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Trude Lukacsek, 27.5.2026

Trude Lukacsek über vier verschwundene Wiener Freibäder

Noch vor Badeschluss

Freibäder gibt es viele in Wien, doch so manches musste schließen – für immer. Ein persönlicher Rückblick auf vier einzigartige Sommerorte, mit besonderem Augenmerk aufs Mobiliar.

„Zum Bad“: Schilder wie dieses lösten bei mir immer eine Verlockung aus, waren wie eine Versprechung. Eine Versprechung für eine schöne Zeit. Oder eine Versprechung für eine fotografische Entdeckung. In den vergangenen Jahrzehnten habe ich zahlreiche Badeorte in Städten, an Flüssen und Seen besucht und dort fotografiert. Wie bei den anderen Themen meiner alltagskulturellen Dokumentationen interessiert mich hier das Ähnliche in der Vielfalt – die Vielfalt im Ähnlichen. Jedes Bad hat einen eigenen Stil und eine eigene Farbstimmung. Der Variantenreichtum der Kabinengebäude, der Sprungtürme und Rutschen, der Treppen und Leitern, die ins Wasserbecken führen, gefiel mir immer wieder aufs Neue. Viele der Badeanstalten wurden im Laufe der Jahre renoviert oder umgebaut. Einige verschwanden gänzlich aus dem Stadtbild, so wie die im Folgenden beschriebenen vier Wiener Bäder.
 

Hütteldorf – Halterbach – Tannengrün

Immer wenn ich mit der Bahn Richtung Westen fahre, mache ich meine Gedenk-Sekunde für das ehemalige Hütteldorfer Bad. Wahrscheinlich ist es nur eine Zehntelsekunde, in der ich einen Blick auf den Ort werfen kann, wo das Bad früher war. Es befand sich in Fahrtrichtung auf der rechten Seite, im Ferdinand-Wolf-Park, bald nach der Station Hütteldorf. Kurz erhasche ich einen Blick auf das kleine Backsteingebäude. Gleich daneben waren die Badekabinen in Hellgelb und Grün, rund um das blau schimmernde Schwimmbecken gruppiert. 

In meiner Gedenk-Zehntelsekunde ersteht das Bad noch einmal in meiner Erinnerung, wie es 1978 war: Der Fußweg dorthin war schon romantisch. Vis-à-vis von der Endstelle der Straßenbahnlinie 49 kündete ein Schild mit Pfeil das Bad an: „Städt. Sommerbad Hütteldorf“. Der Weg führte entlang des leise glucksenden Halterbaches, dann über eine Wiese und schließlich zum Eingang des Bads. Der Eingang war ein Holzhäuschen in Dunkelgrün und Weiß und mit den für die 1900er Jahre üblichen holzgeschnitzten Verzierungen. In roten Buchstaben stand darauf „Städtisches Schwimmbad Hütteldorf“.

Wenn man die Eintrittskarte gelöst hatte und den Kästchenschlüssel in Händen hielt, war man mit zwei Schritten schon in der Mitte des Geschehens: Ein Schwimmbecken in Blau, die Umkleidekabinen in Gelb und Grün befanden sich an vier Seiten des Beckens. Geradeaus blickte man auf das Bahngelände der Westbahn. Links hinter dem Backsteingebäude befand sich die große Liegewiese mit bunt bemalten Duschen, sowie kleine steinerne Tische, darum gruppiert die typischen farbigen Stahlrohr-Sessel der Wiener Bäder. Daneben war das Badebuffet.

Immer wieder fuhr mit lautem Getöse ein Zug vorbei. Davon ließen sich die Hütteldorfer Stammgäste nicht stören, denn daran waren sie gewöhnt. Das Bad war so familiär, dass der Bademeister und die Gäste am Abend gemeinsam einen großen Tisch deckten und die mitgebrachten Würstel grillten.

