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Bernadette Reinhold, Christine Zwingl, Peter Stuiber, 13.1.2020

20. Todestag Margarete Schütte-Lihotzky

„Es gab genug für mich zu tun“

Mit einem „Abend für Margarete Schütte-Lihotzky“ erinnert das Wien Museum an Österreichs berühmteste Architektin, zwanzig Jahre nach ihrem Tod im Alter von 102 Jahren. Wie war ihr Verhältnis zum Roten Wien, ihr Selbstverständnis als Frau und Architektin? Ein Gespräch mit den Schütte-Lihotzky-Expertinnen Bernadette Reinhold und Christine Zwingl.

Peter Stuiber:

Im Rahmen der Ausstellung „Das Rote Wien. 1919-1934“ findet ein Abend für Margarete Schütte-Lihotzky statt. Welches Verhältnis hatte die Architektin zum Roten Wien – und welches Verhältnis das Rote Wien zu ihr? 

Bernadette Reinhold:

Margarete Schütte-Lihotzky kam aus gutbürgerlichem Haus und hat während ihres Studiums Recherchen zu den Wohnverhältnissen der Arbeiterschaft betrieben. Angeregt dazu hatte sie ihr Professor an der Kunstgewerbeschule, der Architekt Oskar Strnad. Sie war von den katastrophalen Lebensbedingungen so erschüttert, dass dies für sie zur Initialzündung ihrer Arbeit als Architektin wurde. Das war eine Art Turning Point in ihrem Leben, der Anfang ihrer Karriere. Aufgrund ihrer daran anschließenden Arbeit in der Wiener Siedlungsbewegung begegnete sie bereits als junge Frau den wichtigsten Persönlichkeiten des Roten Wien auf Augenhöhe.

Christine Zwingl:

Schütte-Lihotzky war sehr stark in der Siedlerbewegung verankert und daher eher eine Außenfigur des Roten Wien. Die Siedlerbewegung war eine Form der Selbstorganisation, die aus der Not heraus entstanden ist. Die Strukturen waren ganz andere als jene, die dann das Rote Wien geschaffen hat. Es ging Schütte-Lihotzky darum, für mittellose Menschen, für die Arbeiterschaft guten Wohnraum zu schaffen, das war ihr sozialer Impetus. Sie war dann stark politisch involviert, sie trat auch der SDAP (Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutsch-Österreichs) bei und war eine überzeugte Sozialistin.

BR:

Sie ist als junge Architektin voller Engagement in eine Erneuerungs- und Umbruchsituation hineingekommen, in der sich viel Handlungsspielraum ergeben hat. Sie wurde sehr geschätzt, wie etwa die Reaktionen auf die jährlich stattfindenden Wiener Kleingarten-, Siedlungs- und Wohnbauausstellung gezeigt haben. Es war eine sehr innovative und experimentelle Atmosphäre.  

CZ:

Ein Projekt des Roten Wien, an dem sie direkt beteiligt war, ist der Otto-Haas-Hof, damals noch ein Teil des Winarsky-Hofes. Otto Neurath, den Schütte-Lihotzky bei der Siedlerbewegung kennengelernt hatte, schaute als großer Netzwerker darauf, dass bei den Gemeindebauten nicht nur die konservativen Architekten der Otto Wagner-Schule, sondern auch fortschrittliche Kräfte zum Zug kamen.  Und so plante Schütte-Lihotzky – gemeinsam mit Adolf Loos, Franz Schuster und Karl Dirnhuber – diese fünfgeschossige Wohnhausanlage. Vor allem Schütte-Lihotzkys Vorentwurf zeigt, dass sie auch hier die Aspekte des Siedlerhauses einbringen wollte, wie etwa die Querlüftung bei den Wohnungen oder kleine Terrassen.

PS:

Seit den 1980er Jahren war sie in der Öffentlichkeit eine Kultfigur, deren Image von immer wieder ähnlichen Zuschreibungen geprägt wurde: Erste Architektin Österreichs, Frankfurter Küche, Widerstandskämpferin und Kommunistin bis ins hohe Alter. Hat sich dieses Bild seitdem verändert?

