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Peter Stuiber, 28.5.2026

Der Künstler Andi Dvořák über das Stadionbad

Freischwimmer

Vor 95 Jahren wurde – nebst dem Praterstadion – das Stadionbad anlässlich der zweiten Arbeiterolympiade eröffnet. Der Musiker, Musiklabel-Betreiber und Künstler Andi Dvořák beschäftigt sich seit langem mit der Architektur und der Geschichte der Anlage. 

„Ich war als Kind ein Schwimmer und habe auch an Wettkämpfen teilgenommen. Schwimmen war die Sportart, die ich beim Arbeitersportverein gelernt habe – und zwar im Amalienbad“, so Andi Dvořák. Nach dem zwölften Lebensjahr sei damit allerdings vorerst Schluss gewesen. Als er dann mit 35 Jahren seine Punkband Lime Crush gegründet habe, sei er als Schlagzeuger vor einem „Konditionsproblem“ gestanden. „Veronika Eberhart, Sängerin der Band, fand es weniger toll, dass ich so lange Pausen zwischen den Nummern gemacht habe. Da verliert die Performance nämlich an Kraft.“ Also habe er wieder mit dem Schwimmen begonnen, diesmal im Stadionbad. Seitdem zieht Dvořák ab Anfang Mai bis Badesaison-Schluss mehrmals die Woche seine Bahnen. Nicht nur um körperlich fit für anstrengende Gigs zu bleiben, sondern um – in einem tranceartigem Zustand – den Kopf frei zu kriegen. 

Mit der Wiederaufnahme der sportlichen Betätigung erwachte bei Dvořák auch das Interesse an der Geschichte des Stadionbads, nicht zuletzt an der ursprünglichen Anlage, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. „Für mich war´s insofern ein Erweckungserlebnis, weil ich damals auf Sport eher runtergeschaut habe. Ich verband Sport vor allem mit dem Wettkampfgedanken, mit den Olympischen Spielen und dem Siegen, nach der Logik von Pierre de Coubertin, der den Sport als Wettkampf zwischen den Nationen anstelle des Krieges definierte und mit diesem Argument auch die Wiederbelebung der Olympischen Spiele vorantrieb.“ 

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Dass die Arbeiterolympiaden als „Gegenkonzept“ nicht das Wetteifern zwischen den Nationen in den Mittelpunkt stellten, sondern die körperliche und geistige Ertüchtigung der Arbeiter:innen, habe ihn interessiert. „Es hat mich außerdem an ähnliche Phänomene in der Subkultur erinnert“, so Dvořák, der sieben Jahre als Booker in der Arena gearbeitet und vor mittlerweile 21 Jahren das Independent-Musiklabel Fettkakao gegründet hat, für dessen visuelles Erscheinungsbild er verantwortlich zeichnet. „Die Logik der Musikindustrie und Major Labels war oder ist immer noch, alles aufkaufen und eine bestimmte Gangart bestimmen zu können. Dem wollen Independent Labels wie Fettkakao etwas entgegensetzen. Genauso übrigens wie beim Skateboarden, das ich als Jugendlicher betrieben habe, und wo man sich lange gegen die Vereinnahmung gewehrt hat. Erst seit 2020 ist es olympische Disziplin.“ 

Ein Jahr zuvor hat Dvořák sein Akademie-Studium der kontextuellen Malerei bei Ashley Hans Scheirl abgeschlossen – mit einer zeichnerischen Arbeit über das Stadionbad. Freilich nicht über die historische Architektur desselben (von Otto Ernst Schweizer, der auch das Praterstadion entworfen hat), denn das zerstörte Bad wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nach Plänen des Architekten Theodor Franz Schöll (der auch für das Theresienbad geplant hat) komplett neu gebaut. 

