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Michaela Lindinger und Peter Stuiber, 30.10.2020

Totenmasken im Wien Museum

Geschönte Erinnerungen

Die Totenmasken-Sammlung des Wien Museums ist von internationaler Bedeutung, wird aber selten gezeigt, weil die Objekte äußerst empfindlich sind und das Interesse an dieser Art von Personenkult  im 20. Jahrhundert nachgelassen hat. Ein Interview mit Kuratorin Michaela Lindinger über Erstabgüsse, Geniekult und Image-Kontrolle. 

Peter Stuiber

Worin besteht die Bedeutung des Totenmasken-Bestands in unserer Sammlung?

Michaela Lindinger

Wir haben mit rund 280 Objekten die zweitwichtigste Totenmasken-Sammlung in Europa. Die bedeutendste ist im Marbacher Literaturarchiv, das vor allem mehr Erstabgüsse hat. Die Totenmaske ist ja ein reproduzierbares Medium. Je mehr Abgüsse es gibt, desto weniger Wert sind sie.

PS

Wenn sie gut reproduziert wird, was ist dann der Unterschied zwischen Erst- und Zweitabguss?

ML

Erstabgüsse sind deshalb so interessant, weil sich in ihnen finden manchmal Spuren des originalen Gesichts erhalten haben, also etwa Härchen. Und sie werden auch als originale Kunstwerke betrachtet, denn in vielen Fällen waren es Bildhauer, die dem Toten die Maske abgenommen haben. Im Falle von Beethovens Totenmaske, die sich in unserer Sammlung befindet, war das zum Beispiel Josef Danhauser. Wenn man so wie ich viel mit Totenmasken zu tun hat, erkennt man sofort den Unterschied zwischen einem Erstabguss und späteren Versionen.

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PS

Wann begann der Kult um die Totenmaske?

ML

Natürlich gab es schon in der Antike Totenmasken. Aber in unserem Sinne beginnt es mit der Stellung des Individuums in der Renaissance. Mit dem Geniekult des 18. Jahrhunderts gewinnen die Masken in der bürgerlichen Gesellschaft eine ungeheure Bedeutung, vor allem nach der Französischen Revolution 1789.  

PS

Und was hat man mit den Totenmasken gemacht?

ML

Man hat sie zu Hause aufgestellt! Wie in einer Vorbildergalerie wurden Wachsköpfe und Totenmasken von Heroen wie Schiller, Goethe oder Schopenhauer im privaten Wohnraum gezeigt. 

PS

Totenmasken von Herrschern gab es keine?

ML

Doch, aber meistens waren es Künstler. Vor allem Maler und Musiker, aber auch darstellende Künstler, Sängerinnen und Schauspielerinnen waren in der Überzahl. Wir haben in unserer Sammlung auch Totenmasken vom Forschungsreisenden Carl Weyprecht oder von den Bürgermeistern Karl Lueger und Karl Seitz.

PS

Wie kann man eigentlich sicher sein, dass es sich um eine „echte“ Totenmaske handelt?

ML

Zu den Objekten gibt es fast immer eine Geschichte, aber auch Zertifikate, an welchem Tag und von wem die Maske abgenommen wurde. Und da viele über Nachfahren ins Museum gekommen sind, besteht weniger Grund für Zweifel an der Echtheit. Natürlich gibt es auch hie und da eigenartige Geschichten. Wir haben aus dem Nachlass von Willy Kauer, einem nicht ganz unumstrittenen Wiener Bildhauer, in den 1970er Jahren Zweit- und Drittabgüsse erhalten. Kauer war eine Zeitlang relativ bekannt, weil er behauptet hat, eine Totenmaske von Mozart zu besitzen. Doch niemand durfte sie untersuchen. Er war eine windige Figur, aber ein gut ausgebildeter Bildhauer, der u.a. die berühmten anatomischen Wachsmodelle im Josephinum restauriert hat. Die Berichte über die angebliche Mozart-Totenmaske haben dann aber auch irgendwann wieder aufgehört...

PS

Welche Totenmasken in unserer Sammlung sind denn aus Deiner Sicht besonders interessant?

PS

Spannend finde ich die Masken der Schauspielerin Charlotte Wolter, die von Hans Makart und von Carl Weyprecht, weil u.a. kleine Härchen dran sind. Sehr viel nachgefragt werden die Masken von Karl Kraus und Peter Altenberg, auch die von Kaiserin Elisabeth, die aber – wie gesagt – keine „echte“ ist. 

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PS

Und wie ist Deine Erfahrung mit der Reaktion der Leute auf Totenmasken?

ML

Jeder reagiert anders. Dem einen graust’s, der andere ist berührt, manche wollen sie sogar angreifen, was natürlich nicht geht. Ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass jemand davon gänzlich unberührt geblieben ist. Heute ist ja der Tod aus dem Alltag der Menschen weitgehend eliminiert worden. Die Wirkung der Totenmasken hat daher eine neue Qualität erhalten. Man blickt einem Toten ins Gesicht. Für viele sind damit ganz neue Emotionen verbunden. Es ist ein Gegenüber, das ihnen bis dahin noch nicht begegnet ist.

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PS

Vor einigen Jahren schien es eine Renaissance der Totenmasken zu geben…

ML

Ja, das war im Umfeld von Serien wie „Six feet under“. Man befasste sich plötzlich auch in populären Formaten mit dem Tod. Manche ließen aus der Asche von Verstorbenen Diamanten pressen und so weiter. Die Wiener Bestattung hat damals begonnen, Handabgüsse und Totenmasken zu bewerben. Doch das Interesse daran war nur ein Aufflackern. Es war nicht nachhaltig. Unsere Zeit ist einfach schnelllebig.

Michaela Lindinger, Kuratorin, Autorin. Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft, Ägyptologie und Ur- und Frühgeschichte an der Universität Wien. Seit 1995 kuratorische Assistentin, seit 2004 Kuratorin im Wien Museum. Ausstellungen und Publikationen zu biografischen und gesellschaftlichen Themen, Frauen- und Gender-Geschichte, Porträts, Wien-Geschichte, Tod und Memoria, Mode.
 

Peter Stuiber, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien und Paris. Leiter der Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum, redaktionsverantwortlich für Wien Museum Magazin. Diverse Ausstellungen und Bücher zur österreichischen Design- und Kulturgeschichte.

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Kommentare

Redaktion

Sehr geehrte Frau Mann! Vielen Dank für diese euphorische Rückmeldung - wir freuen uns sehr darüber! Rückmeldungen wie diese sorgen für zusätzliche Motivation für viele weitere Geschichten!!! Herzliche Grüße, Peter Stuiber (Wien Museum Magazin)

Barbara Mann

Guten Tag,
unglaublich, was der Menschheit alles eingefallen ist. Dass es Totenmasken gibt, ist ein Beispiel.

Faszinierend!!!

Faszinierend für mich auch , welche Schätze, Themen und Infos in Ihrem Museum gebündelt sind.

Dass Sie darüber so anregend, informativ und „gschmackig“ berichten - dafür sage ich herzlich DANKE!!!!

Mit besten Grüßen von einer begeisterten Leserin,
Barbara Mann