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Andreas Gruber , 19.5.2023

Reproduktionstechniken und Materialität von Ansichtskarten

„Farben, Mondschein und Lichtdruck“

Die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts immer leistungsfähiger gewordene Drucktechnologie, welche die Produktion hoher Auflagen innerhalb kürzester Zeit ermöglichte, sowie das Aufkommen der fotomechanischen Druckverfahren waren maßgeblich daran beteiligt, dass die illustrierte Postkarte um die Jahrhundertwende zum Massenmedium aufsteigen konnte. 

Die unterschiedlichen Verfahren prägten dabei nicht nur das Erscheinungsbild der Karten, je nach Aufwand der Druckformherstellung und den damit verbundenen Kosten und Mindestbestellmengen zeichneten sie auch für die Vielfalt oder Einschränkung der Bildmotive verantwortlich. Die manuellen Druckverfahren wurden in der Gebrauchsgrafik bis auf wenige Ausnahmen endgültig abgelöst. Als einziges manuelles Druckverfahren konnte sich im Ansichtskartendruck die Lithografie behaupten. Die Farblithografie war nämlich bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert die einzige leistungsfähige Art des Farbdrucks für höhere Auflagen. Die Lithografie, ein Flachdruckverfahren, konnte Motive nur in grafischer, zeichnerischer Qualität wiedergeben, da Motivvorlagen, egal ob Aquarell, Zeichnung oder gar Fotografie, manuell durch Pausen oder Abklatschverfahren auf Drucksteine oder später Zinkplatten übertragen und vom Lithografen in Feder-, Kreide- oder Punktmanier ausgearbeitet worden sind. Der Aufwand für farbige Drucke war nicht unerheblich, musste doch für jede zu druckende Farbe ein eigener Druckstein bereitet werden. Bis um 1900 wurde die Farblithografie für Ansichtskarten verwendet, die Mindestbestellmenge betrug meist 2000 Stück. Viele Druckereien boten Farblithografie- Karten aber nicht nur in Farbe, sondern im braun-grauen „Fotografieton“ an. Spätestens als man mit analogen Drucktechniken die Fotografie visuell zu imitieren versuchte, war klar, wohin die weitere Entwicklung gehen wird: zu den fotografischen Reproduktionsverfahren.

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So unverzichtbar sich die Fotografie in der Ansichtskartenproduktion von Beginn an als Vorlage für Motive, aber auch zur Herstellung der fotomechanischen Druckformen gemacht hat, konnte sie sich interessanterweise als eigenständiges Verfahren zur Herstellung von „Echtfoto“-Karten erst viel später behaupten. Zu teuer waren die Fotopapiere, zu langsam die Verarbeitung. Im ausgehenden 19. Jhd. wurden SW-Fotokarten zunächst meist auf Glanzkollodiumpapier in Kleinstauflagen hergestellt. Ab etwa 1910 wurden Schwarz-Weiß-Fotopostkarten („Bromsilberpostkarten“) immer populärer, und als nach und nach Schnellkopiermaschinen Einzug in die Fotolabors hielten, wurde ein Höhepunkt in den 1930er und 1940er Jahren erreicht. Aus Kostengründen blieb die Fotokarte allerdings immer die Domäne von Kleinauflagen von etwa 500 bis 1000 Stück. Bei Vergrößerung sind keine Rasterpunkte sichtbar.

Die Verbreitung von Fotografien auf Ansichtskarten in höheren Auflagen musste über den Umweg von fotomechanischen Druckverfahren realisiert werden. Dazu wurden fotografische Vorlagen auf mit lichtempfindlichen Substanzen beschichteten Metall-Druckstöcken belichtet oder übertragen. Die Bildinformation musste zusätzlich in Rasterelemente zerlegt werden, um den kontinuierlichen Bildton der Fotografie druckfähig zu machen. Manche Verfahren erzielten dabei deutlich sichtbare Rasterpunkte, bei anderen Techniken ist die Rasterung mit freiem Auge kaum zu erkennen.

