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Werner Michael Schwarz und Peter Stuiber, 22.3.2020

Pest und Krisenmanagement im vormodernen Wien

„Der Traum der Ordnung“

Die behördlichen Maßnahmen und Beschränkungen zur Eindämmung des Corona-Virus sind einschneidend. Schon die Pest bot der Obrigkeit die Möglichkeit, weitreichende Machtbefugnisse über das Volk zu erlangen, wie Michel Foucault vor mittlerweile 45 Jahren in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ darlegte. Ein Interview mit dem Kurator Werner Michael Schwarz.   

Peter Stuiber:

Aktuell erleben wir im Kontext der Corona-Krise, wie Politik und Staat tief in das private und öffentliche Leben eingreifen: Geschäfte, Lokale sind geschlossen, Versammlungen untersagt etc. Die persönlichen Kontakte sollen so auf ein Minimum reduziert werden. Wie muss man sich in der Vergangenheit das Krisenmanagement vorstellen, insbesondere im Zusammenhang mit den großen Pestepidemien seit dem Spätmittelalter?

Werner Michael Schwarz:

Wenn wir uns das aktuelle Krisenmanagement anschauen, dann sehe ich zumindest drei aufeinander eng bezogene Aspekte. Die angesprochenen Ver- und Gebote seitens Politik und Verwaltung, die Appelle an die Disziplin der Menschen, diese auch zu befolgen und schließlich und vielleicht am bedeutendsten der Anspruch der Behörden auf ein umfassendes Wissen über den aktuellen Stand der Ausbreitung der Infektion. Das Besondere an einer Krise wie dieser ist, dass die Einhaltung der weit reichenden Ge- und Verbote von unserer Mitwirkung, man könnte auch sagen unserer inneren Überzeugung abhängig gemacht wird. Wenn wir in die Geschichte der Seuchenbekämpfung zurückblicken und da spielt die Pest tatsächlich in Europa bis in das 18. Jahrhundert eine zentrale Rolle, dann können wir bereits diese Art der Kommunikation zwischen Regierenden und Bevölkerung beobachten. Seit dem 16. Jahrhundert liegen uns auch für Wien bzw. das heutige Österreich umfangreiche Infektions-Ordnungen vor, die uns sehr gut über das damals als ideal vorgestellte Krisenmanagement unterrichten. Und hier begegnet uns bereits dieser zweifache Anspruch: auf Gehorsam und Mitwirkung.

 

PS:

Welche Maßnahmen wurden damals konkret angeordnet?

WMS:

Die Infektions-Ordnungen erscheinen uns heute in einigen Beziehungen als sehr fremd, in anderen als durchaus vertraut. Man kann sie als eine komplexe Mischung aus religiösen Erklärungen und Vorhaltungen auf der einen Seite und aus Maßnahmen, die auf empirischen Beobachtungen beruhten, auf der anderen Seite beschreiben. Wir wissen heute, dass die Menschen der frühen Neuzeit die tatsächlichen Ursachen der Pest nicht kannten, im Fall der Beulenpest die Übertragung durch Flöhe, die über Wirtstiere wie Ratten verbreitet wurden. So appellierten die Infektions-Ordnungen zunächst an das dominante religiöse Weltbild und erklärten die Seuche als Folge eines sünd- und lasterhaften Lebens der Menschen. Das rechtfertigte auch die Untersagung aller öffentlicher Vergnügungen, wobei sie auch jene Menschen an den Pranger stellten, die dafür sorgten, Spielleute, Komödianten, „fahrendes Volk“, die wie andere Randgruppen der Gesellschaft, etwa Bettler unter Generalverdacht gestellt wurden, der Seuche Vorschub zu leisten oder diese direkt zu verbreiten.


