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Ursula Storch und Peter Stuiber, 6.4.2022

Postkarten der Wiener Werkstätte

Kunst fürs Kleinformat

Kunst in alle Bereiche des Lebens hineinzutragen: Das war das erklärte Ziel der Wiener Werkstätte. Kein anderes WW-Produkt hatte mehr Verbreitung als die Postkarten – über 1100 Stück befinden sich im Bestand des Wien Museums und sind ab sofort in der Online Sammlung zu entdecken. Ein Gespräch mit Kuratorin Ursula Storch über Sujets, Künstler*innen und den Sammlermarkt.

Peter Stuiber

Wie kam es zu dem umfangreichen Bestand im Wien Museum?

Ursula Storch

Ein großer Teil davon kam im Zuge eines Nachlasses der Druckerei Berger 1928 in unser Haus. In diesem Nachlass waren übrigens auch die berühmten Secessionsplakate, absolute Highlights der Grafik um 1900. Abgesehen davon sind kleinere Bestände oder einzelne Postkarten nach und nach in die Museumssammlung gekommen. Teile der Sammlung waren noch nicht inventarisiert, das haben wir jetzt nachgeholt: Erstmals ist nun der gesamte Bestand in unserer Online Sammlung zu sehen!

PS

Welche Sujets sind auf diesen Karten abgebildet?

US

Ein großer Bereich sind Glückwunschkarten für Ostern, Weihnachten, Neujahr, Pfingsten, zum Namenstag, aber es gibt auch Krampus- und Nikolokarten. Dann ist der Bereich der Modekarten zu nennen: Da werden etwa elegante Damen dargestellt oder auch sehr ausgefallene Hutkreationen. Es gibt topografische Ansichten, darunter stark stilisierte Sujets aus Wien, aber auch aus der Umgebung wie der Wachau, Mödling oder der Hinterbrühl. Da die Wiener Werkstätte Zweigstellen in Karlsbad und in Berlin betrieb, sind auch von dort Motive vorhanden. Häufig zu finden sind auch „Scherzkarten“ mit humorvollen Sujets und eine Reihe von Motiven und Serien, die sehr speziell sind: Von Moriz Jung etwa Männer mit Zigarre, oder Flugzeuge, die durch phantasievolle Gegenden sausen, oder auch seine Serie der „Varieté-Nummern“, die teilweise sehr schräg sind. Grundsätzlich gilt: Je ausgefallener die Motive, desto weniger wurden sie gekauft – daher war auch die Auflage entsprechend klein.

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Wer waren die wichtigsten Künstlerinnen und Künstler?

US

Am bekanntesten sind natürlich Oskar Kokoschka und Egon Schiele, wobei es von ihm nur drei Motive gab. Dann sind Bertold Löffler, der schon erwähnte Moriz Jung, József Divéky, Josef Hoffmann mit seinen Karten vom Cabaret Fledermaus oder Emil Hoppe mit vier Karten zur Kunstschau 1908 zu erwähnen. Und es gab vor allem auch Sujets von damals noch unbekannten jungen Künstlerinnen wie Susi Singer oder Mela Köhler. Die ersten Postkarten sind 1907 erschienen, die Produktion endete vorerst 1913. In den Jahren 1919/20 entstanden dann nochmal einige Motive. Zu erwähnen ist, dass sich vor allem die frühen Karten ästhetisch stark an den japanischen Farbholzschnitt anlehnten, was die Farbkontraste, das Flächige und die Konturzeichnungen betrifft.

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Wie hoch war die Auflage?

US

Üblicherweise wurden zumindest zwischen 600 und 1000 Karten von einem Motiv gedruckt. Motive, die gängiger waren, erlebten mehrere Auflagen. Die Karten hatten auch eine spezielle Rückseite mit dem Wiener Werkstätte-Logo, dem berühmten Doppel-W, gestaltet von Kolo Moser. Damit waren die Karten zugleich auch Werbemittel für die Wiener Werkstätte. Man darf übrigens nicht vergessen, dass Ansichtskarten nicht nur verschickt, sondern schon damals auch sehr häufig gesammelt wurden.

PS

Ist es heute möglich, die Auflagen bzw. Entstehungsjahre nachzuvollziehen?

US

Die Rückseiten hatten je nach Jahr unterschiedliche Farben, 1907 gelb, 1908 blau, dann grün und schwarz. Die Nummerierung der Karten ist allerdings nicht chronologisch. Es gab Karten, auf deren Vorderseite ein Text gleich mitgedruckt war, und solche ohne Text – also ein Motiv in unterschiedlichen Varianten.

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Nachdem die Wiener Werkstätte Maßstäbe gesetzt hat: Gab es Nachahmer?

US

Der Verlag Brüder Kohn Wien hat zum Beispiel Stoffmuster der Wiener Werkstätte als Sujets verwendet. Aber das Besondere an der Wiener Werkstätte war, dass die Kunstwerke ja extra für die Postkarten geschaffen wurden. Bis dahin gab es zwar Postkarten von Kunstwerken, also Reproduktionen, aber das ist etwas grundsätzlich Anderes. Man konnte auch zwei unterschiedliche Rahmen für die WW-Postkarten kaufen: einen schwarzen Holzrahmen und eine Billiglösung mit Glasscheibe, Karton und Klebeband. Und es gab etliche quadratische Motive: Das eignete sich auch für das Format der Tischkarten, die ebenfalls produziert wurden. Hergestellt wurden die Karten von der bereits erwähnten Druckerei Berger, der Druckerei Brüder Rosenbaum und der Gesellschaft für graphische Industrie.

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PS

Der Handel mit den Postkarten ist schon seit langem ein durchaus einträgliches Geschäft…

US

Der Hype in Bezug auf die WW-Postkarten hat bei uns 1984 mit „Traum und Wirklichkeit“ eingesetzt, einer Großausstellung des Wien Museums – damals noch Historisches Museum der Stadt Wien – im Künstlerhaus. Heute zahlt man im Handel oder bei Auktionen in etwa zwischen 100 und 1000 Euro für eine Karte. Der Preis hängt von der Auflage, vom Künstler oder von der Künstlerin und natürlich vom Sujet ab. Und wenn die Karte nicht beschriftet ist, steigert das natürlich zusätzlich den Wert.

Der gesamte Museumsbestand von Postkarten der Wiener Werkstätte ist ab sofort in unserer Online Sammlung zu finden – viele Bilder davon zum freien Download! Eine kleine Auswahl findet man in dem Album „Postkarten der Wiener Werkstätte“ und in dem Album „Ostergrüße der Wiener Werkstätte“.

Ursula Storch, Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Wien, seit 1992 Kuratorin und seit 2008 stellvertretende Direktorin im Wien Museum. Zahlreiche Ausstellungen und Publikationen zu kunst- und kulturhistorischen Themen aus der österreichischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. 
 

Peter Stuiber studierte Geschichte und Germanistik, leitet die Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum und ist redaktionsverantwortlich für das Wien Museum Magazin.

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