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Frauke Kreutler und Gerhard Milchram, 25.11.2019

Wiener Wohnungen 1938

„Zum Andenken verewigt“

Im Herbst 2015 vertrauten die Töchter des österreichischen Exil-Fotografen Robert Haas dem Wien Museum dessen fotografischen Nachlass an. Darin fanden sich auch Aufnahmen von Wohnungen, die 1937/38 entstanden waren – im Auftrag der damaligen jüdischen Bewohner_innen. Ein Fallbeispiel.

Eine Auswahl der ikonischen Fotografien von Robert Haas wurde 2016/17 in einer großen Ausstellung im Wien Museum gezeigt. Nicht zu sehen waren jene Wohnungsaufnahmen aus den Jahren 1937/38, die erst im Negativbestand des Nachlasses entdeckt wurden – und zunächst Rätsel aufgaben. Warum fertigte der Künstler Robert Haas dokumentarische Aufnahmen von Wohnungen an? Die Entstehungszeit sowie ein Brief mit Anweisungen an Haas lassen darauf schließen, dass die Fotos mit der NS-Verfolgung zu tun haben. Haas wurde von den jüdischen Bewohner_innen der Wohnungen mit der Dokumentation beauftragt, wohl aus Gründen der Erinnerung, aber auch um Besitz fotografisch festzuhalten.

Die Fotos waren teilweise mit den Namen der Auftraggeber_innen bezeichnet. Es gab aber auch eine Serie, die nicht einem Familiennamen zugeordnet war, allerdings konnten wir einen Auftragsbrief inhaltlich den Abbildungen zuordnen. In dem mit L.S. gezeichneten Brief gab die damals uns unbekannte Verfasserin Robert Haas eindeutige Anweisungen, wie und was in ihrer Wohnung zu fotografieren sei. Sie schrieb am 28.5.1938: „Sehr geehrter Haas, ich habe Ihnen hier, ganz laienhaft, eine Auflistung jener Dinge geschrieben, die ich gerne zum Andenken verewigt hätte.“

Akribisch genau beschrieb sie die zu fotografierenden Gegenstände und Räume: „Kleine Halle (unten) Vitrine m. Tiroler Stühlen, Ofen (beleuchtet, ist aber auch schon von der Treppe aus). Rote Sitzgarnitur (falls die Lampe stört, bitte wegnehmen) mit Tellerwand und Treppengeländer. (Lieblingsblick)“. Gleichzeitig bat sie Haas um größte Diskretion und Vorsicht beim Fotografieren der Wohnung. Er solle sich ruhig verhalten und vor allem kein Blitzlicht verwenden, damit die Nachbarn nicht auf seine Arbeit aufmerksam werden würden. Für den Fotoauftrag stellte sie ihm außerdem eine Vertrauensperson als Hilfe zur Seite.

Umzugskisten im Garten

Durch Zusammenarbeit mit der Architekturhistorikerin Iris Meder gelang es schließlich, die Wohnung und damit auch die Urheberin des Briefes zu identifizieren. Es handelte sich um Louise Stern, geb. Bondy, die mit ihrem Mann Gustav in der Liechtensteinstraße im 9. Bezirk wohnte. Mitarbeiter der Vermögensverkehrsstelle waren auf die Sterns aufmerksam geworden, als sie im Haus und im Garten Umzugskisten entdeckten. Allerdings konnten sie das Hab und Gut der Sterns nicht über den scheinlegalen Weg  „arisieren“, da diese tschechoslowakische Staatsbürger waren. Daher beschritt man einen anderen Weg: Im Mai 1941 ließ die Geheime Staatspolizei Wien das gesamte Vermögen der Sterns „aus Gründen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung mit dem Ziele der späteren Einziehung zu Gunsten des Deutschen Reiches“ beschlagnahmen.

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Robert Haas: Wohnung von Gustav und Louise Stern, 1938, Sammlung Wien Museum

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Durch die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Wien wurden in den Jahren 1938 bis 1942 etwa 70.000 Wohnungen frei, die vornehmlich an Nationalsozialisten vergeben wurden. Die ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner waren entweder zur Emigration gezwungen oder wurden in den Vernichtungslagern ermordet. Louise Stern sowie ihr Bruder und dessen Frau nahmen sich 1939 in der von den Nazis besetzten Tschechoslowakei das Leben. Ilsa Stern, Louises Tochter aus erster Ehe, wurde 1941 in das „Ghetto Litzmannstadt“ deportiert. Gustav Stern soll nach seiner Emigration in der tschechoslowakischen Exilregierung in London und später bei den Vereinten Nationen tätig gewesen sein.

Frauke Kreutler, Ausbildung zur Fotografin, Studium der Kunstgeschichte in Wien und Dublin; 2001-2003 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fotosammlung der Albertina Wien; seit 2003 Kuratorin im Wien Museum, seit 2008 Leiterin der Abteilung Digitales Sammlungsmanagement im Wien Museum. Wissenschaftlicher Schwerpunkt: Geschichte der Fotografie

Gerhard Milchram, Studium der Geschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Wien. Studien- und Forschungsaufenthalte in Israel, Absolvent der internationalen Sommerakademie für Museologie der Universitäten Klagenfurt, Wien, Graz und Innsbruck, ab 1993 Kulturvermittler und wissenschaftlicher Mitarbeiter und von 1997 – 2010 Kurator im Jüdischen Museum Wien. Seit 2011 Kurator im Wien Museum.

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Kommentare

Redaktion

Danke für die Rückmeldungen! Sollten wir mal ein Buch daraus machen, werden wir hier sicher darüber berichten!

Sergey

Sehr rührend.
Vielen Dank.

Susanne M

Es wäre wunderbar, wenn daraus ein Buch entstünde!