Dvořák stellte das eigene körperliche Erleben der 50er Jahre-Architektur in den Mittelpunkt seiner Buntstift-Zeichnungen. „Es geht mir schon um eine Geschichte des Ortes, aber die ist auch da, wenn er zerstört wurde. Der springende Punkt ist ja: Warum wurde dieser Ort gebaut? Was war die Intention? Dass bei der Arbeiterolympiade Frauen teilnehmen durften, dass nicht die Nationen betont wurden, dass es auf keinen Fall kommerzialisiert werden sollte und dass es nicht nur um Leistung ging – das sind schon ganz andere Qualitäten. Ohne die Geschichte jetzt rückblickend romantisieren zu wollen. Aber die Arbeiterolympiaden waren extrem populär zu ihrer Zeit.“

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Für seine Bilder vom Stadionbad habe er Buntstifte (auf Karton) in den Grundfarben plus Lila und ein dunkles Grau verwendet: „Die Strichzeichnungen kommen bei mir vom Porträtieren, bei dem ich auch verschiedene Farben für die einzelnen Striche verwende. Es geht mir um die Bewegung, um Licht. Bei den Stadionbad-Zeichnungen hatte ich nicht nur 100 Jahre Rotes Wien, sondern auch 100 Jahre Bauhaus im Hinterkopf, was Auswirkungen auf die Farbwahl hatte. Es geht mir darum, dass sich aus den Farben das Licht mischt. Dass man daraus eine Farbpracht kriegen kann, obwohl es nur Strichzeichnungen sind. Und ich wollte mit den Farben das Weiß der realen Architektur brechen. Außerdem durch die Strichzeichnung, mit der Wahl der verschiedenen Farben, auch den permanenten Perspektivenwechsel betonen, den wir beim Betrachten erleben, wenn wir unsere Körper beim Vorbeigehen an Architektur bewegen. Wobei ich zugleich bewusst keine Menschen gezeichnet habe – denn ich wünsche mir, dass es sich beim Betrachten im Kopf erschließt, dass es hier um Räume für Menschen geht.“ 

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Mit anderen Bädern habe er sich künstlerisch nicht auseinandergesetzt – er wolle auf keinen Fall „ein Künstler für die Wiener Bäder“ sein, so Dvořák. Obwohl ihn die Gesamtheit der Wiener Bäder, die viel mit der Zwischenkriegszeit zu tun haben, fasziniere. Deren Utopie wirke bis heute nach als Erbe, das viele für selbstverständlich halten. Dabei handle es sich um eine relativ junge Errungenschaft. „Zugleich wird das Verlangen nach Bädern und überhaupt nach körperlicher Betätigung immer größer. Denn mit dem Älterwerden der Gesellschaft und neuen Erkenntnissen aus der Medizin rückt die Bedeutung von Sport als körperliche Ertüchtigung erst recht in den Vordergrund.“

In Dvořáks eigener Familie hat Sport schon immer eine große Rolle gespielt. „Meine Mutter war in ihrem ungarischen Heimatort Eger als sehr erfolgreiche Basketballspielerin und Leichtathletikerin eine Art Pop-Star. Als sie nach Wien kam, hatte sie das Gefühl, sie ist plötzlich ein Niemand. In Ungarn spielt Sport jedenfalls eine enorme Rolle, viel mehr als in Österreich.“

Wenn die Sommersaison vorbei ist, wechselt Dvořák übrigens ins Stadthallenbad. „Weil es dort ein 50 Meter-Becken gibt. Ich weiß, das ist die olympische Länge! Das erinnert mich wiederum daran, dass es im Osten – etwa in Ungarn – viel öfter diese langen Becken gibt. Und je weiter nach Westen man kommt, desto schwieriger wird es, überhaupt ausreichend öffentliche Bäder zu finden,“ so der Hobbyschwimmer, bildende Künstler, Labelbetreiber, Musiker. Als was er sich denn in all seinen Tätigkeiten vor allem sehe? „Ich glaube nicht an diese Kategorien und Genres.  Wenn man durch die Welt geht, sieht man, dass alles gleichzeitig passiert. Insofern kann ich diese Frage nur schwer beantworten."

Peter Stuiber studierte Geschichte und Germanistik, leitet die Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum und ist redaktionsverantwortlich für das Wien Museum Magazin.

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