BR:

In der breiten Wahrnehmung sind das wohl noch immer die gängigen Schlagwörter, auch wenn im Zusammenhang mit der Frankfurter Küche immer öfter ihr Diktum „Ich bin keine Küche“ genannt wird oder mittlerweile klar ist, dass sie nicht „die erste Architektin“ war. Aber in der Forschung hat sich viel getan, wie wir nicht zuletzt in einer neuen Publikation, die aus einem Symposion entstanden ist, zeigen können. Es gab viele kritische Auseinandersetzungen mit der Frankfurter Küche und Recherchen zu anderen Architektinnen ihrer Generation. Die Zeit ihrer Inhaftierung durch die Gestapo wurde aufgearbeitet, auch über ihre Tätigkeit in der Sowjetunion ist nun mehr bekannt – wobei das Traurige daran ist, dass viele ihrer dortigen Bauten gerade jetzt abgerissen wurden oder vom Abriss bedroht sind. Ihre Tätigkeit in der Türkei und China wurde ebenso schon näher beleuchtet wie das politische Umfeld, in dem sie sich bewegte. Und nicht zuletzt rückt auch das Werk Wilhelm Schüttes in den Fokus der Aufmerksamkeit, nachdem er lange Zeit im Schatten seiner Frau gestanden ist. Da wird auch sichtbar, wie eng die beiden bei manchen Projekten zusammengearbeitet haben.

CZ:

Besonders spannend finde ich ihre Rolle in der Nachkriegszeit, von der wir nun ein viel klareres Bild haben. Der Mythos, wonach sie als Kommunistin keine Aufträge erhielt, stimmt ja so nicht. Sie hat zwar keine Aufträge von der Gemeinde erhalten, war aber international in ihren Netzwerken sehr wohl tätig. Und es wird ihre Ambivalenz sichtbar, weil sie einerseits eine ziemlich linientreue Kommunistin, andererseits eine sehr fortschrittliche Architektin war, die sich nichts vorschreiben ließ. Als sie etwa in der DDR mit einer Studie zu Kindereinrichtungen beauftragt wurde, war ihr abschließendes Urteil vernichtend.

PS:

Für viele Frauen ist Margarete Schütte-Lihotzky ein Role Model. Sie selbst sah sich jedoch nicht als Feministin. Warum eigentlich? 

CZ:

Sie ist immer auf der Seite der Frauen gestanden, hat für die Anliegen der Frauen gekämpft, wollte deren Lebensbedingungen verbessern - durch ihre Arbeit, durch ihre Ideen beim Wohnbau. Doch schließlich war sie Kommunistin, der Kampf für eine gerechte, soziale Gesellschaft war ihr wichtiger. Dem aktiven Feminismus, wie wir ihn seit den 1970er Jahren kennen, stand sie skeptisch gegenüber. Das hat aber auch vielleicht mit der Tatsache zu tun, dass sie schon als junge Frau gefördert worden ist und bald in der Männerwelt eine Rolle spielen konnte, die ihr passte. 

BR:

Der bürgerliche Background hat ihr geholfen, es war klar, dass sie und ihre Schwester eine ordentliche Ausbildung erhalten sollten. Mit diesem Grundvertrauen ist sie in die Welt gegangen. Letztlich ging es ihr vor allem um ihre Arbeit und ihre Aufgabe. Dass sie als Architektin etwa schlechter bezahlt wurde oder in Frankfurt beim Arbeitsvertrag im Vergleich zu ihrem Mann benachteiligt wurde, spielte für sie keine Rolle. In ihren autobiografischen Schriften erwähnt sie das jedenfalls mit keinem Wort. Für sie war die Arbeit wichtiger. Sie hat sich auch nie als Opfer empfunden, das kommt ganz stark in den Erinnerungen an die Zeit des Widerstandes zutage. Die Verhöre seien an ihr abgeprallt, weil sie wusste, dass sie im Recht war, hat sie geschrieben.

PS:

Die Fokussierung auf die Frankfurter Küche hat sie jedenfalls gestört. Fand sie es auch störend, dass sie Aufträge erhielt, die typischerweise an Frauen vergeben wurden – etwa die Planung von Kindergärten?