Ich selbst ging allein oder mit meinen badefreudigen Freund:innen hin und konnte in dieser Oase des kleinen Friedens Stunden verbringen. Alles gefiel mir: das atriumartig angelegte Bad, die hohen Tannen rundherum. Ich mochte es, dass der Charakter des Bades klein und intim war und gleichzeitig war da die Verbindung zu Reisen und weiter Welt, durch die immer wieder vorbeifahrende Eisenbahn. Im niedrigen Umkleideraum, in dem alles aus Holz war, knackte es in den Balken, wenn die Sonne darauf schien. Wenn ich mit geschlossenen Augen auf der Decke in der Wiese lag, HÖRTE ich das Bad: das Platschen, wenn Kinder ins Wasser sprangen, das Pfeiferl vom Bademeister, wenn sie es an der falschen Stelle taten: dort wo „Randsprünge verboten“ waren. Ich hörte das leise Plaudern der Damen, der Stammgästinnen. Und ich hörte am letzten Tag der Sommeröffnungszeit die eine Dame zur anderen sagen: „Gutes Überwintern!“

Als 1979 angekündigt wurde, dass das Bad geschlossen wird, habe ich das sehr bedauert. Beim nächsten Besuch nahm ich meine Kamera mit und fotografierte das Bad zu Erinnerungszwecken. Es war das erste Mal, dass ich mit dem Fotoapparat versuchte, etwas zu retten; Bilder zu retten von einer Situation, die bald darauf für immer verschwunden war.

Satzberg – Höhenluft – Wiesengrün

Ganz in der Nähe des Hütteldorfer Bades befand sich das Satzbergbad im 14. Bezirk, das ohne Schwimmbecken auskam, da es ja ein Höhen- Luft- und Sonnenbad war. Aber wie am Ankündigungsschild an der Linzer Straße stand, waren die Badezeiten immerhin von 1. März bis 31. Oktober. Meine „Badezeit“ dort war in den Sommertagen Anfang der 90er Jahre.

Nach einem sehr steilen Aufstieg bis zur Steinböckengasse 100 wurde man mit einer großartigen Aussicht belohnt. Das Bad bestand aus einer stark abfallenden Wiese, ein paar Kirschbäumen, Pritschen, Sesseln, Bänken und Fitnessgeräten. 

Das Satzbergbad hatte etwas Geheimnisvolles, oder vielleicht eher etwas Geheimes. Dadurch, dass das Plätschern und Platschen, diese Geräuschkulisse eines Schwimmbeckens, wegfiel, war es sehr still im Bad und ich hatte immer etwas Sorge, ob ich hier alles richtigmache. Sind diese Pritschen für die Damen aus dem Damenbad reserviert? Darf man auf diesem bequemen Holzsessel sitzen oder nur ein Stammgast? Nachdem ich einige Male dort war, hatte ich die Rituale ein wenig durchblickt und nahm z.B. beim Betreten des Bades, am Kassenhäuschen die kleine grüne Stab-Glocke zur Hand und läutete heftig die für die Eintrittskarten zuständige Dame herbei, die sich gerade irgendwo auf der weiten Wiese befand.

Hinter Holzwänden war das „Damenbad“, wo man ohne Badekleidung dem Sonnenbad frönte. Dort befand sich auch eine fast lebensgroße Reklame für NIVEA Sonnencreme. Abgebildet war eine Frau stehend im weißen Schwimmtrikot. Sie hielt lächelnd den NIVEA-Wasserball über sich. Es sah aus, als würde sie ihn gleich ins Schwimmbecken werfen wollen. Aber hier im Satzbergbad gab es keines.
 

Baumgarten – Brausen – Wasserblau

Auch im Baumgartnerbad gab es eine Frau mit NIVEA-Ball. Sie hatte noch viel mehr Sommer erlebt, als jene vom Satzbergbad. Denn die Werbetafel war von der Sonne schon sehr ausgeblichen. An Frisur und Badetrikot erkannte man, dass die Dame in den 50er Jahren fotografiert worden war, aber noch immer lächelte sie unverwandt freundlich ihren Ball an.

Wenn man das Baumgartnerbad zu Beginn der 1990er Jahre betrat, entschlüpfte man in eine andere Welt. Die stark befahrene Hadikgasse war plötzlich weit weg. Deswegen mochte ich das Bad auch besonders gern. Im dicht bebauten Wohnviertel von Baumgarten gelegen, war das Betreten dieser kleinen Oase wie im Märchen „Frau Holle“. Man fiel wie in einen Brunnen und landete weich auf einer Wiese.