Andere Maßnahmen erscheinen uns hingegen plausibel und gegenwärtig: die Isolierung der Kranken, die Untersagung von Menschenansammlungen (Gottesdienste ausgenommen), die Desinfektion der Häuser und Zimmer durch Abbrennen von Wachholderstauden, das frische Auskalken der Wände, die Vernichtung von Kleidung und Mobiliar, das mit den Infizierten in Berührung gekommen ist oder die generelle Aufforderung zu privater und öffentlicher Sauberkeit. Diese Maßnahmen und deren Einhaltung waren vor allem an die Verwaltungsorgane adressiert, von der Bevölkerung selbst wurde aber eine tiefer gehende Involvierung verlangt, indem für Krankheits- und Todesfälle eine strikte Meldepflicht verhängt wurde. Was das konkret bedeutete und welche dramatischen Folgen das für die Menschen und ihre sozialen Beziehungen hatte, lässt sich gut erläutern: Wer als krank gemeldet wurde, wurde nicht nur in sein Haus eingeschlossen und blieb so sich weitgehend selbst überlassen, das betraf auch alle anderen Personen im Haushalt, die noch nicht erkrankt waren. Das heißt, die Behörden verlangten von den Menschen nichts weniger, als sich und ihre Angehörigen selbst dem so gut wie sicheren Tod auszuliefern, ein furchtbares Dilemma.

PS:

Hatten diese Maßnahmen Erfolg?

WMS:

Von den religiösen Geboten abgesehen, waren diese Maßnahmen adäquat zu den herrschenden Theorien über die Ausbreitung der Pest. Das „Pestgift“ wie es genannt wurde, wurde diesen Theorien zu Folge über die Luft verbreitet, was sich an üblen Gerüchen äußerte, durch Textilien oder durch direkte Berührungen zwischen den Menschen. Dadurch konnte die Krankheit, wie wir heute wissen nicht nachhaltig bekämpft werden, aber diese Maßnahmen trugen zumindest dazu bei, die Ausbreitungsgeschwindigkeit zu verringern, weil dadurch auch die Überträger reduziert wurden.

PS:

Der französische Philosoph und Historiker Michel Foucault hat diesem frühneuzeitlichen Krisenmanagement, wie es sich in den Infektions-Ordnungen äußerte, in seinem Werk „Überwachen und Strafen“ aus dem Jahr 1975 eine große Rolle bei der Herausbildung der modernen Staatsmacht zugewiesen.

WMS:

Für Foucault zeigte sich erstmals an diesen Verordnungen eine Macht, er spricht wörtlich von „Disziplinarmacht“, die einen tief greifenden Eingriff in das Leben der Menschen verlangte und diese unter dem Eindruck von Verzweiflung und Angst das auch akzeptierten bzw. deshalb bereit waren, daran aktiv mitzuwirken. Die Pest wird in der Analyse Foucaults so zu einem „Fest der Ordnung“ oder zu einem „politischen Traum“ der Regierenden. Das konnte die Epidemie gerade auch deshalb sein, weil sie im Prinzip auch ein Modell für den Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung darstellte und das in der Praxis wohl auch tatsächlich war. Mit der Pest gingen regelmäßig dramatische gesellschaftliche Veränderungen einher, die aber zunehmend von der staatlichen Macht eingefangen und zu ihrem Nutzen gewendet wurden.

PS:

Das heißt die Praxis konnte sich deutlich von den in den Ordnungen gebotenen Maßnahmen unterscheiden?

WMS:

Für Wien weiß man relativ gut über die große Pestepidemie von 1679 Bescheid, also über eine Zeit, in der diese Ordnungen schon länger in Kraft waren. Die Zeitgenossen und die administrativen Quellen lassen statt Ordnung aber eher ein großes Chaos und tiefe Verzweiflung der Menschen vermuten. Auch die in den Ordnungen viel beschworene Fürsorge des Herrschers ging nicht sehr tief. Der Hof samt Hofstaat, Aristokratie oder die Gesandtschaften verließen die Stadt, zogen aber auf ihrem Weg eine Spur der Krankheit hinter sich her. In diesen Monaten der Epidemie starben nach Schätzungen allein in Wien an die 12.000 Menschen, vermutlich aber bedeutend mehr, bis zu einem Fünftel der Bevölkerung."    

PS:

Dennoch hat sich gerade dieses Pestereignis in das Stadtbild nachhaltig eingeschrieben?

WMS:

Vor allem durch die Pestsäule am Graben, die nach Abklingen der Seuche und als Dank dafür errichtet wurde. Nach einer provisorischen hölzernen Säule wurde die bestehende 1693 eingeweiht. Wenn wir uns das Bildprogramm anschauen, dann erinnert sie gerade nicht an die vielen Opfer der Epidemie, sondern der Realität ein wenig zum Trotz an das Wirken göttlicher Heilskraft und fürstlicher Ordnungsmacht. Die tatsächlichen Heroen waren aber eher die einen kühlen Kopf bewahrenden Ärzte, beherzte Beamte und BürgerInnen, die während der Epidemie ihr Leben riskierten.

