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Tabea Rude, 12.2.2026

Erinnerungsfunktion bei historischen Uhren

Vergiss den Knoten im Taschentuch!

Als Gedächtnisstütze hat der einst vielzitierte Knoten im Taschentuch längst ausgedient: Denn vor etwa hundert Jahren kamen die Papiertaschentücher auf. Uhren mit Erinnerungsfunktion gab es zwar schon länger, doch ab den 1950er Jahren erlebten sie einen Boom. 

Die Tradition von Knoten als Gedächtnisstütze oder sogar als Schrift und besonders zum Abbilden von Zahlen ist sehr alt. Die sogenannte Knotenschrift Quipu wurde von der südamerikanischen Bevölkerung des Inkareiches schon ab dem 7. Jahrhundert nach Christus verwendet. Diese mnemonischen Knoten fanden auch ihre Anwendung, um das Vergehen der Zeit zu markieren – es entstanden Knotenkalender. Aber auch um die Erinnerung an Lieder, Gedichte, Gesetze und historische Traditionen zu erhalten, wurden Knoten verwendet.

Während der Knoten als Zähl- und Schriftwerkzeug mit der Verbreitung von anderen Schriften und dem Drucken von Massenmedien immer weniger wichtig wurde, gab es doch immer wieder Versuche neue Arten von Gedächtnisstützen zu etablieren. Ganz besonders in der Uhrenindustrie, denn wo sonst würde sich eine Gedächtnisstütze zur rechten Zeit am besten anbieten?

Ein Bericht in der Deutschen Uhrmacherzeitung über die Weltausstellung in Paris 1890 erwähnte zum Beispiel eine Schweizer Uhr mit einer einfachen Erinnerungsfunktion. Bei dieser besonderen Uhr erscheint für das eingestellte Datum und die eingestellte Uhrzeit eine Stiefmütterchenblüte in einer kleinen Öffnung auf dem Zifferblatt. Sobald sich das Datum ändert, verschwindet die Stiefmütterchenblüte. Das französische Wort für „Stiefmütterchen” lautet „pensée”, was neben der Blume auch Gedanke oder Überlegung bedeutet.

Eine weitere Idee wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in den Uhrmacherzeitungen publiziert:  Eine Taschenuhr die mit einem zusätzlichen flachen Rahmen aus Email um das Zifferblatt sowie mit ein paar Bleistiften an der Kette ausgestattet war. Der Besitzer konnte seine Termine oder Erinnerungen zu den entsprechenden Stundenziffern hinzufügen und den Emaille-Ring nach Ablauf der Termine wieder abwischen. Wie ein kleiner, runder Kalender, der alle zwölf Stunden neu beschrieben werden muss. 

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Die Uhr wurde mit Zeichnungen und Beschreibungen in den meisten deutschsprachigen Uhrenzeitschriften sowie in einigen französischsprachigen Schweizer Zeitschriften veröffentlicht, und die Firma Didisheim-Goldschmidt in La Chaux-de-Fonds glaubte wirklich, eine Goldgrube gefunden zu haben. Eine weitere Version war ebenfalls geplant, doch nach dieser ersten großen Ankündigung scheint nichts mehr darüber berichtet worden zu sein. Offensichtlich kam diese zweite Uhr nie auf den Markt. 

Die Erinnerungsfunktion ist natürlich technisch stark verwandt mit den Alarmfunktionen und Weckern, die es bereits seit Anbeginn der mechanischen Uhren hab. Streng betrachtet waren Uhren ursprünglich nur mechanisierte Glocken-Gedächtnisstützen par exellence sozusagen. Das Marketing der Gedächtnisstütze erfuhr vor allem in den 1950ern und 1960ern wieder großen Aufwind. Der Geschäftsmann musste schließlich ausgestattet werden. Gewöhnliche Alarmfunktionen wurden neu vermarktet: Zum Beispiel mit der Jaeger LeCoultre Memovox, eine Armbanduhr mit einem Alarm mit zwei verschiedenen Lautstärken, der dadurch entsteht, dass das Gehäuse als Resonator fungiert. Ein lauter Ton, der morgens erzeugt wird, wenn die Uhr auf dem Tisch liegt, und ein diskreter Ton, der tagsüber erzeugt wird, wenn die Uhr am Handgelenk des vielbeschäftigten Geschäftsmannes sitzt. Das gleiche Unternehmen bot auch Tischuhrenversionen sowie die Memovox Parking, eine Armbanduhr, die an die ablaufende Parkzeit erinnert.

Das Büro war ein wichtiges Absatzgebiet solcher Produkte. Auch die Firma Beran in Wien brachte 1936 ein Produkt heraus, das aushelfen sollte. Der „Universal-Robot“ stellte sicher, dass man keinen Termin mehr verpasste und möglichst ökonomisch arbeiten konnte. Außerdem aktivierte er zu eingestellten Zeiten Radioprogramme. Das einfache mechanische Uhrwerk steckte in einem runden Bakelitgehäuse, das sich auf verschiedene Sockel oder in Gehäuse einsetzen ließ und so je nach Anwendung oder Einrichtung verwendet werden konnte. 

Eingestellt wurden die Erinnerungszeiten auf fünf Minuten genau über einen drehbaren Gehäusering. Die Firma hatte Erfahrung im Bereich Werkzeugbau, in der Herstellung von Kunstharz-Press und Spritzformen sowie Schaltuhren und Zünder. Schon vor dem zweiten Weltkrieg versuchte sie den Universal-Robot zu vermarkten, musste dann aber auf Zünderproduktion für den Krieg umstellen. Nach dem Krieg wurde die Firma jedoch mit einem breiten Sortiment erfolgreich. Dieses war nicht nur an die Geschäftsmänner gerichtet, sondern auch an Frauen und Kinder. Der „Universal-Robot“ als neue Haushalts- und Arbeitsmaschine für Effizienz und Planung fand ein breites Publikum. 

Quellen:

Cyrus L. Day. ‘Knots and Knot Lore: Quipus and Other Mnemonic Knots’, in: Western Folklore Bd. 16, Nr. 1 (Jan. 1957), S. 8-26. 

Cesar Brandt. ‘Die Schweizer Uhrenindustrie auf der Pariser Weltausstellung‘ in: Deutsche Uhrmacherzeitung, Bd.14, Nr. 23 (Dez 1890). S. 177.

Anonym. ‘La Montre “Memento”’, in: Journal Suisse D'Horlogerie, Bd. 27, Nr. 9 (März 1903), S. 302-304.

Max d’Arcis. ‘La mesure du temps et les activités de l’homme’, in: La Suisse Horlogere, Nr. 2 (Jul 1959), S. 2.

Anonym. ‘La memovox reveille…’, in: La Suisse Horlogere, Nr. 1 (April 1958), S.24.

Tabea Rude lernte das Uhrmacherhandwerk in Pforzheim und studierte dann Restaurierung für Uhren und dynamische Objekte an der University of Sussex. Seit 2017 ist sie für die Uhrensammlung zuständig. Sie ist besonders interessiert an elektrischen Uhren und Zeitdienstanlagen zwischen 1850 und 1950, publiziert hat sie zu dem Thema im britischen peer-reviewed Antiquarian Horological Journal. Sie begeistert sich außerdem für historische Kunststoffisolierung, taktische Intervallzeitmessung in Konvoys auf See im 1. und 2. Weltkrieg und Feueralarmtelegraphie.

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