Auf dieser Wiese einmal gut angekommen fand man zwei Schwimmbecken, „Frauen Brausen“, „Männer Brausen“, eine Sitzbank, über der stand „Nur für Schwimmer“ und einen Nussbaum, der reichlich Früchte trug. Einmal geerntet, lagen die Nüsse in Schachteln beim Ausgang „zur freien Entnahme“.

Im Laufe der Jahre war aus dem Schriftzug „SCHWIMMBAD DER STADT WIEN“ ein „SCHWIM AD DER STAD EN“ geworden. Die fehlenden Buchstaben zu ersetzen, hatte sich nicht mehr ausgezahlt.
 

Hohe Warte – Dreamland – Himmelblau

Das Hohe Warte-Bad war besonders und einzigartig. Anfang der 80er Jahre ging ich gerne dorthin, weil es von der Anlage her so speziell war und klar war, dass dieses Gelände ursprünglich nicht als Schwimmbad geplant war.

Durch einen reich verzierten kunstvoll geschnitzten hohen hölzernen Torbogen betrat man das Universum Hohe Warte-Bad. Zuerst sah man die stattlichen Kästchengebäude aus dunklem Holz. Dann warf man den ersten Blick nach links zum Schwimmbecken und war erstaunt. An zwei Seiten des Beckens standen hohe Wände aus Glas. Wie gebaut für ein lichtdurchflutetes Atelier. 

Wie richtig diese Assoziation war, erfuhr ich erst Jahre später, als es abgerissen werden sollte und sich die Medien mit der Geschichte des Bades auseinandersetzten. Es hatte sich hier von 1919 bis 1921 das Dreamland-Filmstudio befunden. Das Bad entstand unter Einbeziehung der Aufnahmehalle des Filmstudios. Die verglasten Seitenwände, die links und rechts vom Schwimmbecken standen, waren noch Teile dieser Aufnahmehalle. Der einzige Film, der dort gedreht wurde, war ein Stummfilm und hieß „Im Banne der Kralle“. Über den Erfolg des Films in Österreich ist nichts bekannt, in Deutschland wurde dieser von der Filmprüfstelle Berlin verboten – mit u. a. der Begründung „Alle besonderen Merkmale des Schundfilms vereinen sich hier“.

Ein intensives schönes Himmelblau war die dominierende Farbe im Bad. Die Duschen, das Schwimmbecken, die Aufgänge in das Kabinengebäude hatten diese Farbe. Der Sitz des Bademeisters war gelb. Der Bademeister wachte darüber, dass eine Menge Gebote beachtet wurden, wie zum Beispiel „Laufen verboten“ oder die „Bitte um grösste Reinlichkeit“.

Im Gebäude neben dem Schwimmbecken befand sich auf der Dachterrasse das Sonnenbad. Dort trafen sich viele langjährige, treue Gäste des Bades. Einige davon starteten eine Bürger-Initiative, um das Schließen des Bades zu verhindern. Das Hohe Warte-Bad wurde 1987 geschlossen und durch das Sommerbad Döbling im Jahr 1988 ersetzt.
 

Zum Stadtbad

All die Jahre des Fotografierens faszinierte es mich, die Schwimmbäder, diese Orte der Erholung und des Hochsommer-Gefühls in ihrer Besonderheit und Vielfalt zu porträtieren. Es war für mich auch eine Zeit des genussvollen Verweilens in diesen Bädern. Immer wieder war ich erstaunt, dass es einen Ort gibt, wo viele Menschen, die einander nicht kennen, auf relativ engem Raum – (Wiese) – leicht bekleidet, nebeneinander friedlich lange Zeit verbringen. Während sie liegen, lesen, schlafen, Karten spielen, essen… und zwischendurch schwimmen gehen.

Den jungen Mann mit seinem Schwimmreifen unter dem Arm fotografierte ich in Mödling. Das Schild weist zum Stadtbad und verspricht ein Vergnügen, das Generationen verbindet, zeitlos und erschwinglich ist: das „baden Gehen“.