PS:

Kann man abschließend aus diesen historischen Betrachtungen etwas für die gegenwärtige Situation gewinnen?

WMS:

Als hundertprozentiger Laie für die Frage, welche Maßnahmen jetzt sinnvoll sind oder nicht und davon abgesehen, dass die Pest eine ungleich größere Gefährlichkeit hatte, würde ich sagen, dass der Staat nicht nur an seine „Disziplinarmacht“ erinnert werden sollte, sondern auch an sein Fürsorgeversprechen und im Rahmen unserer demokratischen Verfassung auch an die Verpflichtung zu einer möglichst transparenten und egalitären Kommunikation mit den BürgerInnen. Um es zuzuspitzen, sollte man nach Überwindung der Krise anstelle einer Corona-Säule über Investitionen in das Gesundheitssystem diskutieren und generell uns darüber verständigen, dass die Lasten für das Krisenmanagement ungleich verteilt sind und es für die davon besonders Betroffenen einen fairen Ausgleich geben sollte.

 

Literaturhinweis:

Michel Foucault: Surveiller et punir: Naissance de la prison, Paris 1975 (Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 1976).

Philipp Sarasin: Ausdünstungen, Viren, Resistenzen. Die Spur der Infektion im Werk Michel Foucaults, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 16 (2005), S. 88-108.

Werner Michael Schwarz, Historiker, Kurator am Wien Museum. Publikationen, Ausstellungen und Lehre mit Schwerpunkt Stadt-, Medien- und Filmgeschichte. 

Peter Stuiber, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien und Paris. Arbeitete als Journalist, seit 2005 im Wien Museum, bis 2018 als Pressesprecher und im Bereich Marketing. Ausstellungen und Bücher zur österreichischen Design- und Kulturgeschichte. Seit 2019 Leiter der Abteilung Publikationen und Digitales Museum, redaktionsverantwortlich für Wien Museum Magazin.

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Kommentare

Redaktion

Vielen Dank für Ihr Feedback! Zu Ihrer Frage hier die Einschätzung unseres Architekturkurators Andreas Nierhaus: Die Orientierung der Pestsäule an der Längsachse des Grabens - und damit an seiner Hauptachse - ist im Grunde die einzig sinnvolle: Beim Graben handelt es sich nicht um eine normale Straße, sondern eher einen langgestreckten Platzraum mit zwei Schauseiten, den von Häusern gesäumten Längsseiten. Die Pestsäule wurde mehr oder weniger genau in der Mitte des Grabens errichtet und mit ihrer Schauseite - dem betenden Kaiser Leopold I. über der vom Glauben besiegten Pest, bekrönt von der Dreifaltigkeit - auf die einmündende Bräunerstraße ausgerichtet. (Wenn man heute durch die Bräunerstraße Richtung Graben geht, versteht man die Orientierung sofort.) Mithilfe der "dreieckigen" Grundform der Pestsäule wird Allansichtigkeit geschaffen. Hätte man die Säule auf eine der beiden "Achsen" des Platzes orientiert, so wäre bei der jeweils anderen Ansicht die wenig attraktive "Rückseite" zu sehen gewesen. So aber erschließt sich die Bedeutung des Monuments im Vorbeigehen, im Umkreisen. Pestsäulen sind nicht statische Denkmäler, sondern performative "Inszenierungen", die insbesondere bei Prozessionen (bis heute) in zeremonielle Bewegungsabläufe eingebunden sind.

Hannes

Besten Dank fuer das interessante Interview! - haette von mir aus auch gern noch laenger sein duerfen!

Eine Frage zur Pestsaeule: Der Graben ist ja schon ewig lang bekannt. Wieso ist die Pestsaeule aber dann nicht so ausgerichtet, dass die (von mir so vermutete) Hauptseite mit der (vmtl.?) Dreifaltigkeit an der Spitze nicht entlang dieser Sichtachse ausgerichtet ist?

Freundliche Gruesse, alles gute fuer diese komische Zeit!
H.