
Heliane Wiesauer-Reiterer: Himmel, 1976, Eitempera auf Papier, Wien Museum, Bildrecht, Wien 2026
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Natur und Umwelt in der Kunst von Heliane Wiesauer-Reiterer
Im Dialog mit der Natur
Heliane Wiesauer-Reiterer ist eine Sammlerin. Auf ihren Spaziergängen und Reisen sucht sie nichts, sondern findet: Steine, Äste, Wurzeln. Steht man im weitläufigen Garten von Heliane Wiesauer-Reiterer und ihrem Mann, einem „Naturraum, der auch Atelier ist“, wie sie sagt, wird schnell klar, wie unmittelbar dieses Sammeln in ihre künstlerische Arbeit übergeht. Auf einer Holzpritsche sind Astgabeln präzise nebeneinander aufgereiht, unweit davon findet sich eine Sammlung verkohlter Holzstücke. Auf einem niedrigen Tisch liegen unterschiedliche Steine vorläufig angeordnet, manche bearbeitet, manche in Rohzustand. Bewegt man sich über den mit Laub und Moos bedeckten Boden ihres Naturateliers, stolpert man gewissermaßen über künstlerische Werke in unterschiedlichen Stadien. Gefundene Steinfindlinge stehen zwischen bearbeiteten Marmorskulpturen und provisorischen Arrangements aus Naturmaterialien.

Das Gesammelte bleibt der Witterung ausgesetzt und wird über lange Zeit beobachtet. Flechten überziehen Rinde, Moose setzen sich auf Holz und Stein, Witterung verändert die Oberflächen. Auf einem mit Moos überwachsenen Holztisch liegt ein Steinkopf im Werden. Sie dreht ihn immer wieder, erzählt die Künstlerin, bis sie weiß, was sie damit machen wird – das kann Jahre dauern. Ihre Fundstücke werden in alle Richtungen gedreht, verschoben, neu arrangiert. Wiesauer-Reiterer beobachtet, wie Natur in das Material eingreift und es verändert: „Alles wird immer schöner durch die Natur“, sagt die Künstlerin. Der Garten ist kein Ort der Ablage für sie, sondern ein Arbeitsraum der fortgesetzten Beobachtung. Sie reagiert auf gefundenes Material und darauf, was die Natur damit macht.
Diese Form der Beobachtung ist an den unmittelbaren Kontakt mit Material und das Sein in der Natur gebunden. Mit dem Naturstudium beginnt Wiesauer-Reiterer bereits während ihres Studiums an der Akademie der bildenden Künste Wien ab 1968. Von Beginn an beobachtet und zeichnet sie in direkter Auseinandersetzung mit ihrer Umgebung: Menschen, Tiere, Landschaften, Steinbrüche. Später tritt die Fotografie als weiteres Medium der Beobachtung hinzu. Im Sein in der Natur, im Sehen, im Empfinden und Festhalten liegt der Ausgangspunkt einer Praxis, die die Künstlerin im Gespräch als „meinen Dialog“ bezeichnet – ein Dialog, aus dem sich ein Naturverständnis entwickelt, das ihr gesamtes, medienübergreifendes Werk durchzieht. Natur erscheint bei Heliane Wiesauer-Reiterer nicht als Motiv, sondern als Prozess, der sich in ihre Skulpturen, Installationen, Gemälde und Fotografien einschreibt.

Im wortwörtlichen Sinn zeigt sich dieses Naturverständnis exemplarisch in Arbeiten wie Das Gewicht des Himmels (1987). Für dieses Werk hat Wiesauer-Reiterer die ungrundierte Leinwand direkt auf den Steinboden gelegt und mit selbst angerührten Ölfarben und Tempera die Struktur des Untergrunds als Frottage aufgenommen: Geröll, Unebenheiten, Druckspuren, die Struktur des Bodens finden sich unmittelbar auf der Bildfläche wieder. Das Bild entsteht somit aus direktem Kontakt mit der Erde und zeigt zugleich, was die Künstlerin als „Erlebtes, Empfundenes, in mir Geschehenes oder Geschehendes“ beschreibt. Eine frühe Prägung ihres Naturverständnisses liegt in Heliane Wiesauer-Reiterers Kindheit. In Salzburg geboren und zunächst in Buenos Aires aufgewachsen, verbringt die Künstlerin den zweiten Teil ihrer Kindheit und Jugend am Wattenmeer der Nordsee, der Herkunftslandschaft ihrer Mutter. Kaum ein anderer Ort macht Veränderung so unmittelbar erfahrbar: Zweimal täglich zieht sich das Wasser zurück, legt den Meeresboden frei und überformt ihn neu. Ebbe und Flut, Sichtbarkeit und Verschwinden, Wind, Wolken und Stürme und die Weite von Meer und Himmel bestimmen diesen Raum. Natur ist besonders in dieser Landschaft als etwas Prozessuales erlebbar, das sich fortwährend verschiebt, aufbaut und entzieht. In diese Landschaft kehrt Wiesauer-Reiterer immer wieder zurück. Später setzt sich dieser Naturbezug in einem Leben am Waldrand und in relativer Abgeschiedenheit fort. Das Wattenmeer bleibt neben Kroatien und dem Krastal in Kärnten ein prägender Bezugspunkt ihres künstlerischen Schaffens.

