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Christoph Freyer, 28.8.2020

Karl Schwanzer Archiv im Wien Museum

Karl Schwanzer – ein Name, eine Firma, eine Marke, ein Projekt?

Karl Schwanzer (1918–1975) gilt als einer der wichtigsten Architekten der österreichischen Nachkriegsmoderne.  Der Output seines Büros war so umfangreich wie der architektonische Nachlass, der von seinen Söhnen zum 100. Geburtstag 2018 dem Wien Museum übergeben wurde: ein Überblick.

Nachdem Martin und Berthold Schwanzer 2018 dem Wien Museum den architektonischen Nachlass ihres Vaters als Schenkung anvertraut hatten, begann kurz darauf die Inventarisierung und Erschließung dieses immensen Konvoluts. Der Bestand wird sortiert, abgemessen, teilweise fotografiert, beschrieben und in eine Datenbank eingegeben und somit das Material für Interessierte zugänglich und erforschbar gemacht. Eine Besonderheit des Karl Schwanzer Archivs ist seine Gesamtheit: Neben Plänen, Skizzen, Fotografien und der Atelierbibliothek sind auch viele Akten erhalten, die den Übergang vom kleinen Architekturatelier zum Architektur-Großbüro internationalen Stils im Nachkriegsösterreich sichtbar machen.  

Doch wer war Karl Schwanzer? Viele kennen seinen Namen, den meisten sind jedoch nur einige Bauwerke – wie das Philipshaus an der Wiener Triester Straße, das 20er Haus (heute Belvedere 21) beim Schweizergarten oder das WIFI am Währinger Gürtel in Wien – bekannt. Von der Fülle und Vielfalt seines Werks wissen nur wenige. 

Karl Schwanzer (1918–1975) zählt zu den wichtigsten Architekten Österreichs. Er studierte an der Technischen Hochschule Wien (heute Technische Universität Wien) und war von 1946–1950 als Assistent von Oswald Haerdtl an der Kunstgewerbeschule – der heutigen Universität für angewandte Kunst Wien – tätig, wo er von dessen fortschrittlichen Lehrmethoden stark beeinflusst wurde. Diese sollten auch seine eigene Lehre prägen. Schwanzer hatte von 1959 bis zu seinem Tod eine Professur an der Technischen Universität Wien, wo er auch von 1965–1966 Dekan für Bauingenieurwesen und Architektur war. Wie schon bei Haerdtl konnten die Studierenden jederzeit zu ihm kommen und der Ausnahmearchitekt spornte sie nicht nur durch seine innovative Art zu neuen Ideen an. Er baute auch seine universitären Räumlichkeiten auf eigene Kosten um und legte, wie er es von Haerdtl kannte und auch in seinem eigenen Atelier praktizierte, die neusten in- und ausländischen Architekturzeitschriften auf.

Karl Schwanzers Feder, und damit auch seinem Büro, entstammen alle nur erdenklichen Bauaufgaben. Vom Geschäftslokal über den Wohnbau, das Kino, die Fabrik, den Bürobau, Messe- und Ausstellungsbauten, Sakralbau, Gesundheitswesen, Gastronomie, Kindergärten, Schulen sowie Museen. Je nach Aufgabe reichte die Gestaltung von der reinen Architektur bis zum Mobiliar. 

Doch zurück zu den Anfängen in die 1940er-Jahre:  Bereits während seiner Beschäftigung bei seinem Mentor Oswald Haerdtl machte sich Karl Schwanzer 1948 in Wien als Architekt selbständig. Zu seinen frühesten Werken (alle in Wien) zählen die erste Renovierung des Café Prückel nach dem Zweiten Weltkrieg, der Wiederaufbau des stark kriegsbeschädigten Wohn- und Geschäftshauses Graben 30 oder die Neugestaltung des Modesalons Elegance in der Kärntner Straße.

