Website Suche (Nach dem Absenden werden Sie zur Suchergebnisseite weitergeleitet.)

Hauptinhalt

Andrea Ruscher, 9.1.2026

Marian Anderson im Wiener Konzerthaus

Erst Schubert, dann Spirituals

Eine Karriere als Schwarze Person zu machen war sowohl in den USA als auch in Europa kein Leichtes im frühen 20. Jahrhundert. Die klassische Sängerin Marian Anderson stellte sich gegen rassistische Vorurteile und erkämpfte sich Räume für ihre Kunst. Ihre Zeit auf Wiener Bühnen spielte dabei eine wesentliche Rolle. 

„Mit dem Lied Komm, süßer Tod an jenem Abend in Wien habe ich wahrscheinlich den Schlüssel zu dem Geheimnis [eines gelungenen Auftritts] gefunden. Und das Publikum fühlte es.“

Marian Anderson (1897–1993) ist in den USA vielen bekannt als die erste Schwarze Frau, die in der Metropolitan Opera auftrat; als eine Sängerin, der es aufgrund ihrer Hautfarbe verwehrt geblieben war, in der Washington Town Hall aufzutreten, die im Gegenzug aber öffentlich vor dem Lincoln Memorial für über siebzigtausend Menschen – aller Hautfarben – sang. In Wien ist Marian Anderson heute wenigen Menschen ein Begriff, obwohl sie gerade hier fundamentale Schritte für ihre Gesangskarriere tat.

Musikalische Anfänge

1897 in Philadelphia geboren, wuchs Marian Anderson in engem Zusammenhalt ihrer Familie, Nachbarschaft und Kirchengemeinde auf, wo schon früh ihr Talent zum Singen auffiel. Fast genauso früh lernte sie aber die Realitäten von Rassismus und Segregation in der US-amerikanischen Gesellschaft kennen. In ihrer Autobiografie beschreibt sie, wie sie als junges Mädchen in einer Musikschule vorsprach und schon von der Sekretärin am Eingang abgelehnt wurde, weil sie Afroamerikanerin war: „Ich stritt nicht mit ihr und verlangte auch nicht, ihre Vorgesetzen zu sprechen. Es war mir, als ob sich eine kalte, schreckliche Hand auf mich gelegt hätte. Ich drehte mich um und ging.“

Anderson ließ sich jedoch nicht unterkriegen – das sollte eine Konstante in ihrem Leben sein –, ihre Familie fand ihr eine Lehrerin, die sie unterrichten würde, und sie beeindruckte ihr Umfeld durchwegs mit ihrem Ehrgeiz und ihrem Können. Ab 1918 tourte sie mit Billy King (1897–?) als ihrem Begleiter am Piano durch die USA und trat in allen Konzerthäusern auf, die es ihr zugestanden.

Unmöglichkeiten

Die Historikerin Kira Thurman beschreibt ein Szenario von drei „unmöglichen Optionen“ für afroamerikanische Musiker:innen des klassischen Faches in dieser Zeit: Sie konnten sich mit einer mittelmäßigen Karriere abfinden, weil ihnen große Konzertsäle verwehrt blieben. Sie konnten die klassische Musik hinter sich lassen und zu Genres wie Jazz oder Blues wechseln. Oder sie gingen nach Europa und versuchten dort ihr Glück. 

Anderson entschied sie für letztere Option. Sie war nicht illusorisch, sondern wusste genau über ihre Spielräume: „Sicher hatte die Agentur Schwierigkeiten, wenn sie ihren normalen Konzertabnehmern eine junge N*-Kontra-Altistin einreden wollten, und ich hatte auch keinen europäischen Ruf in die Waagschale zu werfen wie Roland Hayes.“ Der Tenor Roland Hayes (1887–1977) war zu der Zeit einer der gefragtesten klassischen Sänger auf beiden Seiten des Atlantiks. Er war schon in den 1920ern durch Europa getourt, 1923 trat er erstmals im Wiener Konzerthaus auf. In Europa war es zwar möglich, auch als Schwarzer Künstler auf die großen Bühnen zu gelangen, jedoch blieben auch hier rassistische Abwertungen nicht aus: „Ein Unikum, eine exotische Erscheinung, Roland Hayes, der schmucke N*tenor. Merkwürd’ger Fall! […] So sehr man auch die Ohren spitzt: kein Fehler, alles tadellos. […], und doch … mag das Ganze so artifiziell sein, noch so echt erscheinen. Irgendwo steckt doch ein ästhetischer Rechenfehler und stört das Endresultat. Ein N*, mit schwebendem Ton von Eichendorff'scher Mondnacht flötend… nein, das kann nicht stimmen.“ (Neues Wiener Tagblatt, 1. Oktober 1923, S. 3)

Überspringe den Bilder Slider
Springe zum Anfang des Bilder Slider

Kira Thurman vertritt die These, dass es für das deutsche und österreichische Publikum um ein Vielfaches konfliktreicher war, Roland Hayes Schubert singen zu hören, als etwa Josephine Baker in einem Nachtclub zuzujubeln. Klassische Musik war unzertrennlich mit der nationalen Identität in Deutschland und Österreich verknüpft. Während man afroamerikanische Menschen in die Schublade Schwarzer Musik- und Tanzstile steckte und sie dort – aber auch nur dort – tolerierte, empfanden es viele im Wiener Publikum als Zumutung, wenn eine Schwarze Person klassische Lieder, und diese auch noch in deutscher Sprache, vortrug. Das würde auch Marian Anderson bald zu spüren bekommen. 