Ihre Werke gehen nicht aus der Ansicht dieser Landschaften hervor, sondern aus der Erfahrung an diesen Orten, wo Naturgewalten, innere Vorgänge und Fragen des Menschseins aufeinandertreffen. In ihren Gemälden wie Im Watt (1977) oder Grauer Himmel (1977) ist die Landschaft auf wenige Zonen verdichtet, Horizont, Flächigkeit und malerischer Duktus dominieren das Bild. Gerade in dieser Reduktion bleibt die Erfahrung präsent. Die Bewegung von Wolken, Wasser, Licht und Wetter, die konstante Veränderung der Natur erscheinen nicht als Motive, sondern als Zustände. Die großen Formate verstärken diese Erfahrungswelten, sie machen Naturgewalten fast körperlich erfahrbar. Druck, Ausgesetztheit, Instabilität und Momente von Bedrohung werden in den unterschiedlichen, viele Jahrzehnte umspannenden Landschaftsbildern spürbar.
Deutlich verdichtet sich diese Haltung in Erde, der ich gehöre (1994). Die installative Arbeit besteht aus sieben Aluminium-Tafeln mit Digitaldrucken, die direkt auf dem Boden angeordnet sind. Schon in dieser räumlichen Anlage wird klar: Nicht das Subjekt steht der Erde gegenüber, sondern es ist in sie eingebunden. Die einzelnen Textfragmente – von „Erde, die mich nährt“ bis „Erde, der ich gehöre“ – formulieren dieses Verhältnis als Kreislauf und als Bedingung des Lebens. Darin berührt das Werk Denkfiguren wie etwa James Lovelocks Gaia-Hypothese, die Erde nicht als passive Umgebung, sondern als dynamisches System begreift, in das alles Leben eingebunden ist.

Heliane Wiesauer-Reiterer: Erde, der ich gehöre (Details), 1994, Bildrecht, Wien 2026

Mit Die Erde brennt (2025) gewinnt die über Jahrzehnte entwickelte Auseinandersetzung mit der Natur und dem Menschsein eine neue Dringlichkeit. Rot, Orange und Gelb lagern sich in horizontalen Schichten übereinander, verlaufen, brechen auf. Die Arbeiten thematisieren eine anhaltende Spannung: Hitze als etwas, das sich ausbreitet und sich in Material, Körper und Lebensrealität festsetzt. Die Bilder reagieren nicht illustrativ auf die Klimakrise, sie machen vielmehr erfahrbar, dass diese Krise bereits zu einem veränderten Zustand geführt hat – nicht als Ereignis, sondern als Andauern; nicht als Katastrophe, sondern in ihrer langsamen Einschreibung in Oberfläche, Atmosphäre und Wahrnehmung. Darin berühren sie eine Frage, die auch der Kunst- und Kulturhistoriker T. J. Demos formuliert: Wie kann Kunst ökologische Veränderung nicht bloß darstellen, sondern als veränderten Zustand erfahrbar machen?
Von der genauen Beobachtung im Naturraum bis zur Arbeit mit Material und Bild zieht sich ein Naturverständnis durch das gesamte Werk von Heliane Wiesauer-Reiterer, das nicht auf Darstellung, sondern auf Beziehung beruht. Gerade darin liegen seine Präzision und Gegenwärtigkeit.

Heliane Wiesauer-Reiterer: Die Erde brennt, 2025, Tusche auf Papier, Wien Museum, Bildrecht, Wien 2026

Hinweise:
Der Text stammt aus dem Ausstellungskatalog „Heliane Wiesauer-Reiterer. Verdichtungen“, hg. Berthold Ecker. Die Publikation erscheint im Verlag für Moderne Kunst und ist Museumsshop sowie im Buchhandel erhältlich.
Die Ausstellung läuft vom 2.7. bis zum 29.11.2026 im musa, 1010 Wien, Felderstraße 6–8, Eintritt frei.
Literatur und Quellen:
Gespräch zwischen der Autorin und Heliane Wiesauer-Reiterer, 27.2.2026, Neulengbach.
Tagebucheintrag, 1984, s. Ausstellungskatalog Heliane Wiesauer-Reiterer, NÖ. Dokumentationszentrum für Moderne Kunst 1985 und Kärntner Landesgalerie 1986, Almerberg 1984.
James E. Lovelock: Gaia. A New Look at Life on Earth, Oxford 1979.
T. J. Demos: Against the Anthropocene. Visual Culture and Environment Today, Berlin 2017.








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