach großartig. Ich hatte da immer den Eindruck: Da vergehen die Jahreszeiten, eins ums andere Jahr, daneben fließt ein Strom, und alles ist absolut zeitlos. Der Schriftsteller Robert Seethaler fällt mir da ein mit seinem Roman „Café ohne Namen“, da beschreibt er etwa auch Liebesausflüge ins Überschwemmungsgebiet. Das Areal hatte schon eine ganz besondere soziale Funktion. Das war ein sehr spezieller, ein sehr großer Wiener Ort.“ 

Überraschend waren für den Fotografen vor allem jene Abschnitte, an denen gerade gebaut wurde: „Meine Erwartung war, dass dort, wo die Veränderung stattfindet, eine Dynamik herrscht. Aber die gab es nicht. Immer, wenn ich dort war, sind die Baumaschinen stillgestanden, wie Saurierskelette. Es war ein Umbruch ohne sichtbare Bewegung. Man sah zwar, da schiebt sich der Schotter über die alte Landschaft wie eine Gletscherendmoräne, aber es sah nach Stillstand aus. Obwohl die Donauinsel dann natürlich irgendwann doch fertig geworden ist.“

Unterwegs mit der Hasselblad

Inspirationen für seine fotografische Arbeit fand Christoph Scharff damals in den Landschaftsfotografien berühmter US-amerikanischer Fotografen wie Ansel Adams, Edward Weston oder Minor White, die in den 1970er Jahren in Wiens erster Fotogalerie „Die Brücke“ in der Bäckerstraße zu sehen waren, später aber auch in den Fotografien urbaner Brachen und Stadtrandgebiete von Louis Baltz und den Berlin-Fotografien von Michael Schmidt. Während Baltz und Schmidt mit einer Leica, also mit einer klassischen Kleinbildkamera und dem Bildformat zwei zu drei arbeiteten, entschied sich Scharff, auf der Donauinsel mit einer Hasselblad, also einer Mittelformatkamera zu fotografieren – und für das Quadrat als Bildformat: „Ich habe das Quadrat gewählt, weil es so eine perfekte Form ist – in sich geschlossen, unaufgeregt, ruhig. Meine Bilder sind sehr statisch, denn die Landschaft der Donauinsel ist eine, die architektonisch angelegt ist, und diese Statik schien mir die Struktur dieser Landschaft am besten zu zeigen. Auf vielen Bildern kommen auch die großen Metastrukturen vor, die die Insel gliedern und Orientierung ermöglichen – vor allem die Brücken, die die Insel zugänglich machen, markante Gebäude wie der Donauturm, die Wiener Hausberge. Die Fotos sind fast immer waagrecht ausgerichtet, es gibt selten Blicke von unten oder von oben. Nur das Schlussbild der Serie zeigt bewusst einen Blick hinunter aufs schwarze Wasser.“

Begegnungen zwischen Grill und Sonnenbad

Christoph Scharffs Donauinsel-Bilder sind jedoch keine reinen Architektur- oder Landschaftsfotografien, sondern zeigen immer wieder auch die Menschen, die sich diese Landschaft aneignen – ob zum in der Sonne Liegen, Baden oder Grillen. Das Fotografieren mit der Mittelformatkamera erleichterte es aus seiner Sicht, sich den Fotografierten respektvoll zu nähern: „Wenn ich mit einer Hasselblad fotografiere, halte ich die Kamera auf Brusthöhe, schaue von oben durch den Lichtschacht auf diese silbrige Mattscheibe und visiere mein Gegenüber nicht an wie ein Jäger das Reh, das er erlegt, sondern ich verbeuge mich und drücke dann den Auslöser. Aus heutiger Sicht ist das eine sehr altmodische Fotografie, aber für mich war das den fotografierten Menschen gegenüber höflich, es waren keine Schüsse aus dem Hinterhalt.“
 

Fast niemand sagte damals Nein zu einem Foto, und vor allem junge Burschen nutzten die Möglichkeit gern, um gemeinsam mit Freunden vor der Kamera zu posieren. Die Stimmung am Areal sei damals auffallend entspannt gewesen, erzählt Scharff. „Die nettesten Begegnungen waren die beim Grillen im alten Überschwemmungsgebiet. Da haben migrantische Familien und Gruppen aufgetischt und das war großartig. Da gab es gute Laune und große Gastfreundschaft – man konnte die Einladung zum Kosten und Mitessen kaum ausschlagen. Bei den autochthonen Wienern im Überschwemmungsgebiet gab es diese Geselligkeit nicht, die waren etwas stärker auf Distanz, vielleicht auch misstrauischer.“ Die Stimmung in den fertiggestellten Teilen der Donauinsel hat Scharff als eine „oszillierende“ in Erinnerung: „Es war damals noch nicht klar, wem welches Gebiet gehört, wer wo seinen Platz hat. Das war alles noch im Fluss. Was die Wienerinnen und Wiener jedenfalls als Erstes gemacht haben, war, sich in die Sonne zu legen, ob am Wasser oder auf der Gstätten.“

43 Jahre später

Christophs Scharffs zwischen Frühjahr und Herbst 1983 entstandene Fotoserie "Donauinsel" war noch im selben Jahr in der Galerie Gabriel auf der Seilerstätte zu sehen. Nun, 43 Jahre später, hat die 47-teilige Schwarz-Weiß-Fotoserie – das Portfolio ist ein Unikat – in der Sammlung des Wien Museums eine neue Heimat gefunden. Das Riesenprojekt Donauinsel wurde 1988 fertiggestellt, das Areal hat sich seit dem Fotoprojekt stark verändert. „Es ist kein Überschwemmungsgebiet mehr und es hat auch nicht mehr diese Ursprünglichkeit. Das kann man bedauern, aber das ist eben Städtebau – und als solchen finde ich die Donauinsel gelungen“, bilanziert Christoph Scharff. „Die Insel hat sich erst vor Kurzem wieder als Hochwasserschutz bewährt und wird offensichtlich von den Menschen angenommen. Mein Eindruck ist auch, dass Wien eine allzu starke Kommerzialisierung erfolgreich vermeidet. Das ist meiner Meinung nach gut und wichtig so. Die Donauinsel funktioniert auch nach 40 Jahren offenkundig. Welche Millionenstädte können den Menschen so etwas mitten in der Stadt bieten?“

Martina Nußbaumer studierte Geschichte, Angewandte Kulturwissenschaften und Kulturmanagement in Graz und Edinburgh und ist seit 2008 Kuratorin im Wien Museum. Ausstellungen, Publikationen und Radiosendungen (Ö1) zu Stadt- und Kulturgeschichte im 19., 20. und 21. Jahrhundert, Geschlechtergeschichte sowie zu Geschichts- und Identitätspolitik.

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