Europa-Tournee

Marian Anderson fasste in den frühen 1930er Jahren also den Entschluss nach Europa zu reisen. Nicht um dort zu bleiben, sondern um zu lernen und genau wie Hayes mit viel Ruhm in die USA zurückkehren zu können – das versicherte sie ihrer Mutter und all den Nachbarn, die bei der Finanzierung der Reise halfen. Sie kam zuerst in Großbritannien an, später reiste sie nach Deutschland – bis sie hier als „Nicht-Arierin“ nicht mehr willkommen war –, sie sang viele Konzerte in Skandinavien und stoppte auf ihrer Tour schließlich auch in Österreich. „Wien war ein Erlebnis für mich. […] Hier zu singen und Erfolg zu haben, bedeutete einen weiteren Schritt zu dem Ziel, das ich zu erreichen hoffte. Ich suchte alle Gedenkstätten auf, die an Beethoven, Schubert, Brahms und andere Tondichter erinnerten, und fühlte mich in einer besonderen Stimmung, als ich auftrat.“

1935 sang sie erstmals im Wiener Konzerthaus. Üblicherweise bestand ihr Programm aus klassischen Liedern, gefolgt von amerikanischen Spirituals. Das Wiener Publikum war erst skeptisch oder wenig interessiert, als die Wiener:innen aber Andersons beeindruckende Alt-Stimme hörten, breitete sich unter ihnen schnell das „Anderson-Fieber“ aus. Die Presse der Zeit erging sich in Begeisterung, Sensationsgier – und Vorurteilen, wie auch schon früher bei Hayes. Es gab großen Respekt für ihren „intelligenten Vortrag“ (Gerechtigkeit, 25.6.1936, S.11) und ihre „Tiefe des Ausdrucks“ (Die Stunde, 7. Februar, 1935). Aber auf fast jedes Lob folgten rassistische Kommentare: „Nur ganz leise meldet sich ein erotischer Klang der Rasse, ein seliger oder trompetenartiger Beiklang, eine fremdartige Betonung.“ (Der Tag, 23.6.1936, S. 8)

Schwere Abschiede

Mittlerweile war Anderson nicht mehr mit Billy King auf Tour, sondern der finnische Pianist Kosti Vehanen (1887–1957) war ihr musikalischer Partner geworden. Andersons Entscheidung, nicht mehr mit dem afroamerikanischen Billy King zusammenzuarbeiten, sondern ihn durch einen weißen Kollegen zu ersetzen, stieß in der Schwarzen Community auf Kritik. Sie brauchte allerdings einen exzellenten, klassisch-geschulten Pianisten an ihrer Seite und konnte diesen nach eigenen Angaben nur unter weißen Musikern finden. Auch Jahrzehnte später reflektierte sie noch über dieses Dilemma in ihrer Biografie: „Man muss den Tatsachen ins Auge sehen. […] Ein N* muss einerseits seine Fähigkeit auf musikalischem Gebiet unter Beweis stellen, sich mit den Allerbesten messen können, wenn er ein Engagement finden will, andererseits hat er keinen Ansporn sich anzustrengen, wenn er weiß, dass er keine Aufnahme finden wird.“ Vehanen sollte sie später in den USA noch bis 1940 begleiten, auch bei ihrem außergewöhnlichen Konzert vor dem Lincoln Memorial, bis er wegen Krankheit vom deutschen Pianisten Franz Rupp (1901–1992) abgelöst wurde. 

Kira Thurman beobachtet in ihren Studien, wie viele afroamerikanische Künstler:innen ab Mitte der 1930er Jahre vor dem wachsenden Rassismus im nationalsozialistischen Deutschland und im austrofaschistischen Österreich zurück in die USA flohen. Marian Anderson blieb, solange sie konnte. Thurman berichtet, wie Anderson und ihr Dirigent Bruno Walter (1876–1962) vor einem Auftritt mit den Wiener Philharmonikern sogar Morddrohungen erhielten. Dennoch sang sie vor ausverkauftem Haus. Im November 1937, kurz vor dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Reich, gab sie schließlich ihr letztes Konzert in Wien.

Große Karriere

Sie kehrte in die USA zurück mit besseren Deutschkenntnissen und neuer Gesangstechnik, sowie Erfahrung auf den großen Bühnen. Genauso wie sie sich in Berlin und Wien gegen den Rassismus gestellt hatte, wie sie es seit frühester Kindheit in Philadelphia getan hatte, ging sie diesen Weg in den USA weiter. Sie legte Grundsteine für folgende Generationen an Künstler:innen und wurde zu einer zentralen Mitstreiterin im Civil-Rights-Movement. 

Literatur:

Marian Anderson: Mein Leben, Wilhelm Frick-Verlag, Wien 1960.

Nina Sun Eidsheim: The Race of Sound. Listening, Timbre, and Vocality in African American Music, Duke University Press, 2019.

Allan Keiler: Marian Anderson. A Singer’s Journey, New York 2000.

Kira Thurman: A History of Black Musicians in Germany and Austria, 1870-1961: Race, Performance and Reception, University of Rochester, New York, 2013.

Kira Thurman: When Marian Anderson defied the Nazis, The New Yorker, 15.07.2020, https://www.newyorker.com/culture/cultural-comment/when-marian-anderson-defied-the-nazis

Kira Thurman: Singing like Germans. Black Musicians in the Land of Bach, Beethoven, and Brahms, Cornell University Press, 2021.

Andrea Ruscher ist Teil der Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum. Sie studierte Globalgeschichte und war zuvor am Österreichischen Kulturforum Kairo und in der C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik tätig. 

Kommentar schreiben

Kommentar schreiben

* Diese Felder sind erforderlich

Kommentare

Keine Kommentare