CZ:

Nein, so hat sie das nicht gesehen. Für sie, in ihrem gesellschaftlichen Bild ist die Arbeit von Frauen und alle Bauaufgaben gleichwertig. Selbstverständlich sollen etwa pädagogische Einrichtungen den gleichen Stellenwert haben wie andere Bauaufgaben. Das ist je kein genuin sozialistisches Thema, sondern grundsätzlich wichtig. Das war ihre Denkweise. Und was die Küche betrifft: Für sie war sie eine Frage des Wohnens. Sie fühlte sich als Architektin für den Wohnbau zuständig. Dass die Frankfurter Kücher später als Designobjekt aus dem architektonischen Kontext herausgelöst wurde – das war ihr Hauptkritikpunkt. Zurecht.  

 

Am Freitag, den 17. Jänner 2020, findet ab 18.30 im Wien Museum MUSA ein Abend für Margarete Schütte-Lihotzky statt, mit einem Podiumsgespräch, Führungen, einer Lesung von Texten Schütte-Lihotzkys und Musik von Robert Rotifer. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Margarete Schütte-Lihotzky Raum und der Universität für angewandte Kunst Wien statt.

In der Edition Angewandte (Birkhäuser Verlag) ist soeben der Band „Margarete Schütte-Lihotzky. Architektur. Politik. Geschlecht. Neue Perspektiven auf Leben und Werk“ (Hg.: Marcel Bois, Bernadette Reinhold) erschienen, in dem sich der aktuelle Forschungsstand widerspiegelt.

 

 

 

Bernadette Reinhold, Mag. phil., Dr. phil., Jg. 1970. Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Philosophie in Wien, 1991–2008 freie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesdenkmalamt Wien (Denkmalforschung, Archiv), 1997–2008 in der Kommission für Provenienzforschung (NS-Kunstrestitution); 2000–2005 im Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Architektur; 2005–2008 Mitarbeiterin im FWF-Forschungsprojekt zur Wiener Hofburg (Österreichische Akademie der Wissenschaften); seit 2011 Mitorganisatorin des „Arbeitskreises Österreichische Architektur 19. und 20. Jahrhundert“; seit 2008 Leiterin des Oskar Kokoschka Zentrums und Senior Scientist an Kunstsammlung und Archiv der Universität für angewandte Kunst Wien. Forschungsprojekte, Publikationen, Vorträge und Lehrtätigkeit zu Architektur und Städtebau vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, der Kunst der Moderne und der Kulturpolitik in Österreich ab 1900, wiederholt begleitet von Ausstellungen.

Christine Zwingl, Dipl.-Ing. Architekturstudium an der TU Wien, Diplom 1985. Seit 1986 Mitglied der „Forschungsgruppe Schütte-Lihotzky“, Aufarbeitung des Archivs der Architektin. Daraus entstand die Forschungsarbeit „Das Werk der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky“, gefördert vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), Projektleitung. Erarbeitung des wissenschaftlichen Konzeptes und Gestaltung der Ausstellung zum Gesamtwerk Schütte-Lihotzkys im MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien 1993. Selbständige Architektin seit 1994, Unterrichtstätigkeit an der HTL Mödling, Abteilung Bautechnik – Hochbau (2000–2014), Lektorin am Institut für Architekturtheorie der TU Wien, Margarete-Schütte-Lihotzky-Projektstipendium des BKA. Seit 2014 Leitung des Margarete Schütte-Lihotzky Raums, 1030 Wien, Untere Weißgerberstraße 41. Veröffentlichungen u. a.: Margarete Schütte-Lihotzky. Soziale Architektur. Zeitzeugin eines Jahrhunderts, Ausst.-Kat. MAK, Wien 1993 (Mitautorin, 2. Aufl. 1996).

Peter Stuiber, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien und Paris. Arbeitete als Journalist, seit 2005 im Wien Museum, bis 2018 als Pressesprecher und im Bereich Marketing. Ausstellungen und Bücher zur österreichischen Design- und Kulturgeschichte. Seit 2019 Leiter der Abteilung Publikationen und Digitales Museum, redaktionsverantwortlich für Wien Museum Magazin.

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