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Das erste Verfahren, welches sich zum Druck von fotografischen Bildern auf Ansichtskarten behaupten konnte, war der Lichtdruck. Dieses Flachdruckverfahren zeichnet sich dadurch aus, dass es hochqualitative Reproduktionen von Fotografien lieferte, da es diese nahezu rasterlos reproduzieren konnte. Nur bei Vergrößerung ist die charakteristische unregelmäßige Runzelkornstruktur erkennbar. Die Ergebnisse waren schwarz-weiß in feinen Abstufungen beziehungsweise monochrom, da auch häufig ein schwarz-blauer oder schwarz-grüner Farbton gewählt wurde, meist mit matten Oberflächen auf unbeschichteten Kartons gedruckt. Farbe wurde durch Handkolorierung hinzugefügt. Um 1900 waren auch Lichtdruckkarten mit blau eingefärbten Kartons beliebt, welche nächtliche Ansichten bei Mondlicht suggerieren sollten und als Mondscheinkarten angeboten wurden. Die Auflagenhöhe blieb begrenzt, da sich die Druckform nach mehreren 100 bis maximal 1500 Stück nicht mehr verwenden ließ. Wegen der geringeren Auflagenhöhe der Lichtdruckkarten – schon ab 250 Stück war man dabei – konnten aufwändigere, teurere, womöglich mehrfarbige Verfahren in diesem Zusammenhang nicht konkurrieren. Aus diesem Grund erhalten wir wie in keinem anderen Verfahren mehr Einblicke in die Gassen und Straßen Wiens auch abseits der Hauptsehenswürdigkeiten und Touristenpfade. Das Verfahren dominierte bis etwa zum Ersten Weltkrieg die Ansichtskartenproduktion.

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Die Autotypie, ein Hochdruckverfahren, war bis etwa 1910 die einzige Methode, Fotografien in Kombination mit Text gleichzeitig zu drucken und somit unkompliziert fotografische Abbildungen in Zeitungen und Bücher zu bringen. Das Verfahren galt nicht als vornehmes oder gar künstlerisches Illustrationsverfahren, da die Grautöne der fotografischen Vorlage weniger abgestuft wiedergegeben werden konnten als beispielsweise beim Lichtdruck. Charakteristisch für die Autotypie sind deutlich sichtbare, runde Rasterpunkte mit Farbquetschrändern. Die Punkte sind umso größer, je dunkler die Bildpartie ist. Seltener sind Korn- oder Linienrastervarianten anzutreffen. Die Autotypie benötigte beschichtete Kartons. Durch den Metalldruckstock konnten wesentlich höhere Auflagen als beispielsweise beim Lichtdruck erzielt werden. Die eigentliche Domäne der Autotypie bei Ansichtskarten bildete der Drei- oder Vierfarbendruck, populär gemacht durch die sogenannten Künstlerpostkarten. Darunter versteht man faksimileartig reproduzierte Postkartenentwürfe von zum Teil namhaften Künstler:innen, wie sie beispielsweise die Firma Philipp & Kramer in der Kaiser-Jubiläums-Ausstellung 1898 als Hersteller der offiziellen Ausstellungspostkarten der Öffentlichkeit in einer Schaudruckerei präsentierte (siehe Eingangsabbildung). Die ersten Schwarz-Weiß-Autotypie-Postkarten tauchten bereits in den frühen 1890er Jahren vereinzelt auf, die Vierfarben-Autotypie hielt sich bei den Ansichtskarten bis in die 1960er Jahre.

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Der Kupfertiefdruck ging aus der Heliogravüre hervor. Für die Massenproduktion tauglich wurde er erst, nachdem der Rotationsdruck und das maschinelle Abziehen der Druckfarbe mit einem Metall-Rakel erfunden worden waren. 1910 erschien die erste Tageszeitung mit Tiefdruckillustrationen in Kombination mit dem Buchdruck. Seitdem hat sich das Verfahren als eines der hochwertigsten Drucktechniken für den illustrierten Druck bis in die 1960er Jahre erhalten. Typisch ist das samtig matte Erscheinungsbild; meist auf Kupferdruckkartons ausgeführt, erhielten die Karten dadurch eine besonders hochwertige, ‚künstlerische‘ Anmutung. Bei Vergrößerung wird die typische, je nach Papierqualität mehr oder weniger deutliche Rasterung aus gleichgroßen Farbrauten in einem Netz aus weißen Linien erkennbar. Die Farbskala der monochromen Drucke bewegte sich von braunen, blauen, zu grünen Nuancen. Ab etwa 1910 wurden Ansichtskarten im Kupfertiefdruck ausgeführt, mit einem Höhepunkt in der Verwendung in den 1930er und 1940er Jahren. In den 1950er Jahren waren auch Vierfarben-Kupfertiefdruckkarten nicht selten. Aufgrund der teuren Druckformherstellung war er nur für hohe Auflagen ab 5000 Stück rentabel.

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Um Farbe in den fotomechanischen Ansichtskartendruck zu bringen, wurden Karten nachträglich oft unter Zuhilfenahme von Schablonen handkoloriert oder in Kombination mit anderen Drucktechniken farbig überdruckt. In erster Linie wurden Autotypie und Farblithografie zum Autochromdruck vereint, seltener auch Lichtdruck und Farblithografie zur Heliochromografie kombiniert.

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Photochromdrucke sind farbenprächtige, mehrfarbige Drucke, welche auf der Kombination von Fotolithografie und Farblithografie beruhen.