 

Eckdaten zu den Bädern und Quellen

 

Hütteldorfer Bad
(14. Bezirk, Ferdinand-Wolf-Park, auf Höhe Lindheimgasse). Das 1868 erstmals erwähnte, aber schon zuvor existierende Bad wurde ab etwa 1920 von der Stadt Wien betrieben. Es umfasste zwei große Schwimmbecken und bot etwa 2.400 Badegästen Platz. Das Bäderkonzept 1968 der Gemeinde Wien sah zwar noch den Ausbau des Hütteldorfer Bades vor, wegen Platzmangel auf dem kleinen Grundstück waren zeitgemäße Erweiterungen nicht möglich. 1979 wurde das Hütteldorfer Bad im heutigen Ferdinand-Wolf-Park schließlich doch geschlossen. Als Ersatz war das 1998 eröffnete Waldbad Penzing (ab Dezember 2009 Hallenbad Hütteldorf) vorgesehen.

https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%BCtteldorfer_Bad


Satzbergbad
(14. Bezirk, Steinböckengasse 100). Der Erste Österreichische Naturheilverein errichtete im Jahr 1912 ein Höhen-Luft- und Sonnenbad „im Dienste der Volksgesundheit“. Laut Wiener Neueste Nachrichten vom 17.6.1912: „Die Eröffnung dieses Luft- und Sonnenbades bilde einen Markstein in der Geschichte des Naturheilvereines, gleichzeitig aber auch einen mächtigen Fortschritt in den Gesundheitsverhältnissen der Wiener Bevölkerung, wenn dieselbe sich an den Gebrauch der Luftbäder gewöhnt und Alt wie Jung, also auch den Kindern, diese Wohltat zu Teil werden läßt.“ Das Satzbergbad war bis in die 90er Jahre in Betrieb. 
 

Baumgartner Bad 
(14. Bezirk, Hackinger Straße 28, bzw. Hochsatzengasse 2.). Das Baumgartner Bad wurde 1875 errichtet. 1938 wurde das Bad von der Stadt Wien erworben. Die von der Stadtverwaltung nach 1945 neu errichteten Gemeindebauten im oberen Wiental, erhöhten die Besucherzahlen in dem kleinen Bad, so dass es 1950–1957 renoviert, modernisiert und erweitert wurde. Das Bad bot für ungefähr 1800 Personen Platz. 1997 wurde das Baumgartner Bad wegen seiner geringen Größe, der ungünstigen Lage zwischen Westbahn und Westausfahrt und Baufälligkeit geschlossen. Als Ersatz war so wie für das 1979 geschlossene Hütteldorfer Bad das 1998 eröffnete Waldbad Penzing (seit Dezember 2009 Hallenbad Hütteldorf) vorgesehen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Baumgartner_Bad
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Baumgartner_Bad
 

Hohe Warte-Bad
(19. Bezirk, Hohe Warte 8). Für dieses Bad wurde von der Gemeinde Wien das ehemalige Filmatelier „Dreamland“ erworben. Die Studiohalle – ursprünglich ein Flugzeughangar – wurde mit einem 25-Meter-Becken versehen; eine Seitenwand konnte geöffnet werden, davor boten Liegewiesen etwa 3.000 Personen Platz. Die ehemaligen Künstlergarderoben und Magazine wurden in die notwendigen Nebenräume (Umkleidekabinen, Buffet usw.) umgebaut. Im Zweiten Weltkrieg entstanden am Bad Zerstörungen, die 1948 jedoch wieder soweit behoben waren, dass das Hohe-Warte-Bad wieder eröffnet werden konnte. Das Hohe Warte-Bad wurde 1987 geschlossen und durch das Sommerbad Döbling im Jahr 1988 ersetzt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Baden_und_Schwimmen_in_Wien
https://www.wien-doebling.at/data/documents/Die-Hohen-Warte-Baeder.pdf

 

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Die Fotografin und Sammlerin Trude Lukacsek
Fotografin des Verschwindenden: Trude Lukacsek – Wien Museum Online Sammlung
www.lukacsek.at

Trude Lukacsek geboren 1955 in Wien und seit den 1980ern fotografisch tätig. Dokumentation und Erforschung von verschiedensten alltagskulturellen Strukturen. Entstehung eines umfangreichen Foto-Archivs von Orten und Plätzen der urbanen und Freizeit-Kultur in Wien und Europa: Stadtbild, Schilder, Schriften, Zeichen, Auslagen, Interieurs, Möblierung an öffentlichen Plätzen, Freizeitarchitektur wie Vergnügungsparks, Spiel- und Sportplätze, Schwimmbäder, Bauwerke an Stränden etc. 

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