Karl Schwanzer war stets technischen Neuerungen besonders aufgeschlossen und wusste diese auch für seine Entwürfe einzusetzen. So adaptierte er Anfang der 1950er–Jahre beispielsweise für ein Stoffgeschäft auf der Landstraßer Hauptstraße ein aus der Industrie stammendes, damals neuartiges, automatisch öffnendes Türsystem. Bei diesem wurde mittels einer Lichtschranke ein nicht sichtbares, pneumatisches Öffnungs- und Schließsystem der Türe ausgelöst. Durch die Verwendung einer Eingangstüre aus Glas und eines ebensolchen Türgriffs wurde zudem der Effekt der sich scheinbar von „Geisterhand“ öffnenden Türe auch optisch erweitert, da sie durch ihre Transparenz materiell aufgelöst schien. Diese Lösung sorgte derart für Aufsehen, dass mehrere Zeitungen darüber berichteten. Im „Neuen Österreich“ stand über die „Geistertür“ auf der Landstraße zu lesen: „In einem Geschäft gegenüber dem Rochusmarkt scheinen sich dienstbare Geister etabliert zu haben, die willfährig vor jedem Kunden die Tür öffnen und sie hinter ihm wieder schließen.“

Bereits in seinen ersten Jahren der Selbständigkeit hatte sich Karl Schwanzer den Ruf als hervorragender Gestalter von Geschäftslokalen erarbeitet. So wurden noble Geschäfte an den ersten Adressen Wiens von ihm – teils auch mehrfach – neu- und umgestaltet. Die Älteren werden sich an viele der Geschäfte noch erinnern. Mehr als fünf Lokale in der Kärntner Straße (Rositta, Elegance, Carius & Binder, Olivetti, Kugler), am Graben Hans Porges und Adil Besim, auf der Mariahilfer Straße Lady Strickmoden und Ullstein Verlag, Libelle auf der Nussdorfer Straße, Miller Stoffe auf der Landstraßer Hauptstraße, Gebrüder Vartian in der Seilergasse, Wirtschaftsverlag am Stubenring, Denzel am Parkring, Am Hof und in der Gumpendorfer Straße, am Opernring das Yard, Hantak, Mercedes und das Französische Fremdenverkehrsamt oder das Schuhhaus Nissel in der Märzstraße. Für eine Filiale des exklusiven Damenmodengeschäfts Rositta in Salzburg entwarf der Architekt eine Besonderheit: ein Verkaufspult mit integrierter Raumheizung. Diese Lösung war nicht nur platzsparend, vielmehr konnten dadurch auch störende Einbauten wie Heizkörper vermieden werden.

Auch für sein eigenes Wohnhaus im 18. Wiener Gemeindebezirk entwarf Karl Schwanzer nahezu die gesamte Einrichtung. Dieses außergewöhnliche Gebäude verfügte im Freiraum zudem über einen ganz speziellen Grill. Das ausgefallene Stück – ein geodätisch konstruierter Körper, der hängend an der Pergola angebracht war – wechselt zwischen Objekt und Gebrauchsgegenstand.

Schwanzers Technikbegeisterung manifestierte sich aber auch in Wiens erstem Autolift. Das aufsehenerregende Bauwerk errichtete er im Zeitalter der Automobilisierung 1959 für das aufstrebende Wien. Das Parkhaus am Neuen Markt verfügte nicht wie bisher üblich über eine Rampe im Inneren, sondern beförderte platzsparend, mittels vier nebeneinanderliegender Aufzüge, das Auto automatisch zu dem gewünschten Stellplatz. Erst in den 1970er-Jahren wurde der Autolift durch die Fußgängerzone unrentabel und im Jahr 1980 von seinem Sohn Martin Schwanzer, der nach seinem Tod das Atelier weiterführte, zu einem Bürohaus umgebaut.
 

Christoph Freyer, Studium der Kunstgeschichte an der Universität Wien, seit 2018 im Karl Schwanzer Archiv des Wien Museums tätig, Publikationen u.a. zum Roten Wien, Margarete Schütte-Lihotzky sowie Raimund Abraham.

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