Die einfachste Erzeugungsweise der Druckplatten und die Leichtigkeit der Korrektur sind das wesentlichste Moment, welches der Lithografie die dominierende Stellung in der Technik des Kombinations-Farbendrucks sicherte. Da die Farbdruckplatten manuell erzeugt wurden, hatte die Farbgebung also nichts mit der realen Farbigkeit des Sujets zu tun. Kombinationsdrucke findet man ab etwa 1898 bis zum ersten Weltkrieg, mit Ausläufern bis in die 1930er Jahre.

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Mit dem Offsetdruck entwickelte sich im frühen 20. Jahrhundert aus der Lithografie eine Drucktechnologie, welche einige Jahrzehnte später alle anderen in den Schatten stellen sollte. Die zentrale Erneuerung bei diesem Flachdruckverfahren war die Einführung des Offset-Gummituchzylinders. Mit diesem wurde die Druckfarbe von der eingefärbten Metall-Druckplatte aufgenommen und auf das endgültige Papier übertragen, sowohl Druckplatten als auch Papiere blieben dadurch geschont. Die Bildqualität konnte aufgrund der kleinen Rasterpunkte enorm gesteigert werden: Der Offsetdruck kann 300 dpi schaffen (Autotypie: 150 dpi), wodurch der Eindruck eines kontinuierlichen Tonverlaufs erreicht wird. Bei Vergrößerung ist eine regelmäßige Rasterung zu erkennen, die unterschiedlich großen Rasterpunkte weisen eine homogene Färbung und ausgefranste Ränder auf. Frühe Offsetdrucke sind meist mit fünf oder mehr Farben gedruckt. Der Vierfarben-Offsetdruck, wie wir ihn heute kennen, konnte sich allerdings erst nach verbesserten Druckfarben, Papieren und Technologie in den 1960er Jahren durchsetzen und verdrängte die Autotypie, auch in der Ansichtskartenproduktion. Er ist bis heute das hochwertigste Druckverfahren ab einer Stückzahl von 500 geblieben. Auflagen von 50.000 Stück oder mehr sind möglich. Mit dem Digitaldruck in seinen unterschiedlichsten Ausformungen ist in den letzten Jahren eine große Konkurrenz entstanden. Hier ist keine Druckformherstellung mehr notwendig, Mindestauflagen fallen weg. Personalisierte Einzeldrucke und damit seltenere Motive sind wie in früheren Phasen des Mediums ebenfalls wieder möglich. Der Laie kann die Bildqualität kaum mehr vom Offsetdruck unterscheiden.

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Literatur & Quellen

Zitat Titel „Farben, Mondschein und Lichtdruck“: Inserat von Kunst-Anstalt Carl Schwidernoch, Wien Pillersdorfg. 4: „Aufruf! Ersuche um Zusendung von Photographien oder Zeichnungen behufs Anfertigung von neuen Postkarten mit Ansichten. Wo keine Photographien zu haben sind, ersuche um gefällige Nachricht; dort werden Aufnahmen veranstaltet.“ In: österr. Ungar. Buchbinder Correspondenz Nr. 29, 19. Juli 1899, S. 244.

Buchdruckerzeitung 31.März 1898 (anno).

Richard Benson, The Printed Picture, The Museum of Modern Art, New York 2008.

Josef Maria Eder, Geschichte der Photographie. 1. Band, erster Teil. Von: Ausführliches Handbuch der Photographie. 3. Auflage, Halle/Saale 1932.

Friedrich Hesse. Die Chromolithographie, mit besonderer Berücksichtigung der modernen, auf photographischer Grundlage beruhenden Verfahren und der Technik des Aluminiumdrucks, Verlag Wilhelm Knapp; Halle/Saale 1909.

Arthur Hübl, Die photographischen Reproductionsverfahren, Verlag: Knapp, Halle 1898.

Christa Pieske, Das ABC des Luxuspapiers, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1983.

Arthur W. Unger, Die Herstellung von Büchern, Illustrationen Akzidenzen. Verlag: Halle Knapp 1910.

Die Ausstellung Großstadt im Kleinformat. Die Wiener Ansichtskarte ist bis 24. September im Wien Museum MUSA zu sehen.

Begleitend zur Ausstellung erscheinen wöchentlich Beiträge zum Thema „Wiener Ansichtskarten“. Bisher in der Serie erschienen:

Andreas Gruber studierte Restaurierung und Konservierung in Wien, Kopenhagen und Rochester, USA, und ist seit 2011 Restaurator für Grafik und Fotografie im Wien Museum. Zahlreiche Publikationen, Workshops und Vorlesungen zu den Themen Konservierung, Technologiegeschichte und Identifizierung von fotografischen und fotomechanischen